Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 43 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Frankfurter Israelitisches Famikienblatt. Six. 43 mit welcher Wonne erinnert sich die jüdische Gem linde an die Jomim Nauroim, an denen er das Schacharis- und Mincha-Gebet in den alten schönen Melodie» vortrug und scrner als Bal-tokca tätig war. Die Liebe, Verehrung und Dankbarkeit, mit der alle, die ihn kannten, an ihin hingen, bewies das überaus große Traucrgcsolge, ivic cs Jchenhauseu kaum je gesehen hat. An seiner Bahre sprachen in herzzerreißenden Worten um den zu früh Heimgegangenen Freund Sc. Ehrwürden Herr Rabb. Dr. Cohn und sein .würdiger Kollege Herr Hauptlchrcr I. Brader, .ferner der katholische G e i st l i ch e, dann ein Turnwart in, Namen des Turnvereins, dessen 1. Turnrat er war, und endlich rief ihm der Kommandeur der Bczirksfeuerwchr von Schwaben für die hohen und edlen Verdienste, die sich der Dahingeschiedene als Kommandant der Jchenhausencr freiwilligen Feuerwehr erworben hat, Worte des Dankes nach. So Hot Jchenhauseu einen wirklich unersetzlichen Verlust erlitten, die tiefgebeugte Gattin hat einen treuen Begleiter durchs schicksalrcichc -Leben verloren, die 3 Kinder einen zärtlichen und liebevollen Vater. Möge den Hinterbliebenen nach den herben Schicksalsschlägen der letzten Jahre — 3 erwachsene, in der vollen Blüte der Jahre stehende Söhne sind ihnen im Laufe von 5 Jahren durch den Tod entrissen worden — das Verdienst ihres Familienhauptes beistehen, so werden ihnen nur noch heitere und sonnige Tage beschieden sein. Wir alle aber wollen seinem Beispiele nachahmen, dann wird sein Andenken gewürdigt und erhalten bleiben für alle Zeiten. Sein dankbarer Schüler M. M. Meisenheim a. Glan. Bor kurzer Zeit legte Herr Heyman d e B e c r, der langjährige Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde, sein Amt nieder. Im Jahre. 1875 kani Herr de Beer nach Meisenheim, damals noch Sitz eines Rabbiners und einer staatlichen israelitischen Volksschule. Nachdcin durch den allgemeinen Zug nach der Großstadt die Gemeinde infolge ihrer Verminderung die beiden letzten Institutionen aufgcben mußte, verblieb Herr de Beer als alleiniger Kultusbeamter. Er hat seines Amtes fast 35 Jahre lang ununterbrochen gewaltet. Die hiesige Gemeinde bereitete ihn, zum Abschied eine kleine Feier, wobei ihm die Aeltestcn im Name» der Gemeinde als Andenken an Meiscnheim und in Anerkennung seiner verdienstvollen Tätigkeit in feierlicher Weise ein Ehrengeschenk (bestehend aus einem Ruhesessel und einer silbernen Bowle) überreichten. Herr de Beer siedelte nach Frankfurt a. M. über, uin seinen Lebensabend inr Aeise seiner Familie bei seinen Kindern zu verbringen. Petersburg. Der sozialdcmokr. Abgemdn B el e u i s o w sammelt zum Zwecke einer Jnrerpellation an den Kultusminister Material über die gegenwärtige Lage des jüdischen Bildungswesens im ganzen Reiche. Ueber die jüdischen! Gewerbeschulen sind ihm nun folgende . interessante Angaben zugestellt worden: Die Zahl dieser Schulen ist in steter Zunahme begriffen; sie stieg von 6 im Jahre 1903 auf 25 im Jahre 1907. 'Dementsprechend stiegen auch die Ausgaben für diese Schulen von 144 500 Rubel im Jahre 1905 auf 215 500 Rubel im Jahre 1907. Dagegen sank die Zahl der Zöglinge in diesen Schulen. Im Jahre 1905 betrug sie durchschnittlich 80 in jeder Schule; im Jahre 1906 75 und im Jahre 1907 nur 66 pro Schule. Die Gesamtzahl der Schüler betrug im Jahre 1906 1422, im Jahre 1907 1311. Das erklärt sich ganz offenbar durch die Ve r f ch lechte r u n g d c r ö k onomischen Lage der jüd. Massen und durch die infolge der Pogrome hervorgeruscnen Massenauswandcrung. Viele Zöglinge mußten die Säulen verlassen, weil ihre Eltern selbst . das geringe. Schulgeld von 5—10 Rubeln jährlich nicht entrichten konnten. Außer den Fachabteilungeu, von denen die fabrikmäßigen Fächer, eine Schlosserei, Weberei usw. die stärkste Frequenz aufweisen, befindet sich in jeder Schule auch eine Abteilung für allgcincinc Bildung. ES ist in Rußland selbstverständlich, soll aber für den ausländischen Leser doch hervorgehoben werden, daß diese Schicken nicht etwa von der Regierung, sondern von den Juden selbst, den jüdischen Korporationen usw., unterhalten werden und daß ihnen die Regierung lediglich — Schikanen und Schwierigkeiten mit auf den Weg gibt! ArrS den Vereinen. Frankfurt a. M., 8. Nov. B e r e i n „N a ch I a ß Z w i." — Es ist eine alte und doch ewig Aeue Geschichte, daß der Antisemitismus in Glacshandschuhen und Frack weit gefährlicher ist als etwa der Radauantisemitismus der Ahlwardt, Dahsel, Bruhn und Genossen. „Religionsdisputationen im Mittelalter!" Und vor unser geistiges Auge steigen die düsteren Zeiten herauf, wo jener schlimmere Judenhaß unter dem Vorwände gelehrter Aussprachen ein verderbliches Wesen trieb. In feinsinniger, recht anschaulicher Schilderung ließ Herr Professor Dr. A. Sulzbach uns jene Tage miterleben und besonders die niedrigen Beweggründe der Veranstalter von Disputationen ans Licht treten. Religionsdisputation ist nicht Rcligionsgesprächt so führte der Redner aus. Während dieses die Menschen einander nähert und gegenseitige Achtung erzeugt, will jene den Streit, verlangt Bekehrung und Unterdrückung. Wehe dem physisch Schwächeren, zumal wenn er als der geistige Sieger aus der Diskussion hervorgeht. Ihm winkt Zwang und Gewalt und zuletzt der Scheiterhaufen. So läßt der Referent drei der bedeutendsten Religionsdisputatjoncn Revue passieren, die sämtlich mehr oder minder das gleiche Bild aufwcisen. Ob es nun Ludwig der Heilige ist, den eine Art krankhaften Judenhasses auszeichnet, oder ob Jakob von A r r a g o n i e n, der wieder Judengeld nicht verschmäht, dazu herhalten muß, immer sind es allmächtige Priester, finstere Beichtväter usw., die Disputationen heransbeschwören; die bedeutendste wird gar von einem Papste selbst, Benediktus, veranlaßt. Jmincr aber sind es auch getaufte Juden, die. uin ihr Christentum möglichst zu betonen, sich dazu hergeben, die Anklagen gegen die Juden zu erheben. Und stets ist cs der Talmud in seinen hagadischen Stellen, der den Abtrünnigen (N i k o l a u s D u n i n, Paulus C hristiani, Ier on imus de Santa Fe) als Angriffspunkt dient. Wer große Juden sind der Aufgabe vollkommen gewachsen, so im Jahre 1238 der würdige Jechiel von Paris, 1263 der scharfe Dialektiker R achmanidcs, 1413—16 die bedeutenden Gelehrten Don V i d a l und Joseph A l b o. Und nach allen Disputationen weis die Chronik zu berichten von Verfolgungen und Zwangstanfen, der Verbrennung oder Konfiskation des Talmuds. Von den Disputationen in Paris, Barcelona und Tortosa geht eine gerade Linie über die Judenfeinde der folgenden Perioden bis in die heutige Zeit. All jene Anklagen, die schon so oft zurückgewicscn wurden, wiederholten sich; und man kann heule noch in antisemitischen Blättern dasselbe alte Gerede etwa über „Kolnidre" lesen, das 1238 in Jechiel schon ividerlegte. Weil wahrer Taurohgcist jene Männer. beseelte,' so schließt der Redner, vermochten diese, wo Scheiterhaufen drohten, vor Könige» und Fürsten die Wahrheit zu vertreten, und der Geist der Tauroh wird jene Zeiten herbeiführen, wo die Disputationen gewichen sein werden dem Religionsg e s p r ä ch c, wie es einst gepflogen ward zwischen den Juden Ephrajim Ben Sanjo und dem König Pedro von Arragonien, und wie Lessing es geschildert in seinem hohen Liede auf Menschlichkeit und Duldung, in „Nathan der Weise", welches Stück — wie der Dichter phrophctisch ahnte, heute „100 Jahre nach seinem Erscheinen" leider noch nicht „verstanden" ist. Perl. Frankfurt a. M. M o n t e f i o re - Verein. Das Programm der C h a n u k a - F e i e r des Montefiorc-Bereins, welche bekanntlich am Samstag, den 11. Dezember er., stattfindet, bringt an erster Stelle die Uraufführung eines allegorischen Festspieles „Der Rangstreit der Feste" von R. Meyer. Zur Ausführung der Solo-Vorträge sind hervorragende künstlerische Kräfte gewonnen worden, und den Beschluß des Programms wird ein lustiges Singspiel von Offenbach bilden. Auch in diesem Jahre schließt sich an die Aufführungen ein Tänzchen an, dessen Arrangement bewährten Händen übertragen ist. Frankfurt a. M. Der Montekiore-Verein hielt, dem Wunsche zahlreicher Mitglieder ententsprechcnd, am vorigen Mittwoch Abend im Saale der Adler - Loge eine eigene S ch i l l e r f e i e r, die einen höchst stiminungsvollen Verlauf nahm. Die Festrede hielt Herr Dr. I. Heine m a n n , der durch eine Fülle von neuen, geistvollen Gedanken zu fesseln und zünden ivußte. Es hieße den prächtigen Ruhmeskranz, den er dein Heros flocht, zerpflücken, wollten wir nur auf einzelne Momente des von Begeisterung getragenen Vortrages Hinweisen. Die Worte des Redners, der u. a. auch die Dankespslicht der Judenheit dem Vorkämpfer für Gewissensfreiheit gegenüber 'hcrvorhob, gipsclten in dem mahnenden Gedanken, daß Friedrich Schiller, der Dichter der Jugend, auch den gereisten Männern und Frauen als Führer im Leben voranschreiten müsse, Ivcnn sie sich in ihrem Denken und Empfinden ideal und jugendfrisch erhielten. Auf die Festrede folgte die berühintc Szene zwischen König Philipp und Marquis Posa aus „Don Carlos"', mit viel Verve und schönem Verständnis von den jungen Bercinsmitgliedern Neuhaus und Leefsma rezitiert. Der Ruf des Maltheser Ritters nach Gedankenfreiheit, die prophetische Ankündigung einer großen Zeit, da „Menschenglück vereint mit Fürstengröße wandeln wird", ließ uns mit frommem Erschauern empfinden, wie ewig jung und just in der Jetztzeit wieder hochmodern die Werke des Genius geblieben sind! — 3 Schiller'sche Gedichte, in dersinngemäßen Vertonung von Schubert („Des Mädchens Klage", „Thekla" und „Szene aus dem Tartaruse) brachte sodann Fräulein Anni Stern aus Mannheim zu Gehör; wir lernten in ihr eine junge Sängerin kennen, die nicht nur über einen umfangreichen, in allen Lagen gleich gut und sympathisch klingenden, kräftigen Mezzosopran verfügt, sondern auch mit feineni Verständnis den Stimmungsgehalt der Schiller'schen Werke erschöpfte. Nicht minder wirkungsstark war die zum Schlüsse folgende, melodramatische Rezitation der sprachgewaltigen, erschütternden „Kassandra" (mit tonmalerischer Klavierbegleitung von Schillings). Fräulein Else Adler, die durch die Klangfarbe ihres edlen Organs und ihre Vortragsweise für Deklamation klassischer Dichtungen gradezu prädestiniert erscheint, verhalf diesem Werke zur restlosen Widergabe. Um den Klavierpart machte sich Frl. Lindemaun, bei den Liedern Fräulein Bamberger verdient. Die Veranstaltung war trotz der. gleichzeitigen Feier in der Festhalle nur zu stark besucht, sodaß ein beängstigendes Gedränge an den Pforten entstand. Zum Ruhme des Publikums sei aber die musterhafte Ruhe während der Vorträge und der impulsive, herzliche Beifall nach denselben hervorgchobcn. —r. Pose». Im .Verein für jüd. Interessen" referierte Dr. Kollenscher über den Breslauer I u d e n t a g. Die moralischen Erfolge solcher Zusammenkünfte lägen in der Stärkung der Solidarität und des Selbstbewußtseins der deutschen Juden und in ihrer einmütigen Demonstration für ihre Staatsbürgerrechtc. Die Verhandlungen beschäftigten sich hauptsächlich mit den Verhältnissen der Juden in den Ostmarken. Die Juden gehören wohl kulturell zu den Deutschen, doch dürfen sic keinesfalls eine Ilnterdrückungs- und Entrcchtungspolitik fördern oder auch nur passiv mitmachen. Posen. 8. Noi Der Verein liberaler Juden veranstaltete Samstag Abend eine Versammlung, die sehr stark besucht war. Nabb. Dr. V o g e l st e i n - Stettin sprach über die Ausgaben des liberalen Judentums. Mehr deutsche Gebete im Gottesdienste bei Respektierung der hebräischen Sprache, Ausbau des Religionsunterrichts und Beachtung der jüdischen Feste in der Familie waren in der Hauptsache die Forderungen, die er stellte. Dem Vorträge schloß sich eine Diskussion an. Ans Ser zionistischen Bewegung. Frankfurt o. M. F r a n k f u r t e r Z i o n i st. Bereinigung. — Herr Dr. Heinrich Löwe aus Berlin, einer der ältesten und eifrigsten Kämpen der zion. Bewegung, bot am Samstag Abend in seinen 1 Vsstündigen Aussührungcn einen Vortrag von mächtiger Wirkung. Dieser Erfolg ist der rednerischen Begabung, der Begeisterung und last not Ions! der überzeugenden Kraft, die aus den Worten des Redners slutete, zu verdanken. Redner zeigte, wie der Ausdruck „M o s a i s ch e r K o n f c s s i v n" schon alles erklärt, woran die deutsche Judenheit zn Grunde geht. Für einen „Deutschen mosaischer Konsessiou" ist das Hebräische überflüssig, sogar schädlich, die jüdische Geschichte unbequem und das Zionsideal längst aufgegeben. Ein „Deutscher mosaischer Konfession" fragt in seinem jüdischen Handeln nicht, was die jüdischen Interesse» verlangen, sondern stets, was die Christen dazu sagen. So hat man in vielen Gemeinden das einzigartige Kolnidre - Gebet nur deshalb abgcschafft, weil die Antisemiten cs angriffen. So redet man von einer jüdischen Mission, trotzdem der Heiligenschein der Mission nicht zu jüdischen Gesichtern paßt und trotzdein nur ein hoch geachtetes, nrutiges Volk eine Mission ausübcn kann, nicht aber wir Juden. Sogar aus das jüdische Schrifttum sich zu beziehen, scheut sich nicht der Deutsche mosaischer Konfession; so muß der Ansspruch des Propheten Jeremia: „Suchet das Wohlergehen der Stadt, in der du wohnst" zur Begründung d^r Assimilierung herhalten, während die Schriften dieses Propheten, wie auch aller anderen Propheten, voll von Begeisterung für Zion und festeste Hossnung auf die nationale Zuknnst des jüdischen Volkes sind. Man geht allen geistigen Strömungen nach, aber die ethische Kultur des Judeutums kennt man nicht. Man schätzt alle Volksdialektc, der jüdische aber wird bespöttelt. Der jüdische Witz ist heute antisemitisch geworden. Die jüdischen Sitten mit ihrer herrlichen Poesie haben den christlichen weichen müssen. Redner entwirft nun ein großzügiges Bild von dem Mosaisinns, wie ihn die Zionisten wieder zu seinein Rechte verhelfen wollen und schließt unter lebhaftem Beifall der bis auf' den letzten Platz den Saal füllenden Zuhörer. Hamburg. Mitteilung des Bureaus des IX. Zionisten-Kongresses. — Unter den anläßlich des Kongresses in Aussicht genommenen Veranstaltungen sind für die folgenden die näheren Bestimmungen bereits getroffen: Herr Dr. M. Nordau hat freundlichst zugesagt, am Donnerstag,, den 30. Dezember, einen öffentlichen Vortrag über „D a s I u d e n t u m i m 19! und 20. Jahrhundert" zu halten. Am Sonntag, den 26. Dezember, findet abends ein vom jüdischen Turnerbund veranstaltetes S ch a uturnen statt. —