Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 48 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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verte 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. dtr. 48. Hinfiel. Die dem Freunde widerfahrene Unbill empörte Chaimke. Mt funkelnden.Augen und geballter Faust versetzte er Mordko mehrere Schläge, dann hob er Mendele auf, küßte ihn auf die mit Sand beschmutzte Stirn, streichelte die mit Tränen überströmte Wange und -ihn fest umarmend, schmiegte er ihn an sich. Mendele hörte auf zu weinen, aber in der ganzen Schar entstand infolge dieses Vorfalls ein gewisser Tumult, den Enoch aber gar nicht beachtete, und ohne Rücksicht darauf, daß man ihm nur halb zuhörte, fuhr er in seiner Erzählung fort. Diese Ausdauer war, wie gewöhnlich, von günstigem Erfolg begleitet, denn als die Erzählung ihren Höhepunkt erreichte, als er also beim gleichzeitigen Aussterben aller erstgeborenen Kinder Egyptens anlangte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer wiederum ungeteilt dem Erzählenden zu. Das gleichzeitige Aussterben der Erstgeborenen erweckte allgemeines Entsetzen. Man lauschte mit weitgeöffnctem Munde mit einem Ausdruck von Angst nnd großem Bedauern in den Angen. Augenscheinlich machten diese Kinder noch reinen Unterschied zwischen den Nationalitäten. Ihre Klugheit war noch nicht auf der Stufe angclangt, auf welcher sich das Wissen von Haß und. Rache befindet. Und so bedauerten sie die eghptischen Erstgeborenen ganz so, als wären sic israelitische gewesen. Enoch aber näherte sich schon der - obenerwähnte» Stufe der Weisheit und empfand mit de» egnptischen Erstgeborenen kein Mitleid. Und mit glänzenden Augen und breite» Gesten erzählte er weiter von dem Jammer und Lamentationen, die nach jenem Vorfall in Egypten erschollen . . . -st Es war ein trüber Herbstabend. Draußen rumorrc ein Sturmwind, und wenn die Windstöße für einen Moment nachließen, hörte man den Regen aufs Pflaster klatschen. Chajc lag im Bett, stöhnte und seufzte. Ern schmaler Lichtsrreifen der kleinen Lampe .huschte über das Gesicht des nebenan schlafenden Ehaimke's, sie heftete ihre unbeweglichen Augen auf dieses Gesicht nnd ihrer Geivohnheit gemäß redete sic halblaut zu sich scU'st: — Oj, du mein arrnes, unglückliches Kind, was wird mit dir geschehen, wenn meine Seele ,»einen Leib verlassen wird. Was wird mit dir geschehen, wenn der Urewige »reine Seele rufen wird, daß sie von dannen ziehe und sich mit der Seele meiner Mutter und meines Vaters, meines Mannes Leibl und meines Bruders Abraham, nrciner beiden Söhne und meiner geliebte» Tochter Malkc vereinigt? Und was werde ich meiner Malke sagen, wenn sie mich im Jenseits fragen wird: Mutterl was hast du nrit meinem kleinen Sohn, mit Chaimke gemacht? Hast du dort jemanden bei ihm zurückgelassen, der Brot in seinen Mund und Verstand in seinen Kopf legen wird? Wenn sic mich so fragen wird, werde ich vor großer Schande meine Augen nicht zu meiner Malke emporheben können und werde mich mur ganz in Tränen auflösen, denn ich werde ihr liebes Söhnchen Chaimke ganz allein auf dieser Welt zurücklasscn ... Er ist so klein und kann sich noch gar keinen Rat geben ... O, mein armer, unglücklicher Kopf! . . . An diesem Abend dachte Chase an den Tod, denn auf der Welt war es traurig, der Sturmwind heulte wie klagend, und sie schmerzte der Kopf und die Knochen und ums Herz wurde es ihr so wehleidig, daß sie glaubte, mit jedem Atemzuge entfliehe ein Teil ihrer Seele ihrem Leibe. Dabei hatte sie feit einigen Tagen bitter» Kummer. Sei es, daß ihre Kräfte versagten oder das; ihre jüngere Konkurrentin Jmta ihr überall zuvorkam, seit einer Woche hatte sic beinahe nichts verdient. Sie hat schon sogar zu Chain,ke einigemal offen gesagt: Nu, erbitte heute bei den Purizen (Herren) einige .Groschen. Der Abend war schon vorgerückt und es war schon lange an der Zeit, sich zu entkleiden und unters Federbett zu schlüpfen: aber das alte Weib lag rn den Kleidern und murmelte lange halblaut, vom Gesicht des schlafenden Enkels die Augen nicht wendend. Dann erhob sie sich mit Anstrengung, warf über Kopf und Schultern ein altes Tuch, und weder die Finsternis, noch den Regen und Wind achtend, verließ sie die Stube. Zusammengekrümmt, mit vorgestrccktcr Hand schwankte sie durch die gewundenen schmalen Gäßchrn. Ihre Füße stolperten fortwährend auf den spitzen Steinen oder versanken in Pfützen. Endlich erreichte sic das Ziel ihrer Wanderung, und sich in den dunklen Flur .eines kleinen Häuschens hineinschiebend, klopfte sie .vn die Tür, die sie tappend fand. ,Mer ist dort?" — fragte von innen eine männliche Stimme. . Chaje nannte leise ihren Namen. „Herein!" Die Stube, die Chajc betrat, war geräumig, aber ärmlich. In ihrem Hintergründe saß aus einem einfachen Stuhl vor einem Tische, auf welchem ein großes, aufgeschlagenes Buch lag, ein Mann in einem langen bis zum Fußboden waltenden, bereits schäbig gewordenen, Gewände mit einem stark brünetten Antlitz, das mit dunklem Haar beinahe ganz bewachsen war. Dieser Manu schien in die Lektüre mit Aufgebot all seiner geistigen Kräfte vertieft gewesen zu sein, denn als er den Blick zur hereiukommenden Frau aufschlug, waren seine Pupillen wie nmschleiert, wie es bei denen der Fall ist, die sich vom Gegenstand ihrer Gedanken nur mit Mühe losreißen können. Er ärgerte sich aber nicht, daß man ihn in seiner Beschäftigung unterbrochen und frng mit sanfter Stimme: „Weshalb kommt Ihr zu so vorgerückter Stunde? Ist bei Euch irgend ein Malheur passiert?", „Seit ich das Haris meiner Eltern verlassen habe, war das Unglück der Begleiter all meiner Tage," entgegnete sie leise. „Dies scheint der Wille des Urewigen zu sein," erwiderte der Mann etwas strenger und frug: „Was wollt Ihr von mir?" Chajc bückte sich, und seine Hand ergreifend, drückte sie sie an ihre Lippen. ,/Rebbe!" — sagte sic, „ich bin gekommen für meinen Enkel, für ein kleines, unschuldiges Kind, das sehr ungliicklich werden kann, wenn Ihr Euch seiner nicht erbarmt, zu bitten." Hier begann sie von den Sorgen und Kümmernissen, die das zukünftige LoS des Kindes ihr bereitet, zu erzählen. „Rebbe," sagte sie am Schluß ihrer Rede, „ich werde vor Euch mein Herz öffnen. Ich habe eine große Sünde begangen, ich habe selbst das Kind zum Betteln angehalten t . . Rebbe, möge Euer Auge nicht im Zorn auf inich schauen, . . . mir ist das Leben schwer. Aber ich bin wegen dieses Kindes in großer Angst. Es hat gelernt gn betteln, und diese Lehre ist schlecht . . . das kann vielleicht dazu führen, daß er stehlen wird! Aj, aj, Rebbe! Das will ich nicht, das fürchte ich sehr!" Und sie begann tatsächlich am ganzen Leibe wie in Fieber zu zittern. „Rebbe! Ich habe nicht nur eine Sünde auf meinem Geivisscn! Es kommt vor, daß ich einen elenden Fetzen als einen guten verkaufe, und eine gute Sache kaufend, bezahlte ich dafür wie für einen elenden Fetzen. Es passierte, daß ich den Leuten meine Ware von der guten Seite zeigte und die gelöcherte Seite versteckte, daß ich für Leute, die gleichfalls mit alten Sachen handeln, in meinem Herzen großen Neid und Haß hegte und mich nlit ihnen zankte. — Seht Ihr, Rebbe, ich schütte vor Euch mein ganzes Herz aus, aber schaut nicht wegen meiner Taten auf mich mit Zorn und Verachtung, denn . . . mir ist so schwer zu leben. Aber, Rebbe, bedenket, ich will nicht, daß Chaimke so soll sündigen müssen, wie ich. Das fürchte ich sehr. Erbarmt Ihr Euch des kleinen, unschuldigen Kindes! Es ist so schön, so klug und noch so Nein! Nehmet meinen Enkel unter Euern Schutz, wie Ihr schon mehr als einmal die Kinder Armer genommen habt! Macht es so, daß er imstande sei, zu lernen, und daß, wenn incine Seele vom Leibe scheidet, seinem Mund nicht ein Bissen Brod fehle! Ihr, Rebbe, seid gut, Ihr habt mit armen Menschen immer Mitleid! Euere Barmherzigkeit, wie Euere Weisheit sind in der ganzen Welt bekannt! Möge auch ich in Euern Augen Gnade und in Euerem Herzen Erbarmen finden!" Der Rebbe hatte die zitternde Rede der Alten schweigend uitd ernst angehört. Dann dachte er eine Weile nach und sprach: „Seid ruhig! Ich werde Euere Bitte erfüllen und mich Eueres Enkels annehmen! Ich werde ihn ins Haus nehmen, werde für ihn eine Geldsammlung veranlassen, werde ihn in die Talmud-Thora schicken und auch selbst unterrichten!" Chaje's Gesicht, vor einer Weile noch so schmerzlich verzerrt und flehend, ersttahlte vor Freude und unaussprechlicher Freude. Sie brach in lautes Weinen aus. „Warum weint Ihr?" fragte der Rabbi. ,,£), Rebbe! Verzeiht meine Tränen! Es sind dumme Tränen, aber sie dringen von meinem Herzen nach den Augen und ich kann sie nicht zurückhalten. Wenn Ihr Chaimke in Euer Haus nehmet, werde ich mich von meinem Kinde ttennen. . . Ich habe auf der iveite» Welt niemanden, nur ihn allein. — Er und ich haben bisher wie zwei Waiserttopsen, die der Wind in den Sand schleudert, nnd .die fortwährend sich anschauen, gelebt. Wenn Chaimke in Euer Haus kommt, werde ich ohne ihn wie. ein Auge ohne Pupille, wie ein Körper ohne Seele bleiben. Gestattet, daß ich wenigstens oft in Euer Haus komme und ihn anschauend, meine alten Augen erfreue. . ." Am folgenden Tage bettat Reb Nuchim Chaje's Stübchen, und den geängstigten und weinenden Chaimke bei der Hand ergreifend, führte er ihn in sein Haus. Wer ist Reb Nuchim? Er ist unter den jüdischen Massen ob seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Barmherzigkeit weit und breit bekannt. Er ist ein sehr scharfsinniger Talmudist und studiert die Lehre von der Kabala mtt unermüdlicher Emsigkeit. Manche sagen, haß für seine Augen auf Erden und am Himmel nichts Verborgenes vorhanden sei, aber mit Bestimmtheit kann Ach das nicht behaupten. Dafür aber habe ich für seine große Barmherzigkeit unwiderlegliche Beweise, denn ihre Taten nnd deren Folgeil sah ich inehr als einmal mit eigenen Augen. Ich sah mehr als einmal arme, hungrige, in Fetzen gekleidete Judenkinder, die er scharenweise in Obhut nahm, ich sah sieche, gebeugte Greise, denen er seinen Arm als Stütze anbot ... Chaiinke wohnt bei Reb Nuchim und besucht die Talmudthora-Schule, aber abends unterrichtet ihn Reb Nuchim häufig selbst. Er führt mit dem Kinde lange Gespräche, erzählt ihm viele, aus den heiligen Büchen, Israels geschöpfte Geschichten, und das ist kein kleines Opfer, denn diese Gespräche absorbieren seine teuere Zeit, indem sie ihn den geliebten Studien und Gebeten entziehen.. Aber was tut nicht Reb Nuchim, wenn er sieht, daß irgend ein Armer seine Hilfe braucht oder daß man in irgend einem kleinen Herzen eine große Liebe für das israelitische Volk und seinen Glauben entstehen kann?- _Ende.__ Offenbarer Druckluft=Jlnlage Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. . Unübertroffene bewährteste Tspplctirslnlcung. Institut für Massage Karl Ed. AugsteiH) Kaiserstrasse 51). Teilmassage 0,80 Mk., Ganzmassage 1,— Mk. Beste Zeugnisse nnd Empfehlungen von Aerzten und Patienten z. D. Damen werden von Dame bedient. Toiletten-Tische in einfacher bis hocheleganter Ausführung liefert den verehrl. Dämon als Spezialität* Katalog gratis. F. IM Frankfurt i. M ..Bibergasse 8. Heilung. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. 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Jakob zieht nach Egypten, opfert an der Landesgrenze und bekommt die göttliche Zusicherung, dereinst wieder nach Kanaan gebracht und dort begraben zu werden. '— Josef fährt entgegen. Unterwegs trifft er den Vater. Lange umarmen sie sich und weinen. Die ganze Familie wohnt nun im Lande Gosen. Fünf Brüder stellt Josef dem Könige vor. Als Hirten dürfen sie im Lande wohnen. Auch Jakob hat eine Audienz bei Pharao. Er wird nach seinen, Alter gefragt und nennt sein Leben ein kurzes, leidersülltes. Er segnet Pharao. Die Hungersnot dauert fort. Josef versorgt die Seinigen mit Brot. Die Egypter verbrauchen ihr Geld zum Getteidekauf, dann ihre Herden, endlich ihren Bodenbesitz. Sie vermieteten sich schließlich selbst, um nur Nahrung zu erhalten. Josef bringt alles in Pharaos Besitz. — Die Sidra bringt auch einen Stammbaum der Jäkobsfamilie. Mittwoch (22. Dezember) ist Ass oro - bete -- wes 10. Tewes. Es ist ein TaaniS Zibbur, d..h. Gemeindefasttag, darum Pflicht aller religiös Großjährigen, einen ganzen Tag zu fasten. An diesem Tage — ungefähr 600 Jahre vor 1 — begann die Belagerung Jerusalems durch den babylonischen König Nebuchadnezar. Damit sing unser Fall an! — Es werden Selichaus gebetet, in der Schemauno- Esrei Aneinu eingeschaltet, endlich Wajechal aus der Thora vorgelesen. Wo zu Mincho 10 Fastende anwesend, wird selbsttedend auch zu Mincho dieser Abschnitt verlesen. „ Kaiser Friedrich Quelle --- Offenbach a. Ä. ■— Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. : Sigmund Singer, Bömeplatz 23 empfiehlt Stoffe für Herren-Anzüge und Paletots an billigsten Preisen.