Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 43 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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smIilWs fmilimtilatt. HedaLtisn «nd chsfchäftsftett-: Srankfurl s. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße -r-refo» 10507. ^eransgeber: Sa lg Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (ein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen:! Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, - sonstige Länder Mk. 2.— I -- . 7 Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile . -. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. i _ 7. Jahrgang. Freitag, den 28. Cheschwan 5670 (12. November 1909). Nr. 43. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Judenfrage und das Buch des Grafen Tolstoi ,,Der Antisemitismus in Rußland." — Brief aus Ungarn — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. —Wochen-Kalender. — Familien-Nach richten.— Barmi zw ohs. Die Judenfrage und das Buch des Grasen Tolstoi „Der Antisemitismus in Rutzland." Von Prof. M. M a r g u l i e s. Motto: „Ein Stern verschwand — aber sein Licht ist unterwegs. Wann wird es anshören unterwegs zu sein?" — F. Nietzsche. Die Judenfrage ist, wie sie jetzt aussieht, trotz aller dilettantisch-politischen Standpunkte und Betrachtungen — eine ewige! Nach allen Erfahrungen und Experimenten, nach dem jahrtausendelangen Herumpfuschen, nach all' den Anormalitäten, an den die Judenschast seit Atersher leidet und die zu einer einzig dastehenden Quelle seltsamer, scheinlich widerspruchsvoller Entwickelung geworden sind, ist sie obendrein eine große und komplizierte! Nach all' den psychisch-kulturellen Eigentümlichkeiten, die dem das Judentum bis auf den Grund kennen lernen wollenden Europäer fast unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legen, ja — ihm das Verständnis der jüdischen Eigenart als Ausgangspunkt zur Lösung einer immer noch offenen Frage unmöglich machen, nach all' dem muß es uns Wunder nehmen, daß Ahasver, der ewige Wanderer mit seinem bleichen Gesicht und vor Schmerz gebeugtem Rücken, noch nicht das fließende, geläufige Synonim und zugleich Symbol der Judenfragc überhaupt geworden ist. Mag man doch die Juden nur als religiöse Gemeinschaft oder Volksart, als zerstreutes Volk oder auch sogar auf Ausnahmegesetzen nach innen fortlebende Nation betrachten; mögen sie behandelt werden nach den Methoden eines Weltbürgertraumes oder einer liberalen und freien Weltanschauung innerhalb bestehender Staatsgrenzen, nach den Gesetzen eines oie Juden separierenden Chauvinismus und Aniisemitismus der Wirtsvölker oder „ellektisch durchwurstelnden" Augenblickspolitiker, nach territoriallosen Konzeptionen jüdisch-nationaler Stolzierer, oder allein selig machender Taufe römisch-katholischer oder rationell-protestantischer Kirchenapostel — grau blieben sie alle in Theorie und Praxis und führten, wie die Allmutter Geschichte es beweist, zu gar keinen oder nichts bedeutenden Resultaten. Tie Judenfrage blieb auf demselben Flecke als offene, jedenfalls nicht so leicht zu behandelnde soziale Frage, der man mit sonst irgend anderswo genügenden Mitteln nicht an den Leib rücken kann! Die für sonstige Lebensbeziehungen ausreichenden Werte erwiesen sich als machtlose Halbmittel, die nur über den Tag hinweghelfen, die durch Praxis gewonnene Schablone versagte hier vollends. Und das Alles war und ist der Fluch der Verallgemeinerung, des Nicht-Jndividualisiere n-W olle ns, der Uebcrzeugung, daß dasGesetz des sozialen Lebens, wie das der moralischen Grundsätze nur einem kategorischen Imperativ untertan sind! Es wird auch so lange beim alten bleiben, als man sich nicht einer gewissen Umwertung vorhandener sozialer Werte unterzieht, wenn man die ehrliche und ernste dtbsicht hat, nicht Dialektik zu treiben und akademische, in den Sand zu verlaufende Diskussionen zu wecken, sondern das jüdische Problem — bezw. das jüdische Problem des europäischen Ostens — zu fassen, zu erfassen und cs einer kulturwürdigen Lösung entgegenzuführcn. * Dem alten Fehler ist teilweise auch Graf Jivan Jwanowitsch Tolstoi mit seinem interessanten und lehrreichen Buche „Ter Antisemitismus in Rußland"*) verfallen. Weit entfernt von der Auffassung, daß es ein schlechtes oder mittelmäßiges Buch wäre, muß ich doch wieder hier konstatieren, daß Tolstoi, der Gelehrte und sinnreiche Politiker, der edel denkende Mensch und kulturelle Europäer im vornehmsten Stile, Mittel und Wege einschlägt, die von Freiheits¬ und Gleichheitsideen durchdrungen, für Rußland und die bürgerliche Stellung der Juden in diesem gedrückten asiatischen Staate Europas wohl heilbringend werden könnten, die Judenfragc jedoch befriedigend zu lösen — nicht hinreichen. Gras Tolstoi ist ein Mann warmherziger Gesinnung, ein Idealist, und hat als gewesener Minister für Volksaufllärung rmtcr Witte und auch sonst als Bürger, Politiker und Patriot im besten Sinne des Wortes seine Erfahrungen, seine Enttäuschungen und große, direkte wie auch indirekte, sür die Zukunft angelegte Verdienste. Jedem gesitteten Menschen, ohne Rücksicht auf Nation und Religion, muß es Freude bereiten, solch ein Buch in die Hände zu bekommen. Und auch die Juden in Rußland, die Bürger mit spezieller Qualifikation, die elenden, armen, in Ansiedlungsrayons eingepferchten Massen, die an solch gefiihrte Spräche in ihrem Stiefvaterland nicht gewöhnt sind, wird Graf Tolstoi zum Fortglauben an bessere Tage aufmuntern, in schweren Stunden nicht verzagen lassen. Mit einem in Rußland und auch sonstwo seltenen Mut tritt er offen, gerecht und verständig der Ausnahmestellung der Juden im Gesetz, im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben entgegen, analysiert alle Symptome judenfeindlicher Lebensäußerungen auf ihr Entstehen, ihre Zweckmäßigkeit, Absichten und Folgen und kommt am Ende zur Ueberzeugung, daß nur volle und echte Gleichberechtigung der Juden in Rußland und auch anderen Ländern, wo die Juden in größeren Massen Zusammenleben, nur Gleichstellung der Juden als Menschen und Bürger mit *) In deutscher Uebersetzung ist das Buch bei I. Kaufmann in Frankfurt a. M. unlängst erschienen. anderen Bürgern des Staates den Antisemitismus ür immerdar bankerott machen und die Judenfrage endgültig lösen könne. Alles, was er uns sagt, ist klar und vertändlich! Klar, verständlich und eingehend schildert er das Verhältnis des russischen Volkes, seiner Regierung, Gesetzgebung und öffentlichen Meinung zu den T1/» Millionen Juden im Zarenreiche. Er glaubt an das Vorhandensein, gewisser spezieller Rassenunterschiede, er gehört mich nicht zu der Sorte der „Uniformierer", die alle historisch entstandenen nationalen Individualitäten im weitesten Sinne des Wortes aus der Welt schaffen wollen, um auf solchem Wege nur allgemein menschliche Schablone heraufzubeschwören. Er weiß es, daß Langeweile, Mnahme der Kultur. Erschlaffen menschlichen Geistes usw. ein getreues und nicht wegzudeutendes Gefolge solch nivellierender Gelüste bilden. Aber gewisse soziale Eigenschaften, speziell schlechte und verwerfliche, einem ganzen Volke, einer Rasse oder Religionsgemeinschaft zuschreiben; Verallgemeinerungen guter und schlechter Eigentümlichkeiten ohne die selbstverständliche Einsicht, daß es in jeder menschlichen Gemeinschaft Abstufungen gibt und geben muß, von dem höchst gesitteten Menschen bis zum niedrigsten Verbrecher; das Zurückflihren sozialer Anormalitäten in einem Volkskörper einzig und allein auf seine angeborene Jnllination zum Schlechten, auf seine destruktive, von der Natur aus ihm verliehene Psychik und nicht auf die geschichtliche Entwicklung und die Verschiebungen im Verhältnisse zu anderen Völkern — das Alles nennt er im höchsten Maße unwahr, ungerecht, den Tatsachen nicht entsprechend! Darin sieht er die Quelle großer nationaler Unglücke, moralischer Verderbtheit und politischer Versumpfung! Und trotzdem ist es heute iwch der Standpunkr der russischen Regierung! Und nicht nur der russischen, denn in noch so manchen, höchst konstitutionellen Staaten die unwiderrufliche Ansicht der regierenden Kreise, die sich jede noch so winzige faktische Gleichberechtigung der Juden nur schwer abringen lassen! Ter russische Gesetzgeber betrachtet das ganze jüdische Volk als gemeingefährlich, seine Religion als unmoralisch, abergläubisch und verächtlich, seine Moral als verwerflich, seine Art im Erwerbsleben als wucherisch, ausbeutend und rücksichtslos ausnützend, sein festes Zusammengehörigkeitsgesichl als eine bösartige Eigenschaft verbrecherischer Individuen! Ter russische Gesetzgeber sieht schon in der bloßen Angehörigkeit zum jüdischen Volke ein eigenartiges Verbrechen, das ihm gegen jede Logik und gegen die Jahrtausende bestehenden Rechtsgepflogenheiten die Juden unter besondere Maßregeln zu stellen verursacht. Im allgemeinen gilt der juridische Grundsatz, daß alles erlaubt sei, was nicht ausdrücklich verboten wurde. Tie Juden stehen aber nicht unter dem Schutze des Gesetzes und infolgedessen ist ihnen nur das erlaubt, was das Gesetz ausdrücklich für sie bestimmt. Im 20. Jahr-