Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 45 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. Nr. 45. manen . im alten „G ermani e n"- ansässig waren. Ebendaselbst erklärte er rundweg, er wolle sein akademisches Amt niederlegen, wenn sich der Antifemitismus immer mehr in der Gelehrtenrepublik einbürgere. Zu seinen Lieblingsschiilern gehörte ja auch ein bekannter jüdischer Gelehrter, der vor kurzem sein 25jähriges Jubiläum als Privatdozent feierte, trotzdem ihn sein genialer Lehrer mehrmals zum Ordinarius vorgeschlagen hatte! So unser Mommsen! Und Treitschke? Er fabrizierte deutsche Geschichte etwa wie der katholische Jansen die Weltgeschichte. Paßten die Tatsachen nicht zur Tendenz, jo wurden sie hineingezwängt, verdreht, absichtlich vertuscht ad majorem gloriam. Die internationale Gelehrtenwelt kennt ihn entweder gar nicht oder zuckt, wenn sie ihn zu- S liest, die Achseln über den Chauvinisten. wird er nicht genommen. Bald ist er vergessen .... Ja, das ist eben die Ironie des Schicksals! Wer der Wahrheit Gewalt anzutun bestrebt ist, der wird durch sein eigenes Werk der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Weltgericht schweigt nicht! Und sonst? Das Verhältnis zwischen Mommsen und Treitschke ist etwa wie das zwischen Goethe — und Joseph Laufs. Die beiden lassen sich eben gar nicht miteinander vergleichen. Ob ein Prinz oder General den ersten Kranz am Denkmal niedergelegt, das kann zu Mommsens Ruhm ebensowenig etwas hinzufügen, wie den Treitschke weiß waschen. „Die Gerechten aller Völker haben Anteil ain Jenseits," sagen unsere Weisen. Zu diesen gehört auch Mommsen. " Die Chuetas. Mnun, der jetzt entlassene spanische Ministerpräsident, ist ein „Chueta", also ein Glied jener Einwohner der Insel Mallorca, die von Juden abstammen. Der bekannte Romanschriftsteller B l a s c o I b a n e z hat das „Chucta"-Problem in den Mittelpunkt seines soeben erschienenen Romans „Los muertos m and an" (Die Toten bestimmen) gestellt. Blasco Jbanez setzt sich niit der Frage unverzüglich auseinander, sobald er dem Leser seinen „Chueta"-Helden, den Schifsskapitän Pablo Balls präsentiert. Er sagt von ihm: „Er (Valls) war weit in der Welt herumgekommen. Er hatte lange Zeit in England und den Vereinigten Staaten gelebt und von dem Aufenthalt in jenen Ländern der Freiheit, wo man unempfänglich für religiöse Haßempfindnngcn, einen kriegerischen Freimut mitgebracht, der ihn reizte, die überlieferten Vorurteile, in denen die Insel versumpft war, herauszusordern. Die anderen „Chuetas" suchten, durch jahrhundertelange Verfolgung und Verachtung eingeschüchtert, ihren Ursprung zu verbergen oder ihn doch allmählich vergessen zu machen. Kapitän Valls aber benutzte jede Gelegenheit, um davor: zu sprechen. Er brüstete sich damit wie mit einem Ehrentitel und schleuderte das Thema wie einen Tusch in die allgemeine Enge des Vorurteils. „Ich bin ein „Chueta"! Na und . . .? Jude von oer jüdischsten Sorte. 'Alle aus meiner Familie stammen wir aus der „Gasse". „Irr Spanien," fuhr er laut fort, „gibts keinen Christen, der sich was einbilden dürste. Wir sind alle Enkel von Juden oder Arabern und wer es nicht ist, — na wer es nicht ist,-— der stammt eben vom Pfaffen ab." Auf der Halbinsel, heißt es in denr Roman weiter, kennt nran den traditionellen Haß gegen die Juden nicht, der die Bewohner von Mallorca noch in zwei Kasten teilt. Pablo Valls geriet in Wut, wenn er von seinem Baterlande sprach. Dort gab es keine Juden mehr, die es ihrer Religion nach gewesen wären. Seit Jahrhunderten lag die letzte Synagoge in Trümmern. In Scharen hatten sie sich bekehrt, und die Rebellen waren auf dem Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt worden. Die „Chuetas" von heute waren die eifervollsten Katholiken von Mallorca. Sic brachten für ihren Glauben einen semitischen Fanatismus mit. Sie beteten, daß man es hören sollte, machten ihre Söhne zu Priestern und bemühten sich um Empfehlungen, um ihre Töchter in den Klöstern unterzubringen. Sie spielten als begüterte Leute unter den Anhängern der reaktionären Parteien eine Rolle; und doch lastete auf ihnen derselbe Haß wie zu anderen Zeiten, und sie lebten isoliert, und keine Klasse der Gesellschaft wollte mit ihnen zu tun haben ... Es stand unzweifelhaft fest, daß nach dem Adel und dem Plebs von Mallorca dem Range nach zunächst die Schweine, Hunde, Esel, Katzen, Ratten kamen, und ganz zum Schluß erst, nach allen diesen Geschöpfen Gottes, der verhaßte Bewohner der „Gasse", der „Chueta", der Paria der Insel. Viele „Chuetas", die auf der Halbinsel als hohe Staatsbeamte, Militärs, Richter, Finanzleute lebten, mußten, wenn sie nach Mallorca zurückkehrten, erkennen, daß der elendste Bettler sieh ihnen gegenüber als ein höheres Wesen dünkt. Die Isolierung dieses vom Meer umspülten Stück spanischen Eilandes diente dazu, die Seele vergangener Epochen unberührt zu bewahren ... Es bestand eine Liste verdächtiger Eigennamen, daraus man die währen „Chuetas" erkennen sollte. Aber alte 'christliche Familien trugen die gleichen Namen, und es Frankfurter Israelitisches Familienblatt. war nichts als traditionelle Willkür, wie man die einen von den anderen trennte. Nur diejenigen blieben dauernd und unanfechtbar gebrandmarkt, deren Vorfahren von der Inquisition gemartert und gemordet waren. — „Es ist doch eine wahre Glückseligkeit sich Christ zu nennen," schimpfte der Kapitän. „Die Vorfahren auf dem Scheiterhaufen geschmort und die Enkel von Jahrhundert zu Jahrhundert gebrandmarkt und verflucht!" Die Nase des Genies. In seinem jüngst erschienenen Buche „Die Gesichtsbildung des Genies", kommt ,Dr. Edgar u.‘ Mojsisovics zu folgenden Ergebnisse: „Sehen wir uns nun in der Liste von ..Genies" um, betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal unsere Dickster Dante, Tasso, Mvliere, La Fontaine, Shakespeare, Schiller oder ■ unsere großen Maler Tizian, Michelangelo, Rubens, Gelehrte wie Descartes, Newton, Linus und große Staatsmänner wie Julius Cäsar, Napoleon I. und Moltke — um nur wenige aus der großen und erhebenden Zahl geniebegabter Männer zu nennen — betrachten wir diese und lassen wir an unserem Auge die Profile dieser Männer vorüberziehen. Es sind lauter „Goethes." Sie alle haben jene eigenartige Gesichlsbildung, deren Wesen in der starken Krümmung des Nasenrückens zum Ausdrucke kommt. Ich stelle daher das Gesetz vom Vorhandensein eines „Genietypus" auf: Der mit universeller Schöpferkraft ausgestattete Mensch, das „Genie" Kurzweg genannt, besitzt eine nur demselben zukommende Gesichtsbildung, deren Eigenart in der stärkeren oder schwächeren Krümmung des Nasenrückens besteht." Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen beschäftigt sich Dr. v. Mojsisovics mit den gekrümmten Nasen als Rasseneigentümlichkeit und kommt da gleichfalls zu sehr merkwürdigen Schlüssen. Er bespricht dann die „gebogenen Nasen der Semiten" und führt aus: „Ich zähle daher die Semiten zu den Vertretern des Genietypus, und betrachte diese als einzige Rasse, welche in ihrer Gesamtheit eine „Genierasse" Zu nennen wäre. Wir finden bei den Semiten eine außerordentliche und auf allen Berufsgebieten zu Tage tretende Intelligenz, die sich aber bisher vorwiegend einem speziellen Berufe hingegeben hat: dem Handel. Doch zeigt sich auch in den heutigen Nachkommen der semitischen Rasse das Vorhandensein der dem Genietypus eigenen Universalität. Wir sinken in der Reihe großer Künstler, Gelehrter und Denker eine Anzahl von Juden, deren Anwesenheit auf diesen Gebieten anfangs überrascht. In der Dichtkunst Heine, in der Musik Offenbach, Mendelssohn Meyerbeer und noch mehr, als wir authentisch wissen. Die große.Zahl musikalischer Wunderkinder, die aus dem jüdischen Stamme hervorgegangen sind — ich nenne die Geiger Wieniawski, Ernst. Joachim ans der Vergangenheit, Hubermann, Elmann, Becseh aus der Gegenwart — weist auffällig darauf hin, daß hier bereits iin Kinde eine geniale Anlage vorhanden ist, die sich später zum vollwertigen Genie entfalten kann. Die Großzahl ausübender Virtuosen von gutem Namen Herz, Rubinstein, Ernst, Vieuxtemps aus der Vergangenheit, Mark-Hamburg, Sauer, Rosenthal in der Gegenwart, sind Juden und in ihrer Kunst au erkannte und gefeierte Meister." Kunst und Literatur. Buchprobe aus: Religiöse Zeitfragen von Dr. L. Münz, früher Rabbiner in Kempen. Zweite, revidierte Auflage. 120 Seiten. M. 2.—. Berlin C 2, Louis Lamm. (Seite 46.) Der Verstand hat den Blick auf die einzelnen Gegenstände gerichtet, die Vernunft au) alle zusammen, auf ihre Gesamtheit; der Verstand betrachtet die einzelnen Dinge und Erscheinungen, wie sie in jedem besonderen Falle uns zu Gesichte kommen, die Vernunft den Inbegriff aller Dinge, die W e l t erscheinung, das große Schöpfungswerk, wie es als einheitliches Ganzes vor unseren Geist hintritt. Die Denkart jener Leute, die einerseits gebildet und aufgeklärt sein mögen, andererseits aber doch als stumpfsinnig und beschränkt gelten müssen, ist somit genügend erklärt. Sie. haben immer nur die einzelnen Geschehnisse vor Augen, die einzelnen Vorgänge, die in Natur und Menschenleben sich abwickeln; sie schauen immer nur aus die einzelnen Erscheinungen hin, die in der Welt zu Tage treten, und die Ursachen für diese Erscheinungen, die Erklärungsgründe sür ihre Entstehung finden sie in dem großen Weltenlauf, in dem natürlichen Gange der Dinge. Doch dieser große Weltcnlauf selbst, dieser sogenannte natürliche Gang der Dinge erregt als etwas Gewöhnliches und Alltägliches ihre Aufmerksamkeit nicht weiter, fordert ihr Nachdenken nicht im entferntesten heraus; nach der Ursache des ganzen Weltenbaues, nach dem letzten Grunde alles Daseins zu fragen, kommt ihnen nie in den Sinn. Und doch ist ja gerade das Auftauchen dieser Frage von entscheidender Wichtigkeit für die religiöse Entwickelung des Menschen; denn mit ihr erwacht in unserem Geiste das Bewußtsein von dem Rätsel des Lebens. Nun wissen wir, aus dem Gesagten gewinnen wir eine klare Einsicht, was für eine Kultur wir dem Geiste der Heranwachsenden Jugend haben ange-- deihen zu lassen, um denselben zu befähigen» bei der Schöpfung einer religiösen Ueberzeugung als tätige Kraft mitzuwirken: Wir haben bei unfern Kindern die Vernunft zu entwickeln und dafür zu sorgen, daß es ihnen lebhaft zum Bewußtsein komme, daß diese Welt der Erscheinung sich nicht selbst genüge, den Grund ihres Daseins nicht in sich selbst trage: wir haben ihren Blick auf das große Werk der Schöpfung, auf das große Weltenwunder zu lenken . . . Mitteilungen zur I ü d. V o l k s k u n d e. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald. 12. Jahrgang. 1. Heft. Das vorliegende Heft beschließt den 12. Jahrgang der lehrreichen Zeitschrift. Aus seinem reichen Inhalt seien hervorgehoben, die interessante Geschichte der Gründung der Wiener Chewra Kadischa im Jahre 1763 von Dr. Wachstein, die Beendigung der Biographie Wölwel Zbarakers von Prof. Dr. Weißberg, der faksimilierte Bittbricf der Wiener Judenschaft an die Gemeinde in Venedig 1670, ein wein- oder besser branntlveinseliges chassidisches Exlibris. Ein Inhaltsverzeichnis schließt den Jahrgang. Palästina und seine Kultur in fünf Jahrtausenden. Nach den neuesten Ausgrabungen und Forschungen dargestellt von Dr. Peter Thomsen. 36 Abbildungen. 108 Seiten. Preis geb. 1,25 JL Leipzig, B. G. Tcubuer. Die Ergebnisse der archäologischen Forschungen in Palästina sind fast nur im archäologischen dach-' kreise bekannt, und es ist deshalb zubegrüßen> daß Thomsen nunmehr in populärer Form einen Ueberblick über dieses Gebiet gibt. Natürlich ist manches Hypothese. Wie leicht falsche Schlüsse gezogen werden, sei an einer Stelle gezeigt.-Seite 34 ist zu lesen: „Die Steinblöcke sind-„Maßeben," d. h. Steine, in denen man sich.'irgend eine Gottheit wohnend dachte. Der Stein war also das Haus Gottes (Hebr. „Beth-El," vergl. 1. Mos. 28, 18; sonst 31, 45; 2. Mos. 24, 4; Jes. 19, 19 u. ö.), den man , ehrte, indem man den Stein mit Oel salbte (1. Mos. 31, 13; 35, 14)." Das heißt doch die Tatsachen auf den Kopf stellen! Also Jakob hat sich „irgend eine Gottheit im Steine wohnend" gedacht, als er einen Stein zur Erinnerung an seinen Traum aufrichtete! Soll man darüber nur ein Wort der Widerlegung verlieren? Ein Beweis, zu welchen Schlüssen man kommt, wenn man nach Art der Bibelkritiker statt nach den unterschiedlichen stets nach den gleichenden Merkmalen sucht. Der Storchschnabel oder Pantograph ist für jeden Zeichner ein unentbehrliches Instrument, er vergrößert oder verkleinert Zeichnungen' usw. mit mathematischer Sicherheit. Einen solchen Apparat selbst herzustellen, gibt das 25. Heft der Sammlung „Spiel und 'Arbeit" (Verlag vonO. Maier in Ravensburg) durch Modellbogen eine geschickte Anleitung. Der Preis des Heftes ist 0,70 J& K i n de r z e i ch n e n. Vorlagen für Schule und Haus. 24 Tafeln. Zugleich eine Materialsammlung fürs Gedächtniszeichnen. Herausgegeben von Karl Walter. Preis 2— Mk. Verlag Otto Maier, Ravensbürg . Die Tafeln sind Lehrern und Eltern gleich warm zu empfehlen, denn durch sie wird die Zeichenfreudigkeit der Kinder ungemein angeregt. Bereschit Rabba mit kritischem Apparate und Kommentare von I. Theodor. Lieferung V. Preis 3,— J& Zu beziehen durch Rabbiner Dr. I. Theodor in Bojanowo (Posen). Der zukünftige Caruso. In L e e d s (England) wurde in dem 20jährigen Jsaac Ellis, der als Sohn eines Lehrers in Minsk (Rußland) geboren wurde, der Besitzer so hervorragender Stimmmittel entdeckt, daß ihn die gesamte Leedser Presse als den zukünftigen Caruso preist. Erwerb eines Preises. Unser Kölner „Ben - Jair" - Korrespondent, Herr M. Golde, ein geborener Frankfurter, errang auf dem von der Henry Jonas-Loge zu Hamburg veranstalteten Wettbewerb (Preisausschreiben) den3.Preis für sein allegorisches Festspiel: Jaakauws Traum. Wir können im Einverständnis mit den Herren Preisrichtern das Stück den jüdischen Vereinen nur bestens empfehlen. Da alle Rechte auf die Loge übergegangen sind, so ist sich dieserhalb ausschließlich an die Loge zu wenden. - Briefkasten. —. Wir nehmen davon Notiz, daß das Gumpertz'sche Siechenhaus nicht 100000 Mk., sondern 10 0U0 Mk. aus dem Franziska Speyer'schen Nachlaß erhielt. Barmizwohs. Fritz, Sohn des Herrn Hugo Koch, Herderstr. 2: Adolf, Sohn des Herrn M. Schiller, Allerheiligen-