Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 41 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nc. 41. Seite 3. ins Leben gerufen werden. An diese haben die Ortskassen ihre Einnahmen abzuliesern und sind damit von der Abfertigung der Durchreisenden befreit. Die Provinzialkassen besitzen das geeignete Personal zur Prüfung der Wanderbettler und zur zweckmäßigen Beförderung der Rückwandrer. Die damit gewonnenen wirtschaftlichen Ersparnisse und ideellen Vorteile sind oft genug erörtert worden. Ferner aber sind, lvenn erst im ganzen Reiche diese, der Kürze halber „Provinzialkassen" genannte Institutionen vorhanden sind, gleich von selbst die mit Recht geforderten Reiserouten für die Rückwandrer mit ihren Etappenstationen gegeben. ES bedarf dann für die einheitliche Handhabung nur die Schaffung einer Zentrale, deren Kosten durch die infolge des Provinzialkassenwcsens gemachten Ersparnisse leicht gedeckt werden können. Eventuell ist die Mitwirkung der großen Wohlfahrts-Institutionen heranzuziehen. Die Aufgaben der Zentralkässe sind vielseitige. Sie hat den Verkehr der Provinzialkassen untereinander und mjt den Grenzbüros zu vermitteln; cs wird sich dabei vielfach um eine den» verschiedenen Kräften entsprechende Verteilung der Lasten handeln. Es werden durch die Zentralkasse neue Grenzbüros dort, wo keine der vom Hilfsverein der Deutschen Juden zur Verfügung gestellten Grenzbüros vorhanden sind, ins Leben gerufen werden müssen. Eine Instruktion für die Grenzbüros und deren Verkehr mit den Provinzialkassen ist auszuarbeiten. Dem Paßwesen, den schwarzen Listen ist gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Die Schaffung neuer Arbeitsstätten, Arbeiterkolonieen, Arbeitsnachweise ist anzuregen und die Eingliederung dieser wichtigen Hilssmaßregeln in die Gcsamtorganisation auszuführen. Auf allen diesen Gebieten werden neue Erfahrungen gesammelt werden, neue Anregungen zu Verbesserungen werden hervortreten, die reichen Stoff für die Konferenzen abgeben werden. Diese sollen alljährlich unter Leitung der Zentrale stattfinden. In der eben skizzierten Organisation erblickt der D.-J. G.-B. das wirksamste Mittel, um nach allen langjährigen vergeblichen Bemühungen zum Ziele;u gelangen und so ergibt sich von selbst die Tagesordnung der geplanten Konferenz: Rach Anhörung derjenigen Referenten, die auf dem Gebiete der Provinzialkassen die reichsten Erfahrungen haben, soll Beschluß gefaßt werden 1. wo überall Provinzialkassen neu zu schassen sind; deren Etat ist zu veranschlagen; 2. welcher Betrag für die Zentralkasse erforderlich ist, damit sie die oben angeführten Aufgaben in steigendem Maße erfüllen kann. Wir bitten die Herren Delegierten sich auf die Behandlung dieser Fragen vorzubereiten und den folgenden Gedankengang festzuhalten: die großen und kleinen Mißstände im jüdischen Armenwesen gehen auf die mangelnde Einheitlichkeit in der Anwendung der Besserungs- und Abloehrungsmaßregeln zurück. Vorbedingung der Einheitlichkeit ist aber das Vorhandensein einer Organisation. ACo gilt es, zunächst eine Organisation zu schassen!" Berlin. Die Lesezeit in der „Iüd. Lesehalle und Bibliothek" (Oranienburgerstr. 58 pt.) wird auf Wunsch zahlreicher Leser versuchsweise wesentlich erweitert werden; vom 1. November ab wird das Institut wochentäglich von 10 Uhr früh bis 9 Uhr abends ununterbrochen geöffnet sein, am Sonnabend und Sonntag von 11—2 Uhr und von 7—10 Uhr abends. Die Bibliothek umfaßt jetzt über 6500 Bände jüdischen Inhaltes; im Lesesaal liegen ständig 84 jüdische Zeitungen und Journale aus. Marburg. Im März d. I. beging Herr Moses Blumenfeld das 25 jährige Jubiläum seiner Tätigkeit als Mohel. Aus diesem Anlasse wurde ihm von Eltern der von ihm in den Bund Abrahams eingeführten Kinder und von anderen Freunden eine Ehrengabe überreicht, deren Verwendung ihm anheimgegeben wurde. Auf seinen Wunsch hat sich heute ein Kuratorium konstituiert, das diese Ehrengabe zu einer Mohel Blumenfeld-Stistung bestimmte, deren Zweck die Ausstattung bedürftiger Bräute sein soll. Lüneburg. Die Stadt hat zu Ehren des im Dezember vorigen Jahres im 90. Lebensjahre verstorbenen Synagogenvorstehers Marcus Heinemann eine Straße Marcus Heinemann-Straße benannt. Großbritannien. London. In nächster Zeit werden durch jüdische Munifizenz zwei Institute zur Erforschung der Krebskrankheit erstehen, eines hier, für das der südafrikan. Multimillionär Barnato 2% Millionen hinterließ und eines in Chicago aus dem 250000 Dollars betragenden Legate der infolge eines Automobilunfalles in Paris verstorbenen Millionärin Nelson-Morris und aus einer weiteren großen Spende deren Erben. (8.M.) London, 26. Oktober. Die Reformbewegung. — Der „Hirtenbrief" des Herrn Cl. Montefiore an seine Ungläubig en ln der Frarcksurker HraÄiHHeZ Familsenblatt. vorletzten Numnier der „Jewish Chronicle" und „Jewish World" hat erfreulicherweise eine Flui von Protesten und Gegenschriften hervorgernfen, die nicht ohne Einfluß auf den Gang der Dinge sein werden. In erster Reihe sind es Rabbiner, die sich mit dem ^Reformpapst auseinandersetzen. Herr Rabbiner Dr. Deiches (ein russischer Jude) setzt sich mit den Reformern wissenschaftlich auseinander, einige Mitglieder der orthodoxen Gemeinde, ebenfalls rus- 'ische Juden, weisen in längern Zuschriften an die genannten Zeitungen darauf hin, daß die neue Resormbewcgung eine notwendige Konsequenz des bisherigen Standes der Dinge ist und nehmen die Gelegenheit wahr, die große jüdische Oeffentlichkeit auf die Halbheit und Lauheit des hiesigen offiziellen „gesetzestreuen Judentums", dessen Vorsteher zum großen Teil selbst den Sabbat entweihen, hinzuweisen. Vielleicht trägt das Auftreten der Reformer dazu bei, eine Besserung in den hiesigen jüdischen Verhältnissen herbeizuführen. Alle sind sich hier darüber einig, daß es so nicht weiter gehen kann; ebenso wissen alle, denen das Wohl des Judentums nahe geht, daß die Besserung nicht von den „Reverends" kommen wird. Wie ich höre, sind bereits Bemühungen in: Gange. Die Reformer geben sich natürlich alle Mühe, ihre Ideen zu verbreiten, trotz des forme llen Versprechens ihrer Führer, „nur Anhänger" zu sammeln. Sie haben die Agitation auf die Provinz ausgedehnt und vorläufig Manchester zu ihrem provinziellen Foyer gemacht. Der Reverend der dortigen Reformgemeinde, Herr Harry S. Lewis, hat sich den Londoner Gesinnungsgenossen angeschlossen und ist aus seiner bisherigen Reserve herausgetreten. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, haben es die Reformer auf eine vollständige, radikale Separati o n abgesehen. In ihrem jüngst veröffentlichten Programm ist sogar von der Errichtung eines liberaljüdischen Krematoriums die Rede. Rußland. Brest-Litowsk. Der Zar empfing bei seiner Durchfahrt eine jüdische Deputation und; beauftragte sie, der jüdischen Gemeinde seinen Dank für ihre Wünsche auszusprcchen. Amerika. New-Aork. Am vergangenen Laubhüttenfeste war hier zum ersten Male eine Ausstellung der Produkte amerikanisch - jüdischer Farmer. Bei der Eröffnungsfeier hielt Mr. Isidor Straus die Eröffnungsrede, in der er die Entwicklung des Farmerwesens unter den Juden schilderte. Der jüdische Farmerkongreß und die damit verbundene Ausstellung seien die beste Antwort auf die Bestrebungen zur Einschränkung der jüdischen Einwanderung nach Amerika. Mr. William M. H a y e s, Sekretär im Ackerbauministerium, begrüßte dann die jüdischen Farmer im Namen der Regierung und gab seiner Freude über ihre Leistungen lebhaften Ausdruck. Er versicherte die Bereitwilligkeit der Regierung, die jüdischen Farmer nach bester Möglichkeit zu fördeni. Die Ausstellung erfreute sich des regsten Interesses weitester Kreise. Sie wurde täglich von mehreren tausend Personen besucht. Es waren in ihr nicht nur die verschiedenartigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, sondern auch die modernen technischen Behelfe und Werkzeuge der Landwirtschaft ausgestellt. Aus dem Dache des Ausstellungsgebäudes befand sich die naturgetreue Nachbildung einer Müllerfarm mit Gartenwirtschaft. Die Ausstellung blieb zehn Tage geöffnet. „R. I. K." Chicago. Sie Hilfsgeselli chaft für j ü d i s ch c A ck e r b a u e r hat auf Veranlassung Rabbiners A. R. Levy die Absicht, 500 jüd. Familien auf 32400 Acres Land in Georgia anzusiedeln. Die Ansiedlung soll allmählich geschehen. Süd-Afrika. Johannesburg. Verschiedenes. — An den hohen Festtagen waren hier die Synagogen bis zum letzten Platz. besetzt. In der „Park Station Synagogue" predigte Rabbiner Dr. Landau deutsch und englisch in geradezu glänzender Weise. Es ist hier ein jüdisches Theater eröffnet worden, in welchem sehr gute jüdische Kräfte Dramen und Opern jüdischen Inhalts in Jargon geben. H. Personalien. Berlin. Direktor Reich von der israeiit. Taubstummenanstalt und Postsekretär Karl Borchardt sind mit dem Kronenorden 4. Klasse ausgezeichnet worden. Karlsruhe. Leopold Ettlinger wurde zum stellvertretenden Obmann der Stadtverordneten gewählt. — InMannhei in sejerte Frau LeopoldK alter W w e., Vorsteherin der israeiit. Frauenkrippe, ihren 75. Geburtstag. Neuwied. Herr C Lichten st ein erhielt von der Königin von Rumänien ihr Bildnis mit eigenhändiger Widmung. Herr Lichtenstein hat sich um die Blindenanstalt in Bukarest sehr verdient gemacht. Stuttgart. Der fast 90 jährige frühere Kammersänger Heinrich Sontheim beging in geistiger Frische das 70jährige Jubiläum seines ersten Auftretens ans dem Theater. Hamburg. Alfred Cohn, der frühere Mitinhaber des Bankhauses Robert Warschauer u. Co., wurde zum preußischen Kommerzienrat ernannt. Kattowitz. Bankdirektor Max Fröhlich tst zum K o m m i s f i o n s r a t ernannt worden. (L.) Jarotschin. Zu Ehren des von hier scheidenden langjährigen Stadtverordneten Kaufmanns Aron Adler gab die Stadt gestern unter äußerst zahlreicher Beteiligung ein Abschiedsessen. — Herr Adler, der nach Berlin verzieht, ist über 50 Jahre Bürger unserer Stadt gewesen, vor zwei Jahren wurde ihm anläßlich der 650jährigen Jubiläumsfeier der Stadt Jarotschin der Kronenorden 4. Klasse verliehen. Herr Adler hat anläßlich seines Scheidens der Stadt für Armenzwecke 1000 und dem Vaterländischen Franenverein 250 Jk überwiesen. Lstrowo. Fabrikbesitzer Krauskopf. Borsteher der jüd. Gemeinde, ist, zum Stadtr at gewählt worden. — In Münsterberg wurde Moritz Wagner, der Repräsentanten-Vorsitzende der jüd. Gemeinde, zum Mitglied der Handelskammer gewählt. Lemberg. Da ihn die Allvolen wegen seiner Teilnahme an der Eröffnungsfeier des jüd. Akademikerheims heftig angrifsen, legte Dr. Tobias Afchkenase sein Amt als Vizepräsident der Stadt Lemberg nieder. London. Lady Clarke, Tochter des Gründers des „Daily Telegraph" I. M. Levy, hinterließ 2500 Lstr. zur Verteilung an jüdische Wohltätigkeitsinstitutionen. Die nähere Bestimmung über die Verteilung hat sie ihrem Schwager Sir George Faudel - Phillips überlassen. Rom. Der König von Italien hatte Bürgermeister Nathan zum Zarenbesuch nach Racconigi eingeladen. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Der Kardinal erblaßte mehr und mehr, wieder wie vorhin fuhr er mit der Hand nach dem Herzen, als empfände er dort einen unerträglichen Schmerz. Dann aber sich aufraffend, erwiderte er mit merklich belegter Stimme: „Ihr mißversteht mich, mißversteht mich von Grund aus. Ich bin Kardinal, mir liegt es ob, die Ehre meines Standes zuwahren, aber Ihr kennt doch vermutlich den Ausspruch eines der Vorgänger des Heiligen Vaters: (Quantum nobis nostrisque illa de Christo fabula profuerit Omnibus saeculis, notum est. Wenn ein Papst, so sprechen konnte, so halte auch ich mich berechtigt, meiner Nichte zu sagen: Die Taufe ist ein Sakrament, der sich jeder Christ unterziehen muß; aber es liegt mir fern, dir irgend einen Glauben aufzuzwingen oder auch nur dein inneres Leben beeinflussen zu wollen. Bleibe, wie du bist; glaube, was du willst; nur lasse die unschuldige Zeremonie an Dir vollziehen." „Wenn das so ist, dann habe ich Ew. Eminenz allerdings mißverstanden. Aber wie das junge Mächen das Ganze beurteilen wird, das weiß ich doch nicht. Wäre es da nicht richtiger, ihr die Aufregung zu ersparen und, wenn die Taufe in Wirklichkeit unerläßlich ist, dieselbe in derselben Weife an ihr zu vollziehen, wie sie gewöhnlich an Christen vollzogen wird?" „Nun selbstverständlich in derselben Weise. Wer ich weiß nicht recht, was Ihr damit sagen wollt." „Nichts anderes, als was ich gesagt habe. Die Taufe wird doch gewöhnlich vollzogen, ohne daß der Täufling Kenntnis davon hat, meistens dürfte er sogar während der Zeremonie schlafen. Also in derselben Weise, ich meine, während sie schläft —" „Herr Gott im Himmel! Das ist eine geniale Idee! Recht habt Ihr, Gottes Recht! — Wozu, die Aufregung? und am Ende gar noch eine dogmatische Diskussion! — Und heimlich muß die Sache ja doch geschehen — sonst pfeifen es die Spatzen morgen auf dem Dache, daß die Nichte des Kardinals nicht getauft war! — Na, das wäre eine schöne Geschichte gewesen! Dank Euch, Signore» für den ausgezeichneten Rat." —