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Neue jüdische Presse · 1909-11-05 · Heft 42 (5.11.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 42 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 führen, ihm eine doppelte Anschauung beibringen, es Non Kind auf fühlen lassen, daß es einen .Unterschied zwischen Jude und Mensch gibt? Das Jeschiwaus-Wesen, das in den Revolutionstagen ebenso wie das übrige geistige Leben sehr gefährdet wurde, hat in der letzten Zeit einen Aufschwung genommen. Man müßte aber rin zu großer Optimist sein, um zu'glauben, daß diejer Zustand lange andauern kann. Wir wollen nicht davon sprechen, wie unbedeutend klein die Zahl derjenigen jungen Leute ist, die sich dem Talmudstudium widmen, im Vergleich zu den sog. „Externen", die sich privatim für das Matura- oder sonstiges Gymnasialexamen vorbereiten. Aber selbst das Häuflein, das noch der Jeschiwa den Vorrang vor den Gymnasien gibt, muß notwendigerweise, bei den gegebenen Verhältnissen der Jeschiwa, die keinesfalls den Anforderungen der Zeit entsprechen, nach und nach zu einem Nichts zusammenschmelzen. Denn in den russischen! Jeschiwaus herrscht noch fort der obskure, einseitige, wissensfeindliche Geist der weit hinter uns liegenden Haskalakampf-Jahre; Wan denkt gar nicht daran, den Forderungen des Lübens gewisse Konzessionen zu machen, die Aneignung von einigem profanen Wissen auf privatem, natürlich illegalem Wege wird hart bestraft; die Talmudjünger bekommen nicht einmal das jüdische Wissen in seinem vollen Umfang! Dieses Extrem treibt natürlich viele in ein zweites, entgegengesetztes Extrem. Den scharfen Gegensatz zwischen Talmudlehre und profanem -Wissen auszugleichen, „Tauro" und „Derech Erez" in den Jeschiwaus zu vereinigen und die Zöglinge, die oft zehn Jahre und mehr in der Jcschiwa verbleiben, allseitig für das Leben auszubilden, — das wäre eine wichtige und durchaus Notwendige Aufgabe unserer Rabbiner. Freilich sind bereits die ersten Versuche gemacht worden: die Jeschiwaus von Rabbiner Reines in Lida und Rabbiner Tschernowrtz in Odessa;daß Über unsere Rabbiner-Autoritäten für diese äußerst wichtige Lebensfrage der russischen Judenheit kein Verständnis besitzen, zeigt ihr ablehnendes, ja feindliches Verhalten gegen diese Institutionen. In der letzten Zeit wurden viele ' jüdische Privatgymnasien und -Progymnasien geschaffen. Fast in jedem größeren Städtchen befindet sich eine solche Schule, und mit jedem Jahr wächst ihre Zahl. Es gibt sogar einige jüdischePrivatgymnasien — ein Restprodukt der Freiheitszeit —, die mit allen Privilegien der Regierungsschulen ausgestattet sind. Diese Schulen könnten, trotz des jetzigen Staatsregimes, bei gutem Willen und einiger Anstrengung der jüdischen Erziehung gute Dienste leisten. Wohl gemerkt: bei gutem Volkswillen! Bei gutem, national entflammtem Volkswillen ließe sich sogar manches auch in Bezug auf eine spezielle jüdische Hochschule machen. Davon aber darf man einstwellen kaum zu träumen wagen. Um dem traurigen Schicksal der westeuropäischen Judenheit zu entgehen, muß die russische Judenheft nach dem einigen Mittel der Rettung greifen: nach der Durchführung einer gesunden, einheitlichen, national-jüdisch en Erziehung der Jugend. Die jüdische Schule muß dem jüdischen Kinde eine vollständige, allseitige Bildung geben, damit es nicht genötigt ist, sie anderswo zu suchen; sie muß ihm eine Lare, einheMche Anschauung des Lebens beibringen, es gegen die Versuchungen des Lebens, die chm als Juden später häufig genug entgegentteten werden, genügend stählen. Ter jüdische Junge muß als stolzer, vollbewußter Jude die Mische Schule verlassen. Eine ganz besondere Aufmerksamkeft muß der Erziehung unserer Töchter gewidmet werden, die zu unserer Schande der völligen Willkür preisgegeben ist und leider bereits die bittersten Früchte gezeittgt hat. Gewiß hängt vieles nicht von uns ab; gewiß tragen die grausamen sozial-politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen wir leben, vieles, führ vieles zu unserem nationalen und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 42. moralischen Niedergang bei. Gewiß ist aber auch, daß wir doch etwas tun können und müssen. L. 8—0. Das „Atelier" in Paris. Von Leop. Perlmutter, Frankfurt a. M. Ein herzergreifender Pessimismus klingt aus den Worten: „Wir jetzigen Pariser Juden sind die letzten französischen Juden." Und so schloß ein gesetzestreuer französischer Rabbiner, als wir an einem Schabbosmorgen die Rue Rosier und das angrenzende Pariser „Judenviertel" durchquerten und er darauf hingewiesen hatte, wie fast resllos die Heranwachsende Generation im Strudel des Pariser Großstadtlebens längst die vielgerühmte jüdische Widerstandskraft eingebüßt habe, die sie befähigt hätte, auch den Ansprüchen dieses Lebens gegenüber sich den Schabbos zu erhalten. — Und die Wehmut dieser Worte zitterte in mir nach, als wir die monumentale Synagoge der Rue de la Victoire besuchten, die etwa 6000 Personen fassen soll, wo sich an jenem Schabbosmorgen das Schauspiel eines kaum dreifachen Minjan (Awelim, Synagogendiener und Fremde) unseren Augen darbot. — Aber dennoch vermochte eine Seite wahrster jüdischer Betätigung - unsdie Schatten jener traurigen Betrachtungen bis zu einem gewissen Grade zu verscheuchen und ließ uns die Sonne des jüdischen zukunstsfrohen Opttmismus, gleichsam aus sie verhilllenden Wolken hervor, wieder hell erstrahlen. — Das vermag, abgesehen von der herzerfrischenden Erscheinung, die die kleine gesetzestreue Gemeinde der Rue Cadet, als Fels inmitten der alles mit sich fortreißenden Strömung' der Zeit, bietet, die Betrachtung der Pariser jüdischen Wohltätigkeitsanstalten. Und eine ganz besonders wird einen unauslöschlichen Eindruck auf den Beschauer hinterlassen, als sozial mustergültiges und wahrhaft jüdisches Institut: Das „Atelier," oder wie sein vollständiger Titel lautet: „Oeuvre philantropiqued’assistance de travail „ÜAtelier.“ Der Uneingeweihte, der zur Besichttgung der in der Rue St. Maure gelegenen Anstalt herausgekommen ist, wird ball» merken, womit er es eigentlich zu tzin hat, denn bevor er, am Beginne des Hofes, der zu den Baulichkeiten des Ateliers führt, noch recht die Inschrift, die diese tragen, entziffern kann, verrät .ihm schon der Lärm gewaltiger Maschinen die nahe Fabrik. Und während wir in Begleitung des Direktors und des fachmännischen Leiters die eigentlichen Fabrikräume betreten, entdecken wir, daß es gar zwei und verschiedenartige Fabriken sind, deren Betrieb sich vor unserem Auge entschleiert. Diese ist eine Kartonnage- und Album-, jene eineMöbelfabrik. Riesenhafte, wie uns die Begleiter erklären, die neuesten und vollkommensten, durch elektrische Kraft betriebene Maschinen lassen die Lust erdröhnen, bedient vom geschäftigen Fleiße arbeitsamer Hände. Und was sieht das staunende Auge? Das sind alles Juden, die bei den Maschinen arbeiten, und wo wir auch Hinschauen, dort am Tische, wo sich die Arbeit häuft, die der eiserne Mund der Maschine unermüdlich hergiebt, arbeiten Juden, dort an den Drehbänken — Juden, wohin nur das Auge sieht, trifft es auf unverfälscht jüdische Gesichter. Und nun hören wir, was der Direktor des Unternehmens, der wohl unsere Fragen vom Gesichte gelesen, uns erzählt. „Sie ftagen, wer diese Leute sind, wo sie Herkommen, und ich bin sicher, daß Ihr Erstaunen wachsen wird, wenn Sie erfahren, daß von all diesen so eifrig und sachgemäß Arbeitenden fast keiner schon mehr als 3 Monate in Frankreich lebt und bei uns ist. Sehen Sie jenen jungen Mann, dort am Albumlager. Das ist ein noch nicht ganz einen Monat hier beschäftigter Rumäne. Er hat in seiner Heimat Apotheker studiert. Er hatte dieses und jenes Unglück, .das Leben verschlug ihn hierher. Hier hatte er nicht zu essen. Eine Stelle fand er nicht, da er am Schabbos nicht arbeitet. Als er weiter Arbeit suchte, schickte man ihn ins „Atelier," wo er nun schon bald einen Monat ist. — Sehen Sie nun jenen Mann dort mit dem Käpvchen. Er ist ein Rasse, der bisher keinen „Beruft kannte. Er arbeitet hier schon 2 Monate und ist speziell für Photographie-Albums beschäftigt. Und so sehen wir noch etwa 60 Arbeiter, „Ausländes aus aller Herren Länder, die alle unter ähnlichen Umständen, in das „Atelier"" kamen. Hier werden die Leute vorerst 3 Monate behallen. Sie erhalten unter fachmännischer Leitung eine gründliche prakttsche Ausbildung von der Fabrik und werden während dieser Lehrzeit mit nicht, unter 2,50 Frs. pro Person und Tag gelohnt. Während dieser 3 Monate wird ihnen ferner unentgeltlicher Unterricht speziell in der französischen Sprache erteilt, damit sie sich im fremden Lande zurecht finden lernen. Auch -dafür ist gesorgt, daß die Angestellten des Ateliers billig und gut zu essen haben, da das Atelier eine jüdische Restauration besitzt, die sich im selben Hause befindet. — Hat der Arbeiter des Ateliers sein Vierteljahr beendet, so wird ihm in der Regel vom Atelier aus eine Stelle vermittelt oder er wird, falls dies nicht sofort möglich, bis zur Erreichung einer solchen behalten. Auf diese geschilderte Weise werden monatlich 50—70 Arbeiter ausgebildet und beschäftigt, sodaß die Zahl derjenigen, denen auf diese Art wahrhaft geholfen ist, sich durch ein Jahr auf mehrere Hunderte beläuft. Das ist die soziale Bedeutung des Ateliers. Was aber dieses Institut zu einer wahrhaft jüdischen Einrichtung erhebt, das ist die Tatsache, daß die Fabriken und Büros des Ateliers am Schabbos strenge geschlossen sind. Man mag von einer höheren Waltung sprechen, wenn man hört, welche großen Anstrengungen die maßgebenden Kreise, denen man alles eher als „übertriebene" Gesetzestreue vvrwerfen kann, machten, um auf jeden Fall dem Institut den Schabbos zu erhalten. So> hat schließlich die Leitung des Ateliers von der französischen Regierung die verbriefte Erlaubnis erhalten, — weil am Schabbos feiernd — am Sonntag arbeiten zu dürfen. — Wie vielen Juden giebt das Atelier dadurch Gelegenheit, den Schabbos zu halten! — Dies segensreiche Institut besteht nunmehr drei Jahre. Es unterhielt zuerst eine Albumfabrik und hat vor etwa einem halben Jahre die Möbelfabrik angelegt. Diese nimmt einen großartigen Aufschwung und dürfte mit' der Zeit weit bedeutender als die Albumverserttgung werden. Der jährliche Umsatz der beiden Fabriken betrug zuletzt 150 000 Francs und dürfte angesichts der rapiden Entwicklung der Möbel-Abteilung in den nächsten Jahren noch größer werden. Der ernste Wille, dies Institut zu einer Quelle wahrhaft sozialer Fürsorge zu machen, zeigt sich am besten aus der Tatsache, daß, trotz der Defizite der ersten Jahre, die Leitung immer mehr Arbeiter angestellt hat, unbekümmert um die Rentabilität des Unternehmens, die naturgemäß unter der Anstellung so vieler als Arbeiter gelohnten und erst einzulernenden Kräfte leiden mußte. Diese Defizits, wenn -sie auch große Summen betragen, die der Verein des Ateliers zu leisten hat, sind in Wirklichkeit keine wahren Verluste, denn sie sind nur der Ausweis der erstrebten riesigen Gewinne ideeller und sozialer Natur. — Die großartige Stiftung des Ateliers, nicht nur in ihrer Entstehung sondern auch in ihrer Entwickelung, ist hauptsächlich das Werk des Präsidenten des Atelier-Vereins, des jugendlichen Barons James von Rothschild. — Ohne sein Wissen geschieht nichts im Atelier. Er kennt jede kleinste Einzelheit im Betriebe der Fabrik und — was der Direktor uns gegenüber besonders betonte — überzeugt sich durch eigenen Augenschein, ob alles in der Reihe ist. Ja, er besttmmt oft die Preise . der zu veräußernden Gegenstände und giebt des Oefteren Neuerungen an, die pon größtem Werte sind. So ist es seiner Tatkraft zu danken, daß das Atelier gewaltig aufblühte und ein wahren Segen geworden ist für alle diejenigen unserer Glaubensbrüder, die es beschäftigen kann, und die ohne Beruf und Ernährungsmöglichkeit nach Paris kamen. Wir können uns nicht der Aeußerung enthalten, daß in der Weise „Ausländer" zu behandeln, die von der Leitung des Ateliers in Paris geübte Art vorteilhaft absticht von der leider noch in vielen, auch oft sogen, gebildeten Kreisen anderer Länder geübten Gepflogenheit. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 3. November. Aus dem Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: „Die jahrelang fortgesetzten Bemühungen der „Freien Vereinigung" und des mit ihr kooperierenden „Verbandes der Sabbatfteunde" haben zu einem erfreulichen Erfolge geführt. Das Reichsamt des Innern hat in seinem — oeben zur Veröffentlichung gelangenden — voräufigen Entwürfe einer Novelle zur Sonntagsruhe unseren Anträgen insoweft gesprochen, als in Aussicht genommen wird, den an jüdischen Feiertagen gänzlich ruhenden Geschäftsbetrieben in - für den Verkehr geschlossenen Geschäftsräumen die Beschäftigung ihrer jüdischen Angestellten bis zur Dauer von drei Stunden zu gestatten. Die Genehmigung hierzu soll am einzelnen Orte von der höheren Verwaltungsbehörde oder durch Ortsstatut erteilt werden.

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