Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692663--05114-2699998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IrirrtKfHtrter 3fr«flitifdirs familitnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, ■ sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtis« und Geschäftsstelle: Frankfurt a. Iß., vrlbelerstraße 4|6, Ecke Lleichstvaße P-r-fo« 10507. Herausgeber: Kalg ei-s. , ' ' Insertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberemkunft. ' 7. Jahrgang. Donnerstag, den 11. Tewes 5670 (23. Dezember 1909). Rr. 49. Inhalt deS Hauptblattes. Zion. — Artikel: Zur Philosophie des Propbetismus. — Konferenz für hebräische Sprache und Kultur. — Die Kownoer Konferenz. — Aus den Geschehnissen deS Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Eine kleine Erinnerung aus der Geschichte des Zionismus. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Zion. Zum 9. Zionistenkongretz. (Eduard Gottschalck.) Seid unsere Väter sterbend sanken. Im Kampf besiegt von Romas Macht, Und, was noch blieb, hinaus mußt wanken, Von Schmerz gebeugt, in Golus-Nacht, Da war der Hoffnungsstern im Leid, In all der endlos langen Zeit: ' Zion! Und unter Blut und unter Tränen Durchwanderten sie Land um Land, Im tiefsten Schmerz ein mächtig Sehnen Nach dem geliebten Vaterland. Ihr ganzer Trost, ihr ganzer Hort Die Hoffnung auf das eine Wort: Zion! Nach langer Nacht beginnt's zu tagen. Und in des Frührots goldnem Schein Sehn wir das Banner leuchtend ragen. Und Hoffnung strömr ins Herz hinein. Am alten Stamme grünt das Reis, Es ruft die Fahne blau und weiß: Zion! Die alten Klänge tönen wieder. Der Muttersprache heil'ger Laut, Und Judas Volk singt Jubellicder, Da es Makkabis Fahne schaut. Ein heil'ger Schwur in Süd und Nord, Zum Tod getreu, so hallt es fort: Zion! Zur Philosophie des Prophetismus Ein Kapitel aus der Weltgeschichte d e s G e i st e s. Votl Maxime Le M a!tre. II. Getreu der inneren Erkenntnis der Einheit, die das Chaos bändigt, ist das im ethischen Sinn wahrhaft Seiende nicht das einzelne Individuum, die Natur, sondern die Allheit, die Gattung. Der Begriff dcr"^Einheit involviert schon den Begriff der Allheit und der Gattung. Ebenso ist die Tendenz der Einheit auf Gesetzlichkeit gerichtet — auf die Ordnung und mithin auf die Gleichheit. Der eine Gott hat den einen Menschen geschaffen, aus dem dann alle hervorgegangen sind; mithin ist der mit Privilegien ausgestattete Mensch, sei er Heros oder Uebermcnsch, unmöglich. Alle Menschen sind ursprünglich gleich, und die oft zu Tage tretende Ungleichheit ist ein Ausfluß der Sünde, des L a st e r s, dessen Folgen selbst am späteren Geschlecht erkennbar werden. Der Grund der Sünde ist aber nicht Gott, wie die christlichen Kirchenväter lehren, sondern der Mensch, der die Freiheit des Willens und die erkennende Vernunft hat, das Gute zu erkennen und zu wählen. Tao ist zunächst der rein ethische Ertrag der Einheits-Erkenntnis. Das Fatum ist am Chaos orientiert, es ist ein Analogon zum Chaos. Die Idee der Einheit überwindet und bezwingt das Chaos und fordert die Gesetzlichkeit. Was ist aber das willkürliche Walten des einzelnen Individuums mit seinen ivitden Instinkten und 'Naturtrieben anders als Chaos? Was ist die „heroische" Tat des an der 'Natur belehrten Individuums anders als Chaos und Fatum? Hat doch die Erkenntnis au seinen zügellosen Leidenschaften keine | Schranke, keine Grenze. Sein Werk ist ganz vom Willen der Natur, der gewalttätigen Natur diktiert. Wenn cs im Aus und Ab deS Weltentaumels und des unlogischen Werdens keine gesetzcsgebende Einheit gibt, die das Innere der Welt zusammenhält, dann ist Willkür das allgemeine Gesetz, und die Sphäre des Rechts ist durch die Sphäre der Macht bedingt. Tritt noch zu diesem Zwillingspaar Willkür und Chaos, das Fatum hinzu. Fatum ist blindes Walten, Schicksal — absolutes Schicksal, das lein Hoffen und - keine Zukunft und kein sittliches Streben bedingt. Nur Vergangenheit, soweit das Gedächtnis reicht — und von aller Zukunft abgeschnittene Gegenwart. Und das menschliche Leben beschränkt sich auf bloß eine Weiterführung eines nur natürlichen Daseins. . . . Im besten Falle tritt der Affekt als komplementäres Moment hinzu. — — — Mit der Erkenntnis des einheitlichen Prinzips als das Zentrum, in das alle Erscheinungen des Lebens münden — und diese E lull eit haben die israelitischen Propheten allein e r k a n u t — schließt s i ch die Welt und das Leben in cin S ystem der Ordnung. Dem blinden 'Naturwalten im Mikrokosmos i st eine Grenze gesetzt, und diese S ch r a n k e n s e tz u n g e r w e i t e r t den Horizont und wirkt l o g i s i e r e n d auf die Triebe der Natur. Das Leben erhält einen Sinn, der selbst lcbensfördernd ist. — Nicht der einzelne Mensch als Ausschnitt der Natur, sondern die Gattung, die Allheit. Die Gattung ist aber nur das Bewußtsein der Gattung, die theoretische Erkenntnis der Gattung, denit u n s e rem p h y s i j ch e n B l i ck offenbart sich nur das Exemplar, wir sehen nur den und das Einzelne. Die Gattung als sittliche Erkenntnis ist nur ein Produkt der Erkenntnis schlechthin. -Die Erkenntnis der Einheit hat das Bewußtsein der Gattung erzeugt. Die Gattung, die Allheit, ist lediglich eine sittliche Idee, weil sie die Ncberwindung der Natur des Einzelnen, sofern er nicht außerhalb der Gattung, leben will, zur Voraussetzung hat. Soziale 'Atome aber gibt es nicht. Daraus kann man das Verhältnis der Ethik zur Logik, resp. zur Erkenntnis ini Aufbau der Philosophie des Prophetismus erkennen. Die Ethik schließt sich nicht formal an die Logik an, wie bei Kant, sondern die Ethik ist ein Ergebnis der Logik. 'Noch mehr. Sowohl bei Platon als bei K a n l haben Logik und Ethik nur ei» formales Verhältnis zu einander, abschon angegeben wird, daß die Ethik ans der Logik hervorgeht, oder sie stehen, wie bei Platon, im Widerspruch 5 n einander: so z. B„ wenn Platon seiner Ideen-, ° lehre eine allgemeine Tendenz gibt, in seiner praktischen Ethik, d. h. in der Politik das Partikulare und nicht das Universale lehrt.*) Nach ihm sind nicht alle. Menschen ursprünglich gleich, er kennt keine Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze, und was am meisten ins Gewicht fällt, ist, daß er aus der theoretischen Erkenntnis eine politische Machtinstanz macht und somit einem zügellosen Individualismus V 0 r - s ch 11 b ~ l c i st e t. So wollte es der griechische Geist, der vom Einfluß des Heros durchtränkt war. Die Erkenntnis der Propheten hat eine ganz andere Tendenz. Sie fördert n^icht, fände r n sie zügelt d e n I nd iv i d u a l is mns. 'Aber Individualismus — und sei er auch nur ein intellektueller im sokratisch - platonischen Sinn — ist Natur, wenn auch intellektualisierte 'Natur. Die prophetische Erkenntnis bändigt die 'Natur, steht der Natur gegenüber und ist bestrebt, sie zu überwinden. Sie bedingt die Ethik: oder vielmehr die Ethik verhält sich zur Logik wie Folge zur Ursache. Das ist das Be-, wnndcrungswürdigc an den Einsichten des prophetischen Menschen. Ter eine, ganze Mensch, der eine absolute Gott, die eine innerlich geeint e Menschheit, das ist die dreifache Fassung und Form der prophetischen Einheitserkenntnis. Den vielen griechischen Göttern standen verschiedene Menschen, von welchen jeder dem zweiten ein Fremder war, gegenüber, ebenso verhielt cs fich mit den Völkern, aber ebenso mit dem einen Menschen. Nicht nur hatte jeder Stand einen Gott (der Gott der Krieger, der Gott der Trinker, der Gott der Künstler usw.i, sondern jede Funktion im Mechanismus des menschlichen Bewußtseins hatte ihren speziellen Gott. Die Sinnlichkeit verehrte deil Götterkreis um den Gott des Krieges und der physischen Lebensfreude (Bacchus), der intellektuell-ästhetische Mensch verehrte einen speziellen *) Bergt, darüber Kap. 2 und 3 meiner Geschichte der Friedensidee, Stuttgart. Enke 1909, sowie das im April 1910 von mir bei Enke zu erscheinende Buch „Der Staat im Wandel der Jahrtausende"^ Kap. 3, Abschnitt Platon.