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Neue jüdische Presse · 1909-11-12 · Heft 43 (12.11.1909) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 43 (12.11.1909)
Date
1909-11-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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äeilftp p llt. 43 des Jtiiuktuctec Ilmetitifiiieii JttmUieiibtattBs. Schiller Zu seinem 15 0. Geburtstage. Festesjubel allüberall. Vom Fels zum Meer brauft's: Schiller! Auf Bergen und in Klüften hallt's: Schiller! In Hütten und Palästen dröhnt's: Schiller! Und wir Juden? Wir, das Ferment, der Mörtel der Kulturmenschheit? Die goldene Kette, die sich 'aufrollt von altersher und hinrollt in alle Zukunft? Wie haben wir ihn zu feiern? Er war ein losgesplittertes Stückchen dieser Kette. Losgesplittert, abgetrennt, und doch wie wenige Sterbliche an den Ursprung aller Menschengesittung erinnernd. Er war der Niederschlag der reinsten Stimmungen von Jahrhunderten. Denn was auch im Menschheitskessel brodeln und sieden mag — auch klares Quellwasser ist beigemischt. In ihm war dieses klare, frische Quellwasser. Der Weltbestand und das Wcltwesen sind nicht unmittelbar gefährdet, wenn Dichter sie nicht sördern. Aber große Quellenfinder und Pfadweiser sind immerhin heilsam und erquicklich. In blendender, strahlender Form eine blendende, strahlende Seele ergötzt die Welt und kräftigt ihre besten Triebe. Lenkt sie ab voni Irdischen, vom Unterirdischen, weist sie auf Höhenwege. In Schiller hat uns die göttliche Fügung einen Genossen unserer Lebensaufgabe beschert. Das bunte, tändelnde Gaukelspiel der Sinne, die herrliche, freiwaltende Phantasie — sic sind uns nicht von Nöten. Wir haben Größeres, Herrlicheres, Reineres. Wir haben Märtyrergestalten aus unserem eigenen Fleisch und Blut, die wie mächtige Riesen die Zwerge der Einbildungskraft überragen. Wir haben prophetische Gesichte, die in ihrer flammenden Gewalt und Erhabenheit alles menschlich Erdichtete zu Schänden machen. In unseren heiligen Schriften walten Frauen von unerreichbarer Keuschheit, Güte und Lieblichkeit. Wir haben Kämpfer für Vaterland, für Freiheit, für Recht, die in ihrem von Gottesglut gestachelten gigantischen Mut mitleidig herabblicken auf Poetengebilde. Bald jauchzenden, bald tobenden Bergströmen gleich rauschen von himmlischen Gipfeln die Lieder unserer königlichen Sänger hernieder. Aber die Menschheit weiß kaum davon oder will nichts davon wissen. Und wenn sie davon weiß, anerkennt sie uns nicht. Deutet stolz hin auf ihr eigen .Hab und Gut. Hält Eigengewächs für edler als Gottesgewächs. Drum müssen Lichtspendcr für die Menschheft erstehen, denen ein gütiger Himmelswalter ein Weniges von Seinem Lichte borgt. Und dieses Wenige ist dann eine Uebersülle von Licht für die, die in der Dunkelheit tasten und suchen. Solch' ein Lichtbringerwar Schlller. Er stand auf der Warte der Menschheit mit hocherhobener Hand. In chm wetterte und wallte, was Menschenherzen bedrückte. In ihm koste und leuchtete, was Menschenherzen beglückte. Aus ihm sang und sprang, was Menschenzungen imr stammeln konnten. Er gab dem heimlichen Ahnen greifbare, leibhafte Gestalt. Er lieh dem schweren Ringen Würde und Weihe. Er lehrte die Menschen sich erhöhen und drückte ihnen damit Krongeschmeide ins Haar. Er nmwandelte den Schollenmenschen zum Umspanner des Weltalls. Er blitzte wie zuckendes Feuer durch die Reihen der Verächtlichen und Niedrigen. Er umwob mit Gloriensonnen die Hoch- und Adlig-Gesinnten. Er mag uns gegrüßt und behütet sein als ein Meilenstein aus dem Emporwege der Menschheit. Er mag uns gegrüßt und behütet sein als ein Mellenstein auf dem Wege zum Gottesreich auf Erden. Personalien. Berlin. Professor Dr. Hermann Dessau, der bekannte Altphilologe, beging sein 25jähriges Jubiläum als Dozent an der hiesigen Universität. — Der Kaiser verlieh dem Archäologen Dr. Polka k - Prag den Roten Adlerorden 3. Klasse, dem Handelsrichter Robert Kerb -Berlin den Roten Adlerorden 4. Klasse, dem Kommerzienrat Moritz Kirchdörfer-München die Rote Krenzmedaille 2. Klasse und dem Rentier D a v i d H o f m a n n - Kaiserslautern und der Freifrau Mathilde v. Hirsch -München die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse. Frankfurt a. M. Am vergangenen Freitag ist Frau Anna Cohn Wwe. geb. Rewald zur letzten Ruhe gebettet worden. Frau Cohn, geboren zu Regenswalde in Pommern, entstammte einer sehr angesehenen Familie. Ihr Vater, ein Mann von Ruf und großem Ansehen, war ein streng religiöser Jehudi und im jüdischen Schrifttum bewandert und so bekam die Verblichene eine fromme, echtjüdische Erziehung. An einen traditionell gesinnten Manne nach Frankfurt a. Oder verheirater, führte die Dahingeschiedene ein streng religiöses Haus — ihr Haus zählte zu der Struckschen Synagogengcmeinde — trotz der Schwierigkeiten, die eine streng religiöse Hausführung in Frankfurt a. Oder bot, trotz des ungünstigen Milieus sowohl seitens der dortigen Bekannten, als auch Verwandten. Auch verstand es die Verblichene, die außergewöhnlich klug war und Bekannten und Verwandten als Ratgeberin galt, ihren Kindern, ihre Ideale einzupflanzen, obwohl ihr der Gatte frühzeitig — noch während die Kinder klein waren — genommen wurde. Auch Herzensgüte war eine ihrer Eigenschaften; nach Kräften übte sie Wohltätigkeit und veranlaßte auch andere zum Geben; doch bescheiden wie sie war, trug sie weder ihre Wohltätigkeit noch ihr fromines Handeln zur Schau. Die Verblichene zog vor 41/2 Jahren hierher, und hier konnte sie mit Hilfe ihrer Kinder ihren Wohltätigkeitssinn noch mehr entfalten. Eine schwere Krankheit, die sie mit großer Ergebenheit ertrug, machte ihrem segensreichen Leben ein frühes Ende. Im Alter von 58 Jahren verschied sie im Kreise ihrer Kinder. Ihr Andenken wird ein gesegnetes sein. Frankfurt a. M. In Frau Franziska Speyer geb. Gumbert, der Witwe des Philanthropen Georg Speyer, ist eine Frau von vornehmer Gesinnung dahingegangen. Für die sozialen Pflichten des Reichen hatte sie ein stets wahres Verständnis, und so war ihre Hand in großzügiger Weise für soziale Institutionen — besonders die Institute für Krebs- und Lupusforschung und die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften verdanken ihr große Summen — geöffnet. An ihrer Bahre sprachen Rabbiner Dr. Seligmann, Bürgermeister G r i m m (im Namen der Stadt), Geheimrat Dr. Ehrlich (für das Georg und Franziska Speyer - Haus), Professor Dr. Freud e n t h a l (als Rektor der Akademie für Sozial- und 'Handelswissenschaften), Dr. Steinthal (für den Vaterländischen Frauenverein) und Amtsgerichtsrat Dr. L e v i (für das Mädchenstift). Der Kaiser hat ein warmes Beileidstelegramm an die Familie der Verstorbenen gesandt. Darmstadt. Jni Alter von 77 Jahren verschied Geh. Justizrat Dr. Bernhard Langenbach, einer der erfolgreichsten Vorkämpfer des Liberalismus in Hessen. iL.) fßofen. Frau Joban nn Kempe. die sich bis zuletzt geistiger Frische erfreute, verschied im 93. Lebensjahre. Wien- Der bekannte Kunst- und Theaterkritiker Armin Friedmann, Redakteur der ,Miener Zeitung", erhielt das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens. Amsterdam. De Telegraaf vom 6. Rov. 09 veröffentlicht folgenden Brief zu Ehren des auch in Frankfurt a. M. rühmlichst bekannten Herrn S. M. Goudsmit: Hochgeehrter Herr Redakteur! Wir bitten Sie höfl. um freundl. Aufnahme nachstehender Zeilen und danken Ihnen hierfür im voraus bestens: In diesen Tagen werden 20 Jahre verflossen fein, daß unser geehrter Mitbürger, Herr S. M. Goudsmit, Präsident des Vereins „Algemeen Belang" (Allgemeine Fürsorge) und Vizepräsident der Amsterdamer Abteilung des - Allgemeinen Niederländischen Arbeiterbundes, den Plan zur Errichtung der Abendschulen dieses Verbandes verwirklichte, welche Schulen seitdem unter dem Namen „Vereinigung Handelsunterweis" so bekannt geworden sind. Es bedarf wohl heute kaum mehr eines Hinweises, welch segensreichen Einfluß diese Abendschulen hier hatten, wieviel junge Leute dort ihre Bildung erhielten, die ihr Fortkommen in der Schule des Lebens vorbereitete. Es ist auch kaum nötig zu sagen, was Herr I. M. Goudsmit sür diese Schulen getan, mit wieviel Fleiß er trotz vieler Hindernisse sein Ziel zu erreichen wußte, mit welcher Arbeitskraft er hierbei zu Werke ging, sodaß das Institut heute von ca. 1200 jungen Leuten besucht wird. Wer die Freude hatte, sein Wirken aus der Nähe zu sehen, wer beobachten konnte, welches Interesse Herr Goudsmit den Schülern nicht allein während der Zeit des Schulbesuches, sondern auch im späteren Leben entgegenbrachte, wie er sich für ihr Weiterkommen bemühte, wird begreifen, datz diese Schüler heute dieses Mannes nlft Dankbarkeit gedenken. In seiner bekannten Bescheidenheit hat Herr Goudsmft jede offizielle Dankesbezeugung abgelehnt und ist damit seiner Art, im Stillen Gutes zu wirken, treu geblieben. Nichtsdestoweniger kann eine Anzahl ehemaliger und noch jetziger Schüler seiner Schulen es nicht unterlassen, ihm hiermit öffentlich zu danken und dem Wunsche Ausdruck zu verleihen» daß es ihm noch lange vergönnt sein möge, das Blühen und Gedeihen der Vereinigung Handelsunterweis zu schauen." Hochachtungsvoll Eine Anzahl ehemaliger und jetziger Schüler. Paris. Professor Henri Weil, der Nestor der klassischen Philologie und der bedeutendste französische Gräcist, ist gestorben. Weil ist am 26. August 1818 in Frankfurt geboren. Er ging nach Frankreich, weil er in Deutschland als Jude keine Anstellung finden konnte, und wurde eine Zierde der französischen Gelehrtenwelt. London. 72 Jahre alt verschied Jonas Nathan, der Vater Sir Matthew N'athan's, des Gouverneurs von Natal, und Oberst Sir F. L. Nathan's. Auch die anderen Söhne nehmen angesehene Stellungen ein. — Dr. C. G. Selig mann .ist mit Frau nach dem englisch - egyptischen Sudan abgereist, um dort im Aufträge der Regierung ethnographische Forschungen anzustellen. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Wir erfahren, daß vergangenen Samstag Herr Kantor H. Plaut seinen 500. Barmizwoh-Schüler zur Thora führte. Wir wünschen dem verdienten Manne, daß er noch viele Schüler ausstellen möge und noch recht lange wie bisher in vorbildlicher Pflichterfüllung seines Amtes walte. Berlin, 3. November In der Aula der Jüd. Knabenschule, Große Hamburgerstraße 27, hatte sich Sonntag zum F e st a k t anläßlich des 50 j ä h r i g e n Bestehen der Jüd. Lehrerbildungs-Anstalt mehr als 200 Personen eingesunden. Die städtische Schuldeputation war durch Stadtverordneten Dr. Isaak, das Stadtverordnetenkollegium durch Kommerzienrat Bamberg vertreten. Sanitätsrat Dr. Stern hielt die Begrüßungsansprache. Provinzialschulrat Ullmann gab seiner Freude über die Leistungen der Schule Ausdruck, die den königl. Seminarien vollständig gleichwertig seien und teilte mit, daß der Kultusminister aus diesem Grunde der Anstalt für vorläufig 5 Jahre das Recht zur selbständigen Abhaltung der Abgangsprüfungen gewährt habe. Die Festrede hielt Direktor Dr. Holzm a n n. .Anläßlich der Feier wurde Rabb. Prof. Dr. Mahb aum der Rote Ad l er 0rden 4. Klasse und Direktor Dr. Holzmann der Kronenorden 3. Klasse verliehen. Jcheuhansen. Der ganze Ort. nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern auch die Angehörigen der beiden andere, 1 Konfessionen, sind in tiefe Trauer gehüllt. Herr Hauptlehrer Julius Thalman», der 32 Jahre hindurch in treuester Pflichterfüllung im Dienste der hiesigen isr. Volksschule gestunden, erlitt plötzlich Sonntag Morgen in der Synagoge einen Herzschlag, dem er kurz danach erlegen ist. In ihm hat die Judenheit einen solch vielseitigen Mann verloren, wie heutzutage leider nur noch wenige zu finden sind. Als Lehrer verstand er es in seltener Begabung, die Kinder an sich zu fesseln, so daß sie mit Wonne auf seine Worte lauschten und er sie nach seinem Grundsätze »^Tauroh im derech erez" erziehen konnte. Allen wohltätigen Vereinen stand er als erster Hilfsarbeiter vor. Die „Chewrah Kadischah", die die schönste und größte aller unserer Mizwaus ausübt, die Beschäftigung mit den Toten, zeichnete sich unter seiner Leitung ganz besonders aus. Auch die „Chewrah Bikkur Chaulim", deren uneigennützige Ausgabe im Versorgen und Wachen bei den Kranken besteht lag in keiner Hand besser als in der seinigen. Seit 8 Jahren übte er in großer Uneigennützigkeit die heilige Mizwoh eines Mohel aus. Und endlich.

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