Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 44 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4 Frankfurtzr JsraÄrtiWks Familienblatt. Nr. 44. lich da sein gewöhnlicher Arzt ihm nicht die gewohnten Linderungsmittel reichen konnte. Gleich gegen Abend, als die Gefahr drohender zu werden schien, hatte die Contessa nach Rabbi Jizchak verlangt. Ihre treue Zofe, die wußte, daß sie ihren dereinstigen Erzieher hochschätzte, hatte ihr, um sie zu schonen, mitgeteilt, der Papst wäre erkrankt, sein Leibarzt dürfe sich daher nicht von ihm entfernen. Sie hatte daher zugeben müssen, daß der dem Rabbi befreundete italienische, Arzt gerufen wurde. — Doch der fand nicht einmal ein Mittel, die grauenvollen Qualen des Sterbenden zu lindern. Aufgelöst in Tränen kniete die Contessa an seinem Bette, unablässig bemüht, die auf seiner Stirn perlenden kalten Tropfen zu trocknen. Er hatte die letzte Oclung, die Tröstungen seiner Religion bereits encpfange». In den anstoßenden Räumen waren die Freunde des Sterbenden, sowie die höhere Geistlichkeit nahezu vollzählig versammelt, in dem Stcrbezimmcr selbst weilten außer der Contessa nur der Arzt, die beiden Grafen Borghese und der langjährige Kammerdiener des Kardinals. Die Hände des Sterbenden glitten auf der seidenen Steppdecke unaufhörlich hin und her, während sein Blick unverwandt an dem liebreizenden Angesicht des jungen Mädchens haftete mit unaussprechlicher Liebe. Sein flehender Blick machte ihre Tränen noch rascher fallen, heiße Tropfen fielen aus ihren Augen auf seine zuckenden Hände. „Piceiola!" stammelte er, „Picciola!" Da neigte sie sich zu ihm, so daß ihre Lippen beinahe sein Ohr berührten und flüsterte nur ihm verständlich: „Padre mio!" Ein unaussprechlich glückstrahlendes Lächeln verklärte das Angesicht des Sterbenden, noch einmal hob sich seine Brust, es war sein letzter Atemzug. Der Arzt gewahrte die Veränderung, er drückte sein Ohr fest gegen die Brust des Verschiedenen, er vernahm nichts mehr, der Herzschlag war verstummt. Indem er sich wieder aufrichtetc, sprach er zu dem Grafen gewandt: „Es ist vorüber." Graf Borghese trat daraus zu dem jungen Mädchen, das noch immer an dem Bette des Dahingeschiedenen kniete und unverwandt in dessen jetzt seltsam schönes Antlitz schaute: „Gestattet, Contessa, daß ich Euch in Eure Gemächer geleite, hier ist Eures Verweilens nicht länger; kommt!" — Sie schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich bleibe hier, bis der Oheim erwacht, er hat es gern, wenn sein Blick beim Erwachen auf mich fällt, und er scheint sich jetzt Wähler zu fühlen, sehet nur, wie schön und wie ruhiger schläft." „Freilich schläft er ruhig, aber erwachen wird er nimmer aus diesem Schlaf." Mit einem schlecht unterdrückten Ausschrei sprang sie auf, sie konnte es nicht fassen, unmöglich! — Es mußte noch Rettung geben! — Wenn nur sein Arzt hier wäre, der werde sicherlich den Scheintoten erwecken. Inzwischen hatte sich das Sterbezimmer >mit den Freunden des Verblichenen und der anwesenden Geistlichkeit gefüllt. Flehend wandte sich Graziella von einem zum andern, man mögen den heiligen Vater beschwören, seinem Leibärzte zu gestatten, sich nur auf eine Viertelstunde zu ihrem Oheim zu verfügen. „Unmöglich, Contessa, einem wegen Zauberei zum Tode Verurteilten kann Sc. Heiligkeit derartiges nicht gestatten." „Einem wegen Zauberei zum Tode Verurteilten?" sie blickte verständnislos zu dem Sprechenden hinüber. „Wer wurde denn zum Tode verurteilt?" Ja, so, sie wußte von nichts. — Nun es fanden sich rasch einige gute Freunde, die sie auf's genaueste in Kenntnis setzten. Mit gellendem Aufschrei brach sic bewußtlos zusammen. Acht Tage waren vergangenen, der Papst hatte alles mögliche aufgeboten, die Mchter des geistlichen Gerichtes von ihrem grauenvollen Urteil abzubringen. Stunden und Stunden hatte er mit ihnen konferiert, mit jedem einzelnen besonders, denn der Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, der war ihm ans Herz gewachsen. Wer es war ihm unmöglich gewesen, die heiligen Väter inildern Sinnes zu machen, alles war vergebens gewesen. - Näher und näher rückte der Tag. In Rom herrschte fieberhafte Aufregung. Abgesehen davon, daß das Verbrennen von lebende» Menschen in Italien doch kein so häufiges Schauspiel war wie in Spanien, bot auch die Persönlichkeit des Verurteilten ganz besonderes Interesse. Weilte er auch erst seit wenigen Jahren in der „ewigen Stadt", so hatte er doch während dieser Zeit Tausende und Abertausende sich verpflichtet, hatte Tausenden und Abertauseirdcn zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit, wenn nicht zur Verlängerung ihres Lebens verholfeu. Es war daher begreiflich, daß schon in , früher Morgenstunde Tausende von Menschen die Mchtstätte umdrängten. Allerdings gab es unter den sich Drängenden auch manch bleiches, gramvolles Angesicht, das mit tränumflorten Blick dem Holzstoß zugewandt war, aus dem ein unschuldiger Mensch den grauenvollsten Tod erleide» sollte; ein Mensch, der so vielen Menscheil das Leben gerettet hatte. Doch wo die Umstehenden einen derartig Schwachherzigen erblickten, da richteten sie mahnende Worte an ihn, daß das Leben mit Hilfe des Satans gerettet ein grauenvolles Geschenk wäre und daß man der heilige» Inquisition zu höchstem Dank verpflichtet wäre, daß sie die Welt von dem Genossen des Teufels befreien wolle. Allerdings schien es noch immer fraglich, ob das denn auch gelingen würde. Hatten doch Leute eidlich versichert, daß sie mit eigenen Augen gesehen hätte», wie der Jndendoktor in einer Wetterwolke gehüllt, hoch in der Lust über die Häuser Roms geflogen wäre. War es da nicht denkbar, daß er sich anch vom Scheiterhaufen aus hoch emporheben und entfliehen ivürde, iwch bevor die Flamme ihn umzingeln würde und daß er dann an andern Orten sein grauenvolles Treiben fortsetzen lverde? — Das war allerdings eine schreckliche Möglichkeit. Doch ergab man sich der zuversichtlichen Hoffnung, daß die Weisheit der heiligen Väter solch erneutes Schrecknis von der Christenheit fern halte» werde. Trotzdem beschloß man, nicht nur den Scheiterhaufen im Auge zu behalten, sondern auch den mit dunkeln Wetterwolken überzogenen Himmel. Jetzt entstand eine Bewegung in der Menge, das Gedränge wurde noch ärger, was ging vor? — Man raunte einander zu, daß der Heilige Vater, durch sein heiliges Amt gefeit gegen die höllischen Künste des Teufelsgenossen, die.Dienste seines Leibarztes bis zu dessen letztem Augenblick verlangt hatte. Er komme daher jetzt direkt aus dem Vatikan. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Bettina v. Arnim und das Judenmädchen! „Elvira!" so redet eine elegant gekleidete Dame ihre Nachbarin, ein etwa 20jähriges, hübsches Mädchen, an, „hast Du den Namen „Bettina v. Arnim" schon gehört?" Entrüstet fuhr das junge Mädchen empor. „Aber Tantchen, wo denkst Du hin? Welches junge Mädchen, das Anspruch auf Bildung macht, wird wohl diesen Namen, der sich so eng mit unserem Altmeister Goethe verknüpft, nicht kennen! — Wer das Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" gelesen, dem wird wohl der Name Bettina v. Arnini unvergeßlich sein!" „Geioiß," lächelte die Matrone, Elvira freundlich zunickeud und begütigend die Hand des jungen Mädchens erfassend, „ich wußte es ja im voraus, daß Dir dieser Name nicht fremd sei. Und weil Du — nach Deiner Rede zu schließen — so begeistert von Bettina bist, so will ich Dir eine Episode aus ihrem Leben erzählen, wenn cs Dir recht ist." „O liebes Tantchen," entgegnete freudig Elvira, „Du kannst inir keinen größeren Gefallen tun, als wenn Du mit Deiner Erzählung beginnst, und ich versichere Dich inr voraus meiner Aufmerksamkeit und Dankbarkeit." „So höre denn! Wer der Jugendzeit Bettinas gedenkt, der erzählt literaturkundig von deren Großmutter. Sophie von La Roche, die Wieland angebetet hat, von ihrer Mutter Maximiliane Brentano, für die Goethe schwärmte; von der kleinen bescheidenen jüdischen Stickerin in Offenbach aber, der Betinä ihre Freundschaft schenkte, wissen nur wenige. Nur diejenigen, die .den Briefwechsel „Bettinas mit ihrem' Bruder Clemens" durchgegangen, haben Kenntnis von dem „Veilchen" aus Offenbach, wie die jüdische Stickerin hieß. Veilchen war eine berühmte Kunststickerin, bei der Bettina das Sticken erlernen sollte. Bettina rühmte ihrem .Bruder gegenüber die Sauberkeit Veilchens in ihrer bescheidenen, einfachen Wohnung und die Ehrfurcht, mit der sie ihren alten Großvater behandelte. Sie beschreibt die Stickerei Veilchens, ein Goldmuster auf rosinenfarbenen Sammt, wie bas Judenmädchen die Farbe nennt, von Bettina aber als „sanftes Braunrot" bezeichnet wird. Die Arbeit ist bestellt und wird gut bezahlt. Das Geld verwendet die Stickerin für den Haushalt, sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen sind und denen sie die. Mutter ersetzt. Bettina hllft dem Veilchen an ihrer Arbeit, da sie es im Sticken schon ziemlich weit gebracht. Für diese Arbeit erhält die Stickerin 20 Louisdor! Auch Blumen schmücken das Heim der Jüdin. Sie berichtet ihrem Bruder ferner, daß sie eines Morgens früh 7 Uhr der Stickerin ein Veilchensträußchen überbrachte, gerade als diese mit dem Besen in der Hand auf der Treppe stand; sie nahm ihr den Besen aus der Hand, indem sie meinte: „Ach lassen Sie mich auch ein bischen kehren." Da kam in der Frühe — es war noch nicht 7 Uhr — der Hofmeister Eduard von Bethmann vorbei: derselbe mußte es Bettinas Tante berichtet haben, daß er ihre Nichte vor der Haustüre eines Juden, auf offener Straße kehrend, gesehen. Die Tante war darüber - sehr entrüstet und machte Betina die heftigsten Verwürfe. Betina-ließ alles ruhig über sich ergehen. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, den Verkehr mit Veilchen abzubrechen, trotzdem nun auch ihr Bruder Clemens ganz entschieden sich äußert, daß sie'mit diesem Judenmädchen auf viel zu vertrautem Fuße stehe; 'er nannte diesen freundschaftlichen Verkehr. sehr töricht. Doch auch darauf achtete Bettina nicht, . sie hielt den Verkehr mit Veilchen aufrecht. Und freute sich darüber, daß Veilchen ihren bald achtzigjährigen Großvater nach Wiesbaden begleitet, allwo der kranke, alte Mann den Sommer über verweilt, wo er Heilung für seine Krankheit sucht. — Die Enkel werden von befreundeten Inden für Kostgeld verpflegt. Bettina versprach der Freundin, nach den Kindern zu sehen und blieb in regem Briefwechsel mit ihr. Bor ihrer Abreise las Bettina der Stickerin aus Goethe's Büchern vor, und manches schöne Lied von Goethe lernte die Zuhörerin während des Stickens und die Freundin fädelte ihr die Nadeln ein. Sie freute sich, wenn neue Aufträge 'kamen, schickte ihr Seide und Gold und Stickmuster, die sie bei einem Goldarbeiter namens „Frick" anfertigen ließ. Aber auch Bettina war sehr geschickt inr Entwerfen von Mustern und war stets vergnügt, wenn ihre Erfindungen ausgeführt wurden. Sie entwarf ein Muster von Guirlanden aus Stahlflitter und Perlen, die auf einer grünen Sammtrobe ausgenäht wurden; darüber war ein Netz von goldenen Raupen. Die Toilette soll großartig ausgefallen sein und dem „Veilchen" eine hübsche Summe eingebracht haben. Auf die wiederholten Vorwürfe ihres Bruders Clemens, Bettina solle das Judenmädchen meiden, erwiderte sie: „Wer bin ich denn, daß ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende? Bin ich ein Engel? Nun die fliegen ja den' guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt. Aber ich glaube nicht, daß ich ein Engel bin; ich glaube vielmehr, daß ich zu ihr hin auf steige, statt herab!" Wie lange diese Freundschaft gedauert, davon ist nichts zu finden." Frau Stern, die Tante Elviras, hatte geendet. Die Nichte erhob sich und dankte mit sanftem Händedruck der gütigen Dame, für ihre Belehrung. Welch' edle Seelenbildung Bettina von Arnim 'zu eigen war, geht yus dieser Skizze hervor, möchten doch viele ihrer Mitschwestern sich bemühen, ihr nachzustreben. Bächlein. Kaiser Friedrich Quelle ——— Offenbach a. M. —r Gegen Gicht nnd Bhenmatiarnng bewährt. 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Er sieht eine Leiter, an der Engel auf und nieder steigen. Gott selbst steht über der Leiter, verspricht Jakob Schutz, das Land Kanaan und Nachkommen. Jakob nennt den Ort, wo er geschlafen, Beth-El (Gotteshaus!), setzt einen Stein zum Denkmal und verspricht - den „Zehnten^ (Maaser) von allem, was Gott ihmgeben wird. — Er kommt in.Charan an. trifft außerhalb der Stadt seine Kousine Rachel mit Schafen. Jakob bleibt als Schäfer bei seinem Onkel Laban. Als Lohn für 7 Dienstjahre wird ihm die heißgeliebte Rachel versprochen. Laban bricht jedoch sein Wort und gibt. Jakob die weniger geliebte Lea.