Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 46 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692660--05064-2699942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3 Nr 46 Frankfurter Israelitisches Famjlienblatt. betrachtet. Zn dieser Beurteilung ist nicht nur der Rabbiner Dr. Heppner qualifiziert, sondern jedermann, der auch die alttestainentarischen Borschristen als Richtschnur seines Lebens ansieht, insbesondere aber auch die Behörden in einem christlichen Staat, in dem Sie bekanntlich , wohnen. Sie wollen sich vor Augen halten, daß Sie diese Reise nicht aus freien Stücken zu unternehmen haben, sondern auf das Ersuchen einer Ihnen von Gott v e r o r d n e t e n Obrigkeit. Es bleibt also beim Termin. Falls Sie nicht erscheinen, wird Ihre Bestrafung, eventuell auch Ihre Vorführung angeorduet werden. Zur Unterschrift werden Sie nicht gezwungen werden. gez. Dr. H o s s m a n n." Auf Beschwerde au den Landgerichtspräsidenten iir O st r o w o ging darauf folgender Bescheid ein: „Ich kann cs nicht billigen, daß das Königliche Amtsgericht zu Kofchmin in seinem Bescheide vom 18. Juni d. I. Ihre religiösen Bedenken als solche n a ch g e p r ü f t hat, weil diese Ihre persönliche Angelegenheit sind. Andererseits können diese Bedenken Sie nicht von der Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten besrcicn. Ihnen steht aber kein Recht zu, die Verlegung eines aus den Sabbat anberaumten Termines zu verlangen. Hierdurch wird es aber nicht ausgeschlossen, daß ans Gründen der Billigkeit und Humanität bei Bestimmung eines Termintages religiöse Bedenken Berücksichtigung finden, sofern dies die Umstände gestatten und nicht die Interessen anderer geschädigt werden." (L.) Posen. Frau Fanny Leipziger hinterließ der Stadt Posen eine Schenkung von 3000 M k., die zur Verstärkung der Samuel Aucrbach'schen Stiftung verwendet werden. Oesterreich-Ungarn. Pretzburg. Unter der Ucberschrift Jüdische Hooligane berichtet die „Preßb. Jüd Ztg.', daß die hiesige orth. israelitische Kultusgemeinde eine kranke, arbeitsunfähige israelitische Familie wegen Nichtzahlung der Miete mit Polizeigewalt aus dem Gemeindehaus hinauswerfen lassen wollte Nur das Einschreiten des Bezirksarztes auf die Masernkrankheit des einen Kindes hin verhinderte die Durchführung der schon begonnenen Delogierung Der Schamines der orthodoxen israel. Kultusgemeinde hatte den blinden und krankcnFaniilienvater bereits mit Getvalt aus der Wohnung hinausgeschleppt gehabt. Die „Preßb. Jüd Ztg." bemerkt hierzu: „Dieser scheußliche Vorgang erregt allenthalben die tiefste Entrüstung. Hingegen wird demnächst die übliche Winterkollekle inauguriert werden für die „armen Notleidenden", welche derselbe Vorstand auf die Straße gesetzt hätte, wenn nicht die Behörde dagegen Einspruch erhoben hätte." Lemberg. In der letzten Sitzung der Genie i n d e r a t s vollführtc das G a l e r i c p u b l i - k u m einen antisemitischen Radau, da auf der Tagesordnung unter mehreren Wohltätigkeitsaustalten auch die Subventionierung des jüd. Akademikcrheims stand und man in ältpol- »ischen Kreisen die Subventionierung einer jüd. Anstalt durch das katholische Lemberg als eine ungeheuerliche Zumutung ansieht. Das katholische Lemberg hat sich doch noch nienials geniert, das Geld von Juden für seine Wohltätigkeitsanstalten anzunehmcn! bische Organisation vorhanden gewesen wäre, die die nötigen Schritte getan hätte. Anders sei es jedoch mit staatlichen Zwangorganisationen, diese bringen die Gefahr, daß der religiöse Standpunkt der jüdischen Oberbehörde in ihren Handlungen zum Ausdruck gebracht und so auf Andersdenkende ein Gewissenszwang ansgcübt wird. Redner zeigt dies an Hand der Geschichte der bereits in Deutschland bestehenden staatlichen jüdischen Zwangorganisationen und geht dann ans die Bestrebungen zur Erreichung einer staatlichen jüdischen Zwangorganisation in Preußen ausführlich ein. Da die Sonderrechte der in Preußen cinverleibten Staaten, selbst der kleinsten, bestehen geblieben sind, so herrscht auf diesem Gebiete auch bezüglich der das jüdische Gemeinwesen betreffenden Gesetze ein überaus buntscheckiges Bild, Verordnungen, die auf das ehrwürdige Alter von 100 Jahren zurückschauen können, gelten noch zu Recht; es sind daher die Bestrebungen, ein einheitliches Gesetz zu schaffen, sehr verständlich Der im Aufträge des Deutsch-Israel. Gemeindebundes ausgearbeitete Rosin'sche Gesetzentwurf und nach dessen Verwerfung jetzt der Machol'sche Gesetzentwurf wollen aber vor allen Dingen Oberbehörden mit ausgedehnte» Rechten schaffen; sie sind daher mit Recht von den Orthodoxen und den wirklich Liberalen unter den Liberalen bekämpft und glücklich beseitigt morden. Zu erstreben ist besonders eine Organisation zur materiellen Unterstützung der durch den Fortzug vieler Mitglieder leistungsschwach gewordenen Landgemeinden. Redner schließt mit dem Hinweis darauf, daß es vorläufig einen Zusammenschluß aller Orthodoxen gelte, noch Tausende von diesen haben sich nicht der „Freien Vereinigung für die Interessen des orth. Judentums" angeschlossen. Frankfurt a. M. Dkontefiore-Verein Wie uns aus dem Vereins - Büro mitgeteilt wird, sind die Anmeldungen zu der am 2 a m s t a g. den 11. Dezember er., stattfindenden Chanuka- Feier so zahlreich eingelaufen, daß sämtliche verfügbaren Plätze sehr bald vergriffen sein dürften. Die Ausgabe der bestellten Karten findet im Bereinslokal von Samstag-Abend bis Mittwoch, den 8. er., zu den inr Programm bekannt gegebenen Zeiten statt. Die noch vorhandenen Plätze gelangen dort ebenfalls zum Verkauf. Frankfnrt a. M., 2. Dezember. Jm.Montefiore-Verein" hielt gestern 'Abend vor trotz des schlechten Wetters überfülltem Saale Herr Rabbiner Dr. Lazarus seinen ersten Vortrag über das Thema „Geschichte der Jndeii- Enianzipation." Wir werden über den interessanten 'Vortrag, der sehr beifällig ausgenommen wurde, in der nächsten Nummer berichten, um zusammen' mit dem zweiten Vortrag ein Ganzes zu geben. Chaje. Erzählung von Elise O r z e s z k v. Deutsch von S. H o r o w i tz. In den Straßen der Stadt Ongrod herrscht ein reger Verkehr. Man fährt, man eilt, man lustwandelt, man lacht. Auf dem Fahrdamm rollen allerhand Geführte, auf den Bürgersteigen kreuzen sich die Fußgänger, nnd jeder scheint in Eile zu sein . . . Rußland. Warschau. Der Rat für städtische Angelegenheiten hat den famosen Beschluß gefaßt, daß die getauften Jude» der j ü d i - scheu W a h l k u r i e zuzurechnen seien. Amerika. New-Uork. Im Ostend ist ein zweiter jüdischer Kindergarten eröffnet worden. Man hat damit einem sehr dringenden Bedürfnis entsprochen, den» zahlreiche arbeitende arme jüdische Frauen waren bisher gezwungen, ihre Kinder, in protestantische oder katholische Kindergärten zu geben, in denen die Kinder im christlichen Sinne beeinflußt werden. Im jüdischen Kindergarten werden die Kinder nicht nur kostenlos ausgenommen, sondern erhalten noch überdies täglich vier Mahlzeiten kostenlos. Aus deu Vereinen. Frankfurt a. M. Verein ..Nachlaß Z w i". — In seinem Vortrage „Organisatiousb e st reb un gen der deutsche n I nde n in jüngster. Zei t" beronte Herr Moritz A. L o e b einleitend, daß der Zusammenschluß in vielen Füllen zweckmäßig sei, so gegen die Angriffe von außen, so bezüglich der Berücksichtigung unserer Interessen bei der Gesetzgebung; das Sonntagsruhe-Gesetz z. B. hätte sicherlich auf die den Sabbat haltenden Juden manche Rücksicht genommen, wenn damals eine jn- Bemerken sie, meine Herrschaften, inmitten dieser Volksmenge eine alte Frau, die am äußersten Straßenrande die Häuser entlang langsam dahingleitet, in ihren zersetzten Kleidern von Zeit zu Zeit innehält, mit ihrer keuchenden Brust nach Atem -ringend, während Schweißtropfen auf ihrer gerunzelten Stirn perlen? Sie ist augenscheinlich sehr abgerackert, aber nicht nur von der heutigen Wanderung. Tage, Monate, jahrelang, das ganze Leben hat sie auf diese Weise gewandert, inmitten der Menschenmassen, die sie immer nach der unbequemsten Stelle drängten, dort, wo die Pflastersteine am ärgsten sind, wo es am kältesten, oder am heißesten ist. Und schauen Sie nur, wie ihre Gestalt zusammengekrümmt ist, wie ihr von einer hartgewordenen Haut überzogenes Gesicht auSgemergelt und zusämmengcschrumpft ist, ihre pergamentartigen Lippen zwischen den hervorstehenden Backenknochen eingefallen, wie ihre einst wohl schwarz gewesenen Augen glanzlos sind. Und wie die niedere Stirn durchfurcht! Uebcr der Stirne ist kein Haar sichtbar, denn das Haupt ist mit einem alten gelben Tuche bedeckt, dessen rückwärtsznsammengebundenen Zipfel auf den Rücken iwallcn, der mit einer lockeren Jacke mit bunten Flicken bekleidet ist, und ihr ausgefranstes Kleid hat _unten einen Saum vo>, hartgewordenem Kot und staub. Kennen Sie nicht diese Frau: Ich kenne sie von der Nähe. Ihr Name ist Chaje, ihr Beruf — eine Hadernhändlerin. Mein Gott! werden Sie es mir verzeihen, daß ich es wage. Sie mit einer Person, die solch I eine niedrige, soziale Stellung einnimmt, bekannt zu machen? Werden Sie nicht sagen, das sei ungeziemend und unnötig? Denn was kann es zwischen Ihnen und einer Lumpenhändlerin gemeinsames geben? Verzeihet! — Ich Hab' die alte Chaje gerne, und so oft ich auf sie schaue, komnrt es mir immer vor, daß zwischen ihr und mir eine große, unzerreißbare Gemeinschaft vorhanden sei. Denn ich und sie gehören zu dieser unermeßlichen Familie, die man die Menschheit nennt! Sie ist also meine Verwandte nnd — ich bitte die Herrschaften noch einmal um Entschuldigung — die Eure gleichfalls. Was. ihre niedrige Stellung anbetrifst, so kann ich versichern, daß wenn die Höhe der menschlichen Positionen nach den durchgemachten Leiden und Strapazen bemessen wäre, Chaje, die Lumpenhändlerin, in ihren alten Tagen sehr hoch stehen würde! . . < Uebrigens ist sie nicht immer eine Hadernhändlerin gewesen. Ihre Vergangenheit . . . Ich habe einen überaus sonderbaren Trieb, mich über die Vergangenheit ähnlicher vom Leben gebeugter Wesen zu erkundigen und sie zu erraten. Ich erinnere mich, einmal sah ich in einer auswärtigen Bildergalerie solch ein gemaltes Gesicht. Ich stand lange, viele schöne Landschaften und wunderschöne Porträts von Damen in Sanrtkleidern vernachlässigend, vor diesem alten, welken Gesicht, blickte in ihre bleichen Pupillen, lächelte zn diesen welken, eingefallenen Lippen und fragte im Geiste: wie toarft du in deiner Jugend? wo hast du gelebt? wen hast du geliebt? was für Leiden, Freuden, Enttäuschungen. Arbeiten haben deinen langen Lebenslauf gekennzeichnet, bis sic dich an den Rand des Grabes gebracht haben? Glaubt mir, nieine Herrschaften, ich habe nichts im Leben so herbeigesehnt, als die Lebensgeschichten all der niedrigstehrnden, armen, vom Schicksal nnd der Zeit Gebrochenen kennen zu lernen. Diese Forderung hat übrigens nichts Großmütiges an sich. Sie ist ganz und gar nicht uninteressiert. Denn die Kenntnis vieler ähnlicher Geschichten ist i für den Menschen — ein Reichtum des Herzens — für den Schriftsteller — ein lebender Born der Weisheit. Ich wage cs sogar, jeden Schriftsteller, der. auf solche Geschichten nicht neugierig ist und sie nicht kennt, zn bedauern. Seine Lyra muß arm an Saiten sein nnd auf seiner Palette nur bleiche Farben ... Chaje ist nicht immer eine Lumpenhändlerin gewesen. In ihren jungen Jahren — werden Sie es glaichen? — war sie ein schlankes, schmuckes Mädchen, das brünette Gesicht lieblich gerötet mit rabenschwarzen Flechten und feurigen Augen, deren Tiefe etwas wie den Glanz und die Glut des morgenländischen Himmel widerspiegelten. Sie kam auf dem Lande zur Welt — Pardon — in einem Wirtshaus. Es war dies eine kleine, dunkle» enge Dorfschenke mit schiefgewordenen Wänden und verfaultem Dache. Aber ringsum dehnten sich herrliche Wiesenieppiche von wunderschöner Frische aus, breite Fluren schimmerten des Winters in ihrer flaumigen, jungfräulichen Schneedecke, und im Sommer rauschten ihre Aehrenfluten. In der Nähe, inmitten von Vergißmeinnicht, schlängelte sich ein Strom, der Tag .und Nacht silbern brauste, und etwas weiter versteckten sich abends Eichenhaine hinter Schleier weißlicher Nebel und des Morgens erwachten sie vom Morgenrot rosig angehaucht. . Einige hundert Schritte vom Krug befand sich noch ein alter, weitgestreckter, herrlicher Garten. Er gehörte der Gutsherrschaft, deren Eigentum auch die kleine, arme Schenke, die Chajes Vater in Pacht hielt, war. Arm war die Dorfschenke und arm deren Pächter. Er hatte viele Kinder, und er verheiratete die Söhne und Töchter, wie er konnte, — wahrscheinlich nicht'' sehr glänzend. Als Chaje das fünfzehnte Lebensjahr erreichte, wurde sie nach der Stadt Ongrod verlobt: sie wurde Leibl's Weib, eines ziemlich armen Mannes, der als ganzes Vermögen nur eine Fähre und ein Pferd besaß. Mit Wagen und Pferd fuhr er von der Mühle schwere Säcke mit Getreide und Mehl. Infolgedessen sah er sein lebenlang wie ein Albinos aus, das Gesicht und die Kleider, das Haar und die Augenbrauen weiß. Sowie er sich nur bewegte, schüttelte sich von ihm Mehl wie Schnee von einem Menschen, der stundenlang in einem Schneegestöber zugebracht hat. Mit dem Moment, da Chaje bas Stadtpflaster betrat, trennte sie sich für immer von dem Idyll ihrer Kindheit, von den grünen Wiesengründen, in deren hohem Grase sie einst, von der Maisonne beschienen, geruht hatte; sie trennte sich von dem alten Gutshofsgarten, in dessen Laubgängen sie manchmal sich ergehen durfte, sie verließ für immer die alte, väterliche Schenke, in deren Stall einige Ziegen, ihre herzlichen Freundinnen, meckerten unb in deren engen Stübchen die frühzeitig altgewordene Mutter geschäftig umherging, vor deren Schwelle manchnial abends der ältere Bruder saß und inmitten der Abendstille der Geige ungelernte, aber ergreifende Töne entlockte. Mit dem ersten Betreten des städtischen Pflasters hatte Chaje all diesem und vielleicht noch etwas mehr Adieu gesagt. Vielleicht hatten einst während eines heißen Sommertages die Stromwellen ihren feurigen Augen einen schmucken Jüngling mit reicher •rrnntinriTif