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Neue jüdische Presse · 1909-12-23 · Heft 49 (23.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 49 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 49. Götterkreis, Minerva, ebenso der politische Mensch usw. Der innerlich gesinnte prophetische Mensch kannte nur einen absoluten Gott, der aber eben wegen seiner absoluten Einheit nicht nur dem innerlich geeint en Mensch en, in dessen Seele Geist und Gemüt friedlich bei einander wohnen, gegenübersteht, sondern, da er die ober st c Einheit ist undvonihmallein alles ausgeht, auch der einen geeinten Menschheit. Das ist zunächst der ethischpolitische Gewinn der prophetischen Einheitserkenntnis. Also neben dem inneren Frieden im Menschen auch der äußere Friede durch die Idee der einen Menschheit. Mit der Einhcitserkenntnis der Propheten tritt dem heidnisch-polytheistischen Weltbcgreifrn gegenüber noch ein anderer nicht unwesentlicher Punkt zu Tage, der wahre Sinn des Daseins, d. h. der Sinn der Geschichte. Die ganze griechische Philosophie — Platon inbegriffen — dreht sich um das Problem der Physis, der Natur. Die Jdeenlehre hatte Platon, wie >vir gesehen haben, darüber nur wenig himveggeholsen. Sein crkcnntnistheorctischer Idealismus deckt sich nicht mit seiner Ethik und Politik. Kommt noch hinzu, daß er die pythagorLisch en Traditionen in sein System aufnahm. Pythagoras aber geht nicht sowohl von Naturharmonie als von der Naturhacnunic aus. -Er findet die Harmonie in der Natur auf dem Wege der Analysis. Dieses Wurzeln des Geistes in der Natur hatte zur Folge, daß der zeitliche Ablauf des Geschehens immer nur als etwas Nebensächliches angesehen wurde, das keiner weiteren philosophischen Meditation wert ist. Alle Ereignisse ans dem Schauplatz des Lebens wurden nur als eine Episode angesehen, als eine öfters wiederkchrende Sondererscheinung des ewigen, in gleichen Gesetzen sich wiederholenden Weltprozesses. Und, wenn auch Platon in metaphysischen Andeutungen nach dem Zweck des Erdcnlebens fragt, so enthält diese Frage nicht jenen geschichts- und moralphilosophischen Kern, wie es die Frage nach einem Gesamtsinn der Menschheitsgeschichte erfordert. Das ist natürlich: Mythos und Natur als die höchsten Erkenntnisse erheischen keine solche Frage. Der Mythos kennt keine Zukunft, und in der Natur herrschen Gesetze, aber keine Zwecke. ' Die Propheten erst, und nur sie allein, stellten die Frage nach dem Sinn der Geschichte und nach dem Zweck des Daseins und fanden von vornehcrein als nirwendiges Ergebnis der metaphysischen Einheitsidee das Wesen des Weltgetriebes in dem Streben nach dem Erkennen und nach dem Guten. „Erkenne Gott, deinen Vater, und ehre ihn" oder „Und die ganze Welt werde voll von Erkenntnis." Das ist das Höchste, was der Prophet dem vernünftigen Menschen, dem Vernunftwesen, zu sagen hat. Besteht also für de» Vernunftmcnschen der Sin n der Welt uni. die Zukunft des Menschen in Vervollkommnung seiner Erkenntnis, so ist aus der einen Seite die Bestimmung bei Menschen auf Erden nicht die' ledäglichc Weitcrführung eines Natnr-Dascins, sondern die Verwirklichung des Guten. „O Mensch! der Herr hat Dir gesagt, was gut ist, und was anderes verlangt er von Dir, als Gerechtigkeft üben, Wohlwollen und Gnade?"*) Damit hat der Prophet die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet. Der Ablauf des zeitlichen Geschehens ist nicht die Wiederholung eines Natur Prozesses, sondern die Entwickelung eines G e ist esst roz esse s: Vernunft und Sittlichkeit — Logik und Ethik. Die Ethik aber folgt auf die Logik. Wenn der Prophet vom Menschen spricht, spricht er von der Würde des Menschen, und so wenig er sich den Menschen hinwegdenken kann, ebensowenig kann er sich die Würde des *7 Micha. Menschen als Teil des Menschen wegdenken. Worin besteht diese Würde des Menschen als Teil des Menschen? Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde gestaltet, den Menschen mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet. Gott ist frei, der Mensch soll auch frei sein, Gott denkt, der Mensch soll auch denken, Gott ist gut, der Mensch soll auch gut sein. („Ma hu rachum af ato rachmn, ma hu chanun af ato chanun"). So folgerten die Propheten aus der Idee der Einheit den erhabenen Simr des Daseins und die erbauende Geschichtsphilosphie, deren Inhalt sich auf die Formel Pressen läßt: Durch Erkenntn i s z u m Guten. Das i st der Sinu desi Welt. So ergeben sich 'aus dem System der prophettschen Erkenntnis die drei großen Anschauungen: vom Tun der Menschen, von der Allheit der Menschen und von der B est.im m » ng des Menschen, mit andern Worten: cs ergibt sich aus ihrer „crkenntnisthevretischen" Grundlegung eine Ethik, Politik und Geschichtsphilosophic. Wir werden im dritten Abschnitt die Ethik der Propheten studieren. Konferenz für hebräische Sprache imd Kultur. Berlin, 21. Dezember. Vorgestern Nachmittag 5 Uhr begann in den Sophicnsälen die Konferenz für hebräische Sprache und Kultur. Etwa 100 Personen aus den verschiedensten Ländern haben sich zu den Beratungen eingestellt. Dozent Dr. B a n c t h cröffnetc in einer hebräischen Ansprache die Tagung. In das Präsidium wurden Ingenieur U s s i s ch k i n, N ahum Sokolow und Leo Motzkin gewählt. Professor Dr. Eugen Mittwoch erstattet in einem lebendigen modernen Hebräisch den Bericht über die Tätigkeit "des vorbereitenden Komitees. Sodann hält Dr. Martin Bnber einen formvollendeten Vortrag über die Bedeutung der Sprache im Volksleben. Da die Konferenz sich ausschließlich mit praktischen Fragen beschäftigenwill, so tritt sie an die Behandlung der Frage heran, ob ein Kongreß für hebräische Kultur notwendig sei. Nach nur kurzer Debatte wird die E i n b e r u fung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur nach Palästina beschlossen. lieber die Orga n isations fragen referiert LeoMotzkin. Es wurde eine Immission gewählt,. die heute praktische Vorschläge betreffs Organisation machen wird. Der Ernst und das angespannte Interesse aller Teilnehmer berechtigen zu der frohen Annahme, daß die Konferenz bleibende Werte geschaffen haben wird. Bei der Bedeutung der Konferenz für die Zukunft des jüdischen Volkes kann Ihr Berichterstatter nicht umhin, die Tatsache festzunageln, daß die Berliner Zionisten und insbesondere die zionistischenBorstcherin Berlin, die so »st arkumden Besitz der z i o n i st i s ch e n L e i t u n g w e r b e n, es trotz der an sie. ergangenen Einladung nicht für ihre Pflicht hielten, der Konferenz bcizuwohnen. Hoffentlich wird dieses beschämende Verhalten auf dem bevorstehenden Kongresse seine richtige Abschätzung finden. Die Kowuoer Konferenz. (Brief unseres Korrespondenten.) Die Kownoer Konferenz trat zusammen, tagte, saßte Beschlüsse, wählte Kommissionen, ging auseinander, — und der Wert dessen, was sie geleistet hat, ist gleich null. Sie verschwand, ohne irgend welchen Eindruck zu hinterlassen, wie irgend ein schlechtes Bild des Kinomatographen, in dessen Saal die Konferenz tagte. Und ebenso, wie man sich nachträglich darüber ärgert, das Eintrittsgeld für den Kinematographen bezahlt zu haben, so erfaßt uns auch hier Aergcr und Wehmut, so viele Hoffnnnge» auf diese Konferenz gesetzt zu haben. Keine einzige von allen Hoffnungen .hat sich erfüllt. Wir hofften auf..eine Einigung der Gemeinden, und wirklich wurde ein Entwurf vorgelegt, ein Entwurf aber, der von vornherein verfehlt war und deswegen auch..keinen Nutzen gebracht hat. Denn er wollte bestimmen, daß alle Juden, die eine bestimmte Frist in einem" Orte gelebt haben, gezwungen werden, der Gemeinde allzugehören. Dieser Vorschlag wäre gut, wenn man dabei vom nationalen Standpunkt ausgegangen wäre. In diesem Falle könnte man wirklich von jedem Juden verlangen, seiner Gemeinde icks Glied des jüdischen Volkes anzugehören und Steuern zu zahlen. Der Rechtsanwalt Schloßberg aber — er war es, der diesen Entwurf vorlcgte —' ging vom konfessionellen Standpunkt aus und wollte die Gemeinden als Synagogengemeinden ansehen. Einem solchen Vorschlag konnten natürlich weder die Orthodoxen noch die Nationalen zustimmen. Die Orthodoxen waren dagegen, da sic vor allem am Prinzip der religiösen Freiheit festhielten und sodann auch gar nicht wünschen konnten, daß die irreligiösen Juden gezwungen werden, der Gemeinde anzugehören. Und die Nationalen mußten protestieren, weil ja durch den Schloßberg'schen Vorschlag das jüdische Volk zu einer jüdischen Konfession erklärt wurde. So scheiterte der Schlvßberg'schc Entwurf, kein anderer trat an seine Stelle, — und alles bleibt beim alten. Mit dem Scheitern des Entwurfes wurde natürlich der einzige richtige Beschluß der Konferenz ■ hinfällig, der die Fleischsteuer abschaffe» wollte. Denn mit dem Momente, da eine Zusammenfassung aller in einer Stadt lebenden Juden zu einer Gemeinde nicht erfolge» kann, ist auch keine andere Finanzquelle mehr vorhanden als eben die ungerechte und unselige Fleischsteuer. So sind die zwei Beschlüsse in Nichts zerronnen; — und was onst beraten und beschlossen wurde, ist nicht von Bedeutung. Fragen wir uns nun: Warum dieser negative Verlaus der Konferenz? Man müßte wirklich am Heile der russischen Juden verzweifeln, wenn die Kownoer Konferenz uns gezeigt hätte, daß die Führer der Judenheit nicht die Fähigkeit haben, durchführbare Mittel zur Besserung der Lage ausfindig zu machen. Doch glücklicherweise ist dies nicht der Fall. Die K o w 11 o c r Konferenz hat eben keinen Nutzen gebracht, weil sie nicht eine Konferenz der wirklichen Führer der russischen I u d e n h e i t w u r. Weder haben wirkliche Wahlen zu der Konferenz stattgefunden, noch sind alle Führer der russischen Juden zur Beteiligung eingeladen worden. Man hat Geineinden wie B i a l i - st o k unbeachtet gelassen, aus Furcht, daß sic Abgeordnete schicken. Man hat einen zionistischen Mann wie Grusen berg nicht eingeladen, weil er durch seine nationale Gesinnung bekannt ist. Und der Grund für die befremdenden, empörenden Tatsachen? — Der Grund liegt eben darin — und damit kommen wir auf des Uebels Kern — daß bic Kownoer Konferenz von Anfang b i s zu Ende ein Kind der „demokratischen Fraktion" (richtiger der assimilatorischen Fraktion) war. Winawer war der Sultan und Schloßberg sein Großwesir. Und dank Winawers Schlauheit ist es ihm gelungen, die wirklich jüdischen Elemente auf der Konferenz, die ihm alle an politischer Intelligenz nachstehen, zu hintergehen und in seine Netze zu fangen. Und so konnte er sich dann am Ende ruhigen Mutes hinstellen' und die stolzen Worte aussprechen: „Das jüdische Volk ist aus der Konferenz znm neuen Leben erwacht." Wer nur einigermaßen die Verhältnisse kennt, wird die ganze Unwahrheit dieser Worte verstehen. Nein, ein Mann wie Winawer, der in erster Linie Kadett, in zweiter Linie Russe und dann auch noch vielleicht ein wenig Jude ist, kann hie jüdische Nation nicht zum neuen Leben erwecken. Und ist seine politische Intelligenz noch so hoch, ist sein Eifer noch so groß, eine solche Tat vermag er nicht, denn ihm fehlt das, was die Hauptsache ist: die Begeisterung und innige Liebe für sein Volk. Und ans diesem Grunde darf die Kownoer Konferenz uns nicht verzweifeln machen, weil wir wisse», daß sie nicht eine wirkliche Vertretung der russischen Juden war. Und wenn leider auch auf dieser Konferenz die russische Judenheit noch nicht zu neuem Leben erwacht ist, so dürfen wir doch bestimmt glauben, daß es auf einer folgenden geschehe» wird.' Daß dieses ftohe Ereignis aber in kürzester Zeit eintrifft, das wollen wir wenigstens alle hoffen. _ Aus den Geschehnissen des Tages. Harden A p o st a t i s ist zu der Ueberzeuflintg gekommen, daß der Auftuf seines Schützlings Fromers an die Juden, sich aufznlösen, nicht die erwünschte Wirkung gehabt.hat, es geht ihni zu" langsam damit; . und so versucht er es in der letzten Nummer seiner „Z u k n n f t" — in einem Momente, in der Reden eines Sombart's alle Juden, die noch einen Rest vom Jüdische» "bewahrt haben, zur Rückkehr und Hochhaltung ihrer Fahne veranlassen können — mit schwerstem Geschütz. Doch er selbst hat nicht die Unversrorenheit, zu sprechen, sondern läßt einen christlichen Arzt

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