Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 48 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692662--05096-2699978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Israitkfitrter ftnrlitifdirs familirnblatt. < ———--- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4-—--——-:— He-aKtio« uud SrunKfurt a. m.. 'vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße PeLefo« 10507. ^eranrgevep: Kalfz eftr. JnsertionSpreise: Die viergespaktene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberrinkunft. 7. Jahrgang. Freitag, den 5. Tewes 5670 (17. Dezember 1909). Nr. 48. SBV Die nachstwöchenMe Nummer erscheint bereits Donnerstag. Schluß für Inserate Mittwoch Mittag 2 Uhr. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Bon dem Einstusse der nationalen Idee auf die moderne hebräische Literatur.—Hebräisch. — Brief aus Warschau. — Aus den Geschehnissen des Tages.— Aus allerWelt. — Feuilleton: Chase. — Wochen-Kalender. — Familiennachr i ch t en. Bon dem Einflüsse der nationalen Idee ans die moderne hebräische Literatur. (Schluß). Von zwei Richtungen war hier die Rede, und da stellten ivir an die Spitze der realistischen Richtung Ben A v i g d o r; dies taten wir, gestützt auf eine in ihrer Form belletristische, in ihrem Inhalte aber publizistische Skizze, die den Namen „Menachein hasanfer" trägt und die großes Aufsehen erregte und nachhaltigen Eindruck für die Folge hinterließ, weniger aber auf Grund seiner das zeitliche Volksleben fein zeichnenden Novellen und Romane — diese erschienen längere Zeit hindurch zweimal monatlich in einer billigen Volksausgabe unter dem Namen: „Sifre agauro" —, die bei all ihrer tiefen Psychologie und feinen Beobachtung mehr die Früchte eines warmen, seelischen Mitempfindens für das Treiben der ärnieren und religiösen Schichten des Volkes sind. Es >var dies eine Folge der großeirBeg c i st e r n n g der achtziger Jahre für alles Jüdische — die Religion mit inbegriffen —, und diese Begeisterung hielt noch bis in die rationalist i s ch c Zeit der neunziger Jahre an. In der oben erivähnten Skizze tritt der Held „Menachcm hasanfer" mit Wärme und Entschiedenheit für das Reale und Allgemeinm e «schliche in der jüdischen Literarur ein, und sich' in den Gedankengängen der Realisten bewegend, hebt er all das, was die reale Richtung bejaht, hoch, wogegen er das andere verwirft. Mithin darf dieses kleine Büchlein als Vermächtnis der Realisten angesehen werden, und fügt man die weiteren und näheren Betrachtungen B e r d i t s ch e w s k i' s zu den Gedankengangen „M e n a ch e m h a s a u f e r s" hinzu, so hat man ein ganzes Bild von den Anschauungen der zweiten Richtung. So weit die zwei Richtungen. Doch gar manche Schriftsteller — und zwar sehr bedeutende — gibt es noch, die ihre eigenen Wege gegangen find und deshalb in keine dieser beiden Richtungen sich einreihen lassen, so z. B.: Abram o w i t s ch („Mendele mancher sforim"), N. S vlolow, Perez und D. Frisch mann, alles klingende Namen. Allein, auch diese wurden mehr »der minder von der nationalen Idee beeinflußt — Sokolow weiht jetzt seine Feder ganz dem Nationalismus—, nicht zu sprechen von Br ein in, Zeitlin. I. Steinberg, I. Lewner, I. Kahan, S ch n e i e r, F i ch m a n n und vielen anderen, die in noch stärkerem Maße in nationalem Geiste, geschrieben und gedichtet haben. Der nationale Gedanke befruchtete in reicher und ausgiebiger Weise die Träger des hebräischen Schrifttums, er hat in einer im Verhältnis zu der kurzen Zeit seit seinem Erwachen nie geahnten Größe vor uns eine moderne Literatur aus wenigen vereinzelten Anfängen erstehen lassen, eine Literatur, die sowohl auf dem Gebiete der Publizistik jeglicher Genres, als auch auf dem Gebiete der Belletristik aller Schattierungen, wie Novellistik, Roniandichtung, Lyrik, Epik, Fabel und Märchen usw., Großes gezeitigt hat. In unserem Artikel „Die Renaissance der hebräischen Sprache und Literatur" wiesen wir auf die großen Leistungen Ben Avigdors durch die von ihm begründeten Verlage „Achiasaf" und „Tuschija" hin. Im letzteren Verlage erscheinen inimerfort neue Werke, sowohl für die Jugend wie auch für das reifere Alter. Eben beginnt dieser Verlag mit der Herausgabe 'einer groß angelegten Bibliothek, die sämtliche bedeutenden Werke des Mittelalters wie der Neuzeit — sowohl wissenschaftlichen, als auch literarischen Inhalts — unter dem Namen „Bibliotheko gedaulo" enthalten soll. Außerdem existieren noch andere, wenn auch nicht so bedeutende Verlage, so der rührige Verlag „Maurijoh" in Odessa. Aber auch auf wissenschaftlichem Gebiete wirkt der nationale Gedanke befruchtend. Nicht nur der vor knrzeni erschienene interessante Umriß der jüd. Geschichte des Altertums von Klausner, der durch seine von nationalem Standpunkte erfolgte Geschichtsbetrachtung eine neue Phase der jüdischen Geschichtsschreibung einleitet, sondern auch das groß angelegte und glänzende Wörterbuch von Ben Jehuda betrachten wir als Folge des nationalen Gedankens.*) Und bedarf es noch nach aU dem Gesagten eines Beweises, wie groß der Einfluß der nationalen Idee auf die moderne Literatur wurde? Allein, was noch einer Erörterung bedarf, ist das Verhältnis der nationalen Idee zur Religion. Die Frage ist: gereicht der Nationalismus der Religion zum Nutzen, oder benachteiligt er sie gar? Beim Entstehen einer jüdischen Literatur hat diese Frage eine besondere Wichtigkeit, da das geistige nreigentliche, ursächliche Schaffen des jüdischen Wesens von seinem Entstehen an von zwei eng verknüpften Faktoren, dem religiösen und dem nationalen, inspiriert und getragen worden ist, und somit sollte man meinen, daß es von Nachteil für eine jüdische Literatur sein müßte, wenn das eine Moment zu Ungunsten des andern sich breit machen würde. Es muß also festgestellt werden, welchen Anteil die Religion bei der Entwicklung der modernen hebräischen Literatur seit der nationalen Aera hatte. *) lieber diese beiden Werke werden wir noch eingehende Rezensionen bringen. Anfang der achtziger Jahre wollte es scheinen, als ob alles Religiöse als etwas zum Nationalismus Gehörendes von diesem mit übernommen und gleich ihm respektiert und sogar verherrlicht würde. Allein nach und nach, als sich die Wogen der mit elementarer Wucht ausgebrochenen Sehnsucht zu legen begonnen hatten, begann die Religion, gedrängt einerseits von dem von den Realisten übernommenen G o r d o n' scheu Realismus, andererseits von dem kalten, berechnenden Rationalismus A ch a d H a a m' s. zurückzuweichen, sodaß man nach und nach alle religiösen Momente vom Nationalen trennte und ausschaltete. So war es im Leben, so auch in der Literatur. Der religiöse Schriftsteller, wenn auch noch so talentiert, mußte sich verkriechen, denn der Spott verfolgte ihn. Daß die Freiheitsbestrebungen und die Revolution ihr Scherflein dazu beitrugen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Doch ändere Zeiten — andere Vögel, andere Vögel — andere Töne! Unter dem Eiw» flusse der überall sichtbaren religiösen Strömung im Leben wie in der Wissenschaft, sowie durch die geringen Erfolge des bloßen Nationalismus auf die Jugend, beginnt man jetzt, wenn auch noch schüchtern, zur Religion zurückzukehren. Ein bedeutender Schriftsteller, wie Klausner es ist, einer der Hauptanhänger des Ach ad Ha am, beginnt, von diesem emanzipiert, zur Einkehr zu mahnen. Die neuen und alten Klänge eines Jehuda H a l e v i, sie kommen in der Literatur noch nach! 'S. H. G—n. Hebräisch. Schon die Tatsache, daß eine Konferenz für hebräische Kultur einberufen wird, bedeutet eine» Fortschritt der nationalen Erkenntnis. Uutsomehr als diese Konferenz auch von Männern' gefordert wird, die bisher ein verirrtes, ja beschämendes Verhältnis zum Hebräischen zeigten.. Ohne die praktischen Aussichten des geplante» Kulturkongresses hier erwägen zu wollen» dürfen wir jedoch seinen moralischen Wert zu ermessen versuchen. Die Auflebung der hebräischen Sprache und Literatur wurde bereits mehrfach als ein nationale» Postulat verkündet, aber sehr selten ernst genommen. Selbst aus den Zionistenkongressen hatte dies Bekenntnis, das in feierlichen Ausdrücken nie verlegen war, nur eine dekorative Bestimmung; im besten Falle vermochte es nur ein ehrliches Geständnis zu sein, das zu wenig Innigkeit der Erkenntnis besaß, um eine Tat erzeugen zu können. Man hätte immerhin erwarten dürfen, daß eine nationale Forderung von solcher Prägung — die Rückkehr zu unserer Nationalsprache — vornehmlich für die westeuropäischen Zionisten fruchtbar werden müßte. Wie anders, wenn der' Zionismus mehr als ein Luxus, der zumal nicht kostspielig ist, bedeuten soll; wenn er eine innere Revolutionierung zu sein hat. eine Umwertung gar Kieler seelischen Werte, der Goluth-Werte. Und wahrlich, eine klein Schar junger Jude» in Deutschland und Oesterreich haben im Name» der „Rückkehr zum Judentum" die Förderung der nationalen Sprache und Literatur unternommen. Was haben wir aber da erleben müssen? Ei» arges Mißverständnis, das fast verhängnisvoll z» werden drohte. Dieses Mißverständnis heißt: Jargon