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Neue jüdische Presse · 1909-10-22 · Heft 40 (22.10.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 40 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nc. 40. geblich ftomme Rabbiner in christlichen Kirchen predigen (diesem Sport widmet sich seit einiger Zeit der Rabbiner des Judentums Nr. 2, Herr A. A. Green), wenn das Judentum nichts als eine Konfession ist, wie die Vertreter dieses Judentums lehren, dann ist auch ein Claude Montefiore denkbar. . Erfreulicherweise bildet eine andere jüdische Gruppe, die sich, auf altehrwürdige Traditionen beruft, eine wirkliche jüdische Gemeinde. Die spanisch-portugiesische Gemeinde in London bekundet durch ihre Vertreter, welcher Geist in ihrer Mitte herrscht. Ihr Präsident ist Sir Franzis Montefiore, ein treuer Mitarbeiter Herzls, und ihr Rabbiner, der Altmeister der slavischen und romanischen Philologie, Tr. Moses Gaster, war noch bis vor kurzem das Haupt der englischenZio- «isten.. Die einzige, unverzeihliche Schwäche dieser Gemeinde ist, daß sie zu spanisch und zu portugiesisch sein will. Als Alphonso in London weilte, überreichten ihre Vertreter dem,,sehr katholischen" Könige eine alleruntertänigste Adresse und erhielten als'Antwort — einen großen Korb. Jetzt wollen sie wieder dem Portugiesischen König eine Adresse überreichen. Und - dann das Judentum Nr. 5: ganz Whitechapel — viel Herz und Geist und edles Streben und nationales Bewußtsein und kein Geld. Jedes dieser fünf Judentümer ist von einander isoliert oder steht zu seinem „Mitjudcntum" in einem Kampfverhältnis. — Die neue Reform beweg ung, hinter der Männer von Geld, Ehrgeiz und Assimilationssucht stehen, ist jetzt „akut" geworden. Es war schon lange bekannt, daß sie eine besondere Sönntagssynagoge bauen wollen, der Chief-Rabbi Tr. Adler hat noch im letzten Jomkippur in einer Predigt auf diese neue Gefahr hingewiesen, aber diese Männer kümmern sich wenig um die Proteste des Chief-Rabbi. In der letzten Nummer der „Jewish Chroniclc" und „Jewish World" veröffentlichte das Komitee der „Union" ein P r o g r a m ui und Herr Claude Montefiore, als der geistige Wortführer dieser Sekte, die „Grundzügc" seiner jüdisch-theologischen Konzeption, die alles enthält, nur kein Judentum. In diesem Programm wird eine gründliche — — — Abschaffung des Judentums vorgesehen. Das erste Dogma ist natürlich die Wahrheit der Bibelkritik, dann folgen die „universale Religion", „die Rücksicht auf die Wissenschaft" und dergleichen mehr. Das ganze „Programm" atmet den'Gcist des Hasses gegen das überlieferte Judentum. Aber diese Juden st la Claude Montefiore würden nur den komischen Teil derTragikomödie bilden, wenn sie durch ihren Einfluß nicht eine Gefahr'für das schon so wie so innerlich zerklüftete englische Judentum sein würden. Bei dem sozialen Konservatismus, der in England herrscht, hat so eine au Geld reiche Gesellschaft, wie die reformerische „Union", ' eine unheimliche Kraft und Anziehung, zumal da schon mehrere Rcformgemeinden in der Provinz existieren, so in Bradford, Manchester usw. Wenn sich diese „Gemeinden" vereinigen, so können sie eine gewisse Macht bilden und die Herrschaft der jetzigen mittleren Linie streitig machen, — wenn auch nicht, so lange Dr. Adler der Führer ist. Maxime. Aus de« Geschehnissen des Tages. Das Problem liegt drinnen und nicht draußen. .Ob Schack und Brnhn die Erfolge des Antisemitismus für einige Jahre gemindert haben; ob die Beschwerden des Breslauer Judentages über die judenfeindliche Politik der Regiernngskreise zum Schaden des Deutschtums in den Ost marken bei der Regierung Beachtung finden, sind Fragen, deren ausschlaggebende Bedeutung für die Zukunft der deutschen Judenheit niemand behaupten Frankfurker Jfraelikifches FamMenblaÜ. wird, so sehr jeder Fortschritt auf dem Wege zur faktischen Gleichberechtigung zu begrüßen ist. In Wirklichkeit hat sich noch kein Jude einzig und allein wegen antisemitischer Nörgeleien oder wegen Erschwerung seiner Laufbahn taufen lassen. Diese äußerlichen Gründe geben wohl den letzten Baustein her. Was ihnen aber 'vorausgeht, das sind stets Gründe innerer Natur, denn nur, wenn keine Spur jüdischer Ideale mehr vorhanden ist, ist der Schritt der Taufe denkbar. Das Fehlen positiver jüdischer Ideale ist es, was an dem Marke der deutschen Judenheit zehrt und am Ende in Mischehen und Taufen zum sichtbaren Ausdruck kommt, — und gegen die Warnungsrufe dieser inneren Gefahren müssen alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zurücksetzungen zurücktreten, unter denen die Juden Deutschlands noch zu leiden haben. Es sind Zeichen vorhanden, daß man in den maßgebenden Kreisen der deutschen Judenheit dieses einzusehen begonnen hat — man richtet jetzt sein Interesse nicht nur auf Verbesserung der bürgerlichen Stellung der deutschen Juden, sondern auch auf die inneren Zustände derselben, — möge es bald zu energischen Taten kommen! * * * In Köln hat eine Sitzung des Großen Aktionskomitees stattgefunden, die deshalb das besondere Interesse der jüdischen Welt beansprucht, weil sie von programmatischer Bedeutung für den demnächstigen Zionistenkongreß war. Vor allen Dingen ist die Frage, ob durch die Neugestaltung der Dinge im Türkischen Reiche eine Abänderung des Baseler Programms vorgenommen werden soll, verneint worden, da „die Ziele des Zionismus die absoluteste Uebereinstimmung mit den Gesetzen und den Interessen einer einheitlichen und fortschrittlichen Türkei dermaßen voraussetzen, daß es als unangebracht erscheinen müßte, zu diesem Zwecke Textänderungen vorzunehmen." Doch nicht nur die Frage der Programmänderung, sondern auch das vor jedem Kongresse drohende Gespenst einerKultnrdebatte hat das Aktionskomitee von den Verhandlungen des kommenden Kongresses auszuschalten gesucht. Das dürfte der Zweck der Worte Professor Marburg' s sein: „Ich meine, daß wir uns nicht auf Unterstützung von Erziehungsinstituten einlassen sollen, da damit ein Kampf der verschiedenen Anschauungen in unserer Bewegung provoziert wird, der unsere Bestrebungen in hohem Maße schädigen kann." So wird sich denn der Kongreß, für den diesmal nur fünf Tage vorgesehen sind, hauptsächlich mit der von verschiedenen Seiten gewünschten Aenderung des Organisationsstatnts — anderer Zusammensetzung im Aufbau der zionistischen Organisation — und mit den Aufgaben in Palästina beschäftigen können. Der Aufbau der Organisation hat eine Bedeutung zweiten Ranges gegenüber der Sorge, wie endlich einmal das Aktionskomitee finanziell so gestellt wird, daß es vollständige Bewegungsfreiheit hat. Präsident W o l f f s o h n ist der Ansicht, daß alle zionistische Institutionen das Budget tragen sollen. Auf den bisherigen Kongressen ist die Behandlung der materiellen Angelegenheiten stets zu kurz weggekommcn. Es war das schon immer ein Fehler, aber heute wäre es mehr wie ein Fehler, denn nicht nur die Bewegungsfreiheit der Leitung, sondern auch die Erfüllung der praktischen Aufgaben in Palästina hängt davon ab. Man bedenke, daß heute sämtliche großen jüdischen Organisationen den Schwerpunkt ihrer Interessen, dem Zwange der geschichtlichen Entwicklung gehorchend, nach Palästina legen, — soll da die zionistische Organisation durch Mangel an Initiative und Mitteln die ihr gebührende führende Rolle einbüßen? — Doch die Sitzung des Aktionskomitees hat gezeigt, daß die zionistischen Führer die Situation erfaßt haben. Aus eurer Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Im Jahre 1908 wurden hier neben 143 rein-jüdischen Ehen 44 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Während auf je 1000 Christen 27 Geburten kamen, kommen auf je 1000 Juden nur 14 Geburten. Die Quote der unehelichen Geburten betrug bei den Christen 17,52, bei den Juden 4,97. Berlin. Die antisemitische Presse und die geistesverwandten Blätter haben es sich natürlich nicht nehmen lassen, auch den am 13. Oktober in der Festung Montjuich erschossenen Francesco Ferrer als Juden oder als einen „Mann jüdischer Abstammung" hinzustcllen. Wie der „N. I. K." nun auf ihre Anfrage aus Madrid telegraphisch mitgeteilt wird, stammt Ferrer aus einer rein christlichen Familie. Er war von Geblüt Catalonier, und von einer jüdischen Abstammung Fcrrers ist in Spanien selbst nichts bekannt. . Wir stellen das fest, obwohl es den Juden nur hätte zur Ehre gereichen können, füten Mann Seite 3. zu den ihren rechnen zu dürfen, der das tollkühne Wagnis unternimmt, in einem Lande mit fast 70°/» Analphabeten Bildung verbreiten zu wollen. Dieser „jüdische" Zug mag unsere Antisemiten auf die falsche Fährte gebracht haben, selbst in dem „judenreinen" Spanien noch jüdische Revolutionäre zu wittern. Altona. Die 1672 erbaute Synagoge der hochdeutschen israelitischen Gemeinde wird währendder Wintermonategeschlossen/ da sic . einer durchgreifenden Erneuerung unterzogen werden soll; während dieser Zeit wird die Synagoge der 1886 aufgelösten portugiesisch-israelitischen Gemeinde in der Bäckerstraße benützt. Die hochdeutsche israelitische Gemeinde kann im nächsten Jahre auf ihr 300jähriges Bestehen zurückblicken. Breslau. Das jüdische VoUsbeim die Toynbeehalle hat wieder ihre Pforten im Hause Ring 44 geöffnet. 28 757 Personen — 206 durchschnittlich jeden Abend — besuchten sie im vorigen Winterhalbjahre. An 96 Abenden wurden populär-wissenschaftliche Vorträge oder musikalische Darbietungen geboten, und an den anderen Menden unterhielten sich die Besucher mit Lektüre und mit Brettspielen. An jedem Wenb wurden unentgeltlich Tee und Gebäck von Damen der Gesellschaft serviert. Königsberg. Das Polizeipräsidium hat eine Bekanntmachung erlassen, daß das Teppichklopfen in der 'Nachbarschaft der Synagoge während des Hauptgottesdienstes am Samstag früh und an. den jüdischen Feiertagen verboten ist. Oesterreich-Ungarn. Przemysl. Die hiesige Stadtverwaltung ließ am jüdischen Bersöhnnngstage in der Nähe der Synagoge störende Pflasterungsarbeiten vornehmen. Als mehrere Bethausbesucher ihren Unwillen über diese Mißachtung . des höchsten jüdischen Feiertags kundgaben, wurden sie von den Arbeitern und der polizeilichen Wache blutig geschlagen. Die Arbeiter, unterstützt von Polizisten, drangen in die Synagogenvorhalle ein, wo sie mehrere ältere Juden überfielen und nicht unerheblich verletzten. Rcichsratsabgeordneter Dr. Liebermann hat über diese empörenden Ausschreitungen der Polizei einen ausführlichen Bericht an das Ministerium nach Wien gesandt. „N. I. K." Personalien. Berlin. Dr. Eugen Mittwoch, Privatdozent der semit. Sprachen an der Universität und Dozent des Abessinischen am Orientalischen Seminar, erhielt den Charakter als Professor. (L) Posen. In Neumark verschied, 74Jahre alt, der Rentier Salomon Henschke, eine durch ihre Frömmigkeit und ihr Wohltun angesehene Persönlichkeit. — In Schmiegel wurden BernhardBecker, H. Kurzeznnge und Moritz Gerstmann zu Vorstehern und G. Jakob und M. Katz zu Vorsteher - Stellvertretern der jüd. Gemeinde gewählt. Janowitz iPosen). Shnagogendiener Jakob C h i ck und Frau geb. Hirsch feierten die goldene Hochzeit und erhielten aus dieser Veranlassung ein kaiserliches Gnadengeschenk von 50 JL Nürnberg. Hier starb Frau Jeanette Josephthal geb. Berlin, die Gattin des Geh. Hofrats Gustav Josephthal, des Präsidenten der hiesigen jüd. Gemeinde und des Landesvereins für israelit. Kultusgemeinden in Bayern. Wien. Im A'ter von 64 Jahren verschied der ehemalige Gemeinderat Stadtbaumeister Donat Zifferer. Er war Präsident des Jüd. Handwerkervereins, Mitglied des Kuratoriums der Baron Hirsch- Stiftung und hat sich in seiner Heimat Holleschau mck»' in Bistritz a. Hvstein durch humanitäre Stiftungen ein dauerndes Andenken geschaffen. Wien. Der Rechtsgelehrte Professor Dr. Leo S t r i s o w e r erhielt den Titel und Charakter eines ordentl. Professors der Wiener Universität. Turin. Der berühmte Gekehrte Cesare Lomb r o s o, der Begründer der Kriminalanthropologie, ist — 73 Jahre alt — plötzlich verschieden. Paris. OberstHeymann wurde zum Brigadegenera l, Schwadronschef Katz zum Oberstleutnant, Hanptmann Crömieux zmn Schwadronschef und Hauptmann I. G. Lövy zum Bataillonschef befördert. — Baron Lucien de Reinach, Kavallerie- Hanptmann der Reserve und Ritter der Ehrenlegion, und Fräulein Mathilde Salo,mon, Vorsteherin des Sevignö Collegue, Ritter der Ehrenlegion und Mitglied des Rats für öffentlichen Unterricht, sind gestorben. — In Bordeaux wurde Camille Erlange r' s Oper „Der Triumph des Bachns" aufgeführt. Paris. Im Gymnast-Theater wurde als die erste Theatersensativn des Winters das 4aktige Schauspiel „La Rampe" mit Erfolg aufgeführt, dessen Verfasser der bekannte Arzt und Millionär Henri de Rothschild ist.

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