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Neue jüdische Presse · 1909-11-19 · Heft 44 (19.11.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 44 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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91* 44 Frankfurker JsraelrkiMes Familienblatt. Seite 3. des Chors nicht nur dieselbe Tracht eint, sondern, daß . sie alle auch nur einen Gedanken haben, nämlich den, durch „Kewonoh" beim Gesang zur Verherrlichung des Gottesdienstes beizutragen. Selten hörte ich einen schöneren Männergesang voller Klangfülle und feiner Nuancierung. Man muß dem trefflichen Dirigenten I. M. Bolle, der gleichfalls ein frommer Jude ist, volle Anerkennung dafür zollen, daß er es oerstanden hat, innerhalb eines Jahres einen derartigen Chor zusammenzustellen. Herr I. M. Bolle ist im Haag bekannt als bester „accompagiiatcm" bei Konzerten und ist stellvertretender Dirigent bei der „Grande Societe royale CLcilia", einer der ersten Musikgesellschasten des Landes; ein derartiger Mann an der Spitze einer vom besten Willen beseelten Schär jüngerer und älterer Herren muß natürlich glänzende Resultate erreichen. Möge kein sich über Samstag im Haag auf» haltender Jude den Genuß dieses Gottesdienstes versäumen. A. R. Türkei. Konstantinopel. Im Laufe dieser Woche werden die n i ch t m o h a m m e d. Militärpflichtigen ausgelost werden. Bon den Juden der Hauptstadt werden zum aktiven Dienste 969 und zur Reserve 326 Mann ausgehoben werden. Konftantiuopel. Dschelal Nury Beh, der Redakteurs des „Jenne Dhre," führte in einem Vortrage „die Juden als Faktor für die Regeneration der Türkei" folgendes aus: Die Türkei braucht zu ihrer Regenerierung intelligente Köpfe, hilfreiche Arme 'uttb Kapitalien. Sie muß also Einwanderer in ihre Grenzen rufen. Sie weiß, daß die Juden in aller Welt unterdrückt und verfolgt sind und nach der Türkei ihre Blicke richten möchten. Die Türkei wird und muß einsehen, daß diese verfolgten; Juden das beste Element für die nötige Einwanderung sind. Was sie verlangen und erhalten werden, das ist in Palästina, das ihnen aus tausend Gründen teuer ist, ein Zentrum für l ein ruhiges, gesichertes Zusammenleben nach eigener Art und mit eigener Kultur. Ihre eigenen Sitten, eigene Kunst, Sprache, Schule, Universität, Presse. Die türkische oder die islamische Welt wird ihnen das .nicht verweigern. Hat sie doch in Kerbela eine geschlossene Gemeinschaft aller Schiiten, dieser gegnerischen Ausfassung der ottomanischen Staatsreligion, trotz aller erbitterten historischen Feindschaft, nicht nur zugelassen, sondern sogar herbeigesührt, indem sie alle Anhänger dieser Lehre aus allen Ländern der Welt einlud,^ in die ihnen heiligen Stätten einzuwandern! Warum sollte sie das für die Juden nicht tun? ’ „Ich habe," fuhr Dschelal Nury fort, „erst heute mit einem unserer Minister gesprochen. Er hat sich wärmstens in meinem Sinne für diejüdische Einwanderung in alle Teile der Türkei. Palästina nicht ausgenommen, ausgesprochen. Nur drei Bedingungen, sagte er nnr, werde die Regierung von den einwandernden Juden verlangen müssen: Erstens die sofortige A n n a h m e d e r ottbmanischen Staatsangehörigkeit, zweitens den Nachweis, daß die Immigranten dem Lande nicht ökonomisch zur L ä st fallen werden, und drittens die Gesundheitsnachweise, die auch die .Vereinigten Staaten von Einwanderern verlangen. Ich zweifle nicht, daß die Juden diese Bedingungen erfüllen werden. Die Türkei hat viel, sehr viel von der Einwanderung der Juden und von der Freundschaft der zurückbleibenden, ihr dankbaren Juden, besonders auf finanziellem Gebiete zu erwarten. Die türkische und die jüdische Welt gehören zu einander,, und wenn sie sich jetzt noch nicht verstehen, so werden sie sich verstehen lernen. Sie sind beide berufen, sich gegenseitig die a l l e r - größten Dienste zu leisten. „N. I. K." Palästina. Jaffa. Erfreulicher Weise hält die Einwanderung jemenitischer Juden an. In den letzten Wochen sind wieder ISO Jemeniten in Jaffa angelangt. Dem Alter nach waren nnter ihnen: Männer bis 30 Jahre 15, Männer über 30 Jahre 18, Frauen bis 30 Jahre 27, Frauen über 30 Jahre 15, Kinder bis 13 IFahre 36, Kinder von 13—18 Jahren 7, Greise 4, insgesamt 122 Personen. Bei etwa >30 Personen wurde das Alter nicht ermittelt. Durch die Vermittlung der jüd. Arbeiterorganisation ,Lapoel Hazair" wurden 16 Familien in der jüdischen Kolonie Rechoboth und 11 Familien in Rischon le Zion ausgenommen. In beiden Kolonien fanden die Jemeniten freundliches Entgegenkommen seitens der Kolonisten. „N. I. K." Jaffa. Seit langem war rS bekannt, daß diejenigen Gebiete Palästinas, die Wasser besitzen, sich für Baumwollpflanzungen aut eignen "dürsten. Insbesondere hat Proffessor Marburg diese Frage mehrfach zur Diskussion - gestellt.' Der erste, der einen Praktischen Versuch unternommen hat, ist der reiche Beiruter Bankier und Besitzer ausgedehnter Latifundien in Galiläa und in Syrien S u r s u k - B e y, der im verflossenen Jahre in einigen seiner Ländereien in Galiläa Baumwollpslanzungeu anlegte. Weitere Versuche unternahmen die beiden Petach-Tikwaer jüdischen Kolonisten P a s k a l und Apfelbaum, welche bei der Kolonie Melhamie in diesem Jahre 400 Dunam Land gepachtet haben, um es mit Baumwolle zu bepflanzen. Dieser Vers u ch scheint durchaus g e l n u g e n_ zu sein, man kann daher bestimmt erwarten, daß in naher Zukunft weite wasserreiche Gebiete Galiläas Baumwollplantationeu aufweisen werden. Es ist hier ein Gerücht verbreitet, daß eine äußerst kapitalkräftige egyptischc Gesellschaft die Absicht habe, Zuckerrüben und Baumwolle in großem Maßstabe anzupflanzen und, da für diese intensiven Kulturen zu wenige Arbeitskräfte im Lande vorhanden sind, größere Arbeitermassen aus Egypten und dem Djebcl Huran in Palästina anzusiedeln. „N. I. K." Amerika. New-Nork. Es besteht kein Zweifel darüber, daß der n e » g e w ü h l t e Mayor von N e w P o r k, M r. G a y n o r, niemals diesen Sieg errungen hätte, wenn das E a st End nicht nahezu w i e e i u Mann f ü r ihn gestimmt hätte. Gaynor hat sich schon als Richter durch seine Gerechtigkeit und sein ausgeprägtes Verständnis für die besonderen Verhältnisse des Ghettos die Liebe der Juden erworben. Diese kani auch in. jener Deputation der Rabbiner aller Synagogen der Ostseite zum «lusdrucke, die Gaynor einige Tage vor der Wahl empfangen hat. Die Deputation dankte dem Richter für sein bisheriges Verhalten den Juden gegenüber^ und versicherte ihn ihrer Unterstützung im Wahlkampfe. Gaynor sagte in seiner Antwort «. a. „Sie sind die Kinder einer Rasse und einer Volksfamilie, deren Ursprung am Anfang der Geschichte in jener Grenzlinie liegt, wo die Legende aufhört und die Geschichte beginnt. Sie gehören einer Rasse und einer Bolksfamilie an, die in königlichen Palästen gestanden hat zu einer Zeit, da die Sachsen und Kelten, vielleicht auch die Römer noch nackt durch die Wälder streiften und in Höhlen wohnten. Das Christentum hat allen Grund, stolz zu sein, aber es bleibt stets eingedenk, daß es Ihre heiligen Schriften gänzlich übernommen und sich angeeignet hat — natürlich mit Ihrem vollständigen Einverständnisse. Das Neue Testament, ■ das darauf kam, ist gänzlich oder fast gänzlich — denn es kann hierüber Meinungsverschiedenheiten geben — von Menschen Ihrer Rasse verfaßt worden. Die ganze Welt hat Ihnen viel zu danken. Zunächst in der Religion, dem Glauben an einen einzigen, wahren Gott, von dem Sie niemals abwichen. Sie dankt Ihnen auch viel auf dem Gebiete der Wissenschaft, Literatur und Staatskunst. Ich kann mich leider jetzt nicht auf. die Aufzählung aller jener Angehörigen verbreiten, deren Verdienste um die.Förderung von Kunst, Musik und all' dessen uneingeschränkt anerkannt werden, wovon dieAufklärung, das Glück, die Zivilisation unserer Zeit abhängen. Die Christen hatten niemals wahre Gründe, Sie zu hassen. Der Haß entstand aus Böswilligkeit, entstand in Zeiten der Mnsternis, der großen Mißverständnisse. Dieser Haß kann sich heute.nur noch bei jenen Völkern halten, die noch in Unwissenheit verharren, die auf einer/niedereren Kulturstufe stehen als die übrigen und die noch der Einwirkung der wahren Zivilisation bedürfen, um von diesenr Hasse befteit zu werden." Gaynor versprach schließlich, der Mayor laller Bürger zu sein und dafür zu sorgen, daß diejenigen Juden, die den Sabbath halten, nicht gezwungen werden, auch amSonntag zu ruhen. New-Nork. Anläßlich des 25 jährigen Bestehens des jüdischen Krankenhauses Möntefiore Home zeichneten für diese Anstalt Jakob H. Schiff 50000 Dollars, Murray Guggenheim 25000 Dollars, Mortimer L. Schiff, Felix M. Marburg je 10000 DoUars usw. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lFortsetzung). „Um so weniger wird er zulässen, daß Euch auch nur ein Haar gekrümmt wird." „Wenn er's hindern kann, — aber der Inquisition gegenüber ist seine Macht beschränkt, sonst wäre ich nicht verurteilt —" „Das ist richtig, trotzdem, Ihr dürft Euch nicht solch trostlosen Gedanken hingeben, das lähmt die Tatkraft." Der Verurteilte richtete sich stramm auf, sein. Auge leuchtete hell und klar wie immer. „Sehe ich aus wie ein Mensch, dessen Tatkraft gelähmt ist? — Auch dürft Ihr meine Gedanken nicht als trostlos bezeichnen, das sind sie keineswegs, Gott sei Lob und Dank! — Was auch mit mir geschehen wird, ich weiß, daß ein gütiger, liebevoller Vater es über mich verhängt hat, und ich ergebe mich der zuversichtlichen Hosfuung, daß Er mir beistehen wird, auch in den grauenvollsten Qualen seinen Namen zu heiligen, seiner Liebe nicht zu vergessen!" Tief erschüttert ergriff Gras Turnek die Hand des andern und drückte sie fest gegen seine Brust. „Ihr seid ein Heiliger, mit Euch kann ich nicht rechten. — Nur auf Eines glaube ich Euch noch aufmerksam machen zu sollen. Der Kammerdiener Sr. Heiligkeit ist Euch sehr geneigt, ich glaube, er würde ein Auge zudrücken und Euch entschlüpfen lassen —" „Und dann vermutlich statt meiner den Holzstoß besteigen müssen. — Das wolle Gott nicht, daß ich die Gutherzigkeit eines Menschen derart betrügen könnte! — Und überdies, ich sagte es Euch schon, ich habe mein Wort gegeben, — würde ich's brechen, das wäre — wir Juden nennen es ein Chillul Haschem, d. h. eine Entweihung des Namens, den wir tragen, das ist ein so schweres Verbrechen, daß nicht einmal der Versöhnungstag Sühne dafür bringen kann." Der Graf schüttelte staunend den Kops. „Ihr seid ein seltsames Volk. — Doch noch Eines muß ich Euch sagen. — Wisset Ihr, daß ich glaube, daß Graziella Euch liebt?" Rabbi Jizchak wechselte die Farbe. „Darauf hat schon Eure Mutter mich aufmerksam gemacht," erwiderte er mit merklich belegter Stimme. „Doch ich muß Euch noch um eine Gefälligkeit ersuchen. Wisset Ihr, wo das Ghetto liegt?" „Bevor ich hierher gekommen bin, war ich dort» wollte Euch in Eurer Wohnung aufsuchen —" „Also Ihr seid in meiner Wohnung gewesen — da brauche ich sie Euch nicht näher zu beschreiben, Ihr werdet auch wieder dorthin finden." „Ohne Zweifel. Wann wünscht Ihr, daß ich dorthin gehe? Heute dürste es jedoch wohl zu spät dazu sein." „Heute möchte ich es auch nicht. Erst, wenn — wenn — wenn Ihr erfahren werdet — daß ich's überstanden habe —" Erdfahle Blässe überzog das sonst so frische Angesicht des jungen Mamies; wie vorhin ergriff er die Hand des andern, als wolle er ihn schützen vor dem Schrecklichen, das ihn bedrohte. Dieser, sichtlich bestrebt, die mühsam errungene Fassung aufrecht zu halten, sah mit starrem Blick ins Weite, indem er fortfuhr: „Sobald Ihr erfahren haben werdet — daß es vorüber ist — dann, bitte — gehet in meine Wohnung — und überbringt meinem Hauswirt und dessen Gattin — meine letzten Grüße — und Dank für die mir so vielfach erwiesene Freundlichkeit und Güte. — Und dann — nehmt hier diesen Schlüssel — er gehört zu dem Wandschrank in meinem Arbeitszimmer. Lasset Euch dorthin führen, schließet den Schrank auf und ersuchet den Mann oder die Frau, Euch das geheime Schubfach zu öffnen, das sich in dem eingemauerten Schrank befindet. — Ihr allein würdet vergebens danach suchen. — In dem Schubfach findet Ihr ein Säckchen und eine kleinere Schatulle, beide mit Juwelen, die mir Eure Mutter für ihre Tochter übergeben hat — außerdem eine größere Schatulle, die mein Vermögen enthält — nehmet beides an Euch — für — für die Contessa." Graf Arnulf drückte die Hand des Arztes, als wolle er dieselbe zermalmen; aber die sich ihm aufdrängenden Worte, erstarben ihm im Munde, er brachte sie nicht Wer die Lippen. Endlich begann er: „Ich hosse zwar noch immer mit Zuversicht — Wer wenn — wenn. — Nehmet mein heiliges Versprechen, daß alle Eure Anordnungen pünktlichst vollzogen würden. — Nun Wer leihet auch mir Euer Ohr, merket auf! — Ich hoffe, wie gesagt, noch immer, daß ich recht behalten und daß sich noch alles zum Guten wenden wird. Ich werde darum morgen mit dem Frühesten hinunter zum Hafen reiten, werde ein geeignetes Schiff entweder für einige Monate mieten oder, was wahrscheinlicher ist, dasselbe käuflich mir zu eigen machen. Ich werde das Fahrzeug Graziella nennen imd den Namen niit großen Lettern darauf schreiben lassen, werde dem Kapitän sagen, daß es für einen Kapuziner-Pater bestimmt ist, der im Auftrag des Heiligen Vaters auf den umliegenden Inseln predigen soll. Sobald der Kapuziner kommen und nach dem Grafen Turnek stagen würbe, solle er mir die Ankunft desselben durch einen Boten melden lassen, da ich den mir befreundeten Prediger möglicherweise begleiten würde. Wenn es Euch daher gelingen wird zu entkommen, so wisset Ihr, wohin Ihr Euch zu wenden habet. — Und nun lebet wohl!" Mit beiden Armen umschlang er den andern; der die Umarmung innig erwiderte. * Zur selben Stunde kämpfte der Kardinal den letzten Kampf. Es war ein schwerer Kampf, nament-

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