Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 41 (29.10.1909)
- Date
- 1909-10-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41. Seite 2 gleich Lombroso immer als Minderheit einer Welt von Gegnern gegenübergcstanden haben, die auch trotz Spott und Anfeindungen ihre Ideen unerschütterlich fest verteidigt und dann auch gesiegt haben, an unsere Propheten? Und in der Tat! Diese Propheten, sie sind die wahren geistigen Väter eines Lombroso und von Amos bis auf Lombroso und Nordau — abgesehen von der Stellung des letzteren zur Religion —, es ist alles nur eine ununterbrochene Linie, es ist der ewige Triumphzug der jüdischen Gerechtigkeit, der jüdischen Wahrheit, des jüdischen Genius! Und darum, während die ganze Welt in Reden und Artikeln Lombroso als großen Menschen, als großen Gelehrten und als großen Italiener feiert, dürfen wir ihn als einen der Unserigen für uns in Anspruch nehmen. Das Recht dazu — wir haben es von ihm selbst, von ihm, der am Ende seines Lebens sein jüdisches Volkstum wiedergefunden hat, gleich seinem großen Schüler Nordau. Diese Rückkehr Lombrosos zu seinem Volke, sie war .ganz natürlich und entsprach seiner ganzen Natur. Und sie ist gleichzeitig ein Beweis dafür, daß man an die Wiedergewinnung der schon für verloren gehaltenen Juden für ihr Volk nicht verzweifeln darf. Jene Juden, in deren Adern noch jüdisches Blut fließt, die noch etwas vom jüdischen Stolz, vom jüdischen Genius in sich haben, sie alle werden zu uns zurückkehren.*) * . Der große Kriminalpsychologe hat seinen edlen Geist ausgehaucht. In den zahlreichen Nekrologen der Tageszeitungen, welche seiner wissenschaftlichen Bedeutung mehr oder minder gerecht zu werden suchen, fehlt aber die Tatsache, daß Lombroso Jude gewesen und seiner Abstammung bis an sein Lebensende treu geblieben. Die Lombroso haben ebenso wie die Luzatti, Ottolenghi (letztere deutscher Abstammung aus Ettlingen in Baden) nicht allein große Gelehrte und Staatsmänner, sondern auch berühmte Rabbiner der Welt geschenkt. Zunz in seinen „Synagogale Vorträge" verzeichnet einen bekannten tabbinischen Prediger namens Lombroso. Bezeichnend ist auch die Tatsache, daß Lombroso der z i o n i st i s ch e n Bewegung sympathisch gegenüberstand. In seinem berühmten Werke „Genie «nb Irrsinn" wendet er sich an die Judenfeinde mit folgenden Worten: „Gönnt doch den armen Juden ihre Erfolge in der Kunst, Wissenschaft und auf der Börse! Sie müssen eben diese durch Nervenkrankheiten und Diabetes schwer büßen!" Ehre seinem . Andenken! Dr. med. R a t n e r - Wiesbaden.' * Eesare Lombroso, der noch wenige Wochen vor seinem Tode mit Max Nordau an den Ufern des Lago Maggiore, wo er zur Erholung weilte, über eine aktuelle jüdische Aufgabe beriet, an der er Mitarbeiten wollte, hat 1898 in dem zionistischen .Zentralorgan „Die Welt" einen Aufsatz veröffentlicht. In diesem Aussatz heißt es: „Die Bewohner Westeuropas, wenigstens die Frankreichs und Italiens, wo die Juden einen kleinen Bestandteil der Bevölkerung ausmachen, wo sie vollkommen alle bürgerlichen mrd politischen Rechte genießen, wo sic keinen Antipathien begegnen noch begegnen können, noch Ursache haben, ihnen zu begegnen — vergessen die biblische Ueberlieferung vollständig wie ein Kindermärche» und lassen die ganze politische Leidenschaft konvergieren zugunsten des Landes, in dem sie leben, dem sie berühmte Märtyrer geben, für das sie die doppelte Liebe des Neophyten und Patrioten empfinden. Aber haben jene, weil es ihnen gut geht, und weil sie ein Vaterland gefunden haben, das Recht zu vergessen, daß sie Brüder besitzen, denen es schlecht geht, die kein Vaterland haben? Haben jene das Recht zu vergessen, wie viele Tausende, Millionen von Menschen dem Spott und Verfolgungen ausgesetzt sind, blos wegen der höchst edlen Tatsache, daß sie einen Glauben besitzen? Dars vergessen werden, das der Zionismus für diese Daterlandslosen eine Wiege, für alle eine Hoffnung, und eine sichere Antwort für alle werden kann, die den Hebräer beschuldigen, daß er zu nichts taugt, als mittels Ränke und Wucher Geld zusammenzuscharren? Darum habe ich mich überzeugt, daß ich mich auch in einem Irrtum befand, als ich die Idee der Zionisten verspottete. Wenn sie in der jetzigen Weise von hervorragenden Männern weitergeleitet werden, so verheißen sie, daß wir ein neues, glückliches, an Geist und Energie mächtiges Volk hervorgehen sehen werden, das vom alten nichts haben wird, als die Ueberlieferung, die Klugheit und den Scharfsinn." Ans de» Geschehmssen des Tages. Wir hatten in der vorigen Nummer statistische Zahlen gebracht, die eine Sprache reden, die gehört sein will, — und so müssen wir nns denn näher mit diesen Zahlen beschäftigen. *) Vorstehende Würdigung ging uns aus dem Kreise der Jugend zu. D. Redakt. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „In Frankfurt sind im vergangenen Jahre neben 143 rein-jüdischen 44 jüdisch-christliche Ehen geschlossen worden," so lautete die erste Mitteilung. Diese Nachricht muß wie eine Hiobspost wirken! Wird es bei ihr nicht den Herrn im Talar und den Herren in den Gemeindestuben schwül? Wosür haben sie seit Jahr und Tag gearbeitet, wenn trotz all' ihres Wirkens'solche Resultate gezeitigt werden? Doch wir wollen den Herren die Beantwortung der Frage überlassen und uns hier nur mit einem Grunde beschäftigen, der häufig das Eingehen einer Mischehe veranlaßt. Wir meinen das vermögenslose Mädchen; eine» jüdischen Mann findet sie nicht, denn dieser verlangt, da ihn sein Geschäft und die schwereren Lebensbedingungen dazu zwingen, Vermögen, dagegen bietet sich ihr die Heirat mit einem christlichen Manne, dessen leichtere Lebensbedingungen ihn auf Geld zu verzichten erlauben. Sollte hier nicht durch die Errichtung von Aus st euer-Gesell schäften eingegriffen werden können? Die Ausführung des Problems wäre eine einfache; halb müßte sich das bei der Verheiratung ausgezahlte Kapital aus den allmählich eingezahlten Beiträgen der Anspruch Erhebenden und halb aus freiwilligen Beiträgen der mit Vermögen gesegneten Kreise zusammensetzen. Selbstverständlich wäre die Klausel, daß bei etwaiger Verheiratung mit einem Nichtjuden die eingezahlten Beiträge zu Gunsten der Gesellschaft verfallen. Und nun zum zweiten Mene-Tekel der Statistik! „Auf je 1000 Christen kamen 1908 in Frankfurt 27 Geburten und auf je 1000 Juden nur 14 Geburten." Man wird da schnell mit der Weisheit bei der Hand sein, daß die Juden prozentualiter mehr bei den begüterten Kreisen vertreten sind, deren Anteil an den Geburten Ivahrscheinlich auch nicht größer ist, als der ihrige. Doch die Weisheit ist in diesem Fall brüchig: Abgesehen davon, daß wir nicht glauben, daß sich damit allein die große Differenz rechtfertigen läßt, gilt es, nicht zu vergessen, daß wir eben Juden sind, deren sittliche Anschauungen in dem Kindersegen ein Glück sehen sollen. Da kommt nun die Statistik und lehrt, daß der Ruhm des jüdischen Familienlebens der Vergangenheit anheimgefallen ist, daß mit den jüdischreligiösen auch die jüdisch-sittlichen Anschauungen geschwunden sind. Und der Weg zurück, der Weg vom Verfall zur Gesundung? Mögen die Herren im Talar und die Herren in den Gemeiudestuben uns endlich einmal eine Antwort geben! * „Anfangs scheint es, als müßte d i e W a h r h e i t immer und schnell triumphieren, da. sie sich aufdrängt, leicht zu beweisen und sehr natürlich ist. Ich zweifle auch nicht, daß die Wahrheit schließlich unwiderstehlich durchdringen wird, denn die geschicktesten Machinationen müssen schließlich an den granitenen Mauern scheitern, auf denen sie beruht. Aber man mutz die menschliche Natur schlecht kennen, wenn man glaubt, daß das auf einmal und universell geschehen kann." An diese Worte Lombroso's erinnerte uns der Verlauf der Bukowinaer Landtagsverhandlungen über die Wahlreform. Wir hatten bereits festgenagelt, daß einige einflußreiche jüdische Individuen, sogenannte jüdische Notablen, weil sie als bewußte Assimilanten die Vernichtung des Judentums wollen, es bei dem österreichischen Minister des Innern durchsetzten, das einzige Mittel gegen die Tauf- und Mischehenseuche, nämlich die Anerkennung der jüdischen Nationalität, aus dem Wahlreform-Entwurf für die Bukowina wieder zu streichen, und so die Wahrheit wieder einmal ein Opfer geschickter Machinationen geworden ist. Doch allmählich ringt die Wahrheit sich durch, und hier ist sie bereits erkannt worden. Der Bukowinaer Landtag hat die Wahlreform wohl notgedrungen so angenommen, wie der Entwurf des österreichischen Ministers des Innern es verlangt, weil sonst die ganze Wahlresorm gefallen wäre; aber die bedeutendsten bukowinaer Abgeordneten, der Ruthene von Wassilko, der Rumänier v. Wolczynski, der Deutsche Dr. Skedl, haben ausdrücklich erklärt, daß auch die Juden eine Wahlkurie zu verlangen haben, und der Landtag nahm folgende bezeichnende Resolution an: „Bei den gegebenen Verhältnissen der Bukowina hält der Landtag dasür, daß die Juden eine eigene nationale Individualität und einen besonderen Volks stamm bilden, weshalb ihnen eine eigene nationale Kurie gebührt." So werden in -Oesterreich die Juden aus dem unwahren, verderblichen Verhältnisse, das sie je nach den Landeskeilen zu Anhängseln der verschiedenen, sich bekämpfenden Nationen macht, allmählich herauskommen, werden ihre normale und deshalb wahre Stellung erringen. Die gleichen Erscheinungen lassen sich gegenwärtig auch im Türkischen Reiche konstatieren. Aber auch hier wird sich die Wahrheit durchkämpfen protz der Gegenminen, die eine gewisse westeuropäische jüdische Seite gelegt hat. Vorläufig haben diese Herren, die wie ihre gleichgesinnten Wiener Genossen wegen ihres Geldes filr die Vertreter der Judenheit gehalten werden, ihren Zweck, die Interessen der Judenheit im Türkischen Reiche, die auch die Interessen des Türkischen Reiches selber sind, zu schädigen, erreicht. Die warmen Worte, mit denen die maßgebendsten Persönlichkeiten der türkischen Regierungskreise eine Massenansiedlung der Juden in Palästina begrüßt haben, haben sie erstarrt, — und statt die Grenzen Palästinas dem jüdischen Volke weit zu öffnen, sind die alten Einwanderungsbeschränkungen aufrecht erhalten worden. Und all' dieses nur, weil man, indem man auf diese Weise den jüdischen Massen Osteuropas das einzige Auswanderungsziel, das noch geblieben ist und bei dem einzig eine jüdische Zukunft blüht, nimmt, die Vernichtung des Judentums in seinem bisherigen Zentrum durchsetzen will, — und wirklich! nad) Hunderten zählen bereits die jüdischen Studenten und Akademiker Rußlands, die sich in der letzten Zeit haben taufen lassen! Es ist also noch nicht genug damit, daß gewisse Kreise sich restlos zu assimilieren suchen, was zu Mischehen und Taufen führt, — nein, man scheint es in diesen Kreisen auch darauf abgesehen zu haben, daß mit ihnen auch die noch gesunden Elemente des Volkes durch soziale Miseren und politischen Druck u. dgl. mehr mitgerissen werden. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der ..Deutsch-Israelit Gern e i n d e b u n d" hat folgende Einladung zu einer Konferenz zur Bekämpfung der Wandcrb'ettelei ergehen lassen: „Die bedeutungsvollen Verhandlungen des III. Deutsch - Israelitischen Verbandstages vom 18. Mai ds. Js. schlossen mit der Annahme des Antrags Elb-Straus ab, dahingehend: Der D.-J. G.-B. möge innerhalb sechs Monaten eine Konferenz einberufen, die sich ausschließlich mit der Frage des Wanderbettels beschäftigen soll und zn der alle Provinzial- und Landesverbände, sowie alle großen Hilfsorganisationen je ein Mitglied abordnen. Es wurde ferner dem D.-J. G.-B. die Hinzuziehung auch kleinerer Arineu-Verbände anheimgegeben. In Ausführung dieses Beschlusses richten wir an sämtliche im Deutschen Reich bestehenden frei- - willigen Verbände für jüdische Angelegenheiten, an die Zentralklassen für Fremden-Unterstützungen, an die Vorstände bezw. Armenkommissionen der jüdischen Gemeinden zu Berlin, Hamburg und Hannover, sowie an die großen Hilfsorganisationen der Alliance Jsraölite Universelle, des Hilfsvereins der Deutschen Juden und der Groß-Loge Bnei-Briß hierdurch die Einladung zur Teilnahme an der am Sonntag, den 5. Dezember 1909, vorm. IO1/2 Uhr, präzise, im zweiten Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde Berlin, Rosenstr. 2, stattfindenden Konferenz über die Frage der Wanderbettelei. Wir erhoffen, daß alle beteiligten Körperschaften dieser Einladung Folge leisten werden und daß das Ergebnis dieser Zusammenkunft von segensreichen praktischen Folgen begleitet sein wird. Um endlich etwas Praktisches zu erreichen, erscheint es uns angezeigt,, daß der Gang der Verhandlungen von Ansang an auf das praktische Ziel gerichtet werde. Wir glauben, daß nachstehende Ausführung, die der Auffassung der vorbereitenden Kommission unseres Ausschusses entspricht, die Zustimmung der Praktiker der Ärmen-Pflege finden wird. Das im Separatabdruck vorliegende Protokoll des III. Deutsch-Israelitischen Verbandstages enthält im Anschluß an die Referate der Herren: General- Sekretär Dr. Kahn-Berlin, Chaim-Köln, Lebrecht- Nürnberg, in Gestalt von vorgeschlagenen Resolutionen, ferner auch in den Ausführungen der Debatteredner eine Fülle von Vorschlägen für die Bekämpfung der durch die Wanderbettelei und die Rückwanderung geschaffenen materiellen und moralischen Mitzstände. Es steht nicht zu erwarten, daß eine neue Beratung im Rahmen allgemeiner Erörterungen Neues und Besseres zu Tage fördern würde. Was jetzt not tut, find Maßnahmen betreffs der praktischen Ausführung. Nun haben alle bisherigen Verhandlungen zweifellos ergeben, daß das größte Hindernis für die bessere Gestaltung der beklagten leidigen Verhältnisse nicht in einem etwa fehlenden guten Willen oder in nicht vorhandener Opferwilligkeit begründet liegen, sondern in mangelnder Einheitlichkeit des Vorgehens. Das wird aöer solange nicht anders werden, als wir einer ganz Deutschland umfassenden Organisation entbehren. Diese Organisation muß jetzt geschaffen werden und in der Feststellung des Planes ihrer Ausgestaltung besteht u. E. die Aufgabe der bevorstehenden Konferenz. Es ist von keiner Seite bestritten worden, daß der alte Vorschlag des D'.-J. G.-B. betreffs der Organisation das Richtige trifft, wenn er verlangt, daß zunächst in jeder Gemeinde eine Ortskasse zu bilden sei zur Beseitigung der Hausbettelei,' daß aber ferner nach dem Muster der in. manchen Gegenden, wie in Bayern, in Westfalen, in Rheinland und noch anderwärts überall Provinzialkassen mmmm