Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 42 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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smlitWs fainilirnlilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr).. Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HsdaKttorr mrd HefHäftsstelle: SrunlLfurt 2. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Teresa« 10507. -1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 M. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Boffchrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - _ ' 7. Jahrgang. Freitag, -en 21. 6d68vIt^aiL 5670 (5. November 1900). Nr. 42. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Rußland. — Das „Atelier" in Paris. —Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familien Nachrichten. —Barmizwohs. Brief aus Rußland. Als vor wenigen Jahren die Hochflut der russischen Revolution die jüdische Gasse überschwemmte, da durchzuckte ein tiefes Weh jedes jüdisch fühlende Herz. Der größere Teil der jüdischen Jugend wütete, als wäre er von einem bösen Geiste getrieben, wie besinnungslos gegen das Beste und Teuerste, das wir seit Jahrtausenden als einziges Gut besitzen; wie einer, der sich gewaltsam einem jahrelangen, martervollen Gefängnisse entreißt und nun nicht weiß, auf wen er seinen angesammelten Zorn ausgießen soll, wandte sich die erbitterte jüdische Jugend mit blinder, schreckhafter Wut gegen das eigene Volk, das heißt gegen das eigene Ich, und schlug ihm die schwersten Wunden. Inzwischen haben sich die Revolutionswellen allmählich zurückgezogen und das Leben in der jüdischen Gasse hat wieder seine alten Formen angenommen. Mein die Folgen der umstürzlerischett Geschehnisse sind keineswegs - vertilgt. Was der voruberbrauseirde Sturm nicht vermochte, das werden die still und unaufhörlich wehenden Zephire sicherer und gründlicher vollbringen. Die Lebensverhältnisse der Juden in Rußland haben sich derart gestaltet, daß bei dem Mangel eines geistigenGegengewichts die schrecklichste Katastrophedas russische Judentum erwartet. Die immer stärker werdende grausame Einengung des jüdischen Lebens seitens der „konstitutionellen" Regierung in ein Netz von barbarischen Gesetzen einerseits, und andererseits das heiße Gefühl der Freiheit, das im russischen Juden erwacht ist, das mächtige Streben nach dem einfachsten menschlichen Recht, .nach der menschlichen Würde, die ihm versagt sind, müssen notwendigerweise Zustände schaffen, die für die russische Judenheit geradezu unerträglich werden. Die ersten Folgen derselben haben wir im vorigen Jahr bitter, zu spüren bekommen. Eine Taus-Epidemie ist unter unserer Jugend ausgebrochen: Hunderte jüdische junge Leute, die ihre besten "Jahre auf das Studium verwendet und sich mit unsäglicher Mühe bis zu den Pforten der Universität durchgeschlagen haben, müssen hier plötzlich Halt machen und alle ihre Hoffnungen zerstört sehen; da bleibt ihnen kein anderer Ausweg, als entweder ihre persönliche Zukunft oder ihr Volk aufzugeben, — und so greifen viele zum Taufschein, der ihnen sofort das Paradies der russischen Weisheit und des irdischen Lebens breit öffnet. Eine wahre Hiobspost bekommen wir aus allen Enden des weiten Rußlands: hier soviel, da soviel und dott soviel Opfer: eine Nachricht trauriger als die andere, und eine Opferzahl größer als die zweite. Die Verzweiflung und Erbitterung, die unter der studierenden Jugend herrscht, ist beispiellos. Als Illustration dazu kann die kuriose Meldung dienen, die dreißig jüdische Miturienten aus Kiew an den berüchtigten Bildungs-Minister Schwarz richteten, daß im Fall einer Zurückweisung ihrer Bitte um Aufnahme auf die Universität, sic sich in den Dnjepr werfen werden. ... Noch erschreckender und beschämender ist die Tatsache, daß viele junge Leute den ehrlosen Uebertritt zum Feind ohne inneren Kampf tun, ja, daß viele Eltern selbst die Jnittattve dazu geben, um ihre Kinder der „Glückseligkeit" auf Erden zuzuführen. . . Vor unseren Augen entrollt sich ein Bild, das vielleicht das tragischste ist in unserer langen Leidensgeschichte. Der geistige Entwicklungsgang der russischen Judenheit erinnert uns unwillkürlich an die Geschichte der Juden Westeuropas im vorigen Jahrhundert. Natürlich kann dies bei den ungleichen Lebensbedingungen und Nebenerscheinungen keine stereotype geschichtliche Wiederholung sein; das allgemeine Bild jedoch und die allgemeinen Formen sind dieselben. Die Lockerung des nationalen Bodens durch die im Inneren des Judentums nach dieser Richtung entwickelten Umstände im Einklang mit der religiösen Zerstörungstendenz, die von Frankreich herkam, machten das westeuropäische Judentum unfähig zur Selbstverteidigung gegen den Ansturm der sozialpolitischen, zum Teil auch kulturellen Forderungen des Lebens, die an die Juden Westeuropas herantraten. Die traurige Folge davon war der nationale Verrat, der aus dem westeuropäischen Judentum seine gegenwärtige Karrikatur schuf. Und dasselbe Schicksal ermattet zweifelsohne das russische Judentum, wenn nicht rechtzeitig für die Abwendung der Gefahr gesorgt wird, wenn nicht die richttgen Mittel angewandt werden, um dem Zrrstöstörungsgeist am Anfang seiner Wirkung entgegenzuarbeiten. Religiöse Indifferenz, nationale Apathie, leichtsinnige Austtttte aus dem Judentum, — das sind alles Anzeichen einer schlimmen Krankheit, wie sie die westeuropäische Judenheit vor der „Massentaufcn"-Perwde erlebt hat. Sogar die Religionsreformmacherei fehlt nicht, und in Petersburg hat ein geistiger Epigone von Holdheim, Geiger und Konsorten sich jüngst der heiligen Mühe unterzogen, die erste.Reformgemeindc in Rußland zu gründen. Zwar wurde ein Schutzwall durch den nattonalen Gedanken geschaffen, der in den letzten Jahrzehnten in der russischen Judenhett festen Fuß gefaßt hat; da dieser jedoch leider nicht genügend tief in das Volk eingedrungen ist, kann er für das Gros des Volkes nicht als genügender Schutz dienen. „Wenn nicht rechtzeittg für die Wwendung der Gefahr gesorgt wird!" — Doch man denkt gar nicht, an die drohende Gefahr, und man will sich gar nicht auf Mütel besinnen, wie sie abzuwenden ist. Im jüdisch-öffentlichen Leben herrscht eine Tatenlosigkeit sondergleichen. Und wenn man auf einen Moment aufgerüttelt wird, dann schaut man auf die Tinge, als wäre man aus den Himmeln gefallen. Ten krassesten Beweis dafür lieferten die Rabbiner-Konferenzen in War schau, Wilna und Homburg. Man muß darüber staunen, wie weit die angesehensten unserer geistigen Führer, die vieles leisten könnten, wenn sie die richttgen Wege eingeschlagen hätten, verirtt sind-, daß sie zur Wwendung der großen Gefahr solche Mittel ausreichend finden, wie sie in ihren bekannten Resolutionen angegeben sind. Ist esnicht eine Kurzsichtigkeit, wenn sie ihre Passivität zur Sabbat-Frage in den Regierungsschulen dadurch begründen, daß sie durch eine Verhandlung darüber nicht den Anschein geben wollen, als ob sie mit der Taffache des Besuches dieser Schulen sich abgefunden hätten, — während doch fast die gesamte Mische Jugend von einem ungestümen Drang nach dem Eintritt in eben diese Schulen erfüllt ist und keinesfalls einen „Hechschor" seüens unserer Rabbiner, sondern von ganz anderer Seite ungeduldig erwartet? . . . Es ist auch daher nicht zu verwundern, wenn Hcllsehendere und Lebensprakttschere aus der Mttte der Rabbiner sich skeptisch zu allen ihren Kon-, ferenzen und Resoluffonen verhalten. Was im gegenwärtigen Moment uns unbedingt nottut und wozu die Rabbiner vieles beittagen könnten, ist — die völlige Umgestaltung der jüdischen Schule in allen ihren Formen und Stufen. Der „Cheder", unsere elementarste Volksschule, kann unmöglich in seiner bishettgen Form bestehen bleiben. Tie primttive Unterrichtsmethode, wie sie dort gehandhabt wird, der Mangel an irgendwelcher pädagogischer Vorbildung seiner Meister, die begrenzte Summe von Kenntnissen, die der Cheder seinen Zöglingen beibttngt, können nicht mehr genügen. Der Cheder muß in eine regelrechte, vollkommen ausgebildete Volksschule, wie sie bei jedem normal lebenden Volke zu finden ist, umgewandelt werden. Der bishettge Stand des Cheders hat dazu geführt, daß die jüdischen Eltern, um ihre Kinder zweckentsprechend für das Leben vorzubereüen, diese zur allgemeinen Schule schicken; sogar die traditionellsten Juden sehen sich genöttgt, ihre Kinder für den größeren Tell des Tages in die allgemeine Schule zu schicken und dann erst, wenn diese bereits ermüdet sind, in den Cheder oder zu dem sog. Privatlehrer. Was dabei für den jüdischen Unterricht herauskommt, kann man sich leicht denken, abgesehen von der Schwiettgkeit und Unnatürlichkeit eines solchen Doppelunterttchts und von der moralischen. Wirkung, die er durch seine Zerttssenheit und Widersprüche auf die Kinder haben muß. Wieso können wir auf ein tteu zu uns haltewies, charakterfestes, moralisch harmonisches Geschlecht hoffen, wenn wir es von vornherein auf einen doppelten Weg