Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 50 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Beite 2 Nach», ittagssitzu » g. N o r d a u übernimmt das Präsidium und gedenkt der Berstorbcneii, des Großhcrzogs von Baden, des erlauchten Gönners üer zionistischen Bewegung und Schützers Hcrzls, der Frau Pastor Fromm, einer treue,, Liihängerin, und der Frau Julie Herzl, der Gemahlin Theodor Hcrzls, der Aktionskomitee- Mitglieder Oscar Marmoreck und Dr. Leopold Kahn, Ähron Lecht, des vor cinigen Tage» verstorbenen Schatzmeisters des Kongrestbüros Samuel Cohen, Prof. Dr. B. Badt, Schereck „sw. Es beginnt die Generaldebatte über den Bericht des A t 1 i o n s k o m i t e e s , der gedruckt vorliegt. Prof. L. Kellner, der Hcrzlbiograph, ein alter Zionist, aber zum ersten Male auf cincm zionistischen Kongresse, sieht im jüdische» tßeist und im jüdischen Geid die beiden wichtigsten Jnstrnmente der Bewegung. Der zionistische Nachwuchs A ' treibe fast durchivrg eine Tätigkeit politischer Art — eine Tätigkeit, die den jüdischen Geist nicht för- "icrt —; das komme daher, weil dieser Nachwuchs nicht genug bcschästigt wird. I» den öffentlichen Sitzungen des Kongresses könne dieser Nachwuchs naturgemäß nicht zum Wort kommen. Der Kongrest möge daher so viele Sektionen schaffen, als scharf umrissciic jüdische Frage» vorhanden sind, und an die Ausschüsse dieser Sektionen mögen sich alle die ■Vs Jahr vor jeden, Kongresse wenden, die etwas zu sagen haben. Geld könne die zionistische Bewegung hauptsächlich durch richtige» Bertrieb der Aktien bekomineii, denn die Leute wollen für ihr Geld etwas in der Hand haben. Dr. P a s in a n i t - Genf ruft mit seiner scharfen, stark persönlichen Kritik lebhafte Proteste hervor. Wo sei i», zion. Programm ein schöpferischer .Gedanke? Wo bemerte inan seit Herzl. irgend eine Svur einer Leitung? Warum sei die „Welt" nicht wie versprochen in ein rein offizielles geschästliches Blatt ningcwandrlt morden? Dem Präsidenten müsse Gedanke, Gefühl und Liebe für die zion. Sache abgesprochen lvcrdeu. Die Organisation sei feit zwei Kongressen zurückgegangcn. Was in Palästina gefchaffci, ist, verdanke „ran Marburg; man möge Molfssohn nicht das Vertrauen ausfpreche». Der Sitz der Leitung möge in ein jüd. Zentrum verlegt werden; am tiebste» wäre ihm Wilna. Man möge alle Zionisten moralisch verpflichten, nach 5—10 Jahren nach Palästina mit Zustimmung der Türke, auswaiidern. Rabb. Dr. Thon-Krakau vermistt bei»; Engcren Aktionskomitee den einheitliche» Willen, da man nach rechts und nach links sieht. Die Parteileitung müsse eine ansgejprocheiie Meinung haben. Die hebräische Literatur und Kunst wachse» Ivild, da sic nicht von oben gepflegt werden. Dr. M o s s i n s o h n - Jaffa spricht über Palästina, Pool-Hengclo richtet Angriffe gegen den Direktor der Jüd. Kvloiiialbanl und gegen die Geschäftsführung des Jüd. Nalionalionds. Dr. D aich e s - London bedauert, dast Wolfffohns heutige Rede bezüglich der Türkei nicht schon vor einem Jahre gehalten morden sei: damals habe man mit Sehnsucht ans ein Wort der Leitung gewartet. De» ersten Teil der Nordan'schcn Rede hätte er lieber nicht gehört. Der Kongrest werde mit Cowcn, der Warbnrg in seinen, Briefe so uncrhörr angegriffen habe, abrcchnen und das Vertrauen nur den Leuten geben, die klipp und klar sagen, was sie in Palästina arbeire» woltc». M o n t a g. B o r in i l t a g s s i!> u n g. Dr. Ko^an- Bernstein- Jaffa bespricht abfällig die Tätigkeit des offiziellen Zionismus in Palästina. Wie dieser Palästina klassifiziere, zeige der Geschäftsberich,: alle Länder werden darin eingehend gewürdigt, Palästina komme am Schlust als Anhängsel. Warum enthalte der Bericht kein Wort ■ darüber, dast der tapfere Misrachi in Palästina *mf dein Gebiete der Kutturarbei, sehr tätig ist, und warum nichts über das Aufblühen des hebräischen Gymnasinins in Jaffa? 3/„, der zion. Energie werde in Palästina vergeudet, und die angekoinmenen Zionisten erhalten durch die zio». Institutionen keine Förderung. Er verlangt für Palästina das Recht einer Landsinai,nschafk und ferner, dast ein Mitglied des Engeren Aktionskoinitccs dort wohne. Die Rednerliste wird geschlossen, da „och 72 Vormerkungen z n r Generaldebatte vorliegen. Rcichsratsabg. Dr. Stand - Lemberg b c - <1 rüsti den K onfltcst namens des Jüd. Klnbs des ö st e r r. Parlaments und polemisiert gegen Wolffsohn und Nordan als Vertreter des politischen Zionismus. Das Ewige des Zionismus fei die Schaffung einer nationalen autonomci, Körperschaft hes Judentums in Palästina. Alan müsse zuerst " handeln und dann unterhandcl». Warbnrg habe praktisch gearbeitet, trotzdem ihm keine Mittel zur Verfügung standen. Cowcn, der Marburg angriff, v.erfüge niit der Kolonialbank über 8 Millionen Mark, Marburg mit seiner Land Development Cie nur über 5Q000 J6, Wenn heute nicht die Situation ausgenützt werde, in 10—20 Jahren sei cs 'zu spät. Rabb. Dr. Brande- Lodz schließt sich den Kritiken ' der Vorredner an. Das gegenwärtige Engere Ak- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 58. tionskomitee, ein Experiment des letzten Kongresses, der mit diesem Experiment die gesamte Autorität in die Hand eines Mannes legte, dem er das Recht gab, sich seine Mitarbeiter selbst zu wählen, habe in einen Bürokratismus hinübergeleitet und sich als Feind wirklicher Arbeit erwiesen. Die Gründung einer jüd. Kreditbank in Galizien habe seitens der Jüd. Kolonialbank keine Unterstützung gefunden, — und heute blühe diese Bank. Greenücrg -London antwortet ans die Vorwürfe gegen die Jüd. Kolonialbanl. Auch der praktische Zionismus nnisse politisch sei». Die Bank in Galizien fand deshalb keine Unterstützung, iveil die Jüd. Kolonialbank ihre Gelder hauptsächlich für Palästina habe Dr. R eich- Paris Ivüiischt u. a. ein erweitertes und anders zusammengesetztes Engeres Aktionskomitee. Dem Worte Rordaus: „Langes Warten ist ein Kliiiiiiler, aber keine Schande", habe er hiiiznzufügen: „Langes Warren ist aber auch ei» Risiko." Unter ininutenlangem stürmischen Beifall besteigt Präsident W o i s s s o h n die Tribüne. Er halte den Moment für gekomme», endlich einmal das offen aiiszusprcchcn, was er längst ans de». Herze» trage. In der Debatte sei seine Person in einer Weise behandelt ivorden, als wenn er sich um die Stelle eines Portiers bei der zion. Organisation beworben Hütte. Die Opposition sei dieselbe, die Herzl das Leben verbitterte. Er maße cs sich freilich lischt an, ein Herzl zu sein. Jeder Redner habe aber die Größe Herls betont, um ihn, Wolsfsohn, kleiner zu mache». Warniii habe» die Herren »ichl bei Hcrzls Lebzeiten auf ihn Lobreden gehalten? Die Opposition kommt, um nur zu kritisieren; das ist nicht Aufgabe des Kongresses und nicht die großer Politiker. Redner schildert mit beistcndei» Spott, was alles die Opposition vo» ihm verlange. Er solle ein Adler, ei» Löwe, ein Herzl sein. De», einen ist er zu schwach, dem andern zu stark. Die Opposition verlange, er solle stark gegen ihre Gegner und schwach gegen sic sein. Wo seien die großen Ideen der Opposition, die sie immer von ihm verlange? Ein Zangwill (Jto:, ein Nossig (Aiko) haben ja große Idee» gehabt, und heute verleumde ei» Nossig den Zionismus. Man verlange von ihm «mehr Initiative. -Als der Anfrns für den Partcisonds erging, haben sich die russische und die österreichische Landsmannschaft geweigert, zu sammeln. Man mache ihm den Borwurf, das; er sich nicht in die österr. Politik eingemischt habe, daß er die Juden des Orients nicht verteidigt habe „sw.: die Juden sind in der ganzen Welt zerstreut, — könne er allein denn den ganzen Erdball leiten? Dieselben Herren, die nicht in, Stande sind, eine Ortsgruppe zu gründen, die nicht Frieden in ihrer eigenen Landesorganisation schaffen können, kritisieren ihn. Vier Wochen vor de», Kongresse halten die russ. Führer in Petersburg eine geheime Versammlung, dieselben Männer, die Herzl ein Charkoiv bereitet haben (Dr. K l ansner ruft: „Charkow hat den Zionismus gerettet!"). Die Herren feien zur Äktionskoiniteesitzuiig kurz vorher in Köln gewesen; warum haben sie da nicht mit ihm gesprochen? Für ihn gebe es nur Inden und Zionisten, keine Russen rc., der Kongreß sei nicht versammelt, um russische Interessen zu vertreten. Cowens Brief verurteile er entschiede» in der Form. ' Er srene sich, wenn Warbnrg Präsident werde. Er könne sich keinen idealeren Menschen denken, als Warbnrg, der die Ehrlichkeit selbst sei. Aber Warbnrg jei kein Kauslilain, und in kaufmännischen Dingen von Uiiverantwortlicheii beraten ivorden. Wenn Marburg schreib,, der politische Zionismus sei ein Phantom, so sei er zu iveit gegangen; dieser politische Zionismus war es, der die zion. Organisation schuf. Der Zionismus habe die Inden nicht zusammeiigeslihrt, um einige Sachen zu machen, die zugrunde gehen köniieii. I», übrige» sei er nicht gegen Warburg'sche Arbeit: auch habe zwischen ihn» und Warbnrg stets volle Harmoiiic geherrscht. Der Kritiker-Stand habe als Mitglied des Aktionskoinitccs in 4J/s Jahren nur c i»cn Brief an ihn gerichtet und nur dreimal de» Sitznngcn des Aktionskomitees bcigewohnt. Ihm stehe der Verstand manchmal still, wenn er höre, dast die Angestellten gegen praktische Arbeit sein sollen. Im Gegenteil: sic haben nicht »nr viel stille Arbeit geleistet, sondern auch noch materielle Opfer gebracht. Man sage, Köln sei nicht der geeignete Ort für die Leitung. Wenn er wüßte, Palästina sei als Sitz der Leitung vorteilhaft, wäre er der erste, der das Opfer gebracht hätte, nach Palästina zu ziehen. Berlin als Sitz der Leitung habe aber nur das eine Besondere, dast dieselbe dort von Unberufenen bei der Arbeit gestört werde. Daß alle Beamten tüchtig ans ihre», Posten sind, beweise die Tatsache, dast heute zum ersten Male ein Kongreß tage, Ivo die Organisation keine Schulden hat. ' Er, der Präsident, wolle 2 Jahre Ruhe haben, um sich der Bewegung zu erhalten. Redner schließt seine Worte, von denen wir nur ein Bruchteil wiedergeben, unter einem orkanartigen Beifall. Der gesamte Kongreß erhebt sich und stimmt die Nationalst y m n e an. Nachmittagssitzung. Es werden aus den vorgenrcrkten Rednern je 4 Generalredncr pro und kontra den Bericht gewählt. Redakteur Lebowitsch-Budapest (Mijrachist), Rabb. Dr. N a ch t - Focsani, Dr. Rappaport (Galizien) und kgl. Bibliothekar Dr. L ö w e - Berlin treten mit aller Energie für die gegenwärtige Leitung ein. Die Opposition habe nichts Neues vorgebracht. In den Gebiete», die die Opposition beherrscht, habe der Zionismils keine Fortschritte v gemad;t, durch das Verdienst der Leitung habe er sich aber in anderen Ländern ausgebreitet. Man möge nicht das Experiment machen, den Sitz der Leitung zu verlege»; Wolffsohn sei für die Bewegung niiciltbchrlich. Bon der Gegenseite sprechen A r o n o w i tz (Palästina), Prof. Dr. W a i tz in a n n (Manchester), Goldberg und Dr. T s ch l c „ o w (Rußland). Nach einem 'wirkungsvolle» Tchlrißworte Wolfssohns wurde zur Abstimmung über den Antrag auf Erteilung des Absolutorimns abgestiinmt. Die Abstimmung gestaltete sich sehr bewegt, weil ein zweiter Antrag Vortag, der dem engeren Aktionskomitee nur eine teilweise Entlastung aussprechei, wollte und von Wolffsohn als Misttraneiisvotiim bezeichnet ivurde. Die überivältigende Mehrheit der Delegierten »ahn, u il t er n ii g e h c n r c in Jubel den Antrag g ii f Erteilung des vollen A b s o l»t o - r i u in s an, worauf die Minderheit ihren Antrag znrückzog. Der Kongreß schloß mit erneuten lebhaften Kiiiidgeblliigeii für Wolffsohn, der sich schließlich erheben mußte und dem Kongreß seine» Dank anssprach. Diese Abstiinmniig, sagte er, habe ihm wieder Mm verliehen. Unter dein Eindruck dieser Schlußworte ging der Kongreß auseiiiaiider. (Fortsetzung in der Beilage). Beztrkskonfereuz der siid- und westdeutschen Jugendvereine. Sonntag vcrsniniiielle» sich die Vertreter der jüd. Jngendvereine Süd- und Westdeutschlands, einer Einladung des Montesivrevereins folgend, zn einer Konferenz im Saale der Loge Adler. Es waren ungefähr 40 Herren erschienen, sowie Abgesandte des hiesigen weiblichen Jugendvereines. Nachdem der Vorsitzende des Montefzorevereins, Herr Felix Meyer, die Sitzung eröffnet hatte und in kurzen, aber sachgemäßen Ausführungen die Ausgabe der Konferenz sestgelegt hatte, ergriff Herr H u g o Fräniel das Wort, nn, die Bersammlnng int Namen der hiesigen Geineinde zu begrüßen. Wenn auch nicht unmittelbar, so iverde die Gemeinde doch durch ihre sortdanernde Sympathie die Jugendbewegung unterstützen. Dr. Warmb r u ii » iiberbrachte sodann den Gruß der Frankfurt-Loge, die ja bei der Begründung des Montesiorcvereins Pate gestanden hatte. Als letzter begrüßte Herr Fischer-Hannover die Versammlung iiii Namen des Vorstandes des Gesamtverbandes, dessen Dank er auch dem vorbildlich wirkenden Montcfioreverein für seine Mühe bei der Vorbereitung der Koiifcrciiz erstattete. Rim ergriff Herr Dr. Löffler das Wort zu seinem Referate über „D ie sozialen Ausgaben der jüd. I u g e n d v e r e i ii e". Die Haiiptaiifgabe der jüd. Jugendvereiiie — so führte der Redner aus — fei die, ihre Mitglieder einerseits von den Gefahren der Straße fernzuhalten und ihnen andererseits Gelegenheit zu geben, nach Beendigung der Schule sich seelisch, geistig und körperlich weiter entwickeln zu können. Was die Art der Unterstützung der Mitglieder betrisft, so hält Redner eine materielle Uiiterstütziilig sür unmöglich. Vielmehr solle inan danach trachten, den Mitgliedern durch Raterteiliiiig — nach Muster der Beratungsstuiidcii des Montefiorevereiiis — und Empfehlungen zur Seite zu stehen. Ein weiteres Augenmerk müssen die Vereine ans die Bolkshygicnr richten. Ans die Verbreitung des Alkoyolismus und seiner schädlichen Folgen iiuierhalb der deutschen Judenhcit hinweiferid, empfiehlt der Redner die Veranstaltung von anfklarvitbcit Vorträgen sozialhygienischer Natur. Auch für die-Wohnimgsverhältnisse muß der Verein in reichem Mäße sorgen. Als geeignete Mittel schlägt Dr. Löffler die Einrichtungvon W o h n u n g s z e n t r a t e n vor, die durch Inspizierung der Wohnungen und Nachforschungen über die Person der Vermieter eine Liste guter Wohnungen zum Gebrauche der Mitglieder aufstelleii sollen. Ein weiterer Vorschlag des Referenten geht dahin, bei gleichen Interessen auch mit nichtjiidischeu Jugendvereinen zusammen zu arbeiten, selbstverständlich bei Wahrung des jüdischen Selbstbewußtseins. 'Ans diese Art könne man auch zum Schwinden der Vorurteile gegen die Juden beitragen. Auch in dieser Beziehung sei der Montefidrcverein vorgegangen und gedenke darin forttzufahreir. Mit dein Wunsche, daß das soziale Empfinden überall gestärkt und verinnerlicht werden möge, schloß der Redner sein anregendes Referat unter lebhaftem Beifall der Anwesenden. Es wurde darauf in die Diskussion über den Bortrag emgetreteii. ' -SM m