Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 43 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43. Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. hundert also nicht Rechte, sondern sehr knappe Privilegien! Um die heimische Bevölkerung noch nachdrücklicher zu schützen (!), hat die Regierüiig moderne Ghettos geschaffen, indem es den Juden erlaubt ist, nur in gewissen Bezirken zu wohnen. Andere sollen judenrein bleiben. * Durch diese im Grunde staatsfeindliche und die Gerechtigkeit untergrabende Willkür sind innerhalb des russischen Staates Verschiebungen und anormale Zustäiwe geschaffen worden, an denen das gesamte Rußland laboriert. Und für lange Zeit sind keine gesunden Zustände vorauszusehen! Gewisse Ausnahmen für Kaufleute erster Gilde, die dem Staatssäckel schweres Schutzzoll» zahlet, für Gebildete, an denen Rußland keinen Ueberfluß zu haben scheint und Handwerker, deren ehrliche und gewissenhafte Leistungen vielen Gegenden Segen bringen — sind nur unbedeutende Breschen in der hohen Mauer, mit der Rustland seine Juden einschließt. Diese günstigen Ausnahmen finden bald ihr barbarisches Gegengewicht in der ungerechten, Haß uitb Bitterkeit verbreitenden administrativen Begrenzung, die auf die studierende jüdische Jugend Anwendung findet. Die Masse, der Enttäuschten, in ihren menschlichen Rechten und Gefühlen Gekränkten, zu verhaßten Kriechereien und kniebeugendcm Servilismus Gezwungenen, die zu einem unerbittlichen Kampf um das trockenste Stückchen Brot unter schweren Bringungen durch das Ansiedlungsgesetz Verurteilten und ihr Bewußtsein, daß sie sich gar nicht oder nur sehr wenig emporarbeiten können — es ist der Fluch der bösen Tat, die fortwährend nur Schlechtes kann gebären. Haß, Hang zu revolutionären Umtrieben, Armut, Krankheüen bei den Juden, Furcht, Aberglaube, Fanatismus, Unmoral, Antisemitismus, Verwiü>eruntz der Sitten in den Massen der unteren, Spaltungen m den mittleren und oberen Schichten des russischen Volkes sind die Früchte dieser schönen Saat. Hinterdrein kommt die Korruption der gesamten Beamtenschaft, die Bestechungen als oft einziger Ausweg für die unbegründet bedrückten Juden, das Fischen im Trüben! Und richtig sagt Tolstoi, der Beamte, der sich vom Juden bestechen läßt, haiwle im menschlichen und christlichen Sinne jedenfalls moralischer als der Gesetzgeber, der nur drakonische Gesetze schmiedet. Eine derartige Gesetzgebung schadet dem Staate in seiner internationalen Lage, in seinem Finanzwesen, korrumpiert den Bürger und verpestet das gesamte russische Beamtentum! Und so ist die Judenfrage, in Rußland auch zu einer rein tussischen pur. excelleiice' geworden! Reformen in Rußland sind ohne eingreifende Umgestaltung der Judengesetzgebung im modernsten Sinne nicht zu denken. - (Schluß folgt.) Brief aus Ungar«. Es ist nicht das letzte Symptom jenes traurigen GoluSübels, welches unter dem Namen: Jndifferentismus unsere besten Kräfte entfremdet, daß aus der seit Monaten geplanten Palästinafahrt nichts geworden ist. Für das orthodoxe Israel war die schreiende Reklamevignette, auf der die Namen von sechzig „modernen" Rabbinern glänzten, nicht koscher genug; der intimere Anhang der Herren von der Neologie hingegen ist für romantische Schwärmereien nicht zu haben. Hat er einen fteien Tag und gilt es eine Partie, dann heißt diese Klabrias und nicht Zion. Im übrigen kommt er seinen Bürgerpflichten nach, schreit aus vollen Backen: Eljen; konsumiert Schalet mit Paprika; — Liebchen, was willst du noch mehr? Diese Indifferenz wird aber auch von unseren intimen Feinden gründlich ausgenützt. Dafür ist der Fall Stephan Esekey ein schreiendes Beispiel. Dieser Mann lebt in Szolnok und mehrt mit heiligem Eifer die ihm chs reformierten Seelsorger anvertrauten Schäflein des Herrn. Da nun die natürliche Vervielfältigung für fein fanatisch wildes Temperament etwas zu langsam geht, greift er, rasch entschlossen, zum Tauf faß und spült aus einmal die fünf unmündigen Kinder des seligen Julius Vip in den Kreis der Alleinseligmachenden hinein. Nun giebt es in Szolnok viele Juden, ja sogar zwei jüdische Konfessionen. Sie hätten ein Recht, gegen den Seelenkaperer vorzugehen, sie tun es aber nicht. Daß das Kapital der englischen Missionäre unter solchen Umständen blutige Zinsen abwirst, ist.eine natürliche Folge. Dabei sind ihre hiesigen Einlagen nicht so dimensional, wie dies der Ausweis in ihrem jüngsten Blatt aus London sich berichten ließ. Man läßt hier den jüdischen Blutstrom einfach in den Sand versinken. Denn die 18 staatlichen Findel Häuser, in denen 2300 jüdische Kinder gewartet werden, führen alljährlich 57«o — das weist Herr Kalman Fried, der Vorstand der Komorner Chewra Kadischa mit statistischen Belegen nach, — der Kirche zu. Mit Ausnahme der Großwardeiner Kehila, die noch einen warmen Herzschlag für jüdisches Interesse hat und allein für die jüdische Erziehung von 160 Findlingen jüdischer Konfession sorgt, regt sich nirgends eine Hand für diese verlornen Seelen. . . In Politice hat der vom Kronprinzen favorisierte Antisemitismus einen großen Schritt nach vorwärts gemacht. 80 000 organisierte Christlichs oziale, die bis zmn 3. d. M. ihr Rohmaterial unter falscher Flagge schmuggelten, haben sich stark genug gefühlt, die s e l b st ä n d i g e K o n st i t u t i o n auszusprechen. Der Kämmerer Graf Szapary' ist ihr sichtbares Haupt, ihr spiritus rektor: der von Karl Lueger inspirierte Franz Ferdinand. Seine Begrüßungsdepeschc an die konstituierende Versammlung verursachte in de» weiteste» Kreisen konsternierende Sensation! Als Charakteristikum für den Geist, in dem bei den ungarischen Katholiken das Gebot d e r N ä ch st c u l i e b e gepflegt wird, will ich aus der Zuschrift der Gemeinde Domanfalva an den Pester Magistrat zitieren: „Was die Zwaugsabschicbung Zimmermanns" — ein armer jüdischer Kellner, Vater von 11 Kindern, die alle hungern — „zu uns ttad) [einem Geburtsorte aubelaugt, bemerken wir, daß keine Lokalitäten seien, wo Genannter wohnen könnte;', selbst das Schnorren wäre ihm bei uns unmöglichda hier ausschließlich R ö nt. -Katholis ch e w ohncn, d i e d e m Juden nichts zu essen geben. Er müßte demnach vcrHungern." Solche Zimmermänuer verkommen hier zu tausenden. Ihre Kinder werden von den Fangarnien der Mission adoptiert. Nicht jeder hat den wahnsinnigen Mut, wie Markus Löw am 5. d. M. erst seiner Frau, dann seinen vier Kindern, — das jüngste ist sechs Wochen alt! — den Schädel zu zerschmettern, sich dann vom 3. Stock aufs Pflaster zu schmeißen, um vor Hunger und Christenliebe bewahrt zu bleiben. . . . B i s ch o f b e i den B a p t i st c n kann schließlich nur ein Jude werden. Für jetzt heißt er Z o l t a n Klein. Er war bis vor 8 Jahren Tapetenkleber, nahm die Taufe, machte Karriere — und heute tauft er als Bischof für 6000 Kronen im Jahre alle Baptisten in Ungarn. Zioni. Ans den Geschehnissen des Tages. Der Zar hat bei seinen letzten Reisen durch Rußland mehrere Male Huldigungs-Deputationen jüdischer Gemeinden sehr freundlich empfangen. Wir glauben, daß es diesem wütenden Judenhasser schwer gefallen sein wirb, seinen wahren Gefühle» entgegen zu handeln, — aber was tut auch ein Zar nicht dem Geschäfte 'zu Liebe! Seine Regierung befindet sich in Geldnot, — so macht denn der Zar ein freundliches Gesicht, damit die jüdischen Finanziers West-Eur o p a s ihr Gewissen beschwichtigen können, wenn sie das Geld vorstrecken. In Wirklichkeit bleibt natürlich alles beim alten. Einige Nachrichten der letzten Tage geben eine recht drastische Illustration hierzu. So sind in G r o d n o eine größere Anzahl jiid. Lehrer vor Gericht gestellt worden, weil sie ihre Schüler nicht blos in biblischen und hebräischen Fächern unterrichteten, sonder» auch — in der russischen Sprache. In Irkutsk hat man zwei Lehrer aus demselben Grunde ausgewiesen. Auch die Verhandlungen der Vereinigten Staaten von Amerika betreffs der Anerkennung der Pässe ihrer jüdischen Bürger, die Rußland bereisen wollen, haben bis jetzt noch zu keinem Ergebnis geführt, denn der Judenhaß ist so sehr der innerste Lebensnerv der russischen Regierung geworden, daß für ein russisches Regierungsgehirn selbst die harmloseste Gewährung Juden gegenüber in das Bereich des Undenkbaren gehört. In anderen Ländern entschließt man sich schneller als in Rußland dazu, seine Politik den Juden gegenüber zu ändern, wenn die Umstände es verlangen. So in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die judenfeindliche Tendenz der seit dem Rücktritt Roosevelts geübten Praxis den Einwanderern gegenüber ist bekannt. Bekannt ist auch, daß alle Proteste nichts fruchteten; Regierung und Parlament stellten sich taub. Da — kurz vor den Newyorker Stadtratswahlen, bei denen auch die erbitterten Juden ein Wort mitzureden haben — wird die Regierung plötzlich hellhörig und ernennt in Marens Brown, einem ungarischen Juden, einen Gehilfen für den Einwanderungskommissar und bewilligt dem jüdischen Komitee, daß ein von diesem bestimmter Vertreter allen über die Rücksendung jüdischer Einwanderer zu entscheiben habenden Verhandlungen beiwohnt und so über die Wahrung der gesetzlichen Bestimmungen Obacht geben kann. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. In dem von dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Berlin eröffneten Wettbewerb um eine für das Jahrbuch des Verbandes geeignete Novelle hat Herr Lehrer Isidor Barch ar dt in Berlin mit seiner Novelle „Der Am haarcz" den Preis erhalten. München. An 3 Tagen der abgelaufenen Woche fand in den Näunien der „München-Loge" eine AusstellungvonArbeitendes„Bezalel" — der jüdischen Kunstgewerbeschule in Jerusalem — statt. Der Besuch und der Verkauf waren ein recht reger; es dürften über 3000 Mk. den Zwecken der Anstalt zugeführt worden sein. Um die gelungene Durchführung haben sich besonders - Herr Felix Feuchtwangcr und Frau Dr..RahelStrans bemüht. Breslau. Das hiesige „Jüd. Volksblatt' berichtct über einen Erfolg des Breslauer Jüdentags. Regicrungsrat Herr, dessen antisemitische Broschüre auf dem Judentag Erwähnung fand, ist nämlich von Posen nach dem Rheine versetzt worden. Des ferneren äußerte der Oberpräsident der Provinz Posen einem jüdischen Herrn gegenüber, daß, solange er die Staatsregierung vertrete, die in der Herr'schen Broschüre vertretenen Anschauungen, die er durchaus mißbillige, keinen Boden finden können; er wünsche, daß diese seine Stellungnahme in den weitesten Kreisen bekannt werde. Oesterreich-Ungar«. Wien. Das Matrikelamt der ifrael. Kultusgemeinde veröffentlicht eine Tabelle der Austritte aus dem Judentum im Jahre 1307. Es traten insgesamt in diesem Jahre innerhalb der Wiener Israel. Kultusgemeinde 603 Juden auS dem Judentums aus, von denen etwa 20o/o konfessionslos wurden, während die übrigen zum Christentum übertraten. 313 waren Männer, 290 Frauen und Mädchen. Budapest. Bei der Feier zulEhren Ferrers veranstalteten Demonstration veranstalteten die organisierten Klerikalen eine Judenhatz. Der große Saal des Magistrats, in dem das Andenken des Märtyrers gefeiert wurde, ward von Aufrufen überflutet, die dem „hergelaufenen Judenpack" mit Messer und Schwert drohten; die Denkzettel in blutroter Farbe schlossen: Es war einmal ein Pogrom! Amerika. Montreal. Hier ereignete sich ein Vorfall, der wieder einmal zeigt, wie sehr sich der Antisemitismus in Kanada ausgebreitet hat. Im jüdischen Viertel kehrte ein Jude in einem Gasthause ein und wurde dort ohne jede Ursache von zwei französischen Rowdies plötzlich überfallen und niedergeschlagen. Als ihm einige Juden beisteheu wollten, kamen wie aus Verabredung mehrere Franzosen herbeigeeilt, und es entstand ein förmlicher Stratzenkampf, an dem sich gegen 4000 Menschen beteiligt haben sollen. Die Polizei schritt während der Exzesse nicht ein und trat erst nach deren Beendigung in Aktion. Ihre Tätigkeit bestand dann darin, daß sie die französischen Exzedenten nach Hause geleitete, dagegen aber mehrere schwerverletzte Juden in Haft nahm. „N. I. K." Palästina. Jerusalem. Ueber die Tätigkeit des Lemaan Zion im 3. Quartal 1909 ist zu berichten: In der Poliklinik wurden 3844 diverse Kranke,' 12 320 Augenkranke, und in der Spezialaugenklinik 10 090 Patienten behandelt; in letzterer wurden außerdem 34 größere und 32 kleinere Operationen vorgenommen. Die Apotheke verfertigte 4339 Rezepte, und 354 Personen wurden mit Kranken - Utensilien versehen. 2 Personen wurde es durch Darreichung entsprechender Mittel ermöglicht, sich wieder Arbeit zu verschossen, und sür 5 Lehrlinge wurde das Lehrgeld bewilligt. Schließlich sei noch erwähnt, daß außerdem 24 russische Emigranten durch Unterstützung zur Arbeit befähigt wurden.