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Neue jüdische Presse · 1909-11-19 · Heft 44 (19.11.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 44 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Tiefes Zweideutige, Unentschlossene scheint Tolstoi selbst in dem letzten Wschnitte seines Buches empfunden zu haben. Er sagt auch in achtungswcrter Erkenntnis folgende Schlußworte: „Keinesfalls können und dürfen solche Erwägungen den Juden als Vorwand für den Verzicht auf Rechte dienen, die ihnen schon allzu lange vorenthalten worden sind, und das um so weniger, als alles von mir hier Gesagte ja nur eine persönliche, vielleicht auch eine irrtümliche Meinung ist, die Entrechtung dagegen eine durchaus wirkliche, auf Schritt und Tritt schmerzlich empfundene Tatsache darstellt." Tas ist richtig und gerecht! Aus den Geschehnissen des Tages. „Die Vereine für jüd. Geschichte und Literatur verlieren in vielen großen Gemeinden immer mehr an Kraft und Bedeutung. Zum Teil mag der Rückgang des Radau-Antiseinitismus daran schuld sein, denn bei vielen Juden ist das Judentum nur eine Art Anti - Antisemitismus. . . Aber gewiß haben diese Vereine auch selber gesündigt. Das soziale Leben, das ganze/Gebiet der modernen jüdischen Kultur wurde bis jetzt weniger herangezogen. Das war falsch, denn im Mittelpunkt unseres Interesses steht immer das Leben der Gegenwart mit seinen mannigfaltigen Erscheinungen. Man muß den Mitgliedern zeigen, >,daß die Judenheft nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat." So die „Allg. Ztg. d. Judent.", das führende Organ der Liberalen. Solch' frische und mutige Worte sind wir bei ihr sonst nicht gewohnt. Es'scheint, daß der neue Herr die Befürchtungen, die man in ihm gesetzt'-. hat, angenehm enttäuschen will. Wir können das nur freudig begrüßen. Freudig ist aber auch zu(begrüßen, daß man auch in liberalen Kreisen allmählich der Phrasen überdrüssig wird und ernstlich zu arbeiten anfangen will. Denn die Selbsterkenntnis ist der erste Schritt auf diesem Wege, und eine solche \Tj~ - Selbsterkenntnis ist cs, wenn man offen bekennt. wie wenig die meisten Literaturvereiue in ihrem : ' bisherigen Schaffen für die Erhaltung des Juden- : tums gewirkt haben. Waren es doch gerade die Literaturvereine, die, indem sie — mit wenigen Ausnahmen — aus Angst vor den Liberalen sich - fürchteten, irgend ein jüdisches Thema ernst an- . zufassen, sich zur Untätigkeit verdammten. Neu- - ttalität war daher bisher die Parole der meisten Literaturvereine, — und Neutralität 1 auf geistigem Gebiete ist ein Unding; mit ihr muß man zu " einer Auswahl von Vorträgen kommen, die infolge . ihrer Unbcdeutsamkeit und Inhaltslosigkeit die Zu- Hörer nicht zu fesseln vermögen. . Aber wie sollen die Literaturvereine anders hmideln, wenn sie sich von dem Kampfe der jüdischen Partien fernhallen wollen, wenn sie ihre Mitglieder unter allen Parteirichtungen der Judenheit suchen? wird man einwenden. Nun, es gibt doch ’ noch sehr vieles, was allen Juden, so sie nur die!Erhaltung des Judentums ehrlich wollen, gemeinsam sein muß. Verständnis und Begeisterung für die Werte des Judentums zu verbreiten, indem man seine Eigenart im ganzen wie im einzelnen; hervorhebt, ist wahrlich schon eine des Erfolges?. sichere Aufgabe für die Lfteraturvereine. Wann hört man einmal in einem Literaturvereine einen Vor- > . trag über die rechtlichen oder über die sozialen Anschauungen des Judentums, wann einmal einen Vortrag über die sittlichen, beruflichen, bürgerlichen : ic. Maxime des Juden nach jüd. Ideale? Und : warum? well bisher die liberalen Juden, statt für die Originalität des Judentums einzutteten, stets danach trachteten, die Gleichhett feiner Anschauungen mit solchen der nichtjüdischen Welt hervorzukehren und die Lfteraturvereine auf dieses selbstmörderische Bestreben ihrer liberalen Mitglieder Rücksicht nehmen zu müssen glaubten. Die Lfteraturvereine müssen sich dessen bewußt f werden, daß sie für eine jüdische Zukunft zu arbeften haben, eine Aufgabe, die sie nur durch eine jüdische Färbung an Stelle ihrer bisherigen Farb- 5 losigkeü erfüllen können. Erst dann können sie auch an die Fragen des sozialen Lebens und an das Gebiet £• der modernen jüdischen Kultur, wie die „Allg. Ztg. I d. Judent." es wünscht, herantreten. E Auf der 7. Nationalkonferenz zur Bei kämpfung des Mädchenhandels, die diese £' Woche in Leipzig tagte, sprach auch Fräulein | Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M., die h. Vorsitzmde des jüd. Frauenbundes. In ihrem Refe- ' rate erwähnte sie, daß sie soeben von einer Studien« r reise aus Rumänien und Ungarn komme und; > daß ihr Herz als Jüdin voll schmerzlicher Eindrücke sei, denn dort seien die Händler meistens Juden. 1?' Sie machte sodann den Zionisten den Vorwurf, > - - daß sie nichts gegen den Mädchenhandel tun, indem sie sich hinter der Ausrede verschanzen, sie hätten als politische Partei mit dieser Frage nichts zu schaffen. Wir kennen nicht die Namen der Zionisten, die Fräulein Pappenheim gegenüber einen derartigen Standpunkt eingenommen haben; sind cs hervorragende Persönlichkeiten der Bewegung, so haben sie nur ihre rein persönliche Meinung ausgesprochen, denn für die meisten Zionisten hat der Zionismus nicht nur politische, sondern auch ganz besonders kulturelle und soziale Aufgaben. Es ist wahr: der Zionismus mußte sich bisher in seiner sozialen Betätigung beschränken, doch liegt das zum Teil daran, daß Persönlichkeiten wie Fräulein Pappenheim aus einer unbegreiflichen Zurückhaltung heraus sich weigerten, ihre hervorragende Kraft in den Dienst der zion. Bestrebungen zu stellen und so der Zionismus uoch zu schwach ist, außer der Fülle seiner Aufgaben in Palästina auch uoch die Fülle seiner Aufgaben außerhalb Palästinas zu leisten. Uebrigens betätigen sich die Zionisten in den Ländern, wo" sie über reiche Arbeitskräfte verfügen und wo die Möglichkeit für eine kulturelle und sozialpolitische Arbeit eine einigermaßen günstige ist, auch auf diesen Gebieten; wenn auch noch nicht in dem Maße, wie es geschehen müßte. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die vottae Woche verstorbene Frau Franziska Speyer Wwe. hat bei ihren großen Legaten auch jüdische Institutionen bedacht. Es erhielten — so weit wir erfahren konnten — je 100000 JL der Almosenkasten der Israelitischen Gemeinde, das Gnmpertz'sche Siechenhaus und die israelitische Gemeinde für den Neubau ihres Spitals, 50 000 JL der Israelitische Hilfsvercin und je 10000 Mark der Israelitische Handwerkerverein und die Israelitische Knaben-Waisenanstatt. Frankfurt a. M. Die heutige Ausschußsitzung der israel. Gemeinde brachte nur Geringfügiges. Wir erwähnen die Anstellung des Herrn D. Wallach als Hilfskantor, die Bewilligung eines Gnadengehalts von 600 JL an die Witwe des jüngst verstorbenen Synagogendieners Hermann Meier, der während 23 Jahren im Dienste der Gemeinde stand, und die Erhöhung der jährlichen Subvention von 1000 JL auf 1500 JL für drei Jahre an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, da die Ausgaben dieser Anstatt erheblich gestiegen sind — sie betrugen 1907 29 000 JL, 1909 aber bereits 44 000 Mark —. Berlin. Der .Zentralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" hatte sich bei dem sächsischen I u st i z m i n i st e r über Richter, die in einem Urteil gesagt hatten: „Es verrieten die Namen der wucherischen Ausbeuter, daß sie zu einem Bevölkerungsteile gehörten, der weit mehr als andere Bevölkerungskreise Wucher betreibe und von alters her betrieben habe. Das sei auch ein Anzeichen für die Annahme des Wuchers" beschwert. Daraufhin hat der Verein jetzt folgende durchaus unbefriedigende Antwort erhalten: „Das Justizministerium hält die zur Beschwerde gezogene Bemerkung in den Gründen des Urteils der 6. Kammer für Handelssachen bei dem Landgerichte Dresden vom 23. Februar 1909 nicht für sachgemäß und zutreffend. Es kann auch nicht zurückhalten mft dem Ausdrucke des Bedauerns darüber, daß sich dieser die Allgemeinheit verletzende Entscheidungsgrund in dem Urteile findet. Da er jedoch unzweifelhaft zur ernsthaften Begründung einer richterlichen Ueberzeugung geltend gemacht ist, die in dem Urteil überdies auf eine Reihe weiterer Anzeichen gestützt wird, ist das Unterzeichnete Justizministerium nicht in der Lage, gegen die Richter, die das Urteil erlassen haben, im Aufsichtswege einzuschreiten. Königlich Sächsisches Ministerium der Justiz, gez. O. v. Otto." Mft-Recht bemerkt hierzu das „Berl. Tageblatt": „Wir halten diesen Bescheid für durchaus unbeftiedigend. Gewiß liegt uns nichts ferner, als von der Justizverwaltung Eingriffe in die richterliche Unabhängigkeit zu fordern. Wenn aber ein Richter sich so weit vergißt, daß er in einem Urteile eine ganze Klasse von Bürgern aufs schwerste beleidigt, so verläßt er damit durchaus den Boden der Objektivität und verdient wegen einer solchen Entgleisung in nicht mißzuverstehender Weise daraus hingewiesen zu werden, daß es seines Amtes nicht ist, deutsche Bürger zu kränken und herabzusetzen. Die lendenlahme Erklärung des sächsischen Justizministers kann nur dazu beittagen, dem Antisemitismus da Eingang zu verschaffen, wo er am wenigsten hingehört: nämlich im Gerichtssaal." Breslau. In dem Bunzlauer .Niederfchlef. Kur." finden wir folgendes „Eingesandt": „Ein achtbarer Bürger legt in Umnachtung seiner Sinne Hand an sich, die Verwandten wenden sich an den Herrn Pastor mit der Bitte, dem Unglücklichen seine Mitwirkung bei der Beerdigung Nr. 44. nicht zu versagen. Der Herr Pastor fordert darüber eine ärztliche Bescheinigung, daß der Verstorbene auch wirklich die Tat in unzurechnungsfähigem Zustande begangen habe. Die Frage, ob das Attest eines Arztes X (der Jude ist), welcher den Verstorbenen und seinen Krankheitszustand gekannt, genüge, wurde mit der Begründung verneint, daß das Attest eines jüdischen Arztes nicht genüge und in diesem Falle ein christlicher Arzt ein solches ausstellen müsse. Darauf wurde ein von einem christlichen Arzte ausgestelltes Attest besorgt, und dann sagte der Herr Pastor seine Mitwirkung zu." Bremen. Der Jahresbericht des hiesigen Komitees des Hilfsvereins der deutschen Juden enthält die Wiedergabe einer Unterredung mit Juan A. Alsina, dem Generaldirektor des argentinischen Einwanderungsamtes. Diese Unterredung hatte Herr Samuel Bloch, der Leiter des Bremer Komitees, (gelegentlich seiner Informationsreise nach Buenos Aires. Der Generaldirektor äußerte sich 'wie folgt: „Es freut mich außerordentlich, daß der.Hilfsverein der Deutschen Juden ein Mitglied zum Zwecke des Studiums der argentinischen Mnwanderungsfrage delegiert hat. Ich bitte Sie zur Kenntnis zu nehmen und es auch Ihren Freunden in Europa bekannt zu geben, daß unsere Regierung mit den jüdischen Einwanderern außerordentlich zufrieden ist. Die Juden sind sehr fleißig, arbeitsam und anständig. Sie verdienen ihr Brot und kommen sogar oft zu Wohlstand und Reichtum nur dank ihrem Fleiße und V,tout ä fait honorablemcnt." Gewiß gibt es unter den Juden, wie unter allen andern Einwanderern, manche, die in ihren Handlungen und ihrer Lebensweise zu wünschen übrig lassen, ich kann aber sagen, daß ihre Zahl prozentual sehr gering ist. Die Juden sind durchaus nützliche Elemente für unser Land. Auch in den Schulen zeichnen sich die Juden aus. Die jüdische Jugend ist sehr fleißig und sehr begabt. Die Juden haben bei uns so manche Industrien nicht nur weiter entwickelt, sondern geradezu geschaffen, wie Mützen- und Hutfabrikation, Möbel- und Lederindustrie, Konfektion und manches andere. Sehen Sie, alle Sessel, Stühle, Sofas, Schreibtische und 'Pulte in meinem Bureau, das ist alles 1 hiesige Produktion, die zum größten Teil von jüdischen Händen herrührt. Auch als Ackerbauer und Viehzüchter haben die Juden bei uns sich gut bewährt. Wir wünschen mehr und mehr die Einwanderung solcher nützlichen Elemente zum Besten unseres Landes, und die Juden werden auch ihrerseits mit unserer Regierung zufrieden sein. (Wir machen nie und werden auch nie einen Unterschied machen zwischen Konfessionen, jeder kann und soll nach einer Religion leben, nach seinein Gewissen; unser Land ist das Land der absoluten Freiheit. Die Juden sollen bei uns eine neue Heimat finden, in der sie sich als Bürger sicher und wohl 'fühlen werden. Wenn Sie es möglich finden, daß die Juden noch andere Jndusttien bei uns einführen und fördern können, so seien Sie versichert, daß ie stets das Wohlwollen und das weitestgehende Entgegenkommen seitens unserer Regierung finden werden." Lübeck. Rabbiner Dr. C a r l e b a ch ist nach 40 jähriger Mitgliedschaft aus religiösen Bedenken aus der Alliance Jsraölite Un.iverseile ausgetreten. Mit ihm sind auch fast sämtliche Mitglieder, die die Alliance in Lübeck hat, ausgeschieden. Frankreich. Paris. Das Winterprogramm der „Universite populaire juive," die allabendlich ihre Hörer zu hebräischen, französischen, mathematischen Kursen zusammenführt, bringt im November folgende größeren Vorlesungen: AlfredLevy, Grand Rabbin de France, über „Alcharizi, sein Leben und Werk," Dr. Leon Reich, Paris, über „Die konstitutionellen Reckte," Rabbiner H. Stourdzö, Paris, über „Jüdische Geschichte" und Dr. MaxNordau, Paris, über „Cesare Lombroso." Niederlande. Haag. In der Haager Synagoge. — Zum ersten Male war ich über Samstag im Haag, und so besuchte ich die dortige Synagoge. Kein monumentaler Prachtbau, wie ihn die deutschen Juden dem lieben Herrgott — wohl als Ersatz dafür, daß sie nicht hineingehen — erbaut hätten; aber grade durch Intimität und Einfachheit der Bestimmung eines Gotteshauses gemäß. Der Chason ist ausgezeichnet. Vom Rabbiner kann ich nichts sagen, dal ich ihn nur auf-seinem Platze ohne weitere Funktion sah, desto mehr aber von dem ausgezeichneten Chor, aus 35 nach den Grundsätzen unserer Tradftion lebenden Männern bestehend. Der Fremde wird wohl''von dem Anblick der schwarzen Baretts und weißen Kravatten der Chormftglieder eigentümlich berührt, doch hat er bald Gelegenheft, zu konstatieren, daß die Herren

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