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Neue jüdische Presse · 1909-12-10 · Heft 47 (10.12.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 47 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsrankfirrLer frurlitifilire fnrailirnlilalt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: j Deutschland und Oesterreich ° Ungarn Mk. 1,50, j sonstige Länder Mk. 2.— I - > HedaKtton und chefchäfisstette: Srankfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Telefon 10507. Hevansgsber: GalU chet§. r ..— , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - 7. Jahrgang. Hreitag, den 27. Eislew 5670 (10. Sesem&er 1909). Nr. 47. Inhalt -es Hauptblattes. Artikel: Bon dem Einflüsse der nationalen Idee auf die moderne hebräische Literatur. — Die Juden und die Nationalitätenfrage in Oesterreich. — Briefe aus Rußland. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Chaje. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Bon dem Einflüsse der nationalen Idee ans die moderne hebräische Literatnr. sFortsehung). Wir sprachen von neuen und alten Werten, die mit dem Einzuge des Hamhalach hechodosch durch Ach ad tz a am geprägt worden; doch von Werten, die auch andere damals im entgegengesetzten Sinne geprägt haben, sprachen wir nicht, diesen sollen die folgenden Zeilen dienen. Es ist bereits andeutungsweise von Gegensätzen in der hebräischen Literatur vor A ch a d H a a m die Rede gewesen, von einem Gegensatz Gordon-Smolenski. Diesem Gegensätze »vollen >vir — wenn auch nicht, inr engen Rahmen dieses Artikels, erschöpfend — näher treten. Unter dem Einflüsse der seit 1853 von I. H. Schur („Johasch") inr Geiste eines Voltaire redigierten Zeitschrift „Hecholuz" (der Voranschrcitcnde) und des stilistisch verführerischen utilitaristischen russischen Schriftstellers Pisarew, der seinerseits vom Zeitgeiste F e u e r b a ch s beeinflußt war, trat Gordon in der Mitte, besonders aber Ende der sechziger Jahre niit Ungestüm gegen die Tradition und deren Träger auf; er hatte nicht genug damit, die zeitgenössischen Rabbiner zu verspotten, sondern er suchte auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Talmud in beit Kot zu zerren, und selbst die Propheten verschonte sein zersetzender Spott nicht;. er wußte, daß eine Loslösung des Talmuds von den Prophetelt nicht möglich ist, und daher legte er in konsequenter Weise seine Axt an die Wurzel, an die Propheten. Das Spezifische an den Propheten ist das Geistige und Religiöse (was man in der Sprache des Talmuds unter „Safro" versteht), und gerade diese Momente waren es, gegen die er Sturm lief und an deren Stelle er das Physische und Materialistische (talmudistisch „Saife") des d amaligen modernen Europäertnms setzen lvollte. Im Gegensatz zu Gordon trat Smolenski — unter dem Einfluß N. Krochmals („Nanak"), des Verfassers des „More newuchei hasmon", S ch. Rappaports („Schir") und Sch. D. Luzzatto („Schadal") — in seinem oben erivähnten, im Jahre 1872 publizierten Artikel für das Geistige .und Ideelle minus Religiöse, an dessen Stelle er, Smolenski, aber das Nationale setzte, in kraftvoller Weise ein) und gerade das „Safro", das Gordon ingrimmig haßte, hob Smolenski begeistert auf sein Schild. Es entstanden somit zwei Strömungen in der Literatur, die eine mit dem Dichter G o r d o n und Publizisten Kowner an der Spitze, die für das R e a l e, M a t e r i e l l c und A s s i m i l atorische waren, die zlveite, Smolenski, die für das Geistige, Ideelle ttnd Nationale eintrat. Mit deni Auftreten des Nationalisnius verstunimte die Assimilation, und selbst Gordon schloß sich — wenn auch zaghaft und nttr halb — den Nationalisten an. Doch das Reale behielt das llebergcwicht. Sowohl im Zionismus wie auch in der Literatur herrschte das Praktische und Territoriale vor; man versteifte sich ans Palästina nicht ans rein ideellen Motiven, sondern eS spielten auch dabei praktische Gründe mit. Das Religiöse war sehr schwach vertreten; der Einfluß der fast vereinzelten religiösen Schriftsteller J aw ez, M. Pin es usw. war minimal; noch bis heute vermochte diese Richtung keinen einzigen Dichter von Ruf in ihren Bann zu ziehen. Das geistige Ideelle kam lveniger zum Ausdruck und zog neben dem R e a l e n her, es b e st a n d eine B e r w i s ch n n g d c r G r e n z c n, indem die b eid en Ri ch t nng e n ni ch t nnr n eb ene i n a n d e r, s o n d e r n i n e i n a n d c r s i ch bewegten, ein Zustand, der verwirrend auf die Leser und — was noch schlimmer — selbst auf die Schriftsteller wirkte. Durch das Auftreten Ach ad H aams wurde Klarheit geschaffen; das, was nicht zusammengehörte, zusammengchen konnte und durfte, lvurde geschieden. Die eng umschriebenen Werte d e r einen Richtung verursachten eine F e st s e tz n n g u n d D e f i n i e r u » g d c r Werte nach der z w e i t c n R i ch t u » g, und so teilten sich die Schriftsteller in zwei Lager, in deren einem A ch a d H a a m und seine typischen Jünger Klausner, Feierberg, B i a l i k usw. lind in dem anderen B e n Avigdor, Berditschewski — dieser auch von Nietzsche und deM Chassidisnius, welch' letzterer im gewissen Sinne gegen das „Safro" ist, beeinflußt und daher auch zur Dekadenz und Mystik neigend — sowie der Dichter Tjchern i ch o w s k i usw. stehen. (Schluß folgt.) Die Jude« und die Rationalitatensrage in Oesterreich. Von Dr. H. K a d i s ch. Als vor 21/» Jahren zum ersten Male die österreichische Bevölkerung ans Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes zur Wahlurne schritt, glaubte die politisch ungenügend aufgeklärte Bevölkerung den Moment der Gesundung des öfsentlichen Lebens Oesterreichs gekommen. Man hatte aus den 42jährigen Erfahrungen seit Bestand der dualistischen Verfassung nicht die allein logischen Konsequenzen gezogen, daß ohne eine durchgreifende 'Slcttberunj der gesummten Reichsverfassung eine fruchtbringende parlamentarische Arbeit, insbesondere auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete, ausgeschlossen sei. Die Juden gingen in ihren Hoffnungen, die sie an das neue Parlament knüpften, noch weiter und erwarteten den Zusammenbruch des Antisemitismus. Die Verhältnisse habet: sich aber ganz anders entwickelt. Im Parlamente des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes hat der Nationalitätenhader den Höhepunkt erreicht. Die Obstruktion ist ein untrennbarer Bestandteil des sogenannten Volkshauses und die ch r i st l i ch s 0 z i a l e Partei die st ä r k st e des österreichischen Abgeordnetenhauses geworden. Daß die antisemitische Strömung nicht kleiner geworden, bewies der berüchtigte Schmieds ch e Schulantrag, der die Klausur in den österreichischen Mittelschulen und die Etablierung russischer Zustände für die Inden Oesterreichs bezweckte. Aber diese ziehen ebensowenig die Konsequenz ans diesen trostlosen Zuständen, als die Nichtjuden. Im Abgeordnetenhaus wird mit sinnlosen Dringlichkeitsanträgen die Zeit totgeschlagen, alle Parteien führen im Munde die Notwendigkeit parlamentarischer Arbeit, keine aber hat deit Mut, es anszusprechen, daß eine solche unmöglich, so lange nicht der Dualismus beseitigt und durch die nationale Autonomie aller Reichsvölker (die Juden selbstverständlich ein geschlossen) ersetzt ist. Die Nationalitätenfrage des Donaureiches ist eben ein V e r f as s un g s Problem, und im Jahre 1867 wurde der verhängnisvolle Fehler begangen, anstatt eines Gencralausgleiches zwischen den 11 Reichsvölkern einen Scparatausgleich mit der magyarischen Bourgeosie zu schließen. Es war dies der erste verhängnisvolle Schritt der reaktionären Pölitik: mittels toter Staatsrechte lebende Völker zu erdrosseln. Man hoffte inittels der Zweiteilung der Monarchie und reaktionärer Wahlgesetze in beiden Reichshülsten in Cisleithanien die Herrschaft der deutschen, in Transleithanien die der magyarischen Bourgeosie festzubegrüuden. Trotz der Sonderstellung Galiziens einerseits und der Kroatiens andererseits ist dies bisher lvcder diesnoch jenseits der Leitha gelungen, es wurde vielmehr die Basis zu jenen staatsrechtlich-nationalen Kämpfen i n und zwischen beiden Reichshälften gelegt, die der Ausgangspunkt aller gegen alle nun schon seit Jahrzehnten sind. In diesen Kämpfen hat leider das assimilatorische Judentum Oesterreichs eine sehr traurige Rolle gespielt. Es förderte die deutschen und tschechischen, die polnischen und magyarischen Chauvinisten und wurde so mitschuldig an jenem Rassenantisemitisntus, der als letzte und äußerste Konsequenz des reichsvcrderbenden, frciheits- und kulturmörderischen Nationalitätenhaders sich überall ausbreitet. Unter solchen Verhältnissen bricht sich langsam aber sicher die Richtigkeit der von den Zionisten versolgtett jüdisch-nationalen Politik tmter den Juden Bahn. Von der Erkenntnis ausgehend, daß das Basler Programm: das Streben nach einer Heimstätte in Palästina in keinem Gegeitsatze steht zu ihren Pflichten und Rech ten in der österreichischen Heimat, haben die österreichischen Zionisten seinerzeit ein jüdisch - österreichisches Reichsprogramm aufgestellt, auf Grund dessen bei den letzten Reichsratswahlen 4 jüdische Abgeordnete gewählt wurden, die im österreichischen Paramente den „Jüdischen Klub" bilden. Unter strikter Festhaltung der Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität als gleichberechtigtes Volk mit nationaler Autonomie fördert und unterstützt er, sowie die Gesamtpartei in Oesterreich alle Forderungen nach Gleichberechtigung sowie nationaler Autonomie der übrigen Reichsvölker. Dieser Standpunkt der Jungjuden wird auch von den vernünftigen Elementen aller anderen Rationen geteilt, wie es der Beschluß des Bukowinaer Landtages bewies, >vo in vollster Eintracht Vertreter der Deutschen, Rüthcnen, Rumänen, Polen und Juden letztere als gleichberechtigte Nation aner-

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