Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 50 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eine hervorstechende Eigenart unserer zeitgenössischen Judenheit besteht darin, daß in ihren kleinen und großen Kreisen mit einer Naiven Selbstverständlichkeit meist Leute tonangebend sind, denen es an der natürlichen Voraussetzung zu ihrer Stellung, an Ernst und Sachkennttlis, mangelt. Damit ist die Hilflosigkeit gegen all' den Zerfall in der Judenheit erklärlich, damit ist aber auch erklärt, warum eine regenerierende Bewegung wie die zionistische über einen gewissen toten Punkt nicht hinaüsgekommen ist. Es Hilst, wie die zionistische Bewegung zeigt, da nicht der gute Wille einzelner Führer, die politischen Quertreibereien einer großen Anzahl Führender wirken wie ein Hemmschuh an einem Vorwärtsstreben und Vorwärtsarbeiten. So mußten denn von jeher wichtige und ernste Aufgaben des Zionismus vernachlässigt werden. Und es ist besonders die geistige Mission des Zionismus, die Austebung der Traditionen des jüdischen Volkes, die Pflege seiner urjüdischen geistigen Güter durch Kenntnis seines Schrifttums, Aufgaben, durch deren Erfüllung der Zionismus — unabhängig von seinen Erfolgen in Palästina — Lebenskraft auf Lebenskraft gewinnt, brach liegen geblieben. Wäre man dieser Aufgabe bei den großen und kleinen Politikern gerecht geworden, so hätte man nicht in den letzten Monaten die Presse und jetzt den Kongreß zum Tummelplatz von Angriffen gegen die Leitung, bczw. den Präsidenten, gemacht; dann hätte man, da man selber arbeitet, auch das Arbeiten der Leitung zu 'würdigen gewußt, Arbeiten, deren Erfolge größer gewesen wären, wenn sich all' diese großen und kleinen Politiker als treue Mitarbeiter an den mannigfachen Aufgaben dieser großen jüdischen Volksbewegung erwiesen hätten. Wie eine Ermüdung hat es sich seit einigen Jahren auf diejenigen gelegt, die den ganzen Ernst der Lage des jüdischen Volkes erfaßt haben und deshalb zu würdigen wissen, was der Zionismus ftir die Zukunft des jüd. Volkes bedeutet. Und diese Ermüdung nahm dem 9. Kongresse, der gegenwärtig in Hamburg tagt, den großen Zug früherer Kongresse. Erst als der Präsident Wolffsohn in einer zweistündigen R«de die Generalabrechnung mit all' seinen Angreifern hielt, sahen wir uns wieder auf jener unvergleichlichen Höhe, die den Baseler Kongressen so häufig eigen war. Wir wollen keineswegs das Recht der Kritik verneinen; wir erkennen auch gern an, daß manche Kritiken sächlich waren und verdienen, gehört zu werden (besonders erscheint die Forderung, hinjichtlich der praktischen industriellen und landwirtschaftlichen Arbeit in Palästina die Energie wesentlich zu verstärken, der ernstesten Erwägung wert), — der Schmerz aber, der aus den Worten des Präsidenten sprach, und seine. Anklagen haben unsere Zustimmung. Die Ergebnisse des 9. Zionisten-Kongresscs lassen sich im Augenblick noch nicht Voraussagen. Ein Ergebnis liegt bereits vor; der Kongreß hat trotz der heftigen Opposition mit erdrückender Majorität der Leitung sein Vertrauen ausgesprochen; die betreffende Resolution lautet: ,,D e r Kongreß dankt unserm verehrten Führer David Wolffsohn und dem E. A. C. für die seit dem letzten Kongreß geleistete aufopferungsvolle Arbeit anfs wärmste und erteilt ihnen die Entlastung, indem er ihnen sein Vertrauen ausspricht." Die Minorität hatte mir für die „korrekte Führung der administrativ-finanziellen Geschäfte" das Vertrauen aussprechcn wollen. Dreitausend Menschen — darunter 400 Delegierte — waren im Kongreßgebäude versammelt, als Präsident Wolffsohn um 10h's Uhr mit einer Ansprache den Kongreß eröffnetc. Er betonte, daß sich seit dem vorigen Kongresse die traurige Lage des jüd. Volkes nicht geändert hat; der Unterschied war nur der, daß dieser Zeitabschnitt sich nicht im Zeichen der Massakres, sondern in dem des Niederganges befand. In Osteuropa ist die Notlage der Inden zu einer bisher noch nicht dagewesenen Höhe gestiegen, und die früher noch in ihrer Armut so bedeutenden Judengemeinden sind heute vollständig zerrüttet. So drängen denn die Geschicke des jüdischen Volkes mit aller Macht der Notwendigkeit dahin, die zion. Selbsthilfe in den Bordergrnnd jüd. Bestrebungen zu rücken. Doch es gibt auch einen sonnigen Osten. Die Türkei ist ein Verfassungsstaat geworden und wird nunmehr einer großen und glänzenden Zukunft entgegengehcn. Zur Verwirklichung des Ideals der Einheit und des Fortschritts bedarf aber die Türkei guter Bürger, die durch unauflösbare historische Bande an die Scholle geknüpft sind, Kapital und Arbeit müssen einwandern, — und da kommen zuerst wir Juden in Frage. Zwischen den ottomanischen und den zionistischen Interessen besteht kein Gegensatz. Die ottomanische Staatseinheit, die Weltmachtstellung und die innere Wohlfahrt .dieser Monarchie, ihr Schutz und die gedeihliche Entwickelung ihrer Gesamteinrichtungen sind die selbstverständliche Voraussetzung aller zionistischer Arbeiten. Für das Baseler Programm liegt keine Veranlassung zur Aenderung vor. Es ist weit genug in seiner Auffassung und durchsichtig genug in seinem Geiste, um jedem klar zu machen, daß der Zionismus nie was anderes erstrebt hat, als auf Grund ausreichender Bürgschaften sein ftiedliches Werk zu schaffen und zu entwickeln. Der Schwerpunkt der zionistischen Arbeit liegt in Palästina. Die zionistische Bewegung tritt dort langsam aber sicher aus der Periode des Chaos hinaus. Redner charakterisiert kurz die zionistischen Leistungen in Palästina und geht dann zur allgemeinen, zionistischen Organisation über. Im Zentralbüro ist jetzt der Zusammenhang zwischen allen Institutionen der Organisation hergestellt. Das Gleichgewicht inr Budget ist endlich hergestellt worden. Nachdem der stürmische Beifall sich gelegt hatte, hielt Dr. L e v h für den Vorstand des „Deutsch- Jsr. Synagogenverbandes" in Hamburg und Dr, Franck für die Gemeinden Altona, Lübeck, Wandsbeck und Kiel Begrüßungsansprachen. Dr. Levy betonte, daß das Streben nach Zion Hand in Hand mit dein Streben, das Judentum zu verwirklichen, gehen müsse; im gleichen Sinne spricht Dr. Franck. Präsident Wolffsohn erwidert, daß er eine frohe Vorbedeutung darin sehe, daß der erste Kongreß in Deutschland so freundlich begrüßt worden sei. Dr. K a l in n s, der Vorsitzende der Hamburger zion. Ortsgruppe, überreicht für diese eine Ko » g re ß sp en d e von 3000 ,ff. als Grundstock für eine Stlpeudienstiftung für junge Inden in höheren Schulen und Lehranstalten Palästinas. Bon einein endlosen Beifallssturin empfangen, betritt nunmehr Dr. Max R o r d a n die Tribüne. Er zeichnete scharf die bedauerliche Unstätigkeit des jüdischen Tciiipernments, die unglückliche Nervosität, die sich gelegentlich der Umwälz un g in der Türkei wieder einmal offenbart hat. Man betrachtete die dortigen Ereignisse als das wichtigste Ereignis der jüdischen Geschichte, verlangte, daß alle Methoden aufgegeben werden, und man war enttäuscht, bestürzt und erbittert, als Taten nicht sofort erfolgten. Der Leitung ist es aber als großes Verdienst anznrechnen, daß sie iiunitten der allgemeinen Fieberhitze ruhig blieb. Was war denn geschehen? Ein türkisches Ereignis ist doch kein jüdisches, und es wäre taktlos, unklug und voreilig gewesen, wenn die zionistische Leitmig sich hätte einmischen wollen, solange die meisten Zionisten noch keine türkischen Staatsbürger sind. Heute ist immer noch wichtiger die Stärkung und Ausbreituirg des zionistischen Gedankens im jüdischen Volke. Dr. Levi und Dr. Franck haben in ihren Worten den richtigen Weg gewiesen. Die niederschlagendste Wahrnehmung der letzten Zeit war aber der Schrei nach Aenderung des Programms, das nur — in schlichte Worte gekleidet — das 2000jährige geschichtliche Ideal des Judentums enthält. Der Charter war nur ein persönlicher Gedanke Herzls, er berührt nicht den Kern der Bewegung, das Programin enthält nichts von ihm, — und heute ist er gegenstandslos geworden. Die Forderung, die Worte „öffentlich-rechte sich" zu ändern, würde ihnen nachträglich eine -Bedeutung geben, die eine dreiste Fälschung ihres ursprünglichen Zinnes wären. In Wahrheit sollte damit gesagt werden, daß der Zionismus den Gedanken abweist, sich in Palästina einznschleichen, daß er nur auf Grund ausdrücklich gewährter Rechte in Palästina vorgeht. Auch heißt es nicht : „Die Zustimmungen der Regierungen", sondern ° die „Regierungszustimmungen", was sich nur auf die türkische Regierung beziehen kann. Wenn man von den Gegnern des Ziontzmus verlangt, daß die Juden in der Türkei voll und ganzOttomanen werden müßten, so übersehen diese.Herren, daß wir das Assimilierenin den bisherigen Wohnstätten näher und billiger haben. Und wir sind eben Zionisten, weil wir uns nicht assimilieren wollen. Der Bortrag wird häufig von ftürnrischem Beifall unterbrochen. Es findet nunmehr die Wahl des Kongreßpräsidiums und des Kongreßbüros statt. Da das Engere Akttonskomitee hierfür nicht in Frage kommt, werden in das Präsidium gewählt: Max Rordan (Präsident), Dr. Bodenheimer, Reichsratsabg. Dr. Stand, Dr. Tschlenow und Ingenieur U ssi s chkin (Bizepräsidenten).