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Neue jüdische Presse · 1909-10-22 · Heft 40 (22.10.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 40 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. manchen Ausführungen des ersten Vortrags seinen Standpunkt wahren; er habe aber niemals für konfessionelle Unduldsamkeit Sinn gehabt, und so werde er mit lebhaftem Interesse den Verhandlungen des Verbandes folgen. Hierauf nahm Justizrat Breslauer-Berlin das Wort, um über die „Abwanderung ,der Juden aus der Provinz Posen" zu sprechen. Der Vortragende beginnt mit dem Hinweis, daß sich jetzt auch in Schlesien jene Zustände entwickeln, die in der Provinz Posen eine so enorme Abwanderung der Juden bewirkt haben, daß von 1885 bis 1905: 116 Städte über 25o/o, 54 Städte über 50 o/o ihrer jüdischen Bevölkerung verloren. Redner kritisiert besonders die Tätigkeit der Ansicdlungskommission; diese bedient sich zwar der Juden gern als Bundesgenossen gegen die Polen, handelt aber sonst bei all ihren wirtschaftlichen Unternehmungen recht rücksichtslos gegen die Lebensinteressen der jüdischeu Bevölkerung. Die amtlich gestützten Genossenschaften erdrücken durch ihren Wettbewerb die jüdischen Gewerbetreibenden. Jüdische Anwälle, Aerzte, Apotheker usw. können sich oft gegen die feindliche Haltung, die die Bevölkerung auf Anregung von Beamten des Ostmarkenvereins und der Ansiedlungskommission annimmt, nicht behaupten und wandern ab. Redner verlangt eine gründliche Wanderung dieser Verhältnisse, falls man dein Verschwinden der Juden, dieses dem Deutschtum dort so wichtigen Elements, Einhalt tun will. Gleich darauf nahm der Landtagsabgeordnete Justizrat Wolff-Lissa das.Wort zu einem Vortrag über die Fragen: „DicJuden inden Ostmarken; was haben sie dem preußischen Staate und was hat er ihnen geleistet?" Der Redner behandelt zunächst die Bedeutung des Nationalitätenkallrpfes im deutschen Osten. Der Kampf wird immer erbitterter; die Kriegskosteu aber tragen in erster Reche die Juden der Ostmarken. Die Polen greisen sie vor allem um ihrer wirtschaftlichen Stellung willen an, die ihre' Expansionsgelüste erschwert. Der Antisemitismus ist ihnen nur Waffe. Die Deutschen aber sind chnen keine zuverlässigen Bundesgenossen. Tie Maßregeln der Regierung schwächen ihre Position, machen vielfach die Existenz des deutsch-jüdischen Elementes unmöglich. Tie Juden aber haben in jenen Gegenden von je der deutschen Nationalität die wichtigsten Dienste geleistet. Sie sind seit dem Jahre 1000 (zweihundert Jahre früher als christliche deutsche Einwanderer) in Polen ansässig und sttü» während dieser ganzen Zeit stets deutsch sprechende, deutsch gesinnte. Menschen gewesen. Das Königreich Polen behandelte sic lange sehr gut und tolerant. Erst' später wurden sie, durch die politischen Verhältnisse in Polen bedrängt, in die Städte getrieben und auf Handel und Gewerbe beschränkt. Sie kamen als die intelligentesten Teile der städtischen Bevölkerung an Preußen und als der weitaus deutsch kulsivierteste dieses ganzen Distrikts. Das Generalreglement von 1797 schränkte sie trotzdem auf jede Weise ein und unterwarf sie härtesten Schikanen. Gleichwohl waren sie (im Gegensatz zu den vielfach polenisierten deutschen Einwanderern!) nicht nur die deutschesten, sondern auch die preußisch loyalsten Einwohner der Provinz. Wer auch bei der Wieder-Einverleibung im Jahre 1815 hat inan ihnen die Wohltat des liberalen Judengesetzcs von 1812 vorenthalten. Erst 1831 in der revidierten Städteordnung erhielten sie wenigstens die Möglichkeit zu kommunalen Bürgerrechten; wobei die tolerantere Staatsregierung noch gegen die antisemitischen Individuen in den Lokalbehörden vielfach anzukämpsen hatte. Schließlich wird die Posensche Judenschast gleichberechtigt — auf dem Papier. In dieser Zeit hat der Staat durch Schulen und andere Bildungsmittel mancherlei für die Juden getan und wenigstens ihre religiöse Freiheit und zivilbürgerliche Rechtsgleichheit garantiert. Wer als voller Ersatz für die hingebende preußische Loyalität der östlichen Juden, Frankfurter JsraÄitisWes FamilienblatL die sich speziell in den Befteiungskriegen bewährt hatte, konnte das nicht gelten. Heute inöchtc mau den Juden gewisse Mißerfolge der Ostmarkenpolitik in die Schuhe schieben, aber im Gegenteil würden diese viä krasser zutage treten, wenn der das Deutschtum stützende Einfluß der Juden nicht wäre. Besonders in den Kommunen, aus deren Verwaltung man sie jetzt auch verdrängen möchte, haben sie sich durch die aufopferndste unentgeltliche Mitarbeit aufs Höchste um jede kulturelle und deutsche Sache verdient gemacht. Es wäre Sache der Staatsregierung, ausdrücklich die Gesinnung, wie sie in einer aus den Kreisen der Ansiedlungskommission jüngst hervorgegangenen- Broschüre hervortritt, zu mißbilligen. Reformen auf politischem, wirtschaftlichem, vor allem aber auf gesellschaftlichem Gebiet, Bekämpfung des Berufs- und konfessions-exklusiven Kastengeistes' müssen dahin wirken, den Juden das Leben in den Ostmarken, wo sie Seite an Seite mit der christlichen Bevölkerung für die deutsche Sache stehen, erträglich zu machen. Den beiden letzten Referaten schloß sich eine Debatte an und dann wurden einstimmig folgende Thesen angenommen: i „Der Preußische Staat hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in ben Ostmarken. Daher fordern wir 1. In politischer Beziehung: Gerade in den Ostmarken sollte die Regierung a) die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger aus allen Gebieten des Staatslebens auch für die Juden verwirklichen und namentlich auch bei der Besetzung der öfsentlichen Aemter die Inden nicht zurücksetzen, d) bei Gestattung des Aufenhalts und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die voin Auslände zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen verfahren, als gegenüber den einer anderen Religionsgemeinschaft zugehörenden Ausländern. 2. In gesellschaftlicher Beziehung: Alle Beteiligten sollten darauf hinwirken, daß in den Ostmarken im geselligen Verkehr keine Absonderung nach dem Berufsstand oder nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften stattfindet. 3. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden, insbesondere auch die Ansiedlungskommission, sollten a) bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen in den Ostmarken ausnahmslos die Juden in gleichem Maße berücksichtigen wie die übrige Bevölkerung, b) öffentliche und private Anstalten, sowie Genossenschaften und Vereine. in den Ostmarken nicht unterstützen oder empfehlen, wenn piese die Juden von der Verioaltung ausschließen oder .im Geschäftsverkehr zurücksetzen." * Was sind nun die Ergebnisse der Tagung, was ihre besonderen Merkmale? Es gab Zeiten — noch nicht lange her —, da man sich bemühte, das Judentum an das Christentum anzulehnen und es ihm gleichzustellen, sodaß man die Existenzberechtigung des Judentums lediglich von den beiderseits gemeinschaftlichen, sich gleichenden Faktoren abhängig machte. Und jetzt? Jetzt endlich findet man den Mut, vor aller Welt die Unterschiede und sogar Vorzüge des Judeniunis hervorzukehren. Dieser Müt, der von einem lange Zeit vermißten und jetzt wiedcrgefundencn Selbstbewußtscin herrührt, kann nicht hoch genug cingcschatzt werden. Und noch ein weiteres! Es ist noch nicht lange her, da man. sich über die Solidarität gegenüber den Volksgenossen leichtfertig hinwegsetzcn zu dürfen glaubte; ja 'man ging bisweilen sogar so weit, die östlichen Brüder zu desavouieren, und manche einflußreiche Persönlichkeiten brachten es sogar fertig, offen den Zuzug von östlichen Juden als unerwünscht zu erklären; — und wenn man jetzt eine Forderung an die Regierung stellt, die dahin geht: „bei Gestattung des Aufenthalts und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die vom Auslande zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen zu verfahren, als gegenüber andern Ausländern," so muß dies als ein sehr erfreuliches Moment bczeichner werden. Und doch — doch können wir nicht umhin, an der Politik und der Tallik der Letter des _Nr. 40. Verbandes während dieser Tagung Kritik zu üben. Sowohl in den zur Annahme gelangten Thesen, als auch in der Begründung wird besonderer Nachdruck aufdieFörderungdes Deutschtums in den Ostmarken und auf die Parteinahme der Juden für die Deutschen gegen die Polen gelegt. „Gerade in den Ostmarken sollte die Regierung die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden verwirklichen." Und weshalb? „Der preußische Staat," — heißt es — „hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken." Also die Gleichberechtigung der Juden wird von dem Interesse des Staates, das diesem durch die Unterstützung seiner jeweiligen Regiernngspolitik seitens der Juden erwächst, abhängig gemacht! Das ist unseres Erachtens eine verfehlte Politik, denn cs ist eine Gefahr, die Gleichberechtigung eines Volkes von der Unterstützung einer vorübergehenden Regierungspolitik abhä ngig machen zu wollen; man kann ein sehr guter Deutscher sein, ohne die Politik der Regierung in den Ostmarken mitzumachen. Das Höchste, was die Regierung von den Juden der Ostmarken verlangen kann, ist Neutralität. Durch neutrale Haltung beeinträchtigen wir weder die Rechte der Polen noch die Ansprüche der Deutschen, und gleichzeitig bleiben wir unfern seit Tausenden von Jahren geheiligten Grundsätzen der Gerechtigkeit treu. Wir meinen, d a ß> es für eine Nation viel würdiger und richtiger ist, sich selb st und ihren Prinzipien stets treu zu bleiben, als hier deutscher als der Deutsche und anderswo polnischer als der Polescin z u w o l l e n. Londoner Chronik. (Schluß.) Tie innere Lage der englischen Juden ist ebenso chaotisch und verworren wie ihre äußere Lage. Das ganze innere Chaos wird durch die fünf in England existierendenJudentümer gekennzeichnet. Judentum Nr. 1: Lord Swaythlings „Federation", die schon mehrere Syuagogengemeinden umfaßt und aus der Gegnerschaft zum Chief-Rabbi Tr. Adler entstanden i st. Sie ist der Frankfurter Religionsgesellschast nachgebildet, was ihr aber fehlt, um eine Frankfurter Religionsgesellschaft zu sein, sind der tiefe, sittliche Ernst, die historischen Vorbedingungen, ein zweiter Hirsch und eine breite theoretisch-theologische Unterlage. Sie ist ein englisches Unternehmen niit einem englischen Lord an der Spitze und verdankt ihre Existenz nur den« Geldbeutel Seiner Lordschast. Judentum Nr. 2: Die mittlere Linie, ein Gemisch von Traditionalismus und Assimilation. Die „Reverends" und Ministers dieser mittleren Linie tragen.die christliche Pfarrcrtracht und sind dem galanten französischen Abbs vergleichbar, der den Damen Aufwartungen macht, viel in Gesellschaft verkehrt und die „Religion" im Salon erobern will. Ms der große Herzl zum ersten Mal einen solchen jüdischen „Geistlichen" in der Gesellschaft erblickte, frug - er einen Freund, ob dieser Herr ein christ- . licher Geistlicher wäre, und als ihm dies verneint wurde, da meinte er in Bezug auf die englisch-christliche Pfarrertracht der jüdischen Rabbiner : „Ah, Rothschilds Livree —". . Dieser mittleren Linie folgt das Judentum Nr. 3: die Reformgemeinde. Die Seele dieser Reformgemeinde sind Fräulein LiliMontague und Herr Claude Montefiorc. Dieser gläubige Jude, wie ihn Huston Ste- - wart Chamberläin nennt, entfaltet jetzt eine unheimliche Agitation für das Verlegendes Sabbats auf Sonntag. Dieses „Resormjudentum", antinational und ohne jede religiös-jüdische Färbung, ist nur eine - notwendige Konsequenz des Judentums Nr. 2. Wenn jüdische Rabbiner die Tracht christlicher Pfarrer tragen, wenn an- ..

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