Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 44 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrartkfrtrker 3frurlitifri|rs Fmilikidlott. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. IN., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Vetefon 10507. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirckunst. . —. . ' 7. Jahrgang. Freitag, de« 6. H8le>v 5670 (10. November 1060). Nr. 44. i Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Judensrage und das Buch des Grafen Tolstoi „Der Antisemitismus in Rußland." — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Bunte Chronik. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. — Spenden. — Briefkasten. Die Jndenfrage «uv das Bnch des Grafen Tolstoi „Der Antisemitismus in Rußland." Bon Prof. M. Margulies. (Schluß). Wenn nun Graf Tolstoi Reformen, gründliche Abschaffung der gesetzlichen Ausnahmestellung der Juden in Rußland fordert, stimmen wir ihm in seinen Wünschen und Ausführungen vollständig bei. Wenn er aber glaubt, damit den Antisemitismus aus der Welt, refp. aus Rußland für immer zu verbannen und die Judenfrage endgültig zu lösen, dann hat er „die Rechnung ohne den Wirt gemacht". Dann will er — natürlich optima fide — etwas schablonenhaft behandeln, das ein Individualisieren erheischt; dann setzt er sich der Gerechtigkeit wegen über historische Tatsachen und nicht svegzuleugnende Resultate geschichtlicher Entwickelung hinweg, will sie ungeschehen sein lassen und widerspricht endlich in der Konsequenz seiner eigenen Behauptung. Und er behauptet doch in seinen! Buche folgendes: „Ich verabscheue von ganzem Herzen alle Gleichförmigkeit, alles schonungslose Nivellieren, bin überzeugter Anhänger des Individualismus in allen menschlichen Einrichtungen." Nun frage ich: Ist der Wille des Gesetzgebers wirllich so stark, so maßgebend, daß er und nur er kraft gebietender und verbietender Paragraphen, kraft geschriebener. Alle verpflichtender und das Leben nach gennssen Werten normierender Codexe imstande wäre, ein so gewaltiges Uebel wie den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen, eine so schwierige und ungemein komplizierte Frage, wie es die Judenfrage unumstritten ist, zu lösen? Ist denn wirllich das Gesetz ein Universalmittel gegen alle Mißstände, eine einzig wirksame Volkspädagogik ohne Rücksicht auf den Bestand faktischer, nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden erhaltener Verhältnisse, eine Eingebung von Gottes Gnaden, die mit einem Federstriche Haß, Elend, soziale Mißstände aufhebt, Dummheit, Verschrobenheit, Fanatismus und Intoleranz aus der Seele eines Volkes ohne weiteres streichen kann? Wie will, frage ich, der gerechte und unvoreingenommene Gesetzgeber bei der vollen Anerkennung des Rechtes zur Selbstbestimmung,^ Selbsterhaltung eines Volkes die Schwierigkeften lösen, die dadurch entstehen oder bestehen, wenn in einem Staatsgebilde vereinte Völker Träger verschiedener oder sogar divergierender, einander widersprechender Interessen sind? Und wenn wir die in ihrer Art einzigartige Geschichte der Juden, ihre vergangene Kultur, ihre heutigen immensen Kulturmöglichkeüen, ihre verschiedenen sozialen Umgestaltungen im Laufe der Zeiten usw. ernst betrachten, dann kommen wir doch zur Ueberzeugung, daß die Juden, wenn sie auch in aller Herren Länder zerstreut leben, dennoch ein fest gefügtes Volksgebilde ausmachen, eine Nation, die, mag sie auch den landläufigen Definitionen nicht voll entsprechen, eine solche ist kraft ihres eigenen Charallers, kraft einer gleichartigen Geschichte, einer speziellen Entwickelung! Die Juden sind eine Nation ohne Land und ohne Regierung, sogar ohne positive, zum Leben einer Nation sonst notwendige Institutionen, eine Nation von festgefügten, in sucüm et sanguinem übergangenen typisch individuellen Zügen. Die Jude» wohnen auch nicht auf ihrem Boden, wie die Polen in Galizien oder die Irländer auf den Inseln der englischen Krone, sondern werden immer als Fremde betrachtet, denen man Gastfreundschaft gewährt, weil sie doch zur Zeit ihrer politischen Selbständigkeit auch nicht auf dem Boden gewohnt haben. Und wie, frage ich, denkt sich Tolstoi eine friedliche Lösung der Judenfrage im allgemeinen und insbesondere in Rußland, wenn er bei voller Beibehaltung nationalen Selbstbestimmungsrechtes und in Berücksichtigung der speziellen inneren Beschaffenheit des nach ihm „Volksstamm". „Volkstum" benannten jüdischen Volkes und seiner Stellung nach außen die gerechten Gesetze wirken läßt? Er glaubt, die Juden werden sich im großen russischen Reiche zerstreuen und früher oder später im umgebenden Volke aufgehen; so werden nach der Aufhebung der Sonderstellung auch die Sonderinteressen verschwinden. Er glaubt es, weil ihn die Geschichte vieler aufgegangener mächtigerer Völker so lehrt! Er glaubt es, weil es für ihn ein dogmatisches Gesetz seines „kategorischen Imperativs" in Beurteilung sozialer und weltgeschichtlicher Vorgänge ist! Er glaubt es, weil Herr Morguliß, ein jüdischer Sozialpolitiker, ihn dessen in seinem umfangreichen Buche „Die Fragen des jüdischen Wesens" versichert und weil die Juden in Amerika seiner Meinung nach ganz yankeenisiert sind. Er glaubt es, trotzdem er es vom „ästhetisch-theoretischen" Standpunkte bedauert, weil es vom „praktischpolitischen" zu begrüßen sei; trotzdem er gerne die „nationale Individualität" des jüdischen Volkes mit allen Mitteln erhalten und kultiviert wissen will, ihr langsames, aber absolut sicheres Verschwinden bei der vollständigen Gleichberechtigung voraussetzen muß! Durch diese Schlüsse beweist aber Iwan. Jwanowitsch Tolstoi, daß er, wie so viele Politiker und Soziologen das Wesen des jüdischen Volkes nicht kennt! Daß er aber alle Vorschläge zur Lösung der jüdischen Fr-.ge von der Gleichberechtigung bis zum Auswandern und sogar von Antisemiten Rußlands gut geheißenem Abschlachten und Erwürgen bespricht, und eine auch für den Fall der „llntauglichkeitserllärung" berücksichtigungswürdige Organisation wie den Zionismus nicht einmal erwähnt, daß er die Auswanderung aus inneren Gründen und in Bezugnahme auf das selbstverständliche Verhalten der als Jmmigrationsländer in Betracht kommenden Staaten „eine Spielerei ohne jeden praktischen Sinn" nennt, die Auswanderung „der sich nicht assimllieren könnenden oder wollen- . den Juden" auf zionistischer Basis aber nicht einmal in Betracht zieht, bildet eine starke Lücke seines Buches? Ohne näher darauf einzugehen, ob Bildung und Gleichberechtigung in Wirklichkeit den Inden derart seinem Glauben und seinem Volke abtrünnig machen, daß er ihn in der Assimilation gar nicht hindert, ohne über den Wert und die Zukunft des Jargons, dieser eminent jüdischen Golussprache und über die Lebendigkeit der hebräischen Sprache mit Tolstoi Meinungen austauschen und ihn eines Anderen belehren zu wollen, muß ich mit Nachdruck hervorheben, daß das jüdische Volk infolge einer ganzen Reihe von Lebensinstitutionen, die es in einer fast 2000jährigen Diasporasich hat aneignen müssen, im großen und ganzen unassimilierbar, unvertilgbar ist und bleiben wird. Die soziale Zucht zweier Jahrtausende hat mit ihren neu geschaffenen Qualitäten Imponderabilien „sui generis" hervorgebracht, diemitlandläufigenWerten nicht verglichen, mit üblichen Maßstäben nicht gemessen werden dürfen, lind da sollen sich noch so freidenkende Geister und Idealisten nicht wundern, auch Graf Tolstoi nicht, wenn die fliegenden Wertedes jüdischen Volkes ihre Theorien Lüge strafen. Es ist dann die Schuld der Schablone, ihres Hang es zum Egalisieren! Wenn irgend ein Volk, so ist es das jüdische, das infolge seiner einzigartigen, durch die Geschichte erzeugten Beschaffenheit das Recht zur Eigenentscheidung im Anschluß an die beste Selbsterkenntnis hatund haben muß. Der russische Gesetzgeber kann beim besten Willen historische Tatsachen nicht aus der Weltschaffen, sein Wort kann im Leben zu einer nichtssagenden Phrase werden, wenn es das russische Volk nicht will, das jüdische nicht kann! Mit Tolstoi Grundlagen für eine Assimilation zu schaffen und zugleich Bestrebungen zur Wahrung und Förderung national-jüdischer Interessen ohne den inneren Zusammenhang wenn auch nur mit der sozialen und ökonomischen Seite des kolonisatorischenZionismus zu unterstützen, heißt — in alte Sünden verfallen und den „eirenlus vitiosus" von vorne anfangen. 4