Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 46 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. Seite 2 tzrankfurker Israelitisches FamilicnLlatt. Die Diskussion im Gemeinderat war dafür die treffendste Illustration. Umder orth.-isr. Konfession in Budapest den Bau eines Tempels zu ermöglichen, war vom Stadtrat eine Subvention von 200000 Kronen in Aussicht gestellt worden. Nun wäre diese Summe bei dem Prozentsatz, den die Juden in Pest ausmachen, unter normalen Umstanden gar nicht hoch. Umsoweniger,. wenn man bedenkt, das; sich die Judenheit fast nie um städtische Subventionen beworben hat. Die Stadtväter wollten aber suprrllug wirtschaften und bewilligten, um diese 200000 Kronen glatt durchzupeitschcn, zugleich 900000 weüere Kronen für den Bau von Kirchen und einer Kongregationsschulc. Dagegen protestierten nun, um chr naturwissenschaftliches Kredo bei der Masse zu bekräftigen, nein, uni des atheistischen Prestiges wlllen, einige von den „geborenen Demokraten". Aber nicht etwa um diese horrende Summe nicht zu bewilligen; nur um zu demonstrieren, daß es in unserer Zeit noch Männer gebe, die für konfessionelle Zwecke kein Empfinden haben . . . Das entzündete aber auch einen Sturm im Magistrat, wie man ihn, seit Leute gedenken, nicht erlebt hat. Die Szenen vom 26. Ollober a. d., bei denen Pfarrer Kauter und P. Acsay „ihren Katholizismus" — wie sie sagten — im Stadthaus verteidigen mußten, werden, was leider zn befürchten ist, in der , Gasse ihr Nachspiel haben. Wie man einen Kranken ins Spital bringt, dafür hat die Pester Rettungsgescllschaft ein approbatcs Mittel entdeckt. Erst hausiert sie mit ihm vom heil. Johannzuni heiligen Stephanspital; von dort schnurgerade zum 'glorifizierten Emmerich-; predigt man mich dort vergebens Humanität auf arischen Urtext, wird der sterbende Patient beim allerhelligen Rochusspital einfach vor das Tor niedergelcgt. Retter und Wagen verschwinden. Dem Mann nmß geholfen werden! Daß ein solcher Radikalismus nur bei „einem von unseren Leuten", der durch Zufall auf „Marktbreft" reagiert, rutwendig ist, ist ganz selbstverständlich. Sich aber eines Rabbiners zu entledigen, auf die ganz entgegengesetzte Art, ist dies weniger. Aut. orth. Baranno liegt mit dem Rabbiner in Zwist. Nachdem nun fast alle Instanzen abgeurteilt haben, werden die Einrichtung des Rabbiners und dann er selbst buchstäblich auf die Straße gesetzt. Zum tragikomischen Schluß will ich die Jeremiaden des ehrw. Dr. Funk-Altofen noch erwähnen, der sich bitter bellagt, daß all seine Schüler, die er bei der Prüfuirg wegen mangelnder Kenntnis der Religion durchfallen ließ, einfach ausgekniffen sind, aber nicht, wie früher, um sich konfessionslos zu erllären, sondern zur orthodoxen Konfession übergingen, wo sie alle mit Note „Eins" in ein besseres Jcnsctts hinüberschlummerten ... Z i o n i. Aus den Geschehnissen des Tages. Bei allem Wandel der Zeiten ist Professor Dr. LudwigGeiger'S Haß gegen die z i o n i st i s ch e n Bestrebungen unveränderlich geblieben. In Kreisen, die dem Zionismus durchaus sernstehen, hat man heute Interesse für eine Anstedlung der Juden in Palästina; nicht so Dr. Geiger, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne zu zeigen, daß er derselbe geblieben ist So freut er sich in der letzten Nummer seiner „Mg Ztg. d. Indent.", daß die Bemühungen, die Juden im Süden der Vereinigten Staaten anzustedeln, wieder mit Energie ausgenommen werden und so „die Auswanderung immer mehr von Palästina abgeleitet wird." Daß die amerikanische Kultur alles Jüdische der Einwanderer absorbiert, macht ihm freilich keine Kopfschmerzen. Aber auch mit einem anderen Aussprache Geigers in der letzten Nummer seiner Zeitung können wir nicht übereinftimmen. Ueber die Som.barischen Vorträge schreibt er nämlicki: „Wenn der Redner den berüchtigten Finanzman» Law zu einem Juden macht und einen Satz braucht, wie den folgenden: „Amerika ist äußerlich und innerlich von den Juden erobert worden", wenn er „alle Lieferanten des 16, 17. und 18. Jahrhunderts" Juden nennt <man denke nur an die Fugger, die Welser und die großen italienischen christlichm Geldmänner!), so nwchte man kaum glauben, daß diese Vorträge wirklich der Wiffenschast dienen." Auch uns scheint es, daß Sombart manchmal etwas zu loeit gegangen ist; das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die beiden Borträge in der Großzügigkeit der Auffassung und in der tiefen Erfoffung des gestellten Problems glänzend waren. Mau muß erstaunt darüber sein, daß ein Literaturprofessor einem der hervorragendsten Vertreter der Nationalökonomie aus diesem letzteren Gebiete guns, Unwisscufchaftlichkeit vorwirft Doch vielleicht ist die Lösung dieser merkwürdigen Tatsache die, daß der jüd. Professor es dem christlichen nicht verzeihen kann, daß er ein jüdisches Volk anerkennt Es ist bisher von manch' einem bezweifelt worden, daß, der gegenwärtige Zar von Rußland ein A n t i s e m i t sei. Die Hojkammarilla beherrsche ihn und er Werde über die Vorgänge in seinem Reiche nicht richtig informiert, entschuldigte man ihn. Auch diese Optimisten werden jetzt eines anderen belehrt werden Alexander lllar veröffentlicht im letzten Heste der „Neuen Rundschau" eine Charakteristik des Zaren, die intereffante Einzelheiten aus den Randbemerkungen des Zaren zu den ihm vorgelegten Berichten inlhält. Derselbe schrieb nach achttägiger Ueber'leguug an den Rand des Plehweschen Gesetztemwurfes über Ausweisung der Juden aus Sibirien (>902): „Die Juden, die ihre gesetzliche Aufenthaltszone verlaffen, überschwemmen alljährlich ganze Disttikte in Sibirien mit ihrer widerlichen Gegenwart; mit diesem unerträglichen Zu'andc muß aufgeräumt tverden." Diese Bemerkung zeigt Wohl, daß die Kenntniffe dieses Beherrschers von 130 Millionen Menschen die eines Kindes sein müssen, zeigt aber auch, daß er ein fanatischer Judenhaffer ist. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Franksurt a. M. Der Bergrößerungsb a n der Kura n st alt für arme Israeliten in Soden wurde soeben fertiggestellt und ganz im Stillen seinen Zwecken übergeben. Die Mittel zum Bau wurden in hochherziger Weise von Freifrau Wilhelm von Rothschild bewilligt. Die Spenderin hat durch diese Schenkung wieder einen neuen Beweis erbracht, wie sie sich durch Schaffung von Krankenhäusern rc. mit Weisheit und Liebe der armen Kranken annimmt und ihre Güter zum wirklichen Segen der Menschheit zu verwenden weiß. — Möge Gott ihr noch viele Jahre Gesundheit und Frische schenken zum eigenen Glücke und zum Wähle der Menschheit! Berlin. Mit der gespanntesten Aufmerksamke t folgte das den Saal der Singakademie bis zum letzten Platz füllende Publikum auch dem dritten Sombart'schcn Vortrag, dem letzte» des Zyklus. Der Redner beschäftigte sich in diesem Vorträge mit der Frage „Wie jüdisches Wesen entstand?" und führte aus: .Es ist bequem zu sagen: ihr Wesen liegt ihnen im Blute; doch die Wissenschaft kannauch heute noch nicht das geringste über den Zusammenhang zwischen Rasse und geistiger Struktur sagen. Wer will des ferneren entscheiden, ob das Alter geistiger Züge eines Volkes auf Rasse oder nicht vielmehr auf Tradition zurückzuführen ist! Und die Tradition war bei den Juden durch ihre Abgeschlossenheit und ihre starken Familienverbände immer ganz besonders stark. Aber auch die historische Erkläriiugsweise bringt nichts zur Lösung des Problems. Wenn man sagt: „die Juden waren einst Ackerbürger und seßhaft und kamen erst in der Zerstreuung durch den Zwang der Verhältnisse zum Handel und später zum reinen Geldwesen," so ist demgegenüber einzuwenden, daß ihre Abneigung gegen den eigentlichen Außenhandel schon in palästinensischer Zeit bestand, daß sie schon im frühesten Alterttim Verwalter fremder Vermögen (Joses) waren und daß auch ihre Abneigung gegen den Ackerbau schon in vorchristlicher Zeit bestand. Das Problem dürfte wohl so zu lösen sein: Die Menschheit zerfällt von Anbeginn in einen ackerbautreibenden, seßhaften, konkret gerichteten Teil und in einen viehzuchttrcibenden, nomadisierenden Teil mit „abstrakter" Tendenz. Jene bodenständigen, auf der dampfenden Scholle Angesessenen werden vom Banne des Hergebrachten umsponnen, die konkrete Anschauung wird mächtig in ihnen, ihre intellektuellen Fähigkeiten, denen der Ansporn fehlt, treten zurück vor den gemütlichen. Die Welt des Nomaden, des Hcrdenzüchters, dagegen ist die immer gleiche Steppe, die er sich jeden Tag neu erobern muß. Für ihn gibt es kein ruhiges Sicheinleben in immer fester gegründete Wohnstätten, die Richtung auf das Abstrakte und Rationale ist ihm unverrückbar gegeben. Nomandentum - Kapitalismus. Das Zählen ist zum ersten Male vom Herdenzüchter ausgeübt worden,. Dieser wurde auch auf-die spezifische Geistigkeit der Funktionen hingeleitet, wie der Ackerbürger ans die körperliche Tätigkeit, Die Juden sind als Nomaden in die Geschichte eingetreten und cs durch die Jahrhunderte gebliebe». Jedesmal ioenn sie Wurzel fassen wollten, wurden sie von neuem aus ihrem Boden herausgerissen. So mag man eine Reihe ihrer Eigenschaften mit dem Nomadcntmn in Zusammenhang bringen: die Abstraktheit ihres Denkens, ihre Rastlosigkeit, ihre Zielstrebigkeit und ihr schnelles Orientierungsvermögen in jeder neuen Situation. Ein Wandervolk muß -auch an den „Fortschritt' glauben. Die große Frage, ob Volkswesen ans Blut oder aus Tradition entsteht, wird man freilich ans diesein Wege schwerlich lösen können. Leipzig. Einer Einladung des Leipziger Ortsausschusses des seit Si/2 Jahren bestehenden „Hilfsverein der Deutschen Iuden" Folge leistend, hatten sich gestern Abend im Hotel Palmbaum Freunde, Gönner und Mitglieder in überaus stattlicher Anzahl zn einer Versammlung eingesunden, um sich von berufener Seite Bericht über die rege und segensreiche Tätigkeit des Vereins erstatte» zn lasse». Nach der Begrüßung des Herrn Magnus nahm zunächst der Vorsitzende des Hilfsvereins, Herr James Simon-Berlin, das Wort, um in kurzen Zügen an der Hand seines umfangreichen Zahlenmaterials den Beweis zu führen, daß der von Jahr zu Jahr wachsende Verein, der es sich in den ersten Jahren zur Ausgabe gemacht hat, den rumänischen und russischen Glaubensgenossen, die infolge ungerechtfertigter Uebergrisfe zur Auswanderung gezwungen wurden, unterstützend zur Seite zn stehen, scgensreich.für die gesamte Judenheit wirke. Ein weiteres großes Arbeitsfeld des Vereins war die Für-, sorge für Auswanderer. I» den letzten 10 Jahres sind, wie der Redner ausführte, 932 000 Inders nach Amerika ausgewandert. Der Verein hat für erkrankte Auswanderer eigene Krankenstationen errichtet und ist jederzeit bemüht gewesen, sich der Auswanderer anzunehmen. Gegenwärtig gehören dem Verein 20 000 Mitglieder an, die einen Jahresbeitrag von Mt. 1-7,0 000 zahlen. Reiche Stiftungen wurden dem Verein, besonders aus Amerika und Rußland, zuteil. Im Anschlüsse an die Ausführungen des Redners sprach Herr Landtagsabgeordneter Geheimrat- Cassel- Berlin in einein längern Vortrag über die vom Hilssverein aus dem Balkan und in Palästina zum Zwecke der Pflege eines guten Volksschulunterrichts errichteten Schulen und Kindergärten. In den nächsten Jahren wird in Haifa in Palästina ein jüdisches Technikum errichtet werden, nachdem ein Russe 100000 Rubel und ein Amerikaner 100000 Dollars in hochherziger Weise gestiftet haben. Das Lehrerseminar in Jerusalem wird ebenfalls von dem Verein unterhalten. Herr Professor Mittwoch- Berlin ergänzte die Mitteilungen, des Herrn Geheimrat Cassel durch verschiedene Details über die Erteilung des Unterrichts ui der Türkei und in Palästina. Als weiterer Redner sprach der Geschäftsführer im Ehrenamt des Hilfsvereins, Herr Dr. Nathan- Berlin. Aus dein Referate war zu entnehmen, daß der Hilssverein seit seiner Gründung nicht weniger als 4 612 000 Mk. aus eigenen Mitteln für Glaubensgenossen im Auslande verausgabt hat. Herr Rabbiner Dr. Porges-Leipzig forderte hierauf die anwesenden Gäste zum Eintritt in den Hilssverein auf. Nach einigen erläuternden Ergänzungen des Herrn Geheimrats Cassel und des Herrn Dr. Nathan regte Fraa Dr. Porges die Gründung einer Frauengruppc des Leipziger Ortsausschusses des Hilfsvereins an. Der Gedanke fand vielen Beifall, und es wurde die geplante Gründung von allen Seiten befürwortet. Gaffel. Es kommt nur selten vor, daß ein Christ eine jüdische Jnstition bedenkt; umsomehr verdient eine derartige Handlungsweise in einem jüdischen Blatte sestgehalten zn werden. Der jüngst verstorbene Ehrenbürger unserer Stadt George Andrß Lenoir, der der Stadt mehrere Millionen zur Errichtung eines interkonfessionellen Waisenhauses hinterließ, hat auch der Israel. Erziehungsanstalt zu Ahlem 2000 Kronen vermacht. Herr Lenoir hatte die Anstalt vor längeren.Jahren einmal in Augenschein genommen und damals ein solches Interessen für ihre Einrichtungen und Methoden gefaßt, daß er sich auch weiterhin über die Entwicklung der Anstalt unterrichten ließ. Auch hat er den Wunsch ausgesprochen, daß seine Institutionen sich die Ahlemer Anstalt zum Muster nehmen sollen. Koschmin. Ein auf einen Samstag vor das hiesige Amtsgericht als Zeuge geladener - auswärtiger Jude hatte unter Vorlegung eines Zeugnisses Rabbiner Dr. Hcppners um Vertagung des Termins ersucht. Er erhielt darauf folgenden Bescheid, in dem sich der Amtsrichter als oberste geistlich« B eh örde auffaßt: „Auf Ihr nebenstehendes Gesuch würde-nur Rücksicht genommen werden, wenn Ihre Auslegung der den Sabbat betreffenden religiösen Vorschriften diesseits für richtig anerkannt würde. Sie wird aber «{3 grundfalsch