Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 48 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 48 tjrant]uucr Israelin) Hes Fmnitienvlarr. Ee.te a. , anda in überaus heftiger und energischer Weise. Dr. Strancher rief: „Es ist eine Schande, daß der Präsident des Abgeordnetenhauses so ostentativ den Parteimann hervorkehrt; es ist unwürdig, ein solches Benehmen offen zur Schau zu tragen! Ein derartiger Präsident kann keinen Anspruch auf Vertrauen erheben." Prag. Anläßlich des Falles Hofrichter schreibt die „Selbstwehr" über einen Fall Kohn: „Alle Zeitungen veröffentlichen spaltenlange Besprechungen der Indizien für und wider den Häftling. Keinem Blatte aber fällt es ein, von der Ungeheuerlichkeit, die in Prag gegen einen Juden, den Assistenten der Czernowitzer Lebensmitteluntersuchungsstation Dr. Eduard Kohn, begangen wurde, irgendwie kritisch zu reden. Es ist sa nur ein Jude. Dr. Kohn war beschuldigt, in einein postlagernden ^Briefe einer Wirtsfrau in Lieben Gift zur Wegschasfung ihres Mannes geschickt zu haben. Es wurde also die Frau in Prag verhaftet und die sofortige Festnahme des Dr. Kohn in Czernowitz verfügt. Dr. Kohn.wurde in Ketten gelegt und von zwei Gendarmen nach 72stündiger Fahrt nach Prag gebracht. Die Untersuchung ergab, daß er der Frau kein Gift geschickt habe. So wurde denn Dr. Kohn nach vierwöchentlicher Haft wieder freigelassen. ' Die Prager Polizei hat rasch gearbeitet. Am Abend desselben Tages, an dem die „Ndrodni Listy" ihre Leser in einem spalteulangen Berichte über „Eduard Moses Kohn" und seinen Vater „David Jsak Kohn" (der - Verhaftete heißt nicht Moses, sein Vater nicht Jsak) unterhielten, griff die Behörde gierig den hämischen Ton auf und ließ den Dr. Kohn in Haft nehmen. Man hört förmlich die Freude aus den Polizeiberichtcn heraus, die man damals zu lesen bekam. Ein jüdischer Mörder! Und jeder sieht die Eile, die Brutalität, mit der man die Existenz des vermeintlichen jüdischen Mörders zertrampelte. Er wird verhaftet, vor der ganzen Welt zum Mörder gestempelt, an den Pranger gestellt, von Gendarmen in einer entnervenden Bahnfahrt eskortiert! Und dann, nachdem die Untersuchung die vollständige Haltlosigkeit der Beschuldigung erwiesen, wird er einfach jreigelassen, ohne Entschuldigung, ohne ein Wort der Rehabilitierung." Czcrnowitz. Die seit einigen Tagen hier erscheinende „Volkswehr", Organ der jüd. Nationalpartei der Bukowina, meldet ans Wiznitz über einen entsetzlichen Raubmord: „Vergangene Nacht drangen 12 maskierte, bis auf die Zähne bewaffnete Räuber in die Wohnung des Realitätenbesitzers Jtzig Sindel Kurz ein, der sich gerade mit seiner Familie beim Abendbrot befand, und gaben mehrere Revolvcrschüsse auf die Anwesenden ab. Die beiden Söhne P e r i tz und Hersch blieben auf der Stelle tot, während der Schwiegersohn des Kurz, Surkes, und Kurz selbst schwer verletzt wurden. Die Räuber hausten hierauf vandalisch und raubten 4500 Kronen. Sie sind spurlos verschwunden." Frankreich. Paris. Das Dezemberprogramm der Universite Populaire Juive enthält folgende größere Vorlesungen: Rabbiner M. Liber: „Die Emanzipation der Juden in Deutschland": Kunstmaler L. Versöhn: „Die französische Kunst"; Rabbiner H. Stonrdze: „Jüdische Geschichte"; Dr. D. Jacob so hn: „Der Zionismus vor dem IX. Kongress e." Rußland. Kowno. Nach dreitägiger Verhandlung ist der allgemeine rüss.- jüd. Kongreß am 5. Dezember geschlossen worden. In seiner Schlußrede betonte der Vorsitzende Winawer, der bekannte Abgeordnete der ersten Duma, die zutage getretene Einheitlichkeit in den Meinungen der Kongreßteilnehmer über die Grundfragen der russischen Judenheit, die Pflege und Hochhaltung des jüdischen Gesetzes, die zeitgemäße Fortentwickelung des jüdischen Erziehungswesens und die grundlegende Neugestaltung der Gemeindeorganisation. Seien die Wege der jüdischen Parteien früher zum Teil auseinandergegangen, so hätten sie die Zeitgeschehnisse wieder zusammengeführt. Der Kongreß bedeute ein wichtiges Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte der russischen Judenheit. Er dokumentiere das Erwachen -es einheitlichenjndifchen Bewußtseins. Die wichtigsten Beschlüsse des Kongresses sind folgende: 1. die Licht- und Fleischakzise (Korobka) soll abgeschasft und durch eine progressive Einkommensteuer ersetzt werden; 2. jeder Jude, der über zwei Jahre an einem Orte wohnt, ist verpflichtet, der betreffenden jüdischen Gemeinde anzugehören und den Gemeindebeitrag zu entrichten. Diese beiden Punkte bildeten die Hauptverhandlungsgegenflände des Kongresses. Die Meinungen waren zuerst geteilt. Die Orthodoxen erkannten zwar die Ungerechtigkeit der Fleisch- und Lichtsteuer an, konnten sich jedoch anfänglich für eine grundlegende Aenderung, deren Folgen nicht abzuschen seien, nicht erwärmen. Ebenso waren sie zuerst gegen die Zwangszugehörigkeit zur Gemeinde. Die Gegensätze waren jedoch nicht unüberbrückbar. Die unmittelbare praktische Folge des Kongresses ist die bereits erfolgte Gründung eines ggliedrigen .jüdischen omitees mit dem Sitze in Petersburg und mehreren Mitgliedern in den größeren Zentren der russischen Judenheit. Diesem Komitee obliegt es, die Beschlüsse des Kongresses zur Ausführung zu bringen. Odessa. Um der Schikane des Generals T o lm a t s ch o w, der befohlen hat, auf der an der Synagoge befindlichen Kaiserkrone ein Kreuz a n z u b r i n g e n, zu begegnen, hat mau beschlossen, diese Kaiserkrone nach dem Versammlungshaus der Gemeindevorsteher zu versetzen; hier wird natürlich das Kreuz angebracht werden müssen. Türkei. Konstantinopel. Hier bat eine hebräische Zeitung unter dem Titel „Hambaser" zu erscheinen begonnen. Sie will die hebräische Sprache und Literatur unter den orientalischen Juden popularisieren und richtige Nachrichten über die orientalischen Juden im Okzident verbreiten. A d l e r o r d e n 4. Klasse, Provatdozent Dr. Ludwig F r ä n k e l den Titel Professor. München'. Die vekannie Firm« Ludwig R o s e n t h a l s 'Antiquariat feierte ihr 50» jähriges B e st ehe n. Aus bescheidenen Anfängen hat sich das Geschäft durch den Fleiß, die 'Kenntnis und Umsicht seines Begründers Ludw. Rosenthal u größter Bedeutung iin deutschen Buchhandel und u Ansehen in der gelehrten und literarischen Welt entwickelt. Schlapp«. Meyer Lehmann, der langjährige Borsteher der jüd. Gemeinde, ist gestorben. Rew-Aork. Dr. Samuel Kohn, Gründer Gründer und Präsident der deutschen Poliklinik und einer der angesehensten Aerzte Newyorks, v e r - ch i e d im Alter von 54 Jahren. Personalien. Klibansky Kunstgesangs Frankfurt a. M. Herr S erg ei Konzertsänger und Hauptlehrer de aui Stern'schen Konservatorium zu Berlin, der seine künstlerische Ausbildung in. Frankfurt und in Italien erhielt, befindet sich zur Zeit auf einer Konzerttournee, die bis jetzt einen glänzenden Verlauf nahm. Ueber sein letztes Konzert in Stettin schreibt die Ostseezeitung u. a.: „Ein nahezu zügelloses Temperament, Uebermaß von Leidenschaft, wie besondere Vorliebe für alles, was heißeste Liebesglut ansdrückt, dieses alles ist das eigentliche Element des Herrn Klibansky, welches ihn auf die Poesie des Auslandes und namentlich auf die des Südens hinweist. Er erwies sich als glän ender Beherrscher der italienischen Sprache und mußte in dem „Nel cor piu non mi sento" von Paisiello seine stimmlichen wie.koloristischen Vorzüge makellos anzubriugeu. Was wir uns infolge dieser Leistung von den fünf Nummerir aus dem italienischen Liederbuch von Hugo Wolf, Text von Paul Heise versprachen, übcrtraf der Künstler noch weit. So zu packen und mit sich fortzureißen, vermag nur ein Künstler, in dessen Adern feuriges Blut und südliche Glut pulsieren. Die Leidenschaft steigerte sich iminer mehr und mit einer gewissen Spannung erwarteten wir den Vortrag der kräftigeren tschechischen und russischen Lyrik, die uns in den Liedern eines Dovräk und Tschaikowsky entgegenklingt. Außer des Erstereu „Zigeunerlied" gelaugte „Als die alte Mut ter" zu großer Innigkeit, desgleichen Tschaikowskys „Am offenen Fenster". Aber noch mit demselben Namen zog es den Künstler und uns mit ihm un widerstehlich zurück in das Land seiner Muse. Mit restlos erschöpfender Gesühlsinuigkeit und Tiefe trug Herr Klibansky Tschaikowsky „Serenade Don Juans und Peterson-Bergers köstlich stimmungsvolles „Vene dig" vor. Solche Stimmung, wie die in diesen Liedern dargebrachte, läßt sich nicht mit Worten wieder geben, sondern nur hören und fühlen. Die Hörer bewiesen durch stürmischsten Beifall regstes Inter esse." Berlin. Alfred Zielenziger erhielt den Titel Kommerzienrat und Handelsrichter Hugo Heilmann den Kronenenorden 3. Klasse. Hannover. Justizrat Dr. Siegm. Meye ist zum Provinziallandtagsabgeordnc t e n gewählt worden. Cassel. Dieser Tage verschied in London im 72. Lebensjahre Ludwig Mond, Ehrendoktor der Universität Heidelberg und Generaldirektor der Firm« Brunner, Mond u. Co., des größten Alkaliwerkes der Welt. Mond schenkte 1890 der Stadt Cassel 100 000 Mark zur Errichtung einer „Henriette Mond-Stiftung" für Erholungs- und Kurbedürftige ohne Unterschied des Glaubens. Die hiesige kgl. Bildergalerie erhielt s. Zt. einen echten Lucas Cranach von ihm zum Geschenk. Auch die jüdische Gemeinde wurde von ihm großzügig bedacht, indem er ihr 100000 Mark zur Eiwichtung einer Stiftung für arme hilfsbedürftige Juden gab. Potsdam. Justizrat Joseph Josephsohn ist zum Notar ernannt worden. Hamburg. Eduard Berlin, Vorsitzender des Vereins selbständiger jüd. Handwerker und werbetreibender, und H. B a ch r a ch wurden zu Präsentanten der Deutsch-Jsraeliti scheu Gemeinde gewählt. Halberstadt. Zu Vorstandsmitgliedern der jüd. Gemeinde sind die Kaufleute Loui H. Meyer und Emil Baer gewählt worden. Breslau. Adolf Goldschmidt. Prckurlst des Bankhauses E. Heimann, erhielt den Ro.t e n 0 leiiiHefon. 0 Erzählung von Elise Orzeszko. Deutsch von S. H o r o w i tz. (Schluß statt Fortsetzung.) In Ongrod gab es einen städtischen Platz, der von einer niederen Umzäunung umgeben und mit verkümmerten Bäumchen bestanden, die pompöse Benennung: Boulevard trägt. Dorthin lenkte Chaimke jetzt seine schritte. Auch andere Kinder schlugen diesen Weg ein, da sie aber älter waren, liefen >ie schneller. Chainike und sein Freund Wendete gingen langsam, sich bei den Händen haltend. Unterwegs blieben sie vor manchen Schaufenstern stehend, hier die gleißenden Erzeugnisse in einem Juwelierladen bewundernd, dort beim Anblick von Semmeln und Kipfeln in einer Bäckerei wonniglich lächelnd. Das kleine Wendete verspürte sogar Lust zu diesem Gebäck. Der ältere Chaimke setzte ihm aber auseinander, diese Lemnieln und Hörnchen seien ungenießbar, weil trefe. Mendele hatte noch keinen klaren Begriff von der Bedeutung dieses Wortes. Chaimke kannte daK Faktum, wußte es aber nicht dem Freunde zu erklären; und so sagte er, wenn sie Enoch, Mendeles neunjährigen Bruder, der schon seit fünf Jahren lernt und gelehrt und fromm ist, nur sehen werden, werden sie ihn danach fragen. 'Als sie sich so unterhaltend den Boulevard betraten, erblickten sie einen halbwüchsigen Jungen in einem langen, grauen Rock und in einer tief ans die Stirn geschobenen Mütze auf einer Bank sitzen. Es war dies Enoch, ein Sohn des gelehrten Schimschcls und Mendele's Bruder. Um ihn hatten sich mehrere gleichaltrige Burschen gruppiert, die plaudernd sich in einem fort an ihn wandten, als wäre er ihr Richter oder ihr Meister. Offenbar nahm der kleine Enoch, der ob seiner frühzeitigen Gelehrsamkeit und Frömmigteit bekannt war, eine ähnliche Stellung ein, wir sein Vater, der gelehrte Schimschel, unter den erwachsenen Männern. In Anbetracht des jugendlichen Alters, war diese Position Enoch's eine glänzende und stellte ihm die schönste Zukunft in Aussicht. 'Nur, daß das längliche, minderhübsch geschnittene Gesicht des jungen Weisen blaß und mager war und seine großen 'Augen tief eingefallen waren und mit einem seltsam leidenden und ernsten Ausdruck in die Welt schauten. Chaimke blieb vor Enoch stehen, stützte beide Ellbogen auf seine Kniee, und sein bewegliches, schelmisches Gesichtchen zum ernsten Gesicht des ältern Kameraden emporrichtend, frug er: „Enoch! Sag du uns, mir und Mendele, was ist das trefe und koscher? Warum dürfen sie diese Semmeln, die hinter dem Fenster der Bäckerei in solcher Menge aufgestapelt sind, nicht essen? Als Enoch diese Frage vernahm, erhellte sich ein wenig sein Gesicht, und er schickte sich schon an, die Frage der beiden Kleinen zu beantworten, als die übrigen Jungen zu rufen begannen^ daß sie das schon längst wissen, Enoch möge ihnen irgend eine schöne Geschichte erzählen. Enoch kennt eine Menge schöner Geschichten. Er hat sie im Cheder gelernt (er hat nämlich bereits den Pentateuch durchgenommen und befindet sich gegenwärtig im Anfangsstudium des Talmud mit Raschi - Kommentar). Doch erst, nachdem er kurz die Bedeutung von trefe und koscher erklärt hatte, begann er mit einer ernsten Geste, von den egyptischen Plagen, die dem Auszug Israels aus dem Hanse der Knechtschaft vorangingen, zu erzählen. Es war dies eine der beliebtesten Historien Enochs. Die Plagen folgen einander in langer Reihe und eine immer schrecklicher als die andere. Bon der großen Finsternis, die Egypten überzog, hören die Kinder in stummer Erstarrung, die Heuschreckschwärme machen schon weniger Eindruck, dafür aber interessiert sie Moses Stab, der sich in eine Schlage verwandelt, ungemein. Obwohl die Gruppe der kleinen Zuhörer Enochs Erzählung großes Interesse entgegenbrachte, wurde sie doch von Zeit zu Zeit von kleinen Episoden, die mit ihr nicht im Zusaimnenhang standen, unterbrochen. Sv beispielsweise stieß der ungeschlachte Mordko, der näher dem Erzählenden stehen wollte, den kleinen Mendele so stark, daß er taumelte und m