Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 45 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3ftrtuRfutfet m frnrlilifdirs fainilirnblotl. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementsvreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- Und Ausland Mk. 1,02 (ein. schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, j sonstige Länder Ml. 2.— Redaktion und Hefchäftsstelle: Zrankfurt 2. M.. vilbelerstraße 4/6. Ecke Lleichstraße Telefon 10507. Herausgeber: Kaly ^ei-K. , , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. . . — . ' : t 7. Jahrgang. Freitag, den 13. Lisleiv 5670 (26. November 1969). Nr. 15. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Zur Philosophie des Prophetismus. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Mann und Weib. — Wochen-Kalender. — Fami li ennach richten. Zur Philosophie des Prophetismns. Ein Kapitel aus der Weltgeschichte desGeistes. Von Maxime Le Malt re. I. Tie Bedürfnisse des menschlichen Gemütes kollidieren fast immer mit den Ergebnissen und Postulaten der Wissenschaft, der inenschlichen Vernunft. Ter moderne Mensch will sich nicht dazu entschließen, die Träume seines Herzens, durch deren Prisma er einen schönen und harmonischen Zusammenhang der Welt sieht, auszugeben, um 'alles durch die Lupe der trockenen Vernunft zu sehen: Denn die Vernunft zeigt uns Störungen, Gebrechen und Anachronismen im Leben und in der Natur, die unser seelisches Glcickgewicht stören. Je mehr Erfolge und Ergebnisse die Naturwissenschaft aufzuweisen hat, je mehr sie den Menschen alles durch ihr Licht zu schauen zwingt, desto mehr sträubt sich der ganze Mensch mit den elenientaren Bedürfnissen seines Herzens, ihr zu folgen. Dieser innere Zwist, den Blaise Pascal auf die klassische Formel gebracht: „Le coeur a ses raisons que la raison le connait pas", hat sich int Laufe der Jahrhunderte zu einem Stück Inhalt der Weltgeschichte verdichtet. „Zwei Seelen, ach, wohnen in meiner Brust," klagt der moderne Mensch. Ein Mann wie Buckle durfte den Satz wagen: „Die Kultur macht um so größere Fortschritte, je mehr der innere Zwist zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Gemüt und Erkennen zu einem Konflikt sich verdichtet." Auf ein Zeitalter einer hochentwickelten Vernunftkultur pflegte noch immer die Romantik als Rückschlag zu folgen. Im siebzehnten Jahrhundert trat Pascal, selbst ein genialer Mathematiker, dem Rationalismus entgegen, im achtzehnten Jahrhundert Rousseau, im neunzehnten Jahrhundert die Romantik, und heute machen sich Neo-Romantiker in Kunst und Dichtung breit. Ja, heute stehen wir ganz unter dem Banne dieses Kampfes, denn er tobt jetzt wie nie zuvor und hat sich selbst auf die Domäne der Naturwissenschaft ausgedehnt. Häckelianer und Kepplerbündler, Neo- Vit allsten und Idealisten in der Philosophie, Individualisten und Universalisten in der Geschichtsschreibung, Katheder-Sozialisten und sophistische Gewalt-Rechtstheorctiker und Romantiker in der Wirtschafts- und Rechtswissens ch a f t schwingen heute ihre Waffen im Kampfe für und wider die alleinige Herrschaft der Vernunft. Und der Alltagsmensch wird von diesen zwei Mächten hin- und hergezerrt und in Unruhe und Spannung gehalten. Er sieht seine Bedürfnisse mrüesriedigt, seine Wünsche unerfüllt, und er wiederholt die Klage: „Zwei Seelen, ach! wohnen in meiner Brust." — — Seit wann datiert dieser Konflikt? Durch Ivclchcn Prozeß des Geistes ist er entstanden und in die Erscheinung getreten? Ter Mensch der Antike, resp. der v o r s o k r a t i s ch c Mensch, erfreute sich noch einer innerlichen Einheit und meditierte mit eiiter erfrischenden Wärme über das Leben und dessen Sinn. Wohl weist auch das Altertum schwere Geisteskämpfe auf, aber jene katastrophalen Ereignisse im Reiche des Geistes betrafen nur, wenn man tiefer in die Geschichte blickt, die äußere Welt, den Staat, die Gesellschaft, die Kaste und die Satzung der politischenMajorität. Nur das angebliche Wohl des Staates hat Sokrates den Schirlingsbecher an die Lippen gedrückt, und seine Verurteilung konnte und kann nur politisch motiviert werden. Wer hat also diesen Konflikt in die Welt gebracht? Darauf gibt es imr eine einzige logisch und historisch zureichende Antwort: Die Isolierung derVernunftdurch die rormaleLvgik von! derSumma dermenschlichen Geisteskraft. Dieses Werk hat Aristoteles vollbracht. Die griechische Kultur hat mit dem ganzenMenschen begonnen und mit seiner Zerstückelung aufgehört. Als der Mensch innerlich zerstückelt und in Teile aufgelöst war (der anatomisch-physiologische Mensch, der politische Mensch, der Mensch als soziales Wesen, der sittliche Mensch ufw.), hörtedieManifestationdes griechischen Gei st es auf und das Licht seines Genius erlosch. Platon, der Synthetiker, der Visionär, mit seiner ungetrübten Scherkraft, Platon war noch der „göttliche Philosoph", der Analytiker Aristoteles war der „profane Denker". lind Aristoteles war auch der Philosoph des Mittelalters. Später schalt man ihn die Verkörperung der griechischen Decadence. . . . Von diesem höchsten Gesichtspunkt der Weltgeschichte des Geistes kann das prophetische Denken begriffen und der Kulturwert des Prophctismus beurteilt werden. Der Prophet „schuf" keine formale Logik, und der Prophet dacht e nicht analytisch. Diese zwei Fakta gehören zusammen, denn sie werfen ein Helles Licht auf den Mechanismus des prophetischen Kulturbewußtsein. Der prophetische Mensch mit der synthetischen Veranlagung des Geistes hatte im Gegensatz zum nacharistotelischen Menschen einen eiitzigen Ausgangspunkt fiir das Begreifen der Dinge: Der innerlich ganze Mensch. Schon aus diesem Grunde waren sie göttliche Philosophen, und nur wegen ihrer einheitlichen Konzeption des Menschen sind sie zu den ewigen Lehrern und Tröstern der Menschen geworden. Wer bei den Propheten einkehrt, findet nicht nur Trost für die Seele, sondern auch Befriedigung fiir den Geist. Me Heiligtümer sind von der Kritik angefochten worden, nur nicht der Lehrgehalt der Propheten. Das besagt genug. Was hat den Propheten neben dem religiösen Moment diese Weltstellung verschafft? Sie haben den Menschen die letzten Erkenntnisse der Vernunft auf dem Wege der Intuition verkündet, und sie stehen in der Geschichte des Geistes als dessen Träger deswegen vereinzelt da, weil sie die ersten und die letzten waren, die sich an der Vernunft orientiert, ohne die Vernunft von der Summa der menschlichen Geisteskraft isoliert zu haben, ohne eine Kollision zwischen den Postulaten der Vernunft und den Bedürfnissen des Gemüts herbeigeführt zu haben. Wegen dieser ihrer in der Geschichte des Geistes ohne Analogon stehenden Tat sind sie — selbst, wenn man für einen Augenblick vom religiösen Moment absieht — zu den Trägern der „vsrits eternelle" geworden. So ergibt sich, wenn man in das Mark der Tinge dringt, daß die Propheten nicht nur wegen des Inhaltes ihrer Lehre, sondern auch wegen ihrer Denkart und der Methode ihrer Erkenntnis zum letzten Ankergrund der Wahrheit geworben sind. Eine knappe Charakteristik der prophetischen Erkenntnis wird chre originale Eigenart dartun und in die letzten Tiefen des inneren Geschichtsprozesses Licht bringen. Tie erste philosophische Selbstbestimmung des Geistes tat sich in der gedanklichen Nachbildung einer vorausgesetzten, geordneten Wirklichkeit kund. Die erste wissenschaftliche Bildung des Geistes zerstörte jedoch diesen schönen Wahn und lehrte, daß nicht gedankliche Nachbildung, sondern geistige Umbildung des Stosfes begriffliches Wissen heißt. In jedem Falle war der antike Mensch — selbst, wo es sich um die Grundlegung eines rein theoretischen, begrifflichen Wissens handelte — an der Natur orientiert. Nur langsam und. mit vielen Unbillen des Geschickes kämpfend, bahnte sich der antike Grieche, von der Natur ausgehend, einen Weg zur Erkenntnis und zum theoretischen Wissen. Selbst Pythagoras geht noch von der Natur aus, und selbst seine Musik ist ein Erzeugnis erkannter Natur! Ta Erkenntnis des reinen Geistes und Natur keinen inneren Zusammenhang aufweisen und mit Hera kl it und Plato selbst exemplifiziert wurde, welche Distanz diese beiden Domänen scheidet, so > war der später erfolgte Bruch zwischen Natur und Geist noch innerhalb der Peripherie des griechischen Denkens geradezu eine fatale Notwendigkeit geworden. Aristoteles, der offiziell und formell den Bruch vollzog, ward auch zum Totengräber des griechisch en Geist es. . . . Wie anders die prophetische Erkenntnis. Sie meidet von vornherein dieNatur alstheo-