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Neue jüdische Presse · 1909-11-26 · Heft 45 (26.11.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 45 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 45 Seite 3. Frankfurter Israelisches Familienblatt. Berlin. Der Verband der deutschen Juden teilt mit: „Daß bei der NeuregelungderSonn tags ruhe die Reichsregierung die Interessen derjenigen Geschäftsbetriebe zu berücksichtigen gewillt ist, die am Sabbath und an den Feiertagen geschlossen bleiben, ist erfreulicher Weise in den jüngst «von der „Neuen politischen Korrespondenz" veröffentlichten Grnndzügen der im Reichsamt des Innern in Ausarbeitung begriffenen Novelle zum Sonntagsruhegesetz festgestellt. Die Grundzüge enhalten den Satz: „D u r ch Anordnung der höheren Verwaltungsbehörden oder durch Ortsstatnt wird eine Berücksichtigung der an jüdischen Feiertagen gänzlich ruhenden Geschäftsbetriebe dahin zu ermöglichen sein, daß diese die i,ü di scheu Angestellten bis zur Dauer von drei Stunden in für den Verkehr geschlossenen Geschäftsräumen b e s ch ä s t i g e n k ö n n c n." Der Verband der Deutschen Juden hat, wie auch andere Körperschaften, seit Jahren eine Beachtung der Interessen der strenggläubigen jüdischen Geschäftsleute in dieser Angelegenheit angestrebt. Schon 1906 richtete der Verband eine Eingabe an den Reichsstaatssekretär des Innern mit dem Antrag, die Erhebungen des Kaiserlichen statistischen Amtes auf diese Frage ausdehnen zu lassen, und veranstaltete dann selbst mit Hilfe seiner Korrespondenten eine Umfrage bei jüdischen Geschäftsinhabern, die genügendes Material zur Grundlage für Denkschriften ergab, welche gleichzeitig an den Bundesrat und an den Reichsstaatssekretär des Innern gerichtet wurden, mit dein Anträge: „Es möge bei der Regelung der Sonntagsruhe als Ausnahme durch Reichsgesetz gestattet tvorden, jüdische Angestellte in Kontoren und kaufmännischen Betrieben, die nicht mit offenen Verkaufsstellen verbunden sind, an Sonntagen und allgemeinen Festtagen aus zwei Stunden zu beschäftigen, insoweit die jüdischen Geschäftsinhaber im voraus sich verpflichten, ihre Geschäfte an Sabbathen und jüdischen Feiertagen fest geschlossen zu halten." Gleichzeitig wandte sich der Verband mit dem Ersuchen um Unterstützung unserer Bestrebungen an sämtliche Handelskammern. Als Anfang dieses Jahres die.Gcwerbedeputation des Berliner Magistrats eine Umfrage betreffend eine weitere Beschränkung der Sonntagsarbeit in offenen Geschäften versandte, hat der Verband der Deutschen Juden auch hier durch eine Eingabe darauf hingcwiesen, baß eine ausnahmslose Untersagung jedes Handelsbetriebs an Sonntagen und christlichen Feiertagen nicht geboten erscheine. Die nunmehr seitens der Regierung in Aussicht gestellte Regelung trägt jenen Anträgen Rechnung und würde eine Sonntagsarbeit jüdischer Angestellter in nicht offenen Geschäftsräumen bei Gewerbebetrieben, die am Sabbath schließen, bis zu ' drei Stunden ermöglichen, freilich die Gewährung dieser Ausnahme von der Anordnung der Berwaltungs- oder der Stadtbehörden abhängig machen; anscheinend sollen aber den betreffenden Gewerbetreibenden jene drei Stunden ans die allgemein zulässige Beschäftigungszeit in Anrechnung gebracht werden. Beide Einschränkungen erscheinen nicht geboten durch die Zwecke, bie_ der Entwurf verfolgt, und es ist ' zu hoffen, daß die Regierung nach nochmaliger Erwägung nicht daran festhalten wird." Hamburg. Da bei der am 28. November stattfindenden Fahnenweihe des hiesigen Vereins selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender viele auswärtige jüdische Handwerkervereine durch Delegierte pertreten sein werden, wird am 29. d. Mts., im Logenheim ein jüd. Handwerkerkongreß abgehalten, um die ivichtigsten Fragen, die die jüd. Handwerker betreffen, zu besprechen. Breslau. Der verstorbene Schachmeister Arnold S ch o t t l ä n d e r hat testamentarisch eine Summe von 300 000 Jl. ] ü r w o h l t ä t i g e Z w e ck e hinterlassen mit der Maßgabe, daß seinem überlebenden Bruder die spezielle Berwendungsbestimmung überlassen bleiben solle, wenn er das tStuftuugskapital auf x[-± Million Jt, erhöht. Nachdem nun sein Bruder Hermann diese Bedingung erfüllt hat, soll, wie wir erfahren, das Kapital zum Bau zweier S i e ch e n h ä u s e r verwendet Werden, eines für Juden unter Berivaltung der jüdischen Krankenhansverwaltung, und eines für Christen unter Verwaltung der Stadt Breslau. Oesterreich-Uugaru. Lemberg. Eine Ausweisungsaffäre in P r z e s l a w, die in der galizischen Jndenheit großes Aussehen hervorgerufen hat, gibt ein deutliches Zeugnis von den „r n s s i s ch c »" Praktiken der galizischen Behörden. Salomon B i e n e n st o ck, der' vor 23 Jahren als 13 jähriger Knabe nach New Port geschickt wurde und vor 8 Jahren wegen des ihm nicht zuträglichen dortigen Klimas auf dringenden ärztlichen Rat Amerika — wo er das Staatsbürgerrecht erworben hatte — verließ und nach seiner Geburtsstadt Przeslaw zurückkehrte, erhielt jetzt plötzlich eine kurzfristigeAusweisnngsordre. Ms Grund wird angegeben, daß Bienenstock als dreizehnjähriger Knabe auswanderte, um sich der Militärpflicht zu entziehen! Der Ausgewiesene, der inzwischen das amerikanische Bürgerrecht verloren hat und dem die Sorge für eine igrößere Familie obliegt, ist jetzt in die verzweifeltste Lage geraten und hat sich mit einem Gesuch an die Stadthalterei und dann an den Minister gewendet, — aber ohne jeden Erfolg. Selbst eine Verlängerung der Ausweisungssrist zur Ordnung seiner geschäftlichen 'Angelegenheiten wurde ihm verweigert, ungeachtet der Fürsprache, die der Bürgermeister und die angesehensten Personen in seiner Stadt für ihn eingelegt haben. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da! Seit längerer Zeit lvird hierzulande eine drakonische Ausweisungspraxis geübt, durch die zahlreiche jüdische Existenzen zum Ruine gebracht worden sind. — Die Rubrik der E n t s ü h r u n g j ü bischer Mädchen ist um einen neuen Fall bereichert worden. In P o n i k o m c e wurde die minderjährige Rebekka Proweler, eine Tochter der dortigen Wirtshauspächterin Malka Proweler, von einem bereits wegen Totschlag vorbestraften Individuum entführt und in einem Kloster u n t e r g e b r a ch t, wo sie zur Taufe vorbereitet wird. Reichsratsabgeordncter Dr. Gabel hat diesbezüglich bereits beim Lcmberger Bischof interveniert und bei der Behörde die nötigen Schritte unternommen, um die Befreiung des Mädchens zu erwirken. Wird aber die Behörde auch zur Bestrafung des verbrecherischen Entführers schreiten? Wird sie endlich ihre Untätigkeit zur Verhinderung solcher Fälle aufgeben? Ihr bisheriges Verhalten und die mehrfach erfolgte gerichtliche Freisprechung von Entführern jüdischer Mädchen sind nicht geeignet, diesem gewissenlosen Treiben der Seelenfänger Abbruch zu tun. Budapest. Wie weit die russische Zensur geht, beweist ein interessanter Fall, den Ungar. Blätter melden. Der größte Lyriker Ungarns, der im Jahre 1848 den Märtyrertod gestorbene Alexander Petöfi ist schon längst in alle Kultursprachen übersetzt. Der Lehrer Samuel I l k o v i c s der Klausenbnrgcr orth. Gemeindeschule hatte es nun vor Jahren unternommen, seine Gedichte auch ins Hebräische zu übersetzen und »fanden seine Proben sehr schönen Anklang. Da er aber hiefür in Oesterr.-Ungarn keinen Verleger fand, sandte er sie an eine Warschauer Firma, von Ivo er aber keine Antwort erhielt. Als er der Sache nachging, erfuhr er erst, daß das Manuskript bei der Post dnrchgelesen und da cs „revolutionäre Gedichte" — aus den 40 er Jahren! — enthalten habe, vernichtet worden sei. Seither ist Herr Jlkovics gestorben und mit ihm vielleicht ein Meisterwerk der .hebr. Uebersetzüngskunst. Lemberg. In Galizien und Bukowina sollen am 1. Januar Eisen bah nbillcte mit deutscher, polnischer und rnthcnischer 'Aufschrift in Verkehr gebracht werden. Die Zionisten Pünschen nun, daß sie auch hebr. Aufdruck erhalten, ein Ansuchen, das von den Rnthenen unterstützt wird. Großbritannien London. Gestatten Sie mir zu Ihrem Artikel in dir. 40 „Londoner Chronik," der mir heute erst zu Gesicht kommt, noch ein 6. Judentum hinzuzufügen. Und zwar habe ich das Judentum des Londoner Nordens (North) im Auge. Gerade da hat man Gelegenheit, unverfälschtes Judentum kennen und schätzen zu lernen. Ich will nur eine kleine Gemeinde herausgreifen, die es verdient, in Ihren: Blatte gedacht zu werde». Es ist das „North London B e i t h H a m i d r a s ch." Aus ganz kleinen Anfängen hcrvorgegangen, hat sich die Zahl der Mitglieder zu einer recht ansehnlichen Gemeinde herangebildet, der es nun auch gelungen ist, ihren eigenen Rabbiner zu berufen. In Rabbiner Dr. Schönfeld hat sie den richtigen Mann gefunden. Derselbe hat es verstanden, sich in aller Kürze das Herz aller zu erwerben, was die große Zuhörerschar, die zu seinen Vorträgen 'herbeieilt, aufs schlagendste beweist. Er hat eine Anzahl Schiurim eingerichtet, die der hiesigen Jugend bis jetzt etwas ganz «fremdes waren. So hat er.für Freitag Abend einen „Mesilas Jeschorim" Schinr mit nachfolgender Diskussion, für Schabbos Morgen einen „Miorasch Rabba" Schinr, für Sonntag Nachmittag einen „Schulchan Oruch" Schinr, für fast jeden Tag der Woche verschiedene Gemore und Mischnajis Schiurim eingerichtet. So bildete sich auch unter seiner Leitung ein Frauenverein, genannt „Esras Noschim," dem ca. 40 Frauen sofort beitraten, zum Zwecke, wie die Einladung lautete: „Zur Verbesserung und Stärkung eines orthodoxen jüdischen Geistes" (Costituting a Society os Ladies for cultivating and promoting orthodox Judaism), gleic^eitig zur Gründung einer Frauenkippe, die bis jetzt hier noch nicht bestand. In aller Kürze wird die kleine Gemeinde, die an Mitgliedern zusehends zunimmt, eine größere Synagoge bauen, da ihre jetzigen Lokalitäten bereits zu eng geworden sind. Rußland. Odessa. In der Stadtduma wurde ein von dem Pogromhelden Pelikan eingebrachter Antrag mit großer Mehrheit angenommen, den Zaren in einem Gesuche um Ausschließung der Juden von den Wahlen zur Reichsduma zu bitten. Vergeblich protestierte der einzige fortschrittliche Stadtverordnete R o w i k o w dagegen, der darauf hinwies, daß eine Aenderung eines Staatsgrnndgesetzes nur mit Zustimmung der Reichsduma vorgenommen werden könne und daß die .rechtliche Gleichstellung aller Bürger die unerläßliche Voraussetzung für das Gedeihen des Landes sei. Die echt-russischen Stadtverordneten fanden als Antwort darauf nur neue maßlose Beschimpfungen der Juden.' Als der jüdische Stadtverordnete B u ch st a b auf ihre Ausfälle zu antworten versuchte, wurde er mit den Rufen „Fort, Jude!" niedergeschrien. Bei der Verkündigung des Abstimmungsrcsultats ertönten Zurufe: „B u ch st a b , j e tz t k o m m t e i n P o g r o m!" Der eigentliche Führer der hiesigen echten Russen, der Stadthauptmann To.lmatschow, hat eine gerichtliche Klage gegen den hier in die Reichsduma gewählten jüdischen Rechtsanwalt B r o d s k y angestrengt, weil er in angeblich unrechtmäßiger Weise sich eines russischen Vornamens bediene. Tolmatschow erhofft offenbar» daß eine gerichtliche Verurteilung Brodskys die Annullierung seiner Wahl zur Folge haben würde. „N. I. K." Radomisel. Leider kann ich immer noch nichts Gutes berichten. Man hört hier nur von Rohesten, mit denen jeder .christlicher Raufbold ungestraft den Juden bedrohen darf, man . hört nur von immer neuen raffinierten Mitteln, durch die dem armen, geplagten Juden der Kampf ums Dasein nach Möglichkeit erschwert, ja in ananchen Fällen schier unterbunden wird. Es ist daher auch gar kein Wunder, wenn die jüdische Jugend zum Verwerfen des 'Alten sich verleitet, ja, wenn die Taufe die Losung des Tages geworden ist. In Kieff haben bereits alle, die voriges Jahr mit großer Mühe das Reifezeugnis erhielten und keine Aufnahme in den Universitäten fanden, sich tanfen lassen. I. I. Braun. Helsingfors. DerLandtagtat mit 112 Stimmen der Sozialdemokraten, Agrarier, Jungfinnen und Schweden die Gleichberechtigung der finnischen Jude n angenommen. 43 Abgeordnete stimmten dagegen. Es wurde beschlossen, den Kaiser um Genehmigung dieses Beschlusses zu bitten. Interessant ist, daß dieser Beschluß in einer Nachtsitzung gefaßt wurde, nachdem man bereits wußte, daß am anderen Tage die Auslösung des Landtages erfolge. Palästina. Jerusalem. Im Monat Oktober wurden in der Poliklinik des Vereins Lemaan Zion 3805 Kranke behandelt. In der Augenheilanstalt wurden, 13 kleinere und 20 größere Operationen erfolgreich vorgenomnien. Insgesamt kamen daselbst 4820 Behandlungen vor. Die Apotheke verfertigte 2143 Rezepte. Amerika. New-Aork. Mit 700000 Dollars Vermögen ist eine eigenartige Institution „T n b e r c u l o s i s P r e v e n t o r i u m f o r C h i l d r e n" (Tuberkulose-Verhütung der Kinder) errichtet worden. Tic Veranlassung hierzu gab die Tatsache, daß New Jork im vorigen Jahre 23 325 neue Tuberkulose - Fälle hatte. Die Anregung zu dieser neuen Institution und das Hauptkapital (500000 Doll.) gab der bekannte jüdische Philanthrop R a t h a n S t r a n s. G Min. ®| - Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Der große, stattliche Mann, der bisher die meisten Menschen nahezu um die halbe Länge des Kopfes überragt hatte, lag jetzt gefesselt, in ein Büßerhemd gehüllt auf einem Karren, die hohe spitze dreieckige Mütze, wie üblich mit einer Teufelssratze bemalt, war ihm über den ganzen Kops gezogen und reichte bis auf seine Schultern. Langsam glitt das elende Fahrzeug vorwärts, von einer Schinbermähre gezogen, von drei Seiten mit Sbirren umringt.

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