Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 48 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 als Nationalsprache. Unsere besten westeuropäischen Nationalisten vermochten nicht bei ihrer „Rückkehr" den geraden Weg zu finden und scheuten nicht, einen Umweg zu machen, den sie sich bei richtiger Orientierung, hätten ersparen können. Wie lobenswert auch die Mühe, entbehrte es . jedoch nicht der Komik, wenn man im Namen der nationalen Renaissance den Jargon — oder, wie ihm seine philologisch - feinfühligen Anhänger benannt wissen wollen: daß Jüdische — mit naivem Eifer zu studieren begann. Die Komik steigert sich, wenn man bedenkt, daß diese Bevorzugung des Jargons als Nationalsprachc seitens westeuropäischer Jungjuden nicht zum kleinen Teile in seinem Verwandschastsvcrhältnissc zur deutschen Sprache begründet ist; seine Erlernung hatte für die Deutschsprechenden weniger Schwierigkeiten als das Hebräische, und die Bequemlichkeit machte natürlich den Jargon zur Nationalsprachc. So wurde das jüdische und nichtjüdische Publikum in Westeuropa irregcfüyrt: der Jargon verherrlicht. Las Hebräische ignoriert. Wer das Glück hatte, kein Hebräisch zu kennen und Jargon zu schreibe», wurde alsbald eine populäre Persönlichkeit. Hingegen sind die besten Schöpsungen der hebräischen Literatur unbekannt geblieben. Man gründete sogar Vereine sür „Jüdische Kunst", und man nahm sich nicht die Mühe, Einblick in die hebräische Kunst zu gewinnen. Man propagierte den Jargon vom nationalen Standpunkt aus, — aber manche geschäftstüchtige Verleger nahmen keinen Anstand, durch den Hinweis auf den Jargon als deutsche Mundart auch ijt nicht jüdisch-nationale und vielleicht gar in deutschpatriotische Kreise für Ueberfctzungen aus dem „Jüdischen" Stimmung zit machen . . . Dies hat noch vor kurzem geschehen dürfen. So weit hat's der Jargon in Westeuropa gebracht. * Nun sehen wir die Protektoren des Jargons unter den feierlichen Einberufern des hebräischen Kulturkongresses fungieren. Das kann uns nur freuen: sie scheinen inzwischen etwas gelernt zu haben. Aber es gibt noch ein Verhältnis zum Hebräischen, das abgewehrt werden muß: das wohlwollende Verhältnis der nationalen Romantik. Jargon sei die lebendige Volkssprache, Hebräisch die Sprache unserer herrlichen Vergangenheit. Diese Beurteilung unseres sogenannten Sprachen - Doppeltums ist die gangbarste. Selbst viele Freunde des Hebräischen haben sich noch nicht vom Vorurteil befreit, dem der Jargon die Wirklichkeit, das Hebräische die Romantik bedeutet. Der wahre tiefe Siun unserer nationalen Renaissance fordert aber das Hebräische als Realität und darf nie ein Verhältnis der Romantik zum Jargon haben, — während die noch am Goluth-Geist hastende Jüdisch - Moderne gerade das Gegenteil zu meinen scheint. Die bevorstehende hebräische Konferenz muß daher umsomehr diesen Gesichtspunkt hervortreten lasten: Hebräisch als Renaissance, Jargon mag als ein Stück Romantik, aber nur als solches, sein Recht haben. I. b. E. Brief aus Warschau. Der Warschauer Jude, der die letzten Jahre ini Auslände verbracht hat, wird bei seiner Rückkehr in seine Heimatsstadt in mancher Hinsicht sehr überrascht sein. Gewöhnt an den Verkehr mit den gesunden, starknervigen deutschen Juden, wird ihn der Anblick der hiesigen so ungemein nervösen Juden sehr erstaunen und betrüben. In ihren abgezehrten Gestalten lausen sic wie Schatten auf den Straßen umher, sich stoßend und drängend, als ob ein Damoklesschwert über ihren Köpfen hängt. Es ist kein Wunder.' Ein jeder läuft sich die Füße wund, nur um des lieben Brotes ivillen, das man hier mehr als irgendwo im Schweiße seines Angesichtes ißt. Die Verdienste sind jetzt sehr gering, die Verluste dafür um so größer, und dazu kömmt noch die furchtbare. Konkurrenz. Was die B e s ch ä f t i g u n g der hiesigen Juden anbetrifst, so ist nur der kleinere Teil Kaufleute und Händler. Der größere Teil setzt sich aus Agenten und Kommissionären zusammen, von denen sich in letzter Zeit ein ganz neuer Stand gebildet hat: die Bettlcragenten. Es sind das Leute, die genau wissen, in welchen Häusern und Geschäften die meisten Almosen gegeben werde n und nun Bettler von der Umgegend kommen lassen und sie in der Bettelkunft unterrichten, wofür sie dann von diesen ausgebildeten Bettlern eine gewisse Provision erhalten. Wird sich der deutsche Leser wundern, wenn er von diesen „Agenten" hört, so wird er mach mehr in Erstaunen geraten, wenn er erfährt, daß es bei wrs eine andere Klasse von Leuten gibt, die durch Eispressungen und Denunziationen ihren Lebensunterhalt finden. Gerade diese traurige Erscheinung zeigt besonders, wie drückend und furchtbar die ökonomische Lage der Juden hier Frankfurter Israelitisches Fainilienblalt. ist, und wie tief infolge dieser Not bei vielen der sittliche Halt gesunken ist. Und all dies ist die Folge der russischen Revolution, die nicht nur das wirtschaftliche, sondern noch mehr das geistige Leben der russischen Juden so sehr verschlechtert hat. Mit Recht bezeichnet S ch ol a u m A l e i ch e m die r u s s i s ch c K o n st i t u t i o n als eine Plage, vor der un s Gott fernerhin beschützen möge. Wie sehr die Liebe zum Judentum und,zum jüdischen Volk bei manchen Kreisen unserer Jugend geschwunden ist, beweisen die zahlreichen Taufen, die wir in letzter Zeit hier mitansehen mußten; und was noch schlimmer ist: man regt sich gar nicht mehr über diese Dinge auf; man denkt nicht daran, diese Volksverräter von seinem Verkehr auszuschlicßen, lvie es immer bei uns gewesen iftj man nimmt vielmehr dies Taufen als eine Erscheinung hin, mit der man rechnen muß. Ueberhaupt nimmt der Kanipf ums Leben hier den Juden so sehr in Anspruch, daß er nicht viel Muße hat, seine geistigen Bedürfnisse zu stillen, und so herrschte bis vor kurzem auf diesem Gebiete eine tötende Apathie, ein erschreckender Jndifferentismus, eine erstarrende Winterkälte. Bis vor kurzem! Denn jetzt scheint man endlich — wie es der Korrespondent Ihres vorigen Briefes richtig bemerkt hat — wieder von diesem W i n t c r s ch l a f n u f z u w a ch e n. Wenn auch vorerst noch das Jargon hier allmächtig ist — wir haben hier drei Jargon-Zeitschriften, und keine einzige hebräische —, so hat es doch schon seinen Höhepunkt überschritten und nimmt allmählich ab, wogegen das Hebräische wieder aufkommt. Dieses Wachsen des Hebräischen ist hauptsächlich dem Wirken des unermüdlich arbeitenden Verlages „T u s ch i - j a h" zu danken, der jetzt ein Riesenwerk unternimmt, indem er ab Januar 1910 alle einigermaßen bedeutenden hebräische Werke, die im Mittelalter und in der Neuzeit erschienen sind, unter dem Namen einer „B i b l i o t h e k o g d a u l o h" hcrausgeben will. Außerdem arbeitet ini Interesse des Hebräischen noch die Gesellschaft: „Chowewe sfas c w e r." Was sonst das jüdische öffentliche Leben anbctrisst, so haben wir hier drei jüdische Theater, von denen jedes sich rühmt, die übrigen zu übertreffen, ferner, wie schon erwähnt, drei Jargonzeitungen, die sich auch einander das Leben sauer machen und einen größeren jüdischen Verein: „H a s o m i r", der sich die Pflege der j u d i - s ch e n K n n st zur Aufgabe macht. Der Verein besitzt einen glänzenden Chor, eine besondere dramatische Sektion, und er geht jetzt daran, ein eigenes Orchester zu gründen. Die Bedeutung und Wirkungskraft des Vereins wäre noch viel größer, wenn alle Mitglieder nur regelmäßig oder überhaupt zahlen wollten. Fasse ich alle meine Beobachtungen zusammen, so habe ich den Eindruck, daß die Lage ssine überaus traurige ist, sowohl auf ökonomischem, als noch mehr auf geistigem Gebiete, daß aber sichere Symptome dafür vorhanden sind, daß eine neue, bessere Zukunft im Anbruch ist. Israel P o m p c r. Aus Un Geschehnissen des Tages. Freiheit und Dollar, — das sind Begriffe, die nicht zusammengchören. So mußte denn im Lande der Freiheit und des Dollars einer von beiden die Herrschaft gewinnen, — und es war der Dollar, der den Sieg errang. Den Wandel der Dinge nach der ungünstigen Seite hin bekommt natürlich immer der Jude zuerst zu spüren. Was. Wunder also, daß dieser Barometer der Menschheit auch sin Lande der gewesenen Freiheit und des seienden Dollars „antisemitisches Unwetter" meldet. Oder ist die neueste Chikane der Einwanderungsbehörde, die „M u s k e l n" der Einwanderer auf ihre Kraft zu prüfen und die mit schwächlichen Muskeln Ausgestattetcn nach Paragraph so und so des Einwanderungsgesetzcs als „physisch schwach" wieder nach Europa zurückzuschicken, etwas anderes als eine antisemitische Maßnahme? Oder was bedeutet die Resolution, die die sozialistische „Federation of Labonr", die größte amerikanische Arbeiterorganisation, gefaßt hat, die Resolution nämlich, daß „die Gesetze gegen die russische Einwanderung nicht hinreichend sind und noch wesentlich verschärft werden müssen? — Die Juden Amerikas natürlich sehen nur Sonnenschein, und wenn sic sich wirklich schon einmal zu einem Beschluß aufrafscn, so ist er eines Schildbürgers und nicht des sonst so klar denkenden Juden würdig. Als da jüngst während einer ganzen Woche die „Konferenz der amerikanischen Rabbiner" tagte, da sprachen diese ehrwürdigen Herrn nicht ein Wort, das da zeigte, daß sie von dem Witterungswechsel am politischen Himmel der Vereinigten Staaten eine Ahnung haben, sie quälten sich mit der Frage ab, ob sie sich die Sporteln einer Mischehen - Trauung entgehen lassen müssen, und faßten den Beschluß, die Einwanderungsbchörde zu Nr. 48. ersuchen, die Juden nicht als „Juden", sondern als Russen, Engländer ic. einzutragen. * * * Man schreibt uns aus Berlin: Der Sombart'sche Vortragszyklus ist nunmehr beendet; es dürfte nach Erscheinen des angeküudigten Buches ausführlicher kritisch darauf eingcgangen lverden. Heute möchten wir nur einige Bemerkungen machen. Beim Anhören der Vorträge beschlich uns ein Gefühl der Scham, daß es wieder ein christlicher Gelehrter sein »rußte, der sich zuerst so in die Tiefe gehend mit einem so eminent jüdischen Problem beschäftigte. Läge hier nicht eine große Aufgabe für den Zionismus vor, die Aufgabe, darauf hinzuwirken, daß die Gelehrten, die ja so zahlreich in ihm vertreten sind, sich mehr spezifisch Jüdischem zuwendcn, als cs bisher gegeschehen ist? Besonders auf die studentische Jugend könnte in dieser Beziehung eingewirkt werden. Es wäre dies sicherlich nutzbringender als die Propaganda für jüdische Kunst, denn wahre Kunst kann nicht geschaffen werden, sondern entsteht aus sich selbst. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 16. Dez. Infolge des Kompromisses war die Beteiligung an den heutigen Wahlen für den Ausschuß der jüdischen Gemeinde nur eine mäßige. Es wurden 260 Stimnien abgegeben, und zwar erhielten Be uni Oppenheimer 259, Dr. med. W. Hanauer und Rudolf Kahn je 257 und E. I. Michael 256 Stimmen. Karlsruhe. Das Statistische Jahrbuch für das Großhcrzogtum Baden bringt in seinem 37. Jahrgang folgende Statt st ik über die Juden Bade ns: Die jüd. Bevölkerung siel von 26 008 Seelen im Jahre 1903 auf 25 819 Seelen im Jahre 1907. 1903 wurden 188 rein jüdische und 14 jüdisch-christliche, 1904 205 rein jüdische und 18 jüdisch-christliche, 1905 183 rein jüdische und 21 jüdisch-christliche, 1906 180 rein jüdische und 20 jüdisch-christliche und 1907 212 rein jüdische und 18 jüdischchristliche Ehen 'geschlossen. ' Burghaun bet Fulda. Der von hier gebürtige und in Frankfurt a. M. verstorbene Kaufmann I. N u ß b a u m hat der hiesigen jüd. Gemeinde folgende Legate vermacht: 10 000 JL zum Synagögennenbau und 20000 JL für wohltätige Zwecke. Neustadt i. Lberschles. Der jüngst verstorbene Konimerzienrat Albert Frankel hinterließ große Beträge für Wvhltätigkcitszwecke, und zwar 100 000 JL zur Errichtung eines Siecheuhauses, 30 000 JL für eine Emilie Fränkel-Stiftung und 70 000 JL an verschiedene Wohltätigkeitsinstitutionen. Posen, 14 Dez Morgen wird der Neubau des L a tz' s ch e n Altenuu d S i c ch c n h e i m s e i n g e w c i h t. Aus einer Stiftung des im Jahre 1829 verstorbene» Kaufmanns Salomon Benjamin Latz in Höhe von 6000 Talern erwachsen, hat diese Anstalt in den 80 Jahren ihres Bestehens außerordentlich segensreich gewirkt. Ursprünglich an der Ecke der Teichnnd Wroukerstratzc belegen, tauschte die Anstalt mit der Syuagogengemciude, die an dieser Stelle den neuen Tempel errichtete, ihr Terrain aus und gelangte so in den Besitz des Platzes, auf dem viele Jahrhunderte die Gemeine-Synagogen sich befunden hatten. Als Krankenanstalt begründet, wurden die Aufgaben der Stiftung mit dem Neubau des Rohrschen jüdischen Krankenhauses von diesem übernonimcn. Da es jedoch ein dringendes Bedürfnis war, de» vielen Alten und Siechen jüdischen Glaubens eine Heimstätte zu schaffen, tvurde die Stiftung in ein Alten- und Sicchenheim umgewandelt. Provisorisch war die Anstalt während des Neubaues in dem der Gemeinde gehörigen Hause Juden- und Dominikanerstraßen-Ecke untergebracht. Der jetzt fertiggcstellte Bau wurde ermöglicht durch eine Reihe hochherziger Stiftungen, denen sich eine Beihilfe der Stadtgemeinde Posen in Höhe von 10 000 JL zugcsellte. Oesterreich-Ungar«. Wien, 12. Dez. In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, kani es zu einem lebhaften Zwischenfall zwischen dem Präsidenten P a t t a i und den Abg. Dr. Strauchcr und Stand. Während der Rede des czechisch-klcrikalen Abg. Dr. Mysliwec führte Vizepräsident Doktor Steinwcndcr den Vorsitz, während Dr. Patt a i die Angriffe dieses Abgeordneten gegen die Juden mit lebhafter Zustimmung begleitete. Gegen die provokatorische und parteiisch eHaltung desPräsidenten wandten sich die Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r, Stand und K u -