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Neue jüdische Presse · 1909-11-26 · Heft 45 (26.11.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 45 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 retisch en Ausgangspunkt, und was der prophetische Mensch erkennt, ist ein Erzeugnis des reinen Gei st es des innerlich ganzen Menschen. Er findet seine Satzungen und Thesen, ja selbst das Absolute, in den Tiefen seines Innern, er fragt nicht nach Erfahrung und Beweis. Und da er von Geist zu Gcist über Geist spricht, so hastet seinen von chm entdeckten Gesetzen eine innere, ewige Identität an, die nur in de» uncrschöpflichen Tiefen des Geistes zu findrn ist. Ter prophetische Mensch sucht nicht den kvmplcxen Inbegriff von Voraussetzungen, mit welchen die von der Natur orientierte Wissenschaft an die Interpretation der Erscheinungen herantritt, auf dem W^e der Analysis anfzulöscn, sondern er projiziert seinen von dem Be muß tsein der Einheit befruchteten Intellekt in das Chaos der Erscheinungen hinein, und er erspäht gleich den ruhenden Pol, — das Konstante und Ewig-Identische. Hier kommen wir zum entscheidenden Punkt in der Untersuchung der prophetischen Erkenntnis. Es waren nicht Psycholog. G r u n d c i n s i ch - t en, deren mittelbarer oder unmittelbarer Ertrag den letzten Grund des prophetischen Einhestsbewusttscins bildete, sondern das Bewußtsein der Einheit, des ewig in sich Identischen lag ihm sozusagen „im Blut". Nicht ward sic, wie bei den Griechen, ein Produkt der diskursiven Analyse, sondern eine Selbstschöpfungg des .Geist e s,*) die c r st e Ursache des weiter sich zu vollziehenden Prozesses. Die Natur nahm er später in den Umkreis des Geistes auf, wodurch allein ihm eine Ethisierung der Natur möglich war (Jesajah). Aber nicht dadurch allein tritt der Gegensatz der prophetischen Erkemttnis zu der griechischen Erkenntnistheorie hervor. Der erkcnntnistheoritische Radikalismus und Idealismus der Griechen, wie wir ihm auf der heraklitäisch-pythagorischen-plaionischen Linie begegnen, ruft, um die Frage der Pechselbeziehung von Denken und Sein zu lösen, den Logos an. In das andere Extrem verfallen, steckt nunmehr derGedanke denUmkreisdes Seins ab, eine Konzeption der Tinge, die dem panth eistischen Mißv erstä ndnisse Vorschub leisten mußte. Bei den Propheten steckt der theoretische Gedanke nicht den Umkreis des Seins ab, trotzdem der Prophet die Natur in die Domäne des Reiches hineinbezieht, sondern alles hat seinen Anfang. Er ist von der Unmöglichkeit der Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) überzeugt. ..... Es ist nicht möglich, in einigen Andeutungen, die selbst viel voraussetzen, eine vollständige Analytik der prophetischen Erkenntnis zu geben. Zusammensassend läßt sie sich jedoch wie folgt kennzeichnen: Der Ausgangspunkt des Propheten in seiner theoretischen Weltbctrachtung ist der Geist und nicht die Natur. Dieses Faktum macht es verständlich, daß der Prophet die Analyse entbehren konnte und doch die letzte Wahrheit erkannte. Der Prophet isolierte nicht die Logik, resp. die Vernunft von dem innerlich verbundenen Komplex der gesamten Funktion des Geistcs des g a nzen M ensch en. Ter Prophet logisiertc die ästhetischen und psychologischen Funktionen im Mechanismus des menschlichen Bewußtseins, wie er die N a - tur cthisicrtc. Durch die Erkenntnis der Vernunft aus dem Wege der „Intuition" war jede Kollision zwischen den Bedürfnissen des Gemütes nick» den Postulaten der Vernunft erkenntnis, an der der moderne Mensch leidet, unmöglich geworden. Und wie die prophetische Ethik den politischen Bölkcrfrieden postuliert und verkün- *) Von allen bedeutenden Denkern war es der Logist Hegel allein, der das Judentum verstand und es hoch einschätzte. Frankfuckr Israelitisches Familienblatt. dct, so die prophetische Logikdeninneren Frieden des Menschen, denn die prophetische Ethik baut sich ebenfalls pyramidal auf die Logik auf. Wie sich aus diesem inneren Frieden der äußere Friede entwickelte, mit anderen Worten, wie die Idee des Guten der Propheten dirett von ihrer Logik abzuleiten ist und wie sic nur von ihr abgeleitet werden kann, — darüber im nächsten Kapitel. Aus den Geschehnissen des Tages. Wollte man cs wagen, einem unserer Juden die Anschuldigung ins Gesicht z» schlendern» ertrage an der Vernichtung tausender jüdischer Leben mit schuld, so würde man ein kräftiges Renkontrc riskieren. Und doch wäre die Anschuldigung eine sehr berechtigte. Viele Tausende von jüdischen Leben werden ini Osten in unblutigen Pogromen zerstört, — aber da kein Blut fließt, so reichen die Juden im Westen nicht die Hand zur Hilfe. Die Nachrichten, die jetzt aus dem konstitutionellen Rußland kommen, übertrcfsen alles, was in der Zeit des absolutistischen grußland irgendwie vorgekommen ist. Früher wurden Dutzende jüdischer Leben ungesetzlich blutig hingemordet; heute ist cs die tausendfache Zahl jüdischer Leben, doch sie verröcheln langsam, unblutig und gesetzlich. Greifen wir nur einmal hinein in das Bündel der Verordnungen der letzten Zeit. Daß der Gouverneur von Odessa, General Tolniatschow, der jüdischen Gemeinde besohlen hat, an dem in der Synagoge befindlichen Kaiserwappen ein K r e u z anzubringen, wollen wir als die Laune eines Satrapen übergehen, wenn auch in dem absolutistischen Rußland nie Eingriffe in das religiöse Leben vorgekommen sind. Schlimmer ist schon die Verordnung verschiedener Schnlinspektoren, daß die jüdische n Schüler mit den nichtjüdischen zusammen Sonntags in die Kirche gehen müssen; hier haben wir bereits einen Fall, zu dem ein Analogon zu finden, wir in die Zeiten des finstersten Mittelalters zurückgehen müssen. Noch schlimmer als diese Chikanen sind aber die Verordnungen, die die Karriere zerstören und die Lebensmöglichkeit unterbinden. So Hai die D u m a ko m m i s s i o n (!) den Beschluß gefaßt, die militärische Medizin- Akademie und den Militärarzt-Beruf den Juden zu verschließen, — und das, trotzdem General B o b i a n s k y ans die aufopfernden und hervorragenden Dienste vieler jüdischer Militärärzte während des russ.-japan. Krieges hinwies. Und so ist soeben ein ministerieller Erlaß ergangen, öaß im Ausland Studierende, namentlich Juristen, zum 'Staatsexamen in Rußland nicht mehr zugelassen werden, eine fast nur gegen Juden gerichtete Maßregel, die infolge der Prozentnorm in den russischen Universitäten gezwungen sind, im Auslande zu studieren. Chikanen und Existenzerschwerungen waren aber noch nicht der Höhepunkt. Damit die Torturen gegen diese Unglücklichen bis zur Siedehitze steigen, hat man noch obendrein das Gespenst der Pogrome wieder in greifbare Nähe gerückt. Anders ist der Prozeßschwindcl gegen Rechtsanwalt Hillerson, den Verteidiger im Bialystoker Pogromprozeß, den man jetzt wegen seiner damaligen Verteidigungsrede zu einem Jahr Gefängnis verurteilt hat, nicht zu verstehen. Und wirklich brachten die Ereignisse der letzten Tage wieder Nachrichten von schweren Ausschreitungen gegen Juden. Man hört häufig von jüdischer -Solidarität sprechen; die Gleichgültigkeit der Juden im Westen gegen das Schicksal ihrer Brüder im Osten zeigt aber, daß män heute nicht einmal mehr das jüdische Gefühl rühmen darf. Die New Yorker Zeitschrift „T he I e w i s h Gazette" entwirft anläßlich der Konferenz amerikanischer Rabbiner ein Bild von dem amerikanischen Reform-Judentum, das selbst in radikalen jüdischen Kreisen Europas Kopfschiitteln erregen wird. Das Blatt schreibt: „Nur die Refornl-Nabbiner sind an dein' Verfall des Judentums schuld. Sie haben -steine auf unsere Bibel geworfen, das größte Dokument der Zivilisation. Sie allein haben so lange gedonnert, daß alles Lügen sei, alles eine Legende, alles ein Unsinn, bis sie wirklich das Judentum in Amerika zerrissen haben. Wie kann man also von diesen Rabbinern verlangen, daß sic auf ihrer Konferenz über die Zerstörung, die sie selbst gemacht haben, debattieren sollen? - Die Resorm - Rabbiner waren nicht zufrieden mit der Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, mit dem Vertauschen der Worte „Kodausch, Kodausch, Kodausch" in „Heilig, Heilig, Heilig" oder mit der Ausmerzung des „Jekum Pnrkon" ans dein Gebetbuche. Sic sind noch weitergegangen; sie haben öffentlich an der Wahrheit der Bibel ihre Zweifel ausgedrückt, sie haben ihre Zweifel ausgesprochen, ob Abraham überhaupt gelebt hat, sie haben aus unserer Bibel ein Buch semitischer Mythologie gemacht, d. h. ein Buch von Ammen- Rr. 45. Märchen, ein Buch von Erzählungen, die für die alte Zeit gepaßt haben, aber nicht für unsere Zeit, in der die Rabbiner ihre Predigte.» mit einem Aussprüche von Tolstoi oder M a r k Twain, statt mit einem Aussprüche von Jesajah re. beginnen. Das Schönste aber ist, daß unsere Refor- 11t e r in ihrer Arbeit des Stiirzens und Umwerfens so weit gegangen sind, daß die Z er st ö ru n g am s i ch t b a r st c n ist in ihren Tempel n. Die M i s ch e h e u unter ihnen sind nie so zahlreich gewesen, wie jetzt. Ihre Tempel sind n o ch n i e s o leer gewesen, wie jetzt jeden Sonntag. Es hilft da nicht, daß hübsche Christinnen „En Kelanhenu" singen, es Hilst nicht, daß die Orgel mit dem Präludium von Lohengrin das „Schema Jisroel" begleitet, es hilft nicht die Rede des Rabbiners über die Coot'schen und die Peary'schcn Nordpol- Expeditionen, — das Publikum will nicht kommen. Die Rcformrabbiner sind so verzweifelt, daß sie jetzt zu Theaterkünsten greifen. Dekolletierte hübsche Damen werden als Te m p e ld i c n e - r i n n e n angcstcllt, und in einem Tempel des Rcwyorker Westens hat man — so wird erzählt — die Absicht, f ü n s h u n d c r t Kanarienvögel und Nachtigallen in vergoldeten Käsigen zwischen Bäumen und Blumen zur Erhöhung der gottesdienstlichen Stimmung singen zu lassen. Wir haben nichts gegen diese fünfhundert geflügelten Chasvnini im Tempel, — aber warum soll man da nicht auch einen Vogel an die Stelle setzen, wo der Rabbiner steht?" Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Vorttags-Zhklus des bekannten Natioualökonoinen Professor S v m b a r t über I u d a i s m u s u n d K a p i t a l i s ni n s erregt in den weitesten Kreisen großes Interesse. Zwei Vorträge hat S v in b a r t bereits gehalten. Der eine beschäftigte sich mit der Bedeutung d c r I n d c n f ü r d a s ni o d e r n e W i r t schaftsleben, der andere mit Befähigung der Inden zum K a p i t a l i s m u s. In dem ersten Bortrage führte Sombart aus: Das Wort des Midrasch: „Ein Volk entsteht, ein Volk vergeht, Israel aber bleibet ewig," trifft zu. Nahezu alles, was wir modernes Wirtschaftsleben nennen, geht auf jüdischen Ursprung zurück. Der Einfluß der Juden auf das Wirtschaftsleben der Nationen wird durch die historische Tatsache gekennzeichnet, daß ihre Vertreibung aus Spanien und Portugal den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Betriebsamkeit aus dem Süden nach dem Norden verlegte. Den Inden ist als Verdienst zuzuschreiben die Ausbreitung, die sie dem Welthandel gaben.. Der Handel mit Tabak, Zucker, Baumwolle nsw., der revolutionierend auf den Welthandel gewirkt hat, ist ihr Werk. Sie haben zuerst die kommerzielle Bedeutung der Ansnutznng der Silberschätze Mexikos und Südamerikas für den Welthandel erkannt, denn mit dem Silber hatte man zu jener Zeit das Steuer des Wirtschastsfahrzeuges zur Hand. Aber auch die Begründer der modernen Kolonialwirtschaft sind die Juden gewesen. Die Entdeckung Amerikas wurde erst durch jüdisches Geld ermöglicht. Während 19 Nichtjudcn den Spaten nach Amerika brachten, brachte der eine Jude den Handel, das Wirtschaftsleben. Ohne die Juden hätte der moderne Staat überhaupt nicht entstehen können. Alle Lieferanten der Heere im 16., 17., 18. Jahrhundert waren Juden. Und die Juden (Rothschild) haben die neue Form der Geldleihe geschaffen, die unpersönliche Schuld, die Staatsanleihe durch Vermittlung der Börse: damit haben sie die Wirtschaftsformen neiigebildct. Der Geschicklichkeit der Juden in der Industrie traut man alles mögliche zu. Textilindustrie re. haben sie ans dem handwerksmäßigen Betrieb in den der Handelsgesellschaft oder Aktiengesellschaft übergcführt. Mit der Formel „Möglichst großen Umsatz bei kleinem Nutzen" sind die Juden die Väter der Idee des Freihandels geworden. : In dem zweiten Vortrag führte Sombart aus: Die Inden kamen als die eigentlichen Hüter der Antike, als die einzigen Träger der hochentwickelten Kultur des Altertunis in das noch kindlich junge Mittelalter hinein. Hieraus erklärt sich ihre führende Rolle an den europäischen Höfen der damaligen Zeit; sie waren Dolmetscher, Unterhändler, Geschäftsträger und Vertrauensleute. Eine Tatsache, die sich durch die Jahrtausende gleich bleibt, ist der Geldreichtum der Juden, der daraus resultiert, das; sie stets gezwungen waren, - ihr ganzes Vermögen „in der Tasche" bei sich zu tragen und da ihnen bis zur Neuzeit durch die politische und gesellschaftliche Boykottierung die Gelegenheit zum Ausgeben fehlte. Der tiefste Grundzug des Judentums ist ein starker Teleologismus; die Welt wird als eine Summe von Zwecken aufgefaßt, und man hat es in der Hand, sich dieser Zweckordnung anzupassen und so sein Leben wohl einzurichten. Jüdische Religion, Poesie und Philosophie gipfeln in dieser Anschauung.

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