Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 42 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ne. 42. Frankfurker Jsraelikifches FamilieMatL ^eile 3 Daß die Bindung der jüdischen Interessen an ortsstatutarische Regelung den Wert der ganzen Bestimmung nahezu illusorisch machen würde, ist unsererseits den maßgebenden Instanzen eindringlich dargelegt worden. Es ist daher ein dankenswertes Zugeständnis, daß nach den Grundzügen der Weg der ortSstatntarischen Regelung nicht der einzige bleibt, sondern durch Verfügung der oberen Verwaltungsbehörde erseht werden kann. Immerhin wird für die Praxis auch dieser Modus erhebliche Schwierigkeiten bereiten, sodaß cs dringend wünschenswert erscheint, die gesetzgebenden Körperschaften zur obligatorischen Festlegung der uns günstigen Bcstiminnngen im Gesetze s e l b st zu veranlassen. Mit der Hoffnung, daß dieses Ziel während der weiteren Stadien der gesetzgeberischen Verhandlungen erreicht wird, verbindet sich aufrichtige Dankbarkeit für das Verständnis, das die höchsten Instanzen der Reichsrcgierung, sowie die Regierungen der größeren Bundesstaaten, namentlich das bayrische Staatsministerium, unseren heiligsten religiösen Interessen in dieser Angelegenheit bisher entgegengebracht haben. Diese Empfindung wird in den weitesten Kreisen unserer Gesinnungsgenossen jedenfals geteilt werden." Berlin. Mit Rücksicht auf die großen Ziele, die der angckündigte K o n g r e ß für hebräische Sprache und Kultur zu erreichen strebt, hat das vorbereitende Komitee in einer besonderen Beratung, an der u. a. auch A ch a d - H a a m tcilnahm, ans Grund eigener Erfahrungen und verschiedener Zuschriften den einstimmigen Beschluß gefaßt, für die Tagung des Kongresses statt des Dezembers den S o m m e r 1910 zu wählen und vorläufig für den lg.—21. Dezember d. IS. (in den Sophiensälen, Berlin, Sophienstr. 17/8) eine große Konferenz ein- ,zuberufen, die nicht nur die Durchführung des Kongresses, sondern auch bereits alle Organisatiousarbeiten in die Hand nehmen soll. Steinhorst (Provinz Hannover). 28. Okt. Heute fand hier eine A u f s i ch t s r a t s - S i tz u n g -der Land- und Lchrguts-Gcsellschaft statt, zu der neben den Vertretern der „Simonschen Stiftung" - Hannover die .Herren Professur Marburg- Berlin und Eduard E o h e »-Frankfurt a. M. erschienen waren. Zunächst wurde das W v h n h a u s besichtigt, . in dessen 28 Räumen sich die Berwaltcrwohnung, Lehrer- und Unterrichtszimmer, Eß- und Aufenthaltsrüuinc für die Zöglinge und die Schlafräume für Zöglinge und jüdische Knechte — es werden zur Zeit nur noch zwei christliche Knechte beschäftigt — befinden. Besonders gefiel der gemeinsame Eßraum, der nach Entwürfen von Prof. Riemerschmidt hergestcllt ist. Direkt daneben befindet sich die rituelle Anstaltsküche, die ebenso wie der übrige Gntshanshalt von Fräulein Katz ans Witzenhausen geführt wird. Die Zöglinge schlafen in Gruppen, nach Ahlemer Muster. Das Hans ist mit einer neuen Wasscranlage versehen, die bis in jedes einzelne Waschbecken frisches Wasser spendet. Die Badeanlage ist ebenfalls nach Ahlemer Muster eingerichtet. An das Wohnhaus schließt sich an ein 31/» M orge n großer Garten und Park, dessen Grenze ein klarer Hcidefluß bildet. Im Garten wurden'in diesem Sommer Wirtschafts- und Taselgemiise und Obst erheblich über den eigenen Bedarf hinaus geerntet. Hier und in einem zweiten Gutsgarten sind über 400 Obstbäume Ahlemer Züchtung neu gepflanzt. Die Herren vom Aufsichtsrat besichtigten hierauf den 72 Meter tiefen Brunnen, der zu allen Jahreszeiten vortreffliches Trinkwasser liefert. Nach einem Gang durch die vollbesetzten Ställe wurden die teils renovierten, teils neu errichteten Scheunen und Maschincnschnppen durchwandert, die von reichem Erntesegen strotzen. Die Besichtigung eines neu erbauten Arbeiter-Wohnhauses, für zwei Familien und dreißig Sommerarbeiter berechnet, schloß den Rnndgang über das Gehöft. Die Felder befinden sich in bedeutend besserem Zustande als bei Erwerb des Guts. In diesem Jahr wurden gebaut: Roggen, Hafer, Klee, Wicken, Feldbohnen, Gerste, Kartoffeln, Runkeln, Steckrüben, Zuckerrüben und feldmäßig Gemüse. Die Kulturfläche beträgt zur Zeit etwa 340 Morgen. Sie wird ständig durch Urbarmachung von Moor und Heide und auch auf andere Weise erweitert. Auf der der Gesellschaft gehörenden etwa 600 Morgen großen Moor- und Heidefläche wurden in diesem Sommer versuchsweise Wiesenkulturen ausgcführt. Mit großer Freude wurde von dem unerwartet üppigen Kleewnchs auf früher wildem. Boden Kenntnis genommen. Wie die Moorversuchs- Station zu Bremen festgestellt hat, ist die ganze Ocdlandfläche in höchstem Maße kulturwürdig, und so werden wir es denn in absehbarer Zeit erleben, daß eine weite Landfläche, die seit unvordenklichen Zeiten brach gelegen hat, nun durch jüdische Hände in blühendes Kulturland umgewandelt wird. Bon über 50 Zöglingsanmeldungen sind für diesen Winter nur 6 berücksichtigt worden, 5 Deutsche und 1 Rumäne. Mit der Einstellung von Zöglingen in größerem Umfang wird erst Anfang 1910 begonnen werden. Ilm meisten Aussicht auf Aufnahme haben Zöglinge im Alter von 14—16 Jahren. Der Lehrvertrag tvird im allgemeinen auf 3 Jahre abgeschlossen. Aus der Jahresbilanz, die der Geschäftsführer dem Anfsichtsrat vorlegte, sind folgende Ziffern bemerkenswert: Bon privater Seite wurden dem Unternehmen 26 500 JL zugeführt, der „Verein zur Förderung der Bodenkultur" und die „Bodenkulturgcsellschaft" sind bis jetzt mit ungefähr 41000 JL beteiligt, der „Hilssvcrcin der deutschen Juden" mit 5000 JL, mit dem ganzen Rest die Alexander und Fanny Simonsche Stiftung. Während der'Etat im ganzen balanziert, gibt die Viehhaltung bereits außerordentliche Erträge. Von 9—25 000 JL, die je nach der Jahreszeit in Nutzvieh investiert waren, wurde von Anfang März bis zum 1. Oktober ds. Js. nach den Berechnungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, von deren Buchstelle die Abschlüsse unserer Gesellschaft vollzogen werden, durch Aufzucht und Mästung ein Reingewinn von annähernd 3000 Mark erzielt, gewiß ein beachtenswertes Resultat, das auch in wirtschaftlicher Hinsicht zu guten Zukunftshoffnungen berechtigt. Um Jrrtümern vorzubcugen, sei bemerkt, daß die Zöglinge S a b b a t h r n h e halten nnd daß die hohen Festtage in würdiger Weise gefeiert wurden. Großbritannien. (8. M.) London. Endlich haben sich die Gesetzestrcueu zu einem Protest gegen die R e f o r m c r aufgerafft. Am letzten Samstag sprach der Chief- Rabbi Dr. Adle r in der „New Westend Synagoge" in Gegenwart der orthodoxen Elite gegen den Hirtenbrief des Reformpapstes Claude Montef i o r e. Der Ehief - Rabbi erklärte, daß die jüdische Konzeption der Reformer dem traditionellen Judentum widerspricht und legte sein Veto gegen die „neue Religion" ein. Die Rede des Ehief-Rabbi zeichnete sich durch kluge Berechenthcit und diplomatische Geschicklichkeit aus. Ob sich aber ein so gelehrter Herr wie E l a u d e Montefiore durch Sentenzen aus Platon und den Psalmen überzeugen läßt, ist sehr zlveifelhaft. Mit Sentenzen ist in einem solchen Kampfe nichts getan. Hier heißt cs: Kämpfen mit der ganzen Kraft des Geistes und der sittlichen Ueberzeugnng, Kämpfen, wie einst H i r s ch gekämpft. Der Rücktritt M o n t e f i o r es vom orthodoxen „Board of Education" ist auf die Kunde von Dr. Adlers Protestpredigt zurückzuführen. Dieser nunniehr erfolgte Rücktritt kommt etwas zu spät, denn er hätte vor einigen Jahren die Spaltung innerhalb des gesctzestreuen Judentums verhindern können. Bekanntlich forderte Lord S w a i t h l i n g Herrn Montefiore auf, vom traditionellen „Board of Education" (Erziehungsamt) zurückzutreten, da — wie er mit Recht hervorhob — ein Jude, der öffentlich „Torah-min Haschomajim" verneint, jüdische Kinder nicht „Torah min Haschomajim" lehren kann. Herr Montefiore trat nicht zurück, und Lord L>waithling strengte bei Dr. Adler eine „Schaloh" an. Herr Dr. Adler — friedliebend wie er ist — antwortete, daß die zehn Gebote heute Gemeingut der Menschheit sind. Der Beantwortung der eigentlichen Frage, ob ein ungläubiger Jude, der öffentlich den Glauben bekämpft, an der Spitze eines jüdischen Erziehnngsinstituts, das das traditionelle Judentum lehrt, stehen darf, ging er aus dem Wege. Daraufhin gründete der Lord seine „Federation", eine Art Religionsgesellschaft, — und machte sich selbständig. Die Tatsache, daß Herr Claude Montefiore endlich seine Demission eingereicht, beiveist, daß die Reform ein gründliches Separationswerk vornehmen will. Es ist allerdings hervorzuheben, daß der Rückzug auch ans einen gelvisse» Druck der öffentlichen Meinung erfolgt ist. Herr Claude Montefiore kündigt in der jüdischen Presse einen Vortragszyklus über das C h r i st e n t u m an, das er zu popularisieren gedenkt. So weil hat es die Reform gebracht . . . Nach deni letzten Bericht der christlich-englischen I u d c n m i s s i o n hat diese im letzten Jahre zwanzigtausend-Pfund Sterling (400 000 JL) verausgabt und einen jüdischen Konvertiten eingenommen. Schöne Geschäfte.... In Kilburn, im Nord-Westen Londons, ist eine neue „T almud - Tor a" im Entstehen begriffen. Die große, in Whitechapel bestehende hebräische Schule, deren Unterrichtssprache hebräisch ist, zählt 600 Schüler und unterhält 16 hebräische Sprach- und Religionslehrer. Die Schule wird im traditionellen Geiste geleitet, und ihre Leitung liegt in den Händen des dortigen Zionistenführers Herrn Lehrer G o l d b l u m. Auf dieses Institut können die Whitechapeler Zionisten stolz sein. Rußland. Petersburg. Die Reform ist, wie bekannt, eine deutsche Erfindung und von dort wurde sie nach andern Ländern verschleppt. Wir russische Inden aber blieben von der Reform verschont. Nun aber schickt sich ein hiesiger Jude P e r e f i r k o w i t s ch an, auch uns mit der Reform zu beglücken, und zwar will er ganze Arbeit machen; er gedenkt, ganz nach christlichem Muster, den Samstag auf Sonntag zu erlegen und die jüdischen Gebete und Bräuche ganz^ab »schaffen. Rur die Predigt — in der russischen Lpra V natürlich — will er gelten lassen; er ist der Aus..)'', daß allein die Predigt genügt, um die Leute zu recht guten Juden zu machen. Herr Perefirkowitsch, der neue Messias, hat Aufrufe hiuausgeschickt, — und der große Erfolg stellte sich bald ein: es meldeten sich laut der neuerlichen Erklärung Perefirkowitsch ganze ... 50 Herrn. Selbstredend war die ganze j ü d i s ch c Presse darin einig, daß der russische Boden für diese Frucht ungeeignet ist — und einst mmig verlacht und verdammt man Perefirkowitsch Mohilew. Auf Grund einer böswikr>t,'N Denunziation, die sie der Zugehörigkeit zu einer Organisation zur Befreiung jüd. Jünglinge vom Militärdienste beschuldigt, wurden in Lithauen 16 Rabbiner verhaftet und sämtlich nach Jekaterinoslaw transportiert. Rach der stlntersuchung wurden bisher nur die Rabbiner Rattner-Dwinsk und Polak-Reschitza freigelassen. Diese Verhaftungen haben in der gesamten russischen Judenheit tiefgehende Erregung hervorgerufen, umsomehr als man von der absoluten Unschuld der Rabbiner fest überzeugt ist. Tatsache ist, daß viele Rabbiner in letzter Zeit dlnfragen und Offerten betreffs Militürbefreiung erhalten haben, die aber sämtlich unbeachtet und unbeantwortet blieben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß jene Briefe von Berbändlern zum Zwecke der Anschuldigung fingiert wurden, wofür auch die festgestellte Tatsache spricht, daß sowohl die Namen der Briesschreiber, wie die in den Briefen erwähnten in Wirklichkeit gar nicht e x i st i e r e n. Diese Briefe oder deren Reste, die man in den Papierkörben der Rabbiner fand, dienen nun als die einzigen Indizienbeweise zur Aufrechterhaltung ihrer Untersuchungshaft. Unter den Verhafteten befinden sich solche, die zu den angesehensten Rabbinern in ganz Rußland gehören. Dem Ausgang dieser unerhörten und empörenden dlffäre sieht man mit großer Besorgnis entgegen. Aus Brest-Litowsk schreibtuns HerrD. Sch.über den Aufenthalt des Kaisers gelegentlich seiner vorwöchcntliche» Durchfahrt folgendes: Slls die Nachricht eintraf, daß der Kaiser in Brest-Litowsk einen Aufenthalt von 15 Minuten zu machen bewilligt habe, da war man in jüdischen Kreisen betrübt, daß sich iveder in Brest noch in Warschau ein Künstler fand, der in 3—4 Tagen eine kunstreiche „Thorarolle" für den Kaiser machen konnte. Ein Künstler versprach, einen kunstreichen Präsentierteller zu verfertigen. Und so geschah es. Donnerstag früh um 6 Uhr >oar der versprochene Präsentierteller in Brest. Die ganze Bevölkerung war schon fix und fertig, alle arine Juden waren schon in ihre „S abb at kleid e tu" gekleidet. Sie liefen zum Bahnhof, obwohl sie nur bis zu dessen Nähe zugelassen wurden. Eine jüdische Deputation, die aus Rabbiner Nadel, H. T e m k i n und H. Schatz bestand, ging zum Bahnhof. Um 10 Uhr vornrittag kam der Kaiserliche Zug an. Als der Kaiser vom Zug herausstieg, begrüßten ihn der Generalgouverneur aus Warschau H. S k a l'o n und der Gouverneur aus Grodno. Bon diesen begleitet, ging Se. Majestät den Deputationen entgegen. Unter allen übrigen Deputationen empfing der Kaiser freundlich auch die jüd. Deputation. Der Rabbiner mit „Brot und Salz" in der Hand, begrüßte den Kaiser in einer kurzen Rede,' darauf fragte dieser nach der Zahl der jüdischen Einwohner, nahm den Präsentierteller mit dem „B r o d und Salz" und übergab ihn seinem Tscherkessen, der ihn begleitete, und wiederholte 2 Mal seinen Wunsch, der jüd. Gemeinde in seinem Namen zu danken. Samstag wurde in allen Synagogen (deren Zahl 40 ist) dem Publikum der Kaiserliche Dank mitgeteilt. Palästina. Jaffa. Es sind kaum sechs Monate verflossen, seitdem die Tachkemonischirle von dem Frankfurter Komitee übernommen wurde, und schon hat es sich gezeigt, wie groß das Bedürfnis für diese Gründung war. Bei Eröffnung des Wintersemesters war der Andrang ein gradezu unerwarteter. Die Tachkemonischule zählt jetzt 150 Schüler, eine Zahl, die keine' der hiesigen Knabenschulen aufzuweisen hat. Diese verhältnismäßig stattliche Anzahl ist teils auf den natürlichen Zuwachs der hiesigen Bevölkerung, zum großen Teile aber auf die Sympathien, die die neue Leitung während dieser kurzen Zeit sich zu erwerben wußte, zurückzuführen.