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Neue jüdische Presse · 1909-10-29 · Heft 41 (29.10.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 41 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sttan&fuvt ex frnrlitifitirr. fnmilirnlilntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— H.-daKttorr imd Hefchäftssterre: Srsnkfurt u. M„ vildelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Pelefo« 10507. KerausgeSer: Sa kg . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz, und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uevereinvmft. ' ' ^aBBMBBBegaBSgBBBBBe—I——gBBBHgeggaBBBBBa—^»— 7. Jahrgang. Freitag, den 14. Chescliwan 5670 <20. Oktober 1900). Rr. 41. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: C. Lombroso. — C. Lombroso. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen - Kalender. — Familie nnachrichten. C. Lombroso. Von Dr. S. M. M 6 l a m e d. Der große Lombroso ist tot. Alle Zeitungen und Zeitschriften ohne Unterschied der politischen und religiösen Ueberzeugung, feiern den großen Heimgegangenen, als den bahnbrechenden Geistauf vielen Gebieten der Wissenschaft, sie rühmen seinen Scharfsinn, die Universalität seines Geistes, sein wissenschaftliches Genie und sein schriftstellerisches Talent, - das Sokratische in seinem Charakter und seine edle Gesinnung. — Alle vergaßen aber anzugeben, 'daß dieser vielgerühmte Kulturheld ein Sohn des jüdischen Volkes war. Als der große Mathematiker Fuchs heim ging, machten sie es gerade so, als der geniale Minkowsky*) starb, ließ sie ebenfalls ihr Gedächtnis im Stich. Sobald ein großer Jude seine Zugehörigkeit zum Judentum nicht in irgend einer krassen, demonstrativen Weise immer wieder und 'wieder ausposaunt, wird er seiner nationalen.Identität beraubt, — und ihnen ist er. Wehe dem Volke, dessen Genius anonym schassen m u ß! Es wird als Bastard betrachtet, als ein „Jemand", der nicht in Betracht kommt. Die von diesem Volke geschaffenen Werke und Werte werden angenommen Und verwendet, aber ohne ein Wort des Dankes und der Anerkennung. Dieses Verdammtjein zu anonymem Schaffen ist ein Martyrium, von dem wir nur dann erlöst werden, wennwir, auf demBodcn unserer Väter lebend, der christlichen „Gerechtigkeit" und „Liebe" werden entraten können. * Jeder Leser dieser Zeitung hat schon sicherlich aus den Tageszeitungen das Nötigste über Lombroso und sein wissenschaftliches Werk erfahren. Es ist auch nicht hier die Stelle, über moderne Kriminologie und Anthropologie zu referieren. Auch über Lombrosos Stellung zum Judentum, die nicht immer die gleiche war, soll hier nicht die Rede sein. In seinem Buche: ,,L’antisemitismo eie seienze moderne" hat Lombroso — unter Zugrundelegung der Werke von Luchan, Broca, Novikow und Leroy-Beaulieu — seine rassentheoretischen, anthropologischen und soziologischen . Ansichten zusammengefaßt. Sein Verhältnis zum Zionismus hat er im Jahre 1898 ausein- *) Der Göttinger Mathematiker. andergesetzt und den Zionisten in allen Ländern einen gesinnungsgenösjischcn Gruß entboten. Das sind alles bekannte Tatsachen, über die man nicht mehr zu diskutieren braucht. Hier sei lediglich auf Lombrosos jüdischen Geist hingewiesen. Seit dem Eintritt der Juden in die Kultur bis auf den heutigen Tag sehen wir an dem jüdischen Kulturträger ein Merkmal, das uns sofort seine Identität verrät. Dieses Merkmal heißt: Radikalismus. Nur ein einziger Jude, Mendelssohn, weist dieses Merkmal nicht auf, und er ist auch heute so gut wie vergessen, denn dieses Merkmal ist ein Produkt des jüdischen Geistes und gewissermaßen ein Zeichen der Größe und der Unsterblichkeit. Dieses Merkmal weist Lombroso nicht weniger auf denn Spinoza und N o r d a u, nicht weniger denn Heinrich Heine. Es handelt sich jedoch nicht um einen bestimmten Radikalismus oder um eine spezielle radikale Verneinung oder Bejahung in irgend einer Frage, sondern um den radikalen Geist schlechthin! Spinoza war in jeder Beziehung radikal, er hat ebenso die geometrische Methode zu Ende gedacht, wie den Universalismus oder den Pantheismus. Wegen dieses Radikalismus ist er verfolgt worden, aber eben diesem Radikalismus verdankt er seinen Einfluß auf die Kultur der letzten zwei Jahrhunderte. Ebenso ist es mit Marx bestellt. Owen, der große Philanthrop, hatte schon vier Dezennien vor Marx den historischen Materialismus angedeutet, aber erst Marx hat ihn zu Ende gedacht und dadurch eine neue Weltpolitik begründet. Tie Menschen glauben eben dem, dessen Auftreten sich er i st und der in irgend einer originellen Art seine Philosophie vorzu tragen versteht. Spinozas Ethik ist nicht weniger ein Kunstwerk denn Marxens Kapital. . . . Schon aus dieser Eigenschaft des jüdischen Geistes kann man den Einfluß der Juden auf den Ablauf des geistigen Prozesses ermessen. Dieser Eigenschaft des jüdischen Geistes verdankt auch C. Lombroso seinen Welt rühm und seine Unsterblichkeit. Vor einigen Jahren kam mir ein Buch in die Hand, das den Titel führt: „I Precarsori di C. Lombroso" (Die Vorläufer von Lombroso) und dessen Verfasser, ein Freund Lombrosos, der Tr. Antonini, Direktor einer italienischen Provinz-Irrenanstalt, ist. In diesem Büchlein wird bewiesen, daß viele der von Lombroso experimentell erprobten Lehren in anderen Variationen schon früher bekannt waren. Schon im Mittelalter sind physionomische Studien gemacht worden. G. B. Della - Porta hat manche von Lombroso vorgetragene Lehre bereits angedeutet, ebenso Guglielmo Gratardi. Männer wie Gherardelli, Spontoni, Tel« Chambre und Strygk haben schon Aehnliches geahnt, „vorausgesehen" und unsicher und ohne sichere Anhaltspunkte geforscht: ja, was Gall und Lava t e r halb deutlich ausgesprochen, das hat der Jude Lombroso zu Ende gedacht — und das ganze römisch-christlich-mittelalterliche Recht vernichtet. Wie einst Gaus Hegels Philosophie juristisch umgedacht, so Lombroso das Entwickelungsgesetz und die Selectionstheorie anthropologisch und kriminologisch. Darin erkennen wir den Juden Lombroso! Wenn wir nicht gewußt hätten, daß es ein Sohn unseres Volkes ist, an dem Radikalismus seines Geistes und an der absoluten Art seines Denkens hätten wir seine nationale Identität feststellen können, lieber die Wurzel dieses Absoluten im Judentum habe ich mich schon an dieser Stelle des öftern ausgesprochen. Das Wsolute ist dem Judentum quasi immanent, und an dem Beispiel des Glaubens an einen absoluten Gott hat sich im Judentum das Unbedingte, Absolute im Denken entwickelt. Lombroso hat diese Eigenschaften des jüdischen Kulturgeistes wie alle seine großen Stammesgenossen verkörpert, und deshalb ist es eine doppelte Fälschung, wenn man Lombroso glorifiziert und sein Judentum verschweigt. London, Ende Oktober 1909. C. Lombroso. Vor wenigen Tagen ist ein Mann vom Schauplatz des Lebens abgetreten, der, seiner Abstammung nach Jude, seiner Erziehung und Bildung nach aber dem Judentum entfremdet, doch in seinem ganzen Wirken, den Stempel des Jüdischen an sich getragen hat. Es ist Cesare Lombroso. Es ist ein glänzendes Zeugnis für die unttlgbare Kraft des jüdischen Genius, daß er bei einem Manne wie Lombroso, der doch bis auf die letzten Jahre seines Lebens vom Judentum nichts gewußt, in so reichem Maße zum Ausbruch gelangt ist. Denn sowohl Wirken, als Auftreten, Gedanken und Lehren dieses Mannes, sie waren alle mehr oder minder jüdisch. Rur ein Sohn des Volkes, das nach seiner Rechtsauffassung den Verbrecher durch seine Verurteilung nicht eigentlich strafen» sondern vielmehr bessern will, das den Verbrecher auch während und nach der Verbüßung seiner Strafe noch als Menschen betrachtet, nur ein Sohn dieses Volkes konnte solche Theorien aufstellen, wie Lombroso sie verkündet hat. Und wie die Lehre, so war auch das ganze Auftreten dieses Mannes typisch jüdisch. Wenn man sieht, wie er als Einzelner unerschrocken der ganzen Welt mit einer neuen Lehre gegenübertritt, die bei ihrer Verwirklichung unsere ganz« heutige soziale Ordnung Umstürzen müßte, wenn man dann ferner steht, mit welchem Mut er diese Lehre sein ganzes Leben lang verficht, wird man dann nich unwillkürlich an jene alten Geistesheroen unseres Volkes erinnert, die auch

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