Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 41 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692655--04993-2699865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Franffurker JsraelNWZ FckmMenblatt. Nr. 41. Und der ausgezeichnete Rat wurde gleich in der folgenden Nacht zur Tat. Als alle Welt im Palast in tiefem Schlummer lag, trat der Kardinal an das Bett des ihm so teuren jungen Mädchens und sprengte vorsichtig einige Tropfen Weihwasser auf den Scheitel der Schlummernden und flüsterte dabei die vorgeschriebenen Worte. Sie hatte sich nicht geregt, sie schlief ruhig weiter. Wie war sie doch so schön, so wunderbar schön und so unschuldsvoll! — Im Schauen versunken, stand der alternde Mann an dem Bette der holden Schläferin, der alle wärmere Gefühle seines Herzens galten. Stundenlang hätte er sie so anschauen mögen, aber er wollte doch nicht dabei überrascht werden, obgleich es bereits bekannt war. Laß der Kardinal seine schöne Nichte vergötterte. Er neigte sich und berührte mit seinen Lippen das prachtvolle Haar, das wie ein Goldstrom über die weißen Polster dahinfloß; dann machte er das Zeichen des Kreuzes über die Schlafende und verließ lautlosen Schrittes und ruhigen Herzens das Zimmer. Jetzt hatte er doch seine Pflicht erfüllt. Schon nach wenigen Tagen erklärte Rabbi Jizchak seinen hohen Patienten für genesen, und am nächsten Sonntag gestattete er ihm, die Messe zu zelebrieren. Der Dom war überfüllt; staunend blickten alle empor zu dem hochverehrten obersten Kirchenfürsten, der vor kaum acht Tagen von den angesehensten Aerzten des Kirchenstaates aufgegeben war wtb der nun in Gesundheit und Frische feines Amtes waltete. „Tedeum laudanum!" erscholl es vieltausendstimmig unter brausenden Orgeltönen. Aber auch der Name des jüdischen Arztes, der die an ein Wunder grenzende Genesung des Heiligen Vaters vermittelt hatte, war in aller Munde; sein Ruhm wuchs von Tag zu Tag, je mehr seine Feinde sich bemühten, ihn zu verkleinern. Daß der Papst ihn zu seinem Leibarzt ernannte, war selbstverständlich. Auch hielt derselbe nach jeder Richtung hin sein Versprechen, seine Hände fortan schützend nicht nur über den zu halten, den er seinen Retter nannte, sondern auch über dessen Stammesgenossen. Bischof Sadolet von Carpentras schrieb über ihn: „Christen sind noch von keinem Papst mit so viel Gnadenbezeugungen, Privilegien und Zugeständnissen beschenkt worden, wie die Juden von Paul III." Wie der Kardinal es vorausgesagt hatte, war Rabbi Jizchak sehr bald nicht imstande, jedem an ihn ergehenden Rufe zu entsprechen. Daß er den Kardinal behandelte, war selbstverständlich, und es gelang ihm häufig, dem Schwerleidenden Linderung zu verschaffen. An wirkliche Heilung hatte er nie geglaubt. Gleich bei der Untersuchung hatte er sich überzeugt, daß das Uebel, da bereits allzuweit fortgeschritten, in wenigen Jahren den Organismus vollständig zerstören werde. Eine allzu stürmisch verlebte Jugend lag hinter dem Kirchenfürsten, das rächte sich jetzt. Trotzdem versicherte der Kardinal oft, daß er sich nie so glücklich gefühll habe wie jetzt, denn das Fortschreiten des Uebels ahnte er nicht. Und wenn dann Tirza oder, wie er sie nannte, Graziella an seinem Ruhebette saß und ihn dabei mit ihrem lieblichen Geplauder unterhielt, ihm Scherzreden erzählte, die sie mit ihren Freundinnen gewechselt oder von den Dankesworten der Armen und Kranken, die sie mit dem Gelbe, das er ihr reichlich zur Verfügung gestellt hatte, unterstützte, dann konnte er seine Schmerzen vergessen und alles - und nicht müde werden, dem holden Kinde in das liebliche Anllitz zu schauen. Daß die liebreizende Contessa Grazielle, angeblich die Tochter des jüngsten, im Ausland verstorbenen Bruders des Kardinals und mutmaßliche Erbin seines kolossalen Vermögens, eine vielnmworbene junge Dame war, ist selbstverständlich. Aber keinem der jungen vornehmen Edelleute war es gelungen, ihre Zeneigung zu erlangen. „Sie hat kein Herz" hieß es oft von ihr; niemand ahnte, daß sie ihr Herz längst verschenkt hatte. * Mehr als drei Jahre waren verflossen. Tirza's Schönheit hatte sich in ihrer vollen Blüte entfaltet, doch auch geistig war sie mehr und mehr herangereift. Anfangs hatte sie Rabbi Jizchak wiederholt an sein Versprechen erinnert, ihr, sobald sie selbstständig sein werde, zum Übertritt zum Judentum behilflich sein zu wollen. Doch schon seit längerer Zeit hatte sie nicht mehr davon gesprochen, denn ohne daß er sich recht erklärt hätte, hatte sie ihn verstanden, als er ihr gesagt hatte, es werde nicht lange mehr dauern, bis sie selbständig über sich werde verfügen können. Das hatte sie gepackt wie mit eisiger Hand, denn sie liebte den leidenden Mann aufrichtig, der mit gradezu rührender Zärtlichkeit an ihr hing. Und noch mehr als bisher war sie unablässig bestrebt, ihm Liebe und Freundlichkeit zu erweisen. Rabbi Jizchaks Ruf als tüchtigster Arzt, als Leuchte seines Jahrhunderts, hatte sich mehr und mehr gefestigt. Aber seine Feinde wühlten mehr und mehr, und alle italienischen Aerzte waren seine Todfeinde, bis auf den einen jüngern Arzt, der sich gleich damals mit ihm einverstanden erklärt hatte. Da es seinen Kollegen nicht gelingen konnte, alle die glänzenden Kuren, die chm geglückt waren, zu verkleinern, so begannen sie, die Achseln darüber zu zucken und zu erklären, das alles könne unmöglich mit rechten Dingen zugehen; der Jude, der ohnehin der Hölle verfallen wäre, hätte noch extra seine Seele dem Gottseibeiuns verschrieben und der hätte ihm geholfen, alle die wunderbaren Kuren zu vollführen. Wiederholt schon hatte die Inquisition Rabbi Jizchak verurteilt; doch gegen den ausdrücklichen Willen des Papstes wagte man nicht, zu seiner Verhaftung zu schreiten. Dieser hatte längst erkannt, daß sein Leben bedroht war, und hätte sich schon lange dieser Gefahr durch rechtzeitige Flucht entzogen, wenn er nicht erkannt hätte, daß es mit dem Kardinal rasch abwärts ging. Und was wäre dann ohne ihn aus Tirza geworden? Das Wühlen - seiner Feinde ward ärger und ärger. Man erzählte die unglaublichsten Dinge von ihm, und alles wurde geglaubt. Die Einen wollten gesehen haben, wie er beim Einrichten eines Beinbruches von ’ einem wild aussehenden Gesellen mit obligatem Pferdefuß assistiert worden war, andere hatten mit eigenen Augen gesehen, wie er während eines Gewitters in einer schwarzen Wetterwolke gehüllt über die Stadt geflogen war, bis zu dem Vatikan, wo der Papst ihn erwartet hatte. Das war den heiligen Vätern denn doch zu arg geworden, sie glaubten ihre bisherige Zurückhaltung nicht mehr aufrecht halten zu dürfen, und der Großinquisitor selbst entschloß sich, den Heiligen Vater zu beschwören, der Gerechtigkeit freien Laus zu lassen. „Wohl gesprochen, Ew. Eminenz," hatte Se. Heiligkeit erwidert, „selbstverständlich werden wir der Gerechtigkeit freien Lauf lassen. Doch was wäre das für eine Gerechtigkeit, wenn wir denjenigen dem Feuertode preisgeben würden, dem wir unsere Gesundheit, wenn nicht unser Leben verdanken." Die Eminenz zuckte die Achseln. „Ew. Heiligkeit wolle in Erwägung ziehen, durch wessen Beihilfe der freche Jude seine Kuren vollzieht. Dem Höllenfürsten war es freilich ein Leichtes, durch ein Fächeln seines Schweifes die Glut zu löschen, wozu die christlichen Aerzte allerdings eines Aderlasses benötigt hätten." Der Papst lachte. „Ew. Eminenz ist im Irrtum, unser Leibarzt bedarf nicht der höllischen Künste zu seinen oft staunenerregenden Kuren, dazu genügt ihm vollauf sein grader, gesunder Menschenverstand, von dem er allerdings eine beträchtlich größere Portion sein Eigen nennt, als die meisten andern Menschen und an dem namentlich die italienisschen Aerzte nicht selten großen Mangel leiden." Nahezu drei Stunden währte die erregte Unterredung der beiden höchsten Kirchenfürsten. Schließlich behauptete der Großinquisitor, daß Rabbi Jizchak selbst auf seiner Reise nach Rom seinem Reisebegleiter, dem Pater Anselmo, eingestanden hätte, daß ihm der Teufel zur raschen Erlernung der italienischen Sprache bcigestanden wäre. Das erklärte der Papst für unmöglich, ließ sich sogar zu der Erklärung herbei, falls der Großinquisitor die Wahrheit seiner Behauptung beweisen werde, er dessen weiterem Vorgehen nicht mehr hinderlich sein werde. Der Großinquisitor hatte darauf verlangt, daß der jüdische Arzt sofort gerufen und in seiner Gegenwart gefragt werde, wie sich die Sache verhalte. Drei Boten wurden gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen hin ausgesandt, den Betreffenden herbeizurusen, und so. stand Rabbi Jizchak in verhältnismäßig kurzer Zeit den Kirchenfürsten gegenüber. In freundlichsten Worten machte ihn sein Gönner mit dem Sachverhalt bekannt und sprach seine Ueberzeugung aus, daß er unmöglich die erwähnte Aeußerung getan haben könne. . Rabbi Jizchak schüttelte jedoch den Kopf, während ein gewisses verlegenes Lächeln seine Lippen umspielte. Zu seinem Bedauern könne er die erwähnte Aeußerung nicht mit Entschiedenheit in Wrede stellen. Er erinnere sich zwar nicht mehr genau seiner Worte, halte es jedoch nicht für unmöglich, im Scherz ähnliches geäußert zu haben. „Nun?" rief der Großinquisitor triumphierend, „was sagt Ew. Heiligkeit nun?" „Rabbi! Rabbi!" rief der Papst jammernd, indem er die Hände zusammenschlug, „was habt Ihr mir getan! — Ihr habt Euer Leben verwirkt!" Der Rabbi erblaßte, richtete sich jedoch stramm auf. „Ich bin mir keiner Schuld bewußt, mein Leben steht in Gottes Hand." „Ihr könnt sagen, in den Händen der Inquisition." „Auch über die Inquisition waltet Gott." Der Papst zuckte vcrzweiflungsvoll die Achseln. ,O>, über die unweisen Scherzreden! Wie kann nur ein Jude, ein Glied des unglücklichsten Volkes, derartiges über die Lippen bringen!" „Es ist wahr, kein Volk hat so viel Unglück getroffen, wie das jüdische. Aber nächst unserm felsenfesten Gottvertrauen war es unser Humor, der uns aufrecht erhalten hat." „Und jetzt ist es Euer Humor, der Euch zu Grunde gerichtet, der Euch der Inquisition übergeben hat. Denn leider! leider! — wir können nichts mehr fiir Euch tun!" — , Der Großinquisitor strahlte, so hatte er endlich gesiegt über den von Gott verfluchten Juden. „Also — Ew. Heiligkeit —" „Ew. Eminenz kann unbesorgt sein, das Wort des Statthalters Christi ist ein Wort! — Die Inquisition hat unfern Leibarzt zum Feuertode verurteilt, — wir müssen uns jedes weitern Einschreitens enthalten. Aber bis zu seinem letzten Atemzuge gehört der Verurteilte uns, und bis zum Besteigen des Scheiterhaufens hat er in unserer nächsten Nähe zu verbleiben. — Rabbi," Ivanbte er sich an seinen Leibarzt. „Ihr begebt Euch jetzt sofort in Euer Zimmer und gebet Euer Wort, dasselbe ohne unsere ausdrückliche Erlaubnis nicht zu verlassen." „Das Wort eines Juden!" spöttelte der Großinquisitor, die Lippen kräuselnd. „Für das bürgen wir!" entgegnete der Papst, sich in die Brust werfend. „Also, Rabbi —" „Ich gebe mein Wort, das mir angewiesene Zimmer ohne ausdrückliche Zustimmung Ew.. Heiligkeit nicht zu verlassen." Mit tiefer Verneigung zog er sich zurück. Seine eigentliche Wohnung lag im Ghetto, im Hause eines der ansehensten seiner Glaubensgenossen, bei dem er auch seine regelmäßigen Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Bei dem geringsten Unwohlsein des Papstes mußte er jedoch im Vatikan übernachten, in unmittelbarer Nähe des Patienten, anstoßend an dessen Schlasziminer ihm ein Zimmer eingeräumt war, das zu jeder Zeit zu seiner Verfügung stand. Dorthin hatte er sich jetzt zurückgezogen, hier sollte er also seine letzten Tage verbringen! — Er konnte es noch nicht fassen, daß sein Ende so nahe. — Und was sollte dann aus Tirza werden? Er sann und sann, sinnend ging er in dem mäßig großen Raume hin und her, von der Tür bis zum Fenster, von dem Fenster bis zur Tür, unablässig hin und her, her und hin. — Wie lange schon? — Das wußte er selbst nicht. (Fortsetzung folgt.) üateer i^riedric*» Oueüe - Offenbach a. M. ■■■ ■ ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Toiletten-Tische Mk. 1.25. in einfacher bis hocheleganter AuafQhrung liefert den verehrt. Damen als Spoiialltätm Katalog gratis. F. EinlieA, FraDkfurt a.M.. Bifieiiane B. luatelling. J. EMMEL & SOHN Schillerstrasse 26. Sptzial-Gesehäft für Malu. Zelehen-Ofenslllen. Holzbrand-Ierbsehnlll-Jarsou Ballk-Arllkel. U Schmidt aklus. KerreMikMerei. W'/ ^*'** Reparaturen prompt u. billig. Sandweg 85 Anzug anfbfigeln Mk. 1.20. Wocheu--tkaterl0er. (Zeitangaben nach dem husch.) Samstag, den 30. Oktober (--- 15. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 35 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 50 Min. in Berlin 5 Uhr 40 Min. Wochenabschnitt: W a j e i r o. — Abrahams große Gastfreundschaft und edle Menschenliebe. Drei Engel, die er für fremde Menschen hält, bewirtet er in herzlichster Art. Dabei wird ihm die bald bevorstehende Geburt Jsaks verkündet. Die Engel wenden sich von Abrahams Hütte Sodom und Amora zu. Beide Städte nebst deren Umgegend sollen wegen ihrer Sünden mit dem Untergange bestraft werden. Auch hier zeigt sich die überaus große Herzensgüte Abrahams. Unaufgefordert betet er für die Sünder. Gott ist gnädig, will verleihen, wenn 50, 45, 40, 30, 20, ja nur 10 Gerechte