Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 47 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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’ €>ette 2 Fraükfurker Jsra'eMWes FauMenblatt. Nr. 47. kannten und ihnen das Reiht aus einen selbständigen jüdischen Kataster auch zusprachen. Hoffentlich dringt diese Anschauung, die pur an dem Widerstände der Regierung und Assimilanten scheiterte, irn gesamten Reiche zum Wähle Oesterreichs, seiner Völker und der Juden, durch. Brief aus Rutzlaud. Warschau, 1. Dezbr. Jetzt, nachdem sich die Wogen der .russischen Revolutton vollständig gelegt haben, ist es erst möglich, einen Ueberblick über die letzten Jahre zu werfen und eine Bilanz darüber zu ziehen, was uns Juden diese Revolution gebracht hat. Da wird denn der gewissenhafte Beobachter leider feststellen müssen, daß wir diese Bilanz mit einem großen Defizit abschließen. Nicht nur, daß keine einzige von all den Hoffnungen, die man beim Ansbruch der Revolution gehegt hat, in Erfüllung gegangen ist, hat diese noch eine Verschlimmerung unserer Lage gebracht, sowohl nach außen als nach innen. Nach außen — infolge der jetzt mehr als je trininphicrenden und sich immer unverschämter benehmenden Reaktion, und nach innen — hauptsächlich infolge des unheilvollen Wirkens der Rcvolutionsparteien /(Bund und andere), die von rein nihilistisch-assimilatorischen Gesichtspunkten geleitet, bei einem großen Teile der jüdischen Jugend ihr Judentum untergraben haben. So müssen wir denn heute mitansehen, wie das Interesse für das Hebräische mehr und mehr zurückgeht, wie ganze Scharen von jüdischen Studenten ihr Judentum aufheben, um an den Universitäten ausgenommen zu werden, und endlich wie in Petersburg Leute daran gehen, eine Reformgemeinde zu gründen. Das letztere ist ja erfreulicherweise nicht gelungen, da es nicht der Denkart eines russischen Juden entspricht, etwas so Unnatürliches, wie die Reform in die Welt zu setzen. Und auch in Zukunft wird diese Frucht deutsch-jüdischer Denkart sich nur schwerlich aus russischem Boden akklimatisieren. Aber lediglich das Austauchen einer solchen Idee ist. schon ein bemerkenswertes Symptom. Aber noch weitaus schlimmer als dieser Vorfall ist der Rückgang des Interesses für das Hebräische. Wie in dieser Beziehung die Zustände geworden sind, das hat vor einiger Zeit eine Enqu6te gezeigt, die der Hed Hasmann bei der jüdischen Landbevölkerung angestellt hat. Da stellte sich denn .heraus, baß es größere jüdische Gemeinden gibt, in denen nur 6—7 Familien noch eine hebräische Zeitung lesen, die übrige Bevölkerung liest, soweit sic es kann, russisch, sonst das Jargon. Lesehallen sind nur wenige vorhanden, gut geleitete hebräische Schulen noch weniger. Doch endlich scheint man auch bei uirs einzusehen, daß mit dem „Laisser faire, laisser aller" die Lage immer schlimmer wird, und daß mit einer energischen, zielbcwußten Arbeit eingesetzt werden muß, sollen die Zustände sich bessern. Nachdem darin die geistlichen Führer der russischen Juden, die Rabbiner, zum Teil vorangegangen sind — ich erinnere nur an die Konferenzen zu Warschau und Wilna — beginnen nun auch die weltlichen Führer ihrem Beispiele folgen zu wollen. So werden sich am 2. Dezember viele Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in Kowno versammeln, um über eine Neuordnung der Gemeinden zu beraten. Der Zustand unserer Gemeinden ist in der Tat oft ein trostloser. Infolge der Spaltungen und Parteiungen sind sie kaum imstande, richtige, modernen Anforderungen entsprechende Schulen einzurichten und so bewußt die Jugend im jüdischen Sinne erziehen zu können.? Nunmehr sucht man Mittel zu finden, um durch Einigung und Besteuerung der Gcmeind.emitglieder die Finanzkraft der Gemeinden zu heben und ihnen so die Möglichkeit zu geben, energisch in die Entwickelung der russischen Juden eingreifen zu können. Es ist anzunehmen, daß die Beschlüsse der Kownoer Konferenz mehr Ersolg haben werden, als die ihrer Vorgängerinnen zu Warschau? und Wilna. Während dort nämlich Männer saßen, die zum großen Teil nicht im Leben stehen, Männer, die die Entwickelung der russischen Juden in den letzten 10 Jahren zum Teil gar nicht genügend verfolgt haben, sind in Kowno Leute versammelt, die alle mitten sin Kampfe des Lebens stehen. Aber noch einen zweiten Vorzug hat di^e Konferenz vor den vorhergehenden' voraus. In den Rabbinerversammlungen war nämlich eine richtige Aussprache und ein ftcier Meinungsaustausch gar nicht möglich, da die Angst und die allzugroße Ehrerbietung gegenüber einigen hervorragenden Rabbinern die anderen vor jedem Widerspruch gegen diese wenige zurückgehalten hat, so daß der Wille dieser auch der Wille der Konferenz sein mußte. Aus der Kownoer Konferenz ist aber ein sochler Fall gar nicht denkbar. Hier stehen sich durchwegs Männer gegenüber, von denen keiner' den anderen fürchtet, Männer, die sich auch sonst als Gegner gegenüberstehen, und die alle nur der eine Wunsch hergeführt hat, die innere Lage der russischen Juden zu bessern. Während sich so in Kowno die weltlichen Führer der russischen Juden zusammenfinden — allerdings sind auch manche bedeutende Rabbiner darunter — versammeln sich die Rabbiner kurze Zeit später in Petersburg. Sich keineswegs durch die Kritik, die von vielen Seiten an den früheren Konferenzen geübt wurde, entmutigen lassend, versuchen sie es jetzt von neuem, Mittel zu finden, um ihr Ansehen in ihren Gemeinden und ihren Einfluß bei der Jugend wieder zu stärken. Das wäre auch sehr zu wünschen. Allerdings ist das nur möglich, wenn sie die jetzigen Wünsche und Anschauungen der russischen Juden berücksichtigen. Sie müssen einsehen, daß jede Besserung nur ganz allmählich erfolgen kann und daß mit übertriebenen Forderungen und ewigem Schelten nichts gewonnen wird. Inwieweit die Rabbiner dies inzwischen eingesehen habe», wird man ja aus ihren Beratungen und Beschlüssen auf der Petersburger Konferenz ersehen können. lieber die Ergebnisse dieser Konferenz — als auch über die der Kownoer — darüber der nächste Brief. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Nächsten Mittwoch finden die Wahlen zum Ausschüsse der israelitischen Gemeinde statt. Der „Zentralverein isr. Gemeindemitglieder" und der „Freis. Verein für jüd. Gemeindeleben" haben sich auf eine gemeinsame Liste geeinigt und folgende Herren ausgestellt: Dr. med. W. H a n a u e r, RudolphKahn,ÄennyOppenheimer und EliJakobMichael. Berlin. Anläßlich der vom 19.—21. Dezember hier tagenden „Konferenz für hebräische Sprache und Literatur" wird Na hum Sokolow, der hervorragende Hebräist und geistvolle Schriststeller, einen Bortrag halten. Er wird am 19. Dez. mittags 12 Uhr im großen Saale der Sophiensäle (Sophienstr. 17/8) in deutscher Sprache über „Die Bedeutung der hebräischen Sprache und Literatur für das Judentum" sprechen. Berlin, 5. Dez. Am heutigen Tage fand eine vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde zusammenberufene Versammlung von Delegierten der großen Gemeinde- und Armen-Verbände, sowie der Großgemeinden aus allen Teilen Deutschlands behufs Gründung einer Gesamtorganifation zur Regelungdes Wanderbettels unter dem Vorsitz von Pros. M. Philippsou statt. Auf Grund der lichtvollen und gediegenen Referate der Herren Fcilchenfeld-Köln und Liebenfeld-Bochum wurden nach eingehender und sorgfältiger Diskussion durch die mehr als fünfzig Delegierten nahezu einstimmig folgende Anträge der Herren Kommerzienrat Hirsch- Halberstadt und Dr. Nathan (Hilfsverein der Deutschen Juden) angenommen: 1. Es wird beschlossen, eine deutsche Gesamtorganisation zur Verbesserung der Wander-Armen- Unterstützung zu bilden und zwar auf Grundlage des Referates der Herren Feilchenseld-Köln und Licbenfeld-Bochum. 2. Es wird beschlossen, mit der Ausführung der obigen Resolution den D.-J. G.-B. zu betrauen, der verpflichtet ist, alle weiteren Schritte zur Durchführung der Gesamtorganisation mit möglichster Beschleunigung herbeizuführen. 3. Neben der aus dem D.-J G.-B. gebildeten Zentralkommission sollen Provinzialkommissionen zur lokalen Vorbereitung der Organisation und zur Heranziehung der einzelnen Gemeinden begründet werden. Die Provinzialkommissionen können auch lokale Subkommissionen zu demselben Zwecke schaffen. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen sind binnen zwei Monaten der Zentralkommission mitzuteilen. 4. Es wird beschlossen, daß der Vorsitzende des D.-J. G.-B. zur Durchführung der obigen Resolutionen alle jene Persönlichkeiten hinzüziehe, die ihm hierfür /geeignet , erscheinen. 5. Die obigen Beschlüsse werden von denjenigen Anwesenden nur zur Berichterstattung für ihre Auftraggeber entgegengenommen, die nicht in der Lage sind, sogleich Stellung zu nehmen. Diese Vertreter werden ersucht, ihre Auftraggeber mit möglichster Beschleunigung zu einer Zustimmung bezw. Stellungnahme zu obigen Resolutionen zu veranlassen. :r Hiermit ist ein großer Schritt getan Zugunsten eines bedeutsamen Werkes, das materiell unseren deutschen, moralisch unseren osteuropäischen Glaubensgenossen zum Segen gereichen soll. Freilich ist noch viel Arbeit und Mühewaltung nötig, um es zum Ziele zu führen. Hannover. Am 28. November hat die diesjährige Kuratoriumssitzung der Isr. Erziehungsanstalt Ahlem stattgefuuden. Aus dem Bericht des Vorstandes ist insbesondere zu erwähnen, daß in dem abgelaufenen Jahre 13 Gärtner, 2 Bäcker und 1 Schuhmacher als ausgebildete Gehilfen entlassen sind und bis auf zwei/ die nach Amerika auSzuwandern beabsichtigen, sämtlich Stellung gesunden haben. Der vorgelegtc Etat für 1910 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 119500 Mk. ab. Wesentliche, die Allgemeinheit interessierende Posten darin ind ein Beitrag der Alexander und Fanny Simonchen Stiftung von 10 000 Mk. und jährliche Spenren, die mit 45 000 Mk. veranschlagt werden mußten, um das. Gleichgewicht in der Rechnung herzutellen. Zur Erreichung dieser Summe wird es - andauernder Tätigkeit der Freunde der Anstalt bedürfen; erfreulicherweise haben sich verschiedene auswärtige Mitglieder des Kuratoriums teils mündlich, teils schriftlich bereit erklärt, im nächsten Jahre mehr noch als bisher für die Anstalt zu wirken, damit sie .ihren edlen sozialen Zweck erfüllen kann. Die Gesamtzahl der Zöglinge beträgt gegenwärtig 42 Lehrlinge und 58 Schüler im Knabenhause, 21 Schülerinnen, 14 Haushaltungs-Zöglinge und 6 Teilnehmerinnen am einjährigen Haushaltungskursus im Mädchenhause, zusammen 141. Der letzterwähnte Kursus ist erst seit Vi Jahren eingerichtet und für junge Mädchen aus gut-bürgerlichen Familien bestimmt. (I,.) Posen. In der hiesigen Stadtverordnetenversammlung kam das Naturalisationszesuch eines Tischlers aus Posen zur Sprache. Derelbe ist russischer Staatsangehörigkeit, evangelischer Religion und in Lodz geboren. Der Polizeipräsident empfahl sein Gesuch warm, und der Referent, Stadtverordneter Dr. K a n t o - rowicz beantragte aus forinalen Gründen, dieses zu genehmigen. Bei dieser Gelegenheit brachte er zur Sprache, daß in den letzten Jahren wiederholt Personen jüdischen Glaubens, die.fremde Staatsangehörigkeit erworben hatten, aber seit Jahren in Posen ansässig waren und in guten Verhältnissen lebten oder deren Kindern, pic in Deutschland geboren waren und deutsche Schulbildung genossen hatten, die Naturalisation von den Kgl. Behörden verweigert wurde, ja in vielen Fällen deren Ausweisung erfolgte. Er richte daher von dieser Stelle aus einen Appell an den Gerechtigkeitssinn des Herrn Polizeipräsidenten und der Kgl. Negierung, in Zukunst gegen die Angehörigen der jüdischen Religion ebenso wohlwollend zu verfahren, wie in diesem Falle und nur des Glaubens wegen diesen Personen die Naturalisation nicht zu verweigern. Oesterreich-Ungarn. Wie«. In der denkenden Wiener Judenheit haben zwei Vorkommnisse der letzten Tage unliebsames Aufsehen erregt. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde hat sein ehemaliges Mitglied Theodor Ritter von Taussig durch ein Ehren grab geehrt, und der konservative Oberrabbiner Dr. Güdemann hat keinen Anstand daran genonimen, bei der Beerdigung des Herrnhausmitgliedes Baron Ludwig Oppenheimer auf dem christlichen Friedhofe zu Hietzing die Leichenrede zu halten. Beide Millionäre hatten nie Geld für jüdische Zwecke übrig. Ritter von Taussig nahm wohl mehrere jüdische Ehrenstellen ein, aber um das Judentum hat er sich nicht allein nicht verdient gemacht, sondern er hat ihm durch seine sanfte Behandlung der Antisemiten und Uebernahme der rusfischen Anleihe zur Pogromzeit geschadet. Und Baron. Oppenheimer war so wenig Jude, daß er seinen Sohn — bekannt als Herausgeber der „Oeflerr. Rundschau" — schon als Kind zur Taufe führte. Wenn Vorstand und Rabbiner so wenig Verständnisfür jüdisches Selbstbewußtsein haben, dann braucht man sich wahrlich nicht über die. Wiener jüdischen Zustände, die z. B. in den tagtäglich stattfindenden Taufen zum Ausdruck kommen, zu wundern. Großbritannien London. Es dürste die Leser einer jüd. Zeitung interessieren zu erfahren, wie sich die jüdischen Peers.in der .entscheidenden Abstimmung des Ober- | Hauses verhalten haben. Für die Resolution Lord Lansdowne's, also für die Verwerfung des Budgets, stimmten Lord Rothschild und Lord Michel- Ham, Lord W a u d s w o r t h enthielt sich der Stimme und'Lord Swaythling stimmte mit „Nein". London. Die jüd. Bevölkerung Englands, Irlands und Schottlands wird mit 240 000 Seelen angenommen, von denen 142 000 in L o n d o n, 28 000 in M a n ch e st e.r, 25 000 in L e e d s und je 7000 in Liverpool und Glasgow wohnen. Rutzlaud. Petersburg. Graf Leo Tolstoi arbeitet gegenwärtig gemeinsam mit Rabbiner G o r d o n in S m a r g o n an einer Sammlung talmudis ch er Moralsprüchc in russischer Sprache. Die Anthologie soll in dem von Tolstoi im Jahre 1885 begründeten. Verlage „Posrednik" erscheinen. In seinem letzten an Rabbiner Gordon gerichteten Briefe, vom 21. November schreibt Tolstoi: