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Neue jüdische Presse · 1909-12-23 · Heft 49 (23.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 49 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter WraelrtislHes Fammenblatt. Nr. 49. befragt über ihre Wohnungen, ihre Beköstigung, sie vor Beeinflussungen warnt, über den Gegenstand der Verhandlungen mit ihnen spricht? Muß es nicht die größte Verwunderung und das starrste Befremden Hervorrufen, daß die im Mordfalle Goldberg bei mehreren Beschuldigten von den Gendarmen und Gerichtspersonen Vorgefundene, mit reichlichem Blute bespritzte Wäsche, Hacke und Kilogrammgewicht, welche nach Lemberg zur chemischen Untersuchung gesendet worden waren, nach ihrem Rücklangen keine Blutflecken mehr aufwiesen, daß die Untersuchung in Lemberg überhaupt keine Blutslecken konstatieren konnte und deshalb die Untersuchung eingestellt werden mußte? Requirieren Sie, Exzellenz, aus der letzten Zeit den Zivilprozeßakt G. Z. C ll 332/8 und den aus diesem „entstandenen" Strafakt gegen einen gewissen Herzl Scherzer vom k. k. Bezirksgericht Kimpolung! Schwer,,' betroffen werden zunächst insbesondere jüdische Parteien, jüdische Beschuldigte und Angeklagte. Es liegt mir vollständig fern und wäre vollständig unstatthaft, einen Verbrecher oder sonst strafbaren Mißetäter -deshalb in Schutz zu nehmen, weil er Jude ist. Aber die Forderung ist gerechtfertigt, daß eine rechtsuchende Partei, ein Beschuldigter oder Angeklagter, auch wenn er Jude ist, nicht voreingenommen, gehässig und ungerecht behandelt und bestraft würde, weil er Jude ist. Es hat sich in der Bukowina die gesetzwidrige Praxis herausgebildet, daß die antisemitischen, christlichsozialen Blätter über anhängige und nicht abgeschlossene Strafuntersuchungen, deren wirkliche Ergebnisse oder entstellte Mitteilungen über selbe — sittliche Entrüstung yorschützcnd — besprechen, „behandeln" und unstatthaften Einfluß üben. So werden antisemitische Blätter voll Entstellungen und Aufteiznngen gegen die Juden Richtern, Staatsanwälten und auch Geschwornen zugeschickt, um gegen die jüdischen Jnpulpaten Stimmung, Animosilät, Gehässigkeit zu erzeugen und die Objektivität zu untergraben. Ja, auf die Bänke der Geschwornen werden solche Preßerzeugnisfe und Hetzblätter gegen jüdische Angeklagte von „unbekanntes Seite gelegt, ohne daß „man" von seiten des Gerichtes etwas dagegen täte." Budapest. Die Israel, literar. Ungar. Gesellschaft beschloß die Errichtung eines jüd. Museums, und hat bereits mit der Agitation für diesen Zweck begonnen. Rußland. Kiew. Laut Verfügung des neuen Handels- Ministers Timaschoff (gewesener Schüler der Herren Professoren Wagner und Stein-Bern) wird jetzt auch in den hiesigen Handels-Schulen die 10 Prozentnorm für jüd. Schüler eingeführt werden Die Folge dieser Verfügung wird die Schließung dieser Schulen sein, denn die Zahl der christlichen Schicker ist nur eine sehr geringe. — Der berühmte Theaterdichter S. I u s ch k e w i tz, Autor der Theaterstücke: „Der König" und „In der Stadt," hat ein neues symbolisches Theaterstück aus dem jüd. Leben vollendet, das sich „Die Sehnsucht nach dem Tode" betitelt. Das „Kunst-Theater"' zu Moskau, das beste Theater Rußlands, wollte die neue Dichtung in Anwesenheit des Autors auf seiner Bühne aufführen. Doch der Dichter ist Jude und hat als solcher kein Wohnrecht außerhalb der „Tscherta" (Ansiedlungsrayon). Die Direktion verwendete sich bei der Regierung, und endlich wurde dem Dichter das Wohnrecht in Moskau für einige Tage bewilligt. Da das erteilte Wohnrecht von sehr kurzer Dauer war, so mußte man sich mit der Aufführung sehr beeilen. Demwch war die Aufführung eine vorzügliche und wurde mehrere Male von rauschendem Beifall unterbrochen. Scha —. Frankreich. Paris. In seiner Rede über die Grausamkeiten der Regierung Mulah Hafids streifte Pichou, der Minister des Auswärtigen, auch die Lage der Juden in Marokko, indem er sagte: „Wir erhalten von den israelitischen Assoziationen bittere Klagen darüber, daß die jüdische Gemeinschaft selbst inmitten dieser Grausamkeiten .mit noch besonderer Strenge behandelt wird. Nach den von uns eingezogencn authentischen Informationen sind Prügel st rasen und Zwangsarbeiten Tag und Nacht in noch größerem Maße als früher üblich, und nicht selten verlieren zahlreiche Juden ihr Leben durch diese Grausamkeiten." Schweiz. Zürich. VordemK r i e g s g e r i ch t der 6. Division spielte sich ein interessanter Prozeß ab. Ein Korporal hatte es bei seiner Wiedereinziehung zu einer militärischen Uebung ab gelehnt» von Freitag Abend bis Samstag Abend militärische Dienste zu leisten; er hatte nämlich nach seiner 'Dienstzeit begonnen, eifrig die Bibel zu studieren und war dadurch zu der Ueberzeugung gekommen, daß es seine Pflicht ei, nach den zehn Geboten zu leben und am Sabbath nicht zu arbeiten. Der Angeschuldigte gab zu, sich gegen das Militärgesetz vergangen zu haben; er habe aber nach Gottes Wort gehandelt und diesem schulde er in erster Linie Gehorsam; er werde fernerhin keinen Dienst mehr leisten, da er als Missionar nach Afrika gehe. Obwohl der Auditor drei Monate Gefängnis für den Angeklagten beantragte, wurde er srestgesprachen, weil das Gericht die Gewissensfreiheit ehren wollte und der Adventist nicht aus Trotz und Uebermnt gehandelt habe, sondern aus innerer Ueberzeugung. Man sieht in diesem Fall wieder einmal, zu welch' unhaltbaren Zuständen es führen würde, wollte man die Thora blos nach ihrem strikten Wortlaut — ohne Erläuterung durch die mündliche Lehre — halten. Rumänien. Bukarest. Die rumänische Regierung scheint der Welt das Meisterstück zeigen zu wollen, daß ihre VirtuositätaufdemGebieteder Judenverfolgungen von ihr selbst noch überboten werden kann. Ihre neuesten Gesetzcsv orlag en für die Förderung der n a t i o n a l e n I n d u st r i e und zur Regelung der sanitären Angelegenheiten sind dazu angetan, auch den Juden ihren letzten wirtschaftlichen Halt zu rauben. Der einzige, den Juden bisher offen stehende freie Beruf, der ärztliche, soll durch das neue Sanitätsgesetz „judenrein" gemacht werden. Ebenso rigoros geht auch das erstgenannte Gesetz gegen die Betätigung der Juden auf industriellem Gebiete vor. Die drohende Gefahr hat in der jüdischen Bevölkerung dieses Landes die schmerzlichste Erbitterung hervorgerufen. Sie ist nicht gewillt, die unerhörte Häufung schmachvollster Verfolgungen stumm hinzunehmen. Es soll demnächst ein Kongreß der rumänischen Juden einberufcn -werden, um gegen die neuesten Ungeheuerlichkeiten des rumänischen Rcgierungsantisemitismus den lauteste» Protest zu erheben. „N. I. K." Amerika. New-Nork. Am 19. November erschien hier die erste Nunrmer der Zeitschrift „Die Jiddische Bihne." Redakteur ist B orris T h om as che fs ky. In dieser Nummer finden wir folgende interessante Notiz:' „Das erste j ü d i sch c T h e a t c r st ü ck" (wahrscheinlich in einem deutschen Dialekt), das auf die Bretter gekommeir ist und von jüdischen Schauspielern gespielt lvurde, ist in Deutschland anfangs des 18. Jahrhunderts aufgeführt worden. Sein Verfasser war ein gewisser Bermann Limpurg, fein Titel „Mechiras Jausest" und der Ort, in dem es aufgeführt wurde, Frankfurt a. M. New-Aork. Das Exekutivkomitee der .Hebrew Sheltering and Immigrant and Society" hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, einen E m i g r a t i o n s k o n g r e ß nach New-Park auf Mai nächsten Jahres einzuberufen. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. I. Niman Lichtenbcrg rückte mit seinem Buche zum kleinen Fenster hin. Aber es war nicht etwa Ungeduld oder Unruhe, die ihn dorthin trieb — wenigstens versuchte er es sich selbst auszureden —, sondern, weil das Tageslicht aus der engen, schrägen Bodendachkaminer bereits zu schwinden begonnen. Seit zwei Jahren bewohnte Niman diese elende Bodenkammer mit seinem Studiengenossen und Landsmann Baruch Volkmann, jede Spur von Komfort und Behagen entbehrend, gemeinsam hungernd, gemeinsam frierend, aber auch gemeinsam von dem unwiderstehlichen Verlangen beseelt, zu lernen, zu studieren, Wissenschaft und Kenntnisse sich anzucignen, um später Großes, Hervorragendes für Welt und Menschen zu leisten und Ruhm und Stellung für sich selbst zu erringen. Niman war jetzt allein in der Kammer und saß gebeugt und zusammengekauert, die Augen fest auf den zerlesencn Horaz gerichtet. Weder durch Miene noch durch irgend eine Bewegung wollte er den Sturm verraten, der in seinem Innern tobte, und durch nichts ließ er erkennen, daß er vor einer Krisis stand,- die seine Existenz, seine ganze Zukunft bedrohte. Niman Lichtenberg war eine unbeholfene, .linkische Gestalt mit einem untersetzten, fast zwerghaften Körper, der auf ein Paar festen, plumpen Beinen ruhte, diein unförmlich großen Füßen ausliefen; eine breiten, eckigen Schultern' waren fast zu breit :ür einen Jüngling in. den zwanziger Jahren. Auch in seinem Gesichte >var nichts vorhanden, das das Mißverhältnis dieser ungeschlachteten Figur irgendwie hätte mildern können; die niedrige Stirn, die hervorstehenden Backenknochen und die kleinen, tcchendcn, tiefliegenden Augen konnten sogar seinen semitischen Ursprung bezweifeln lassen. Der massige Unterkiefer mit den dünnen, beständig zuümmengcpreßten Lippen bekundete zwar Kraft und Energie, entsprach aber sonst der ganzen Unschönheit dieser Gestalt. Inzwischen ivar cs ganz finster geworden, und Niman sah sich genötigt, ein dünnes Talglicht anznzünden, das aber nur einen schwachen Schein verbreitete. Doch das hiirderte ihn nicht, seine volle Auftnerksamkcit dem Buche zuznwenden, um im Geiste deic feurigen Falernian (Wein) aus goldenem Becher zu schlürfen oder einer schlauen Daphne in« schattigen Hain des Aventinus nachzujagen. — Er versuchte noch immer sich einzureden, daß er nicht die geringste Unruhe einpfand — höchstens ein kleines Unbehagen über die lange Abwesenheit seines Freundes. Baruch — oder „Boris",. wie sein Name im Universitätsregister russisiziert wurde — war bereits seit fünf Stunden fortgegangen, um ich über die Größe der ihnen drohenden Gefahr zu vergewissern. Sie beide gehörten nämlich auch zu den jüdischen Studenten, die plötzlich den Ausweisungsbefehl erhielten, und Baruch hatte sich mit den andern fünfzig zum Universitätsrektor begeben, um endlich das Resultat ihrer gemeinsamen Bittschrift zu erfahren, da die Frist, bis zu welcher sie Odessa verlassen mußten, schon morgen ablief. Niman hatte es abgelehnt, sich bei diesem Bittgänge zu beteiligen, mit der lakonischen Bemerkung, daß er, solange er noch nicht den Laufpaß eingehändigt, das Recht habe, der Lima mater anzugehören und daher auch die Pflicht, seine Studien fortzusetze». „Lüeu fugäces . . .", murmelte er leise. Gewaltsam suchte er sich im Horaz zu vertiefen, was ihm aber nur sehr schwer gelang, und er konnte einen leisen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, als er endlich Baruchs leichten Schritt draußen vernahm. Er erhob sich schwerfällig und preßte die Hand auf die linke Brustseite, wo er sein Herz so unruhig pochen fühlte. Trotz seines zur Schau getragenen Gleichmutes konnte er sich doch nicht über die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung hinwegtäuschen. „Gute Nachrichten, Niman!" rief Baruch, aufgeregt ins Zimmer stürzend und den andern bei den Schultern fassend. „Der Senat hat unsere Petition in Erwägung gezogen und.uns geraten, persönlich bei dem Präfekten vorstellig zu werden. Wir haben also die besten 'Aussichten, Niman." Niman aber trat wortlos und bedrückt einen Schritt zurück; doch nicht etwa, um seiner Enttäuschung Ausdruck zu geben, sondern aus einer unerklärlichen, ihm selbst befremdlichen Ursache, die doch niit der jetzigen bedeutsamen Angelegenheit absolut in keinem Zusammenhänge stand, um, gerade jetzt, seinen Jugendgespielen, mit dem er seit der frühesten Kindheit zusammengelebt, genau und eingehend zu betrachten. Aber Baruch Volkmann war auch des Anschauens wert! Niman gestand dieses, ohne Spur von Neid, auch bereitwillig zu. Es gab überhaupt nur wenige Männer und noch viel wenigere Frauen, die dieses nicht gern zugaben, wenn sie Baruch anblickten, und keiner wollte es glauben, daß diese Zusammensetzung von Kraft und Schönheit nicht einer langen Reihe blondgelockter germanischen Recken entstamme, daß er vielmehr der Aussproß eines krummrückigen armen Handwerkers und seines zusammengeschrumpften Eheweibes sei, die dort weit unten, im Ansiedlungsrayon, mühselig kämpfend, nur sehr schwer den notdürftigen Lebensunterhalt erringen konnten. Vielleicht könnte dieser Umstand als Beweis der Erblichkeitstheorie gelten, indem in Baruch Volkmann der Typus irgend eines seiner glaubensstarken, heldenhaften Vorfahren sich wiederfand, der nach Generationen des Niederganges endlich wieder einen Trieb voller 'Saft und Kraft hervorgebracht. Glied, für Glied und Zug um Zug schien Baruch Volkmann in der Form eines Halbgottes gegossen zu sein. Sonderbarerweise waren dieses die Gedanken, mit welchen Niman sich in diesem Augenblick beschäftigte, ohne daß er.sich über die Veranlassung' klar werden konnte. Da er noch immer schwieg, warf ihm Baruch einen entrüsteten Blick zu, der aber durch das milde und herzliche Lächeln schon im voraus abgeschwächt wurde. „Nun, Du Btummbär, ist dies der ganze Dank, den ich für meine Freudenbotschaft bekomme?" „Ich wäre ftoh, wenn ich die geringste Ursache hätte, Dir zu danken," war Nimans trockene und nüchterne'Antwort. „Du zweifelst doch nicht etwa an unfern Erfolg? Bedenke doch, der Senat ratet uns, unsere Wünsche dem Präsekten persönlich vorznbringen, und Du weist es.Hoch, wie human und menschenfreundlich dieser ist und welche vortrefflichen Eigenschaften er besitzt/'

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