Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 45 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Hc. 45 Worms. Rabbiner Dr. Stein will weaen eines Augenleidens in den Ruhestand treten. Rabb. Dr. Stein, der sich allgemein eines hohen Ansehens erfreut, blickt auf eine mehr als 40jährige Amtstätigkeit zurück. Sulz i. Oberelsatz- Der Gemeinderat erklärt, daß er gegen die Zusammenziehung derRabbinatc Sulz, Sulz matt und Hattstatt nichts einzuwenden habe, daß er aber wünsche, daß der Sitz nicht Gebweiler werde, sondern Sulz bleibe, da dort seit 1820 .das Rabbinat ist und da es mehr im Zentrum liegt. New Uork. In Baltimore wurde in glänzender Weise der 100. Geburtstag Dr. DavidEin- Horns, eines der ersten und bedeutendsten Reformrabbiner Amerikas, gefeiert. — Im Alter von 37 Jahren verschied Dr. Joseph Mayer Ashcr, Rabbiner der „Orach Chajün-Gemeinde" und Professor für Homiletik mü> Bibelexetzese am Jüd. - Theolog. Seminar von Amerika. Dr. Asher war der einzige englische Jude, der sich sein Rabbinerdiplom in einer Jcschiwah Rußlands erwarb. Er war ein sehr frommer Jehudi und ein bedeutender Gelehrter. — Unter Anwesenheit von 110 Rabbinern wurde hier die Konferenz amerikanischer Rabbiner eröffnet. Personalien. Frankfurt a. M. Im Alter von 78 Jahren verschied in unserer Borstadt Bockenheim Frau Hänchen Oppenheim Wwe. geb. Heß, eine Frau, die es verdient, daß ihrer an dieser Stelle gedacht wird. Denn sie war noch der Typus einer jüdischen Frau, wie wir sie früher häufig .in unserer Mitte sahen, wie sie aber in unserer Zeit selten geworden sind: einfach und bedürfnislos, was ihre Person anbetraf, gütig gegen ihre Mitmenschen, nach den Forderungen der jüdischen Tradition, in deren Sinne sie zu leben bestrebt war. Den Nachruf an der Bahre hielt in warmen Worten Herr Rabbiner Dr. Jacob Horovitz. Frankfurt a. M. In Beilin verschied im 84. Lebensjahre Frau Rosa Ehrlich geb. Weigert, die Mutter des Geh. Obermedizinalrates Prof. Dr. Paul Ehrlich, Direktors des hiesigen königlichen Serum - Instituts. Höchst a. M. MüblenVesitzer Max Ettinghausen wurde zum Stadtverordneten gewählt. Köln a. Rh. In Bendorf wurde Stadtverordneter Albert Abraham, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, und in Iserlohn Louis L e s e r i tz, gleichfalls Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, zu Grabe getragen. — Sanitätsrat Dr. Strauß in Steele erhielt anläßlich seines 50jährigen Doktorjubiläums den Roten Adlerorden 4. Klasse. Breslau. Fabrikbesitzer Julius Glaß, seit einem Vierteljahrhundert Vorstandsmitglied des Fortschrittsvereins und verdient um das Krankenkassen- und Berufsgenossenschaftswesen, ist — 67 Jahre alt — gestorben. (L.) Posen. Zum Chetarzt der chirrng. Abteilung des jüd. Krankenhauses wurde Dr. Rosen st ein- Berlin gewählt. — Die hiesige Judenheit hat durch den Tod des Herrn Julius Wolffsohn, der seit 1885 im Ehrendienste der Arnienverwaltung stand, eine sehr geachtete Persönlichkeit verloren. — In Tremessen wurden Justizrat Warschauer und Dr. med. Jaffö zu Stadtverordneten gewählt. Pose». Zu Handelsrichtern wurden Bankdirektor Dr. Wilh. Wolfs und Kommerzienrat Naphtali Hamburger, zu stellvertretenden Handelsrichtern Alfred Pinn und Leo Berlak ernannt. — In Bromberg wurden Justizrat Salli Wolfen und Kaufmann Isidor Barnaß als Stadtverordnete wiedergewählt. Ratibor. Aus den Wiener Baron Albert Rothschid, der gegenwärtig in Schillersdorf jagt, wurde ein Attentat versucht. Baron Rothschild hatte bereits vor 14 Tagen einen Brief erhalten, in dem unter Todesandrohungen 25000 Mark von ihm verlangt wurden. Als nun am Sonntag Lehrer Strachetta nach Schillersdorf ging, bat ihn ein mit herrschaftlicher Livree beneideter junger Mann, dem Baron einen Brief persönlich zu überreichen. Der Lehrer übernahm den Gefälligkeitsauftrag; unterwegs explodierte der Brief, — und der Lehrer wurde schwer verletzt. Wie». Theodor Ritter von Tausiig. Gouverneur der Oesterr. Bodenkreditanstalt und Präsident der Staatsbahngesellschaft, ist im Alter von 61 Jahren g e st o r b e n. Die Ursache des Todes, der diesen hervorragenden Mann mitten aus seinem unermüdlichen Schaffen herausriß, ist eine überaus tragische; er hatte sich eine Nervenentzündung infolge Arsenikvergiftung durch die Tapeten seines Arbeitszimmers zugezogcn. Taussig war einer der mächtigsten Förderer der wirtschaftlichen Entwickelung Oesterreich-Ungarns. Besonders um die Schaffung der österr. Staatsbahnen und die Konsolidierung des österr. Staatskredits hat er sich hervorragende Verdienste erworben. Taussig hat durch' die Beteiligung der Bodenkreditanstalt an den russischen Anleihen kurz nach der Pogromzeit scharfe Angriffe von jüdischer Seite erfahren. Wie«. Hof- und Gerichtsadvokat Regierunpsrat Dr. Adolf Bachrach, der wiederholt die Vertretung von Mitgliedern des Kaiserhauses geführt hat, erhielt den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse. — Dr. Otto L ö w i wurde zum ordentlichen Professor der PH armakolo g ie an der Universität Graz ernannt. Die Ernennung hat deshalb ein besonderes Interesse, weil in Graz seit zwei Jahrzehnten nicht einmal ein Dozent jüdischer Abstammung, um wieviel weniger jüdischer Religion möglich war. London. In Leith (S>bottland> wurde Bailie Philip Dresuer — geboren 1854 in Krakau — zum Ratsherrn gewählt. Paris. Maurice Beer ist zum Vizepräsidenten des hiesigen Gemeinderates gewählt worden. Rostow a. Do« (Rußland). Hier verschied der Schriftsteller Z. S ch e r e s ch e f s k y, (Jawez Jeschua Sar Esek), einer der bekannteste» Publizisten in der zweiten Haskala - Periode. Rew-Aork. Olivia Leventritt, Tochter des ehemaligen Richters am Obergericht Leventritt, wurde zum Erz ie h u n g s k o m m i s s a r der City ernannt. — Durch die Ernennung Nathan Bijur's zum Richter am Obergerichte sind an diesem Gerichte jetzt sechs jüdische Richter, nämlich: Greenbaum, Erlanger, Platzek, Newberger, Lehmann und Bijur. New Bork. Der bekannte bevräische Dichter RubenBrainin trifft nächster Tage, von Europa kommend, hier ein. — Nathan Bijur wurde zum Richter am Obergericht ernannt. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Verein .Mekor Chajim". In den zweiten Vortrag seines Zyklus über die Zeit des zweiten Tempels beschäftigte sich Rabbiner Dr. Bondi-Mainz mit den Männern der großen Versammlung (Keneseth hagdauloh), besonders mit Esra. Dieser hätte seine Aufgabe in Palästina nicht erfüllen können, wenn ihn die babylonische Regierung nicht auch als obersten Richter über Palästina gesetzt hätte. Die Juden in Palästina bildeten nur einen Bruchteil der Bevölkerung und hatten sich daher mit dieser vermischt. Esra fand bei seiner Rückkehr sogar Kauhanim vor, die heidnische Frauen hatten; die'Kinder hatten die hebräische Sprache vergessen. In solche Zustände hätte Esra nicht eingreifen können, wenn' ihm nicht die höchste richterliche Gewalt übertragen gewesen wäre. Seine Stütze fand er dann in Nehemia, der auf 12 Jahre beurlaubt worden war, um während dieser Zeit als Satrap von Palästina dort für eine Regenerierung tätig zu sein. Alles Maßnahinen der babylonischen Regierung, die uns erstaunen. — Redner zeigte ferner, wie die „große Versammlung" nicht neue Verordnungen gab — wie häufig behauptet wird —, sondern nur den veränderten Verhältnissen entsprechende Aenderungen vornahm. Frankfurt a. M. „Montefiore"- Verein. Die Einladungen zu der am Samstag, den '11. Dezember cr., stattfindenden Chanuka-Feier sind heute zur Ausgabe gelangt. Aus dem lreichhaltigen Programm haben wir bereits das Festspiel von Frau R. Meyer, betitelt „Der Rangstreit der Feste," sowie das Offenbach'sche Singspiel „Die Verlobung bei der Laterne" erwähnt. Für den solistischen Teil des Programms sind namhafte Künstler — Frau Grete Ilm vom Schauspielhaus, Herr Konzertsänger Adolf Müller — verpflichtet worden, während die Instrumental-Musik durch einen 8 jährigen Geigen - Virtuosen sowie durch ein Quartett bestens vertreten ist. Die Heilung des den Fest-Abend beschließenden Balles ist Herrn Tanzmeister Bock-Bocka übertragen worben. — - Es dürfte sich empfehlen, die Bestellung der Eintrittskarten baldigst vorzunehmen, da erfahrungsgemäß der Andrang zu den Veranstaltungen des Montefiore-Vereins ein ungemein starker ist. Frankfurt a. M. Zu einem glän. enden Abend für den Verein für jüd. Geschichte und Literatur gestaltete sich der Vortrag des Generalkonsuls Geheimrat E. v. Hess e-W artegg über „Jüd. Oasen - und Höhlenbewohner in der Sahara. Nicht allein, daß der.große Saal der Frankfurter Loge besetzt war, sondern auch der glänzende Redner und sein hochinteressanter Stoff machten die Veranstaltung zu einer hervorragenden. Wir geben aus den Ausführungen des Redners folgendes wieder: In der Wüste Sahara gibt es 15 000 Juden, die in Oasen und in Höhlen wohnen. Dreißig Prozent derselben stammen aus Spanien, während die übrigen aus dem alten Judäa und dem alten Aegypten eingewandert sind, was uns die alten Grabsteine aus der Zeit um 4100 nach jüd. Zeitrechnung und die Trümmer jüd. Burgen beweisen. Die Judo» nehmen eine wichtige Stellung ein; so z. B. ruht der gesamte Karawanenhandel in ihren Händen; die meisten von ihnen jedoch sind Handwerker und müssen als solche den Arabern Frohndienste leisten. Diese üben eine Art Gewaltherrschaft aus, so z. B. verhindern sie die jüd. Familien, ihre Dörfer tzn verlassen. Die Juden wohnen in großen Erdlöchern, immer eine ganze Sippe von 50—60 Menschen zusammen. Nichts ist von Europa zu ihnen gedrungen, jodaß sie sich sogar alle Werkzeuge zu ihrein Handwerk selbst anfertigcn. Obgleich sie mit Ausnahme weniger Rabbiner das Hebräische und die Gebetordnung gänzlich vergessen haben, sind sie doch sehr orthodox, so sehr, daß sie sich weigerten, ihre Kinder in die Schulen der Alliance zu schicken, aus Furcht, daß sie unjüdisch werden könnten. Ihre Synagogen befinden sich meistens in Berghohlen und enthalten nur das Allernotwendigste. Die Juden sind sehr abergläubisch und bedienen sich auch Beschwörungsformel» gegen Skorpione, Krankheiten usw. Der alte semitische Typus ist noch zahlreich unter ihnen vertreten. Auch haben sie viele Sitten beibchalten, wie man sie im alten Judäa finden konnte; aus diesem Grunde empfahl der Redner, jüdische Gelehrte nach jenen Gegenden zu senden, denn das Studium des Lebens dieser Juden könnte zur Klärung vieler dunklen Stellen in. Bibel und Talmud beitragen. Der Redner versicherte, in diesem Sinne bei der Alliance vorstellig werden zu wollen. Nachdem der tpsende Beifall verhallt war, führte der Redner noch eine Anzahl hochiirteressanter, von ihm selbst aufgenommener Lichtbilder vor, unter welchen sich auch mehrere befanden, die das Leben der Juden in den Gtädtcn — wie Fez — darstellten. Hierbei gab der Redner mehrere Beispiele von dem Fanatismus der städtischen Araber und protestierte gleichzeitig gegen die unwürdige Behandlung der Juden seitens der Franzosen, die selbst den in Frankreich akademisch ausgcbildcten Juden das französische Bürgerrecht nicht erteilen wollen. Bunte Chronik. M o m m s^e n und T r e i t s ch k e. Ein unvergleichbarer Vergleich v. Dr. med. Ratner, Wiesbaden. -Nach den Grundsätzen der gesunden Logik lassen sich nur Dinge miteinander vergleichen, welche irgendwie Berühungspunkte miteinander haben. Nur der Bolkswitz, welcher sich in Paradoxen zu ergehen liebt, vergleicht manchmal eben deswegen die heterogensten Sachen. Mommsen und Treitschke haben nur das Eine gemeinsam, daß sie beide Geschichte schrieben, — K nichts. Ein konservatives Blatt — die nisch - Westfälische Zeitung — ereifert sich darüber, daß jüngst bei der Enthüllung des Mommsen-Denkmals ein Prinz den Kaiser vertreten, während bei der Treitschkefeier nur ein General dasselbe tat. Treitschke, der echt „teutsche" Mann, der ,HZerherrlicher" der Hohenzollern, sollte hinter Mommsen, dem alten Achtundvierziger und Politiker „Barth'scher" Richtung, zurückstehen? Welche Schmach! .So das Blatt. Was vielleicht Zufall war, das betrachtet das Blatt als Absicht — und ist verstimmt. Kanu man denn überhaupt Mommsen, den genialen Archäologen und unübertroffenen Gcschichtschreber, mit Treitschke, dem „Geschichtfabrikanten", vergleichen? Mommsen, von dem der Jubelrektor der Berliner Universität Erich Schmidt in der Weiherede rühmte, daß er ein „g e - bildeter" Gelehrter war, schrieb seine römische Geschichte, wie sie ihm sein tiefgründiger Forschergeist, seine unerreichte Stoff- und Sachkenntnis diktierten, — und ein Wunderwerk kam dabei heraus! Zugleich ein Dichter- und Gelehrtenwerk ersten Ranges! Die „Nobelstiftung" ehrte ihn auch gerechterweise, indem sie ihm nachträglich noch den „Literaturpreis" zuerkannte! Dabei blieb bas Werk nur ein Torso. Trotz aller Erwartung blieb der vierte Band aus — und fehlt bis jetzt, tweil er, wie Ferrero, der bedeutende römische Geschichtschreiber und Schwiegersohn des eben verstorbenen Lombroso, erllärte, ihn nicht schreiben konnte. Aber die ganze Welt bewundert immer noch diesen Torso und seinen großen Verfasser! Beweis: von aller Herren Ländern flössen reichlich die Gaben zur Errichtung der Mommsen-Denkmals, wie auch dies ebenfalls Erich Schmidt in seiner.Rede zu Anfang erwähnte. Dieser „Achtundvierziger" und „freisinnige" Politiker war aber ein abgesagter Feind deS Antisemitismus, namentlich in akademischen Kreisen, um dessen Verbreitung eben sein Antipode Treitschke gerade sich „verdient" gemacht/ indem er in den Vorlesungen seine beiden Steckenpferde Napoleon und die Juden unbarmherzig ritt — und ihnen alles Talent und Genie absprach. Der „schöne" Ausdruck „hosenhandelnde Juden" ist ja von ihm geprägt und von seinen Nachfolgern ä.la Piickler usw. vielfach gebraucht. Mommsen aber schrieb in den achtziger Jahren eine spezielle Broschüre gegen die antisemitische Seuche, in der er nachwies, daß Juden mindestens ebensolange wie Ger-