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Neue jüdische Presse · 1909-12-03 · Heft 46 (3.12.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 46 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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gfrattßfnrfe* Ifrnrlitifdire fainilirutilatt. Diese Zeitung erscheint Wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,03 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und. Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50. sonstige Länder Mk. 2.— ---—- HledaKtiou und Geschäftsstelle Srankkurr 2. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Perefo« 10507. Heransgeöer: KalU chet-s. -.. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - ' 7. Jahrgang. Freitag, den 20. KMew 5670 (8. Dezember 1909). Rr. 46. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Bon dem Einflüsse ^>er nationalen Idee aus die moderne hebräische. Literatur. — Brief aus Ungarn. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen.— Feuilleton: Chase. — Sprechsaal.—Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Spenden. — Vereins-Kalender. — Familiennachrichten, — Barmizwohs. Bon dem Einflüsse der nationalen Idee auf die moderne hebräische Literatnr. Eigentlich datiert dieser Einfluß von Mitte der siebziger Jahre, als Smolcnski in Berührung mit dem westeuropäischen Judentinn in seinem „Haschachar" die Verfechter der Reform seit der zweiten Hälfte der Haskala-Periode zur Einkehr und Rückkehr zu nrahnen begonnen hatte, als Lilienblum und dem Einflüsse Smolensk i s und M. P i n e s und angesichts des zunehmenden Jndifferentismus der Jugend gegen alles Jüdische die Rückkehr einschlug und sich der nationalen Idee zuwandte. Schon dann und besonders, als nach den damaligen ersten Pogromen der Ruf der „Biluj"- Pioniere von der Rückkehr nach Zion erscholl, schon dann durchwehten die Literatur wehmütige Stimmen der Sehnsucht nach dem Lande der Väter und die Zionsharfe durchzitterten leise, aber ergreifende Töne. Die Dichter M a n e, Dolizki und noch andere waren es, die Zionsliedcr sangen. Andere wiederum, die Publizisten, schrieben begeisterte Artikel. Auch an Polemiken fehlte es nicht; man schrieb gegen und für G o r - d 0 n, den Dichter der „H a s k a l a"; man verherrlichte den Ackerbau, griff die Chaluka an, kurzum: man verfuhr, wie andere Leute anderswo bei ähnlichen Zuständen und Epochen auch verfahren hätten. Es war ein reges Schassen, eine bewegte Zeit, und doch — trotz allem und alledem kann von einer modernen, organisch entwickelten und auf steigend geordneten nationalen Literatur bis zur „neuen Aera" (Mehalach hechodosch) kaum ie Rede sein. Wie der Chauwewe- Zionismus von damals überstürzt, planlos und chaotisch, so ajuch die Literatur. Die Erschütterung durch die eben erst vor Augen geschehenen entsetzlichen Pogrom-Ereignisse war zu stark und wirkte verwirrend. Man ist aus seit Jahrzehnten erträumten Himmelshöhen gefallen, und man wollte im Nu andere Himmelshöhen er-- klimmen. Man glaubte all das von den Vätern seit Jahrhunderten Versäumte im Handumdrehen nachholcn zu können: daher das Chaos im Leben, daher auch das Chaos in der Literatur. Und noch ein weiteres: den alten Werten, richtiger Unwerten, der zweiten Haskala-Periode hatte man eben den Rücken gekehrt, und die neuen Werte, — wenn auch geahnt — waren doch noch nicht geprägt, und solange die für wahrhaft künstlerisches und literarisches Schaffen als Ausgangspunkt notwendigen Werte fehlten, mußte vieles entweder ganz ausblciben oder lückenhaft in Erscheinung treten. Nur so ist die Zeit und die Literatur der Zwischenzeit von den achtzigern bis zu den Neunzigern Jahren, der Uebergang von der „Haskala-Literatur" bis zum „Mehalach - Hechodosch" zu verstehen. Es fehlte also einerseits ein Mann, der die neuen Werte präge; anderseits fehlte es an eineni literarischen -Organisator, wie es auch dem Zionismus an einem politischen Organisator mangelte. Und siche! mit dem Bedürfnisse stellten sich auch die Männer ein. In A ch a d H a a m und Ben-Avigdor — später Herz! — waren die richtigen Männer erstanden. A ch a d H a a m, der mit den von ihm begründeten „Bne Mosche"*) in die Oefsentlichkeit trat, publizierte gleich am Beginn seiner literarischen und politischen Tätigkeit einen Aufsehen erregenden Artikel unter dem Namen: „Lau su haderech (Nicht dieser ist der Weg)"; er suchte darin den Nachweis zu führen, daß der von den Zionisten eingeschlagene Weg nicht zum erwünschten Ziele führen könne, da das Volk noch nicht auf seine hohe Aufgabe vorbereitet sei. Dieser Artikel, der sich auf den Zionismus beziehen sollte, paßte nach unserem Dafürhalten ebensogut aus den damaligen Zustand der Literatur; „Lau su haderech" mußte angesichts des damaligen Ganges der Literatur den Männern der Feder zugerufen werden. A ch a d H a a m wußte recht gut, Ivoran die Literatur kraulte; und getragen von diesem Bcwußtscin — von den andern Momenten, die dabei mitspielten, sei hier abgesehen — entwickelte er in einer Reihe von weitern Artikeln seine Ansichten über das Wesen des jüdischen Volkes und dessen ursprünglichen wie auch durch Jahrhunderte geschichtlich gewordenen Besonderheiten. An viele schwierige Probleme, die einer Lösung harrten, trat er heran; und fast immer gelang es ihm, den Dingen eine klare, verständliche Lösung ,;u geben. (Uni Jrrtümer zu vermeiden, wollen ivir von vornherein erklären, daß es hier nur auf eine historische, objektive Darstellung einer gewissen Epoche unserer modernen Literatur abgesehen ist. Es liegt uns fern, die Ideen Achad Haams — sowohl religiöser als auch sozialer und nationaler Natur — auf ihre Nichtigkeit zu untersuchen. Auch haben wir nicht eine Würdigung Achad Haams beabsichtigt.) Gewiß ist das Hauptsächliche seiner Ausführungen schon von anderen Schriftstellern und Denkern vor ihm gesagt worden. So hat z. B. Smolensk i im Gegensatz zum Dichter der Negation Gordon, der besonders das Physische und Materielle gewahrt wissen wollte und gegen das spezifische Jüdische, das Geistige im Judentum Sturm lief, gerade eben dieses Geistige auf sein Panier geschrieben; sein großartiger Artikel „Am Aulom" im „Haschachar" ist ein beredtes Zeugnis dafür. Aber Achad H a a m hat es verstanden. *) Eine Vereinigung von Elitenationalisten — nach Art der „Logen" formiert —, die sich wie einst Moses in der vierzigjährigen Wanderung, die Erziehung und Vorbereitung des jüdischen Volkes in der Diaspora für sein hohes Ziel im Lande der Väter zur Aufgabe stellte. auch für die Gedanken, die er von anderen entliehen hat, eine knappe, aber präzise, klare Formel zu finden. (Schluß folgt.) Brief aus Ungar«. Vor wenigen Tagen hat sich der B o r st a n d der Preßburger aut. orth. Kultusgemeinde der hohen Aufgabe entledigt, der Kab inettskanzlei Sr. Majestät die „berühmten" M artinigänse, mit Nationalbandschlcifen geziert, abzuliefern. Ohne Sang und Klang ging die Zeremonie vor sich. Ritter v. Gestettner und Manduch Herzfeld, die „sichtbaren" Häupter der altehrwürdigen Kehlla, begleiteten das „herrliche" Geschöpf nach der Burg. Sie durften den Rücken in tiefer Reverenz bis auf neunzig Grad „winkeln", und damit war ihre Mission vorbei. Noch vor Jahren geschah es, daß der greise Rate Wolf sei., der vierzig Jahre hindurch diesen Martinigänslergang nach Wien machte, bei einer solchen Gelegenheit der königlichen Majestät auf die herablassende Frage: „Na, wie geht's denn, lieber Wolf?" recht jovial mit seinem charakteristischen Achselzucken antwortete: „Majestät, es kann uns noch geholfen werden". ** Freilich leben wir jetzt ganz andere Zeiten. Die alten Leute und die alte, gute Gemütlichkeit, sie beide kamen viel zu früh ins Grab. Jeder neue Tag zeitigt solche Auswüchse, daß wir an ihnen lang zu kauen haben. Wie man's tut, ist's nicht recht! Da ist zum Exempel die Bankfrage. Sie steht im Brennpunkt des politischen Interesses. Soll Ungarn eine selbstständige Mtenbank oder — wie bis heute — die mit Oesterreich gemeinsame haben? Dieses nationalökonomische Problem wurde zum politischen Schlagwort und von allen Parteien — man sollte cs kaum glauben — zum Knüppel, um uns eins zu versetzen. Da stehen zum Beispiel die trikoloren Unabhängigen, „die der jüdischen Geldaristokratie den blutigen Vorwurf machen, durch egoistische Ziele die heilige nationale Aspiration zu verhindern". Neigt sich das Zünglein wieder auf die Seite der „Bank"isten, steht die Phalanx 'der Volkspartei, die vom schönen Karl aus Wien ihre Parolen bezieht, wie ein Mann auf, um das Volk gegen die Juden zu Hetzen, die nur deshalb — so verkündet's einer ihrer Führer — die Bank wollen, um 2000 jüdische Parktikanten unterzubringen . . . Und das Volk nimmt beide Argumente für wahr und behält uns für die Zukunft, wie es auch kommen mag, ob mit oder ohne Banknotenpreßrecht, auf dem - Korn! Daß sich in einer solch sturmschwaugeren Zeit unsere Konfessionsgenosscn dazu herablassen, jetzt eine antisemitische Debatte beim Budapest er Magistrat bei den'Ohren herbcizuzerren, beweist nur, daß diese Herren noch weniger politisch als konfessionell sind. Letzteres steht aber wirklich schon fast auf dem Nullpunkt.

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