Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr 49 Dr. Lome aus Blankenhain reden; — es wirkt das besser! Was" will nun dieser Dr. Lome? Er malt ein Schreckensgespenst an die Wand: die Geldmacht Deutschlands sind die Juden schon; jetzt sind sie daran, auch noch seine Geistesmacht zu werden; — und das, deutsches Volk, mußt du verhindern! Konfiskation der jüd. Vermögen — stillschweigender Grund: die Juden haben den Christen ihr Geld abgenommen — und Ausweisung der Inden sind leider in einem zivilisierten Staate nicht möglich, auch nicht die Landesverweisung aller Juden; — und doch muß es einen Ausweg aus dieser für das christliche Deutschland verzweifelten Situation geben: die Juden müssen g e z w u n g e n werben, s i ch m i t d e n C h r i st e n zu vermischen! Das ^,Wie" verrät er freilich nicht; Harden selbst weiß es nicht. Was soll man auf solche Hirngespinste, die nur den Zweck verfolgen können, uns Juden zu schaden, erwidern? Dr. Lomes Behauptungen sind in ihrem antisemitischen Gewände faustdicke Unwahrheiten. Doch nehmen wir einmal das aus ihnen heraus, was wahr ist: wir Juden sind intelligent, sparsam und nüchtern und halten treu zur Familie, Eigenschaften, durch die wir im Lebenskämpfe „trotz aller Erschwerungen seitens unserer christl. Mitbürger" häusig führend werden. Hat aber das deutsche Volk Schaden oder nicht vielmehr den größten Nutzen durch diese k u l t n r f ö r d e r n d e A n s P a n n u n g aller geistigen Kräfte der Juden? Schaden können ihm fraglos doch nur jene Juden, die in ihrem Assimilationsdrauge ihre guten jüdischen Eigenschaften aufgeben und nun in ihrer Haltlosigkeit häufig Skeptiker und Material i st e n geworden find.'Sowohldem deutschen Staate als auch dem deutschen Volke muß es unbediugt erwünscht sein, daß die Iuden treu zu ihrer Fahnc h alten und ihre spezifisch-jüdischen Eigenschaften wahren; wogegen aber Staat und Volk sich wahren müsseit, ift gegen eine Assimilation des jüd. Volkes, die in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eine Nachahmung der schlechten Sitten andrer. * * * Das Breslauer „Jüd. Volksblatt" schreibt: „Auch jener Teil der deutschen Juden, der dem zionistischen Endziel nicht sympathisch gegenübersteht oder an seine Erreichung nicht glaubt, muß doch anerkennen, daß der Zionismus auch reckst viel Gutes geschaffen hat. Die Renaissance des jüdischen SelbstbewußtsLins hat durch ihn eine außerordentliche Förderung erfahren, und die Liebe und Treue zum Judentum ist durch ihn in. weiten Kreisen gestärkt worden. Auch in seiner praktischen Tätigkeit verfolgt er Ziele, die fraglos vielfach die Förderung aller Wohlwollenden verdienen. Umsomehr muß es Verwunderung erregen, daß der V o r st a n d der H a in b u r g e r Gemeinde, von dem man ja weiß, daß er nicht auf zion. Standpunkte steht, es gbgelehnt hat, der Einladung zuni Z i o n i st e n k o n g r e ß Folge zu leisten. Es hätte dem Vorstand einer der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands ganz gewiß wohl angestandcn, der Einladung einer immerhin großen jüdischen Bewegung, die ihren Kongreß in Hamburg abhält, beizuwohnen. Es ist eine etwas eigentümliche Auffassung des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Hamburgs, nur dann einer Einladung folgen zu wollen, wenn er sich mit den Bestrebungen des Einladenden völlig eins weiß. Er wird dann zweifellos nur selten in der Lage sein, eine Einladung anzunehmen. Die Herren des zionistischen Komitees werden gewiß nicht vom Vorstände der Gemeinde verlangt haben, daß er auf dem Kongresse einen zionistischen Standpunkt vertreten solle, wahrscheinlich nicht einmal, daß er seine antizionistischc Meinung verberge. Es handelt sich hier aber schließlich nur um eine gesellschaftliche und Repräsentationsfrage, die mit einer Zielgemeinschaft absolut nichts zu tun .hat.. Und es kann kaum fraglich sein, daß man auch in den nichtzionistischen Kreisen der deutschen Judenheit kaum Verständnis für die Haltung des Hamburger Gemeindevorstandes haben wird, der einen großen jüdischen Kongreß in seinen eignen Mauern nicht einmal begrüßen will. Hoffentlich wird er es nicht nötig haben, sich durch andere nichtjüdische Behörden beschämen zu lassen. Ein Wort der Begrüßung, des Willkommens hätte den Hamburger Gemeindevorstand ganz gewiß nicht in den Geruch gebracht, als Glied der zionistischen Organisation betrachtet zu werden. Hegte er aber diese Befürchtung, so hatte er ja die Möglichkeit, den abweichenden Standunkt in der Versammlung selbst klar zum Ausruck zu bringen." So das ungetrübte Urteil einer antizionistischen Zeitung. * » * Der.am 26. Dezember in Breslau tagende 4. Delegiertentag des „Verbandes der Sabbathfreunde" darf auf das lebhaftesteJnteresse aller religiös gesinnten Kreise Anspruch erheben. Der Verband, der Sabbathfreunde hat die seit der Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Einführung der Sonntagsruhe hinsichtlich der Sabbathbeobachtung bedeutend vermehrten Schwierigkeiten zu mildern versucht, indem er bei den Behörden die Freigebung einiger Arbeitsstunden am Sonntag für die den Sabbath beobachtenden Geschäfte erwirkte, und indem er eine Versicherung gegen Stellenlosigkeit und die Peah schuf, welch' letztere Jnstitutioir manch.' beschäftigungslosem jüd. Handwerker und Arbeiter eine Existenz verschafft hat. Trotzdem hat es freilich der Verband nicht verhindern lsinncn, daß weitere Hunderte dem Sabbath untreu geworden sind, weil die Frage ihrer Existenz sie dazu vcraiilaßtc, — und solche Schwankende vor dem Fallen zn bewahren, das muß der Verein mit allen Kräften zu erreichen suchen. Diese Aufgabe ist eine bei Anspannung aller Kräfte nur teilweise zu bewältigende. _ Wir selbst sehen nur ein Mittel von größerer Wirkung und das ist: daß die Geschäfte, die den Sabbath beobachten, am Sonntag wie an den Wochentagen — und nicht nur einige Stunden — arbeiten dürfen. Das Verlangen wäre kein unbilliges, und vielleicht hätte die Gesetzgebung, wenn man damals sofort bei Einbringiing der Sonntagsrnhevorlage mit einer entsprechenden Agitation eingesetzt hätte, diesem Verlangen entsprochen: aber die maßgebenden jüd. Kreise schliefen damals, und der Verband der Sabbathfreunde bestand noch nicht. Heute freilich liegt die Möglichkeit, diese Forderung zu verwirklichen, viel weiter: doch der Versuch muß gemacht werden, denn nur ans dem Boden der Sabbathbeobachtung ist das Judentum zu erhalten und jeder, der dem Sabbath untreu wird, dessen Nachkommen gehen in der Regel nach wenigen Generationen dem Judeittnm verloren. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin, 20. Dez. Nahum Sokolow hielt gestern anläßlich des Kongresses für hebräische Sprache und Kultur vor einem Publikuni von etwa 750 Personen einen Vortrag über „die Bedeirtnng der hebräischen Sprache u u d Kultur. „Die Sprache," führte der Redner u. a. aus, „ist gleichsam der «Spiegel der Volksseele. All die schwerfaßlichen, differenzierten geistigen und seelischen Momente, die in ihrer Gesamtheit erst das tiefinnerste Wesen des Volkscharakters, der Volkskultur ausmachen, finden in der Sprache ihren 'Ausdruck. Wahres Verständnis skr ein Volk und für seine Kultur ist nur inöglich auf Grund einer Kenntnis seiner Sprache. Die beste Ucbcrsetzung vermag nur den buchstäblichen Wortinhalt wiederzugeben, nicht aber den Geist, der dieses Wort schasst. Vorbedingung für eine gesunde jüdische Nationalkultur ist demnach in erster Reihe: Rückkehr zur hebräischen Sprache!" Berlin. Eine außerordentliche und eine ordentliche Generalversammlung der G e s e l l s ch a f t z u r F ö r d e r u n g d e r W i s s e nschaft des Jude nt u m s findet am Mittwoch, den 29. Dez., abends 8 Uhr, in der Aula der Knabenschule der Jüdischeil Gemeinde, Große Hamburgerstr. 27, statt. Die Tagesordnung der außerordentlichen Generalversammlung lautet: „Zweite Beratung des Antrages des Ausschusses betr. Ergänzung der Satzungen. § 3c erhält folgenden Zusatz: Der. Vorstand ist berechtigt, Lehrern an Elementar- und Religionsschnlen aus ihren Antrag den Jahresbeitrag auf '4.50 Mk. zu ermäßigen", und die Tagesordnung der ordentlichen Generalversammlung: „1. Bericht, 2. Decharge, з. Wahle», 4. Vortrag des Herrn Oberbibliothekars Professor Dr. L. Cohn-Breslau: Die griechische Bibelübersetzung und das Christusbild in den Evangelien." - Mannheim. Welch' lebhaftes Interesse grade unter uns Juden für die Allgenieinhcit herrscht, zeigen die fortgesetzten Stiftungen für allgemeine Zwecke. So wurde dieser Tage im benachbarten Frankent h a l ein T u b e r k u l o s e - M u s e n m eröffnet, das Herr Adolf Bensinger, Mitinhaber der Rhein. Mummt- und Celluloidfabrik, gestiftet hat, und so verdankt die gleichfalls dieser Tage eröfsnete hiesige st ä d t i s ch e K n n st h a l l e ihre Errichtung einem Legate der 1901 verstorbenen Frau Julius Oberle geb. Michaelis von 200000 M. Posen. Nachdem am gestrigen Tage das dem Bau des Lutzschen Siechen- und Altenheinis cingegliederteBeth-Hamidrasch eingewciht wrlrde, fand heute die Einweihung des Lutzschen Siechen- und Altenheims selbst statt. Als Vertreter der Behörden wohnten и. a. der Feier bei: Regierungspräsident Kr am er, Polizeipräsident v. H e y k i n g, Oberbürgermeister Dr. W i l m s und Bürgermeister K ü n z e r. Die Begrüßungsrede hielt Herr Bert hold Hamburger. Wir entnehmen der Rede folgende aus die Geschichte der An st alt bezügliche Stelle: „Durch Verfügung v. 4. April 1829 hat die Kgl. Regierung den damaligen Oberbürgermeister Tatzler beauftragt, entsprechend den Bestimmungen des Stifters, den Ober-Rabbiner Jacob Moses E g e r. den ersten Vorsitzenden unserer Anstalt, mit deren Errichtung und Verwaltung selbständig zu betrauen. Es mag vielen heute eigenartig erscheine,t, daß einem noch so berühmten Rabbiner die selbständige Errichtung eines Krankenhauses übectagcn wird, jedoch das allerhöchste Handschreiben des Königs Friedrich Wilhelm HI. an den damaligen Oberpräsidenten Fl o t t w e l l vom 5. September 183t hat die hohen Fähigkeiten dieses ersten Vorsitzenden unserer Anstalt auch nach dieser Richtung hin vollkommen anerkannt. Der Wortlaut dieser allen Urkunde ist noch heute von großem Interesse. Sie lautet: „Ich habe aus Ihrem an die Jmmediat- Koinmission zur Abwehr der Cholera erstatteten Bericht über die Sterblichkeit in Posen wohlgefällig vernommen, wie günstig sich das Verhältnis der in der Stadt Posen an der Cholera erkrankten und gestorbenen Juden in Folge der von der dortigen Judenschast unter der tätigen und unisichtsvolleu Leitung ihres Ober-Rabbiners Jacob Moses Eger crgrisfcneii Maßregeln zur Abwehrung so wie zur Heilung der Krankheit gestellt hat/ und beauftrage Sie, dem genannten Ober-Rabbiner mein Wohlgefallen und meine Zufriedenheit mit dem von ihm und der Judeuschast in der Stadt Posen beobachteten nachahmungSwerten Verfahren nuszudrücken. Berlin, den 5. September 1831. gez. Friedrich Wilhelm." Das Original dieses Handschreibens hat der Oberpräsident Flottwell dem damaligen Polizeipräsidenten mit dem Aufträge übergeben, diese ehrenvolle Kgl. 'Anerkennung dem Ober-Rabbiner Eger in Gegenwart des Gemeindevorstandes der hiesigen Synagogeiigemcinde bekannt zu geben. Die feierliche Ueberbringung und Verlesung dieses Handschreibens erfolgte auf derselben Stätte, auf welcher wir heute unsere Feier begehen; denn die Wohnung des Ober-Rabbiners Eger befand sich aus demjenigen Teil unseres Grundstücks, welches heute dessen Vorgarten bildet." Nachdem hierauf Oberkantor Leibowitz zwei Strophen des 41. Psalms vorgetragen hatte» hielt Oberrabbiner Dr. Feilchcnseld die Weiherede» in welcher er besonders des edlen Stifters gedachte, der vor 80 Jahren den Grundstein zu der Anstalt gelegt und Lessen Namen sie darum sür alle Zeiten trage, sowie dem Vorstand und dem Anstaltsarzt für ihre Mühewaltung dankte. Es folgten darauf die üblichen Gesänge des prächtig geschulten Chors und des Oberkantors und dir Gebete des Oberrabbiners sür das Kaiserhaus, die Staats- und Stadtbehörden, für die Anstalt, ihre Insassen, ihre Stifter und Erbauer. Psalmengejang beschloß die eindrucksvolle Feier. Lesterreich-Ungar«. Wien. Ein Erlaß des Handelsmiilisters verlangt von der P o st R ü ck j i ch t s n a h m e ans die jüd. Ruhetage. Die Postanstalten sollen ein Register derjenigen Juden anlegen, die am Sabbath und an den jüd. Feiertagen nicht schreiben, und diesen au den jüd. Ruhetagen keilte Sendungen zustellen, die einer Empfangsbestätigung bedürfen. Wien. Abg. Dr. Strauch er richtete an den Jnstizininister über Uebelstände und Mißbräuche bei den Kreisgerichten von Snczawa und Kimpolnng eine Interpellation in der es u. a. heißt: „Ich lenke auch die 'Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz auf den in letzter Zeit vor dem Schwurgericht iir Snczakva gegen Josef Goldberg wegen Verleumdung verhandelten Strass all, der Dinge zutage gefördert hat, die unmöglich ohne. Sühne bleiben können. Allerdings dürfen keine Erhebungen durch sogenannte „Berichterstattungen" der befangenen Gerichtsorgane selbst gepflogen werden. Es können noch andere Fälle angeführt werden. Seit niehr als zwei Jahren, ist der ftirchtbare Mord an den Eheleuten Goldberg in Bossancze nicht gesühilt — die Verbrecher laufen frei herum — trotz hingebenster Arbeit der k. k. Gendarmerie: hingegen schmachtete sei Mai dieses Jahres lediglich auf Grund der belastenden Aussage eines wegen Verleiundung und anderer Verbrechen zu nenn Jahrcil schweren Kerkers verurteilten Zigeuners per unglückliche Sohn der ermordeten Eheleute Goldberg, Josef Goldberg, bis Ende dieses Jahres in Haft und ist erst in den letzten Tagen vom Gcschwornengcricht in Snczawa freigesprochen worden. Man vernehme das k. k. Landesgendarmeriekommando in Czernowitz! Man studiere diesen Strafakt genau! Man prüfe auch bei diesem Aktenstudinm den Dclegierungsantrag samt Beilagen und man muß die Uebcrzeugung gewinnen, daß diese Art von Strafjustiz die g e w i ch t i g st e n Bedenken Hervorrufen muß. Exzellenz! Lassen Sie „den Strafakt G. Z. V. R. 511/8 vom k. k. Kreisgerichte Suczawa requirieren, betreffend Mandel Reichinann und Konsorten. Ist es je erhört, daß. der Vorsitzende eines Schwurgerichtshoses sich allein in das Beratungszimmer der Geschworuen begibt, selbe über alles