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Neue jüdische Presse · 1909-10-22 · Heft 40 (22.10.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 40 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Zlrarrkfrtrter 3frarlitilrtirs familirulilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. t.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, i sonstige Länder Mk. 2.— K-daKtion und Hefchaftsstelle: Srsnkfurt s. M., vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Per-fo« 10507. H>era«sgeVer: Saks ^ei-s. " 1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - ' 7. Jahrgang. Freitag, den 7. Oliosoli^vrin 5670 (22. Oktober 1900). Rr. 40. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Londoner Chronik. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerw elt. — euilieton: Die Tochter des Kardinals. — unst und Literatur. — Wachen-Kalender. — Familiennachrichten. —Barmizwohs. Die Hauptversammlung des Verbandes der deutsche» Juden. Die dritte Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden hat Sonntag in Breslau staitgefunden. Zu ihr waren i'i der 400 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands erschienen. Vor diesen Delegierten und einer nach Tausenden zählenden Zuhörerschaft eröfsnete der Vorsitzende des Berbandsausschnsses, Justizrat Tr. Horwitz - Berlin, die Verhandlungen und begrüßte besonders den als Vertreter des Regierungspräsidenten anwesenden Regierungsrat v. Lippa, dem gegenüber er die Hoffnung aussprach, daß die Regierungsvertretcr ans dieser Tagung den Eindruck gewinnen würden, daß die deutschen Juden nur die voller Pflichtleistung entsprechenden Rechte deutscher Staatsbürger beanspruchen. Nachdem der Regierungsvertretcr der Versammlung guten Erfolg gewünscht und Geh. Justizrat W o l l st e i n im Namen der Gemeinde Breslau die Delegierten willkommen geheißen hatte, ging der Vorsitzende zur Erstattung des Geschäftsberichts über. Ter Verband hat — so führte der Bericht aus — seine Haupttätigkeit in Preußen Unterrichtsangelegenheiten gewidmet, hauptsächlich veranlaßt durch das neue Volksschulgesetz. Eine umfassende Arbeit über „Tic Rcchtstcllnng der Juden im preußischen Volksschulrecht" von Tr. Jsmar Freund ist hcrausgegcben worden. lieber die Lehrbefähigung zum jüdischen Religionsunterricht in Preußen, wie über die Einrichtung des Religionsunterrichtes an höheren Schulen wurden nach umfassenden Vorarbeiten Eingaben an den Kultusminister eingereicht. Mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund gemeinsam finb durch eine besonders gebildete Ueberlcitungskommission die Grundsätze, welche bezüglich der Unterstützung der jüdischen Gemeinden bei der .Neuordnung der Schulen auf Grund des neuen Gesetzes zweckmäßig beobachtet iverden sollen, zusammengestellt und an alle jüdischen Gemeinden und sonst Beteiligten versandt worden. — Zwecks Herbeiführung einer entsprechenden Berücksichtigung der jüdischen Religionsgemeinschaft bei den Leistungen des preußischen Staates für Kultuszwecke hat sich der Verband mit einer Eingabe an den Kultusminister gewendet und hat gelegentlich der Beratung des Gesetzes betreffend die Aufbesserung der Gehälter der evangelischen und katholischen Geistlichen durch beträchtlich erhöhte Leistungen des Staates auch .an . das Abgeordnetenhaus eine Eingabe eingereicht, um Staatsleistungen' ^auch für' die Geistlichen ' derjenigen jüdischen Gemeinden zu verlangen, in welchen schon jetzt 150—450«/o Steuern für Kultuszwccke aufgebracht werden müssen. Tie Eingabe ist im Abgeordnetenhaus in einer Weise aufgenommen worden, daß Erfolge für die Zukunft nicht ausgeschlossen scheinen. — Die von dem Verbände gemeinschaftlich mit anderen Verbänden in Angriff genommene Abwehr der gegen das Schächten gerichteten An - griffe ist fortgcführt worden, und nach Sammlung nicht unbeträchtlicher Mittel ist die Arbeit des Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer „Neue Gutachten über das 'jüdisch-rituelle Schlachtverfahrcn" veröffentlicht worden. Es ist auch vielfach gelungen, drohende Schächtverbote zu verhindern und bereits erlassene zur Aufhebung zu bringen. Anläßlich des Gesetzes betreffend Abänderung des Strafgesetzbuches hat mit Rücksicht auf einige Bemerkungen der Begründung zu den neuen Vorschriften über Tierschutz der Verband an den Reichstag eine Petition eingercicht, ivelche jedoch infolge des Schlusses der Session nicht mehr zur Verhandlung gekommen ist. — Um diejenigen jüdischen Kaufleute und dasjenige jüdische Publikum, ivelches infolge der Sabbathciligung am Sonnabend keinerlei Geschäfte verrichtet, vor dem außerordentlichen Nachteil zu schützen, welcher ihm bei völliger Durchführung der Sonntagsruhe drohen könnte, sind Schritte der Handelsvertretungen innerhalb des Reiches angeregt und zum Teil veranlaßt, sowie eine Eingabe an die Gewerbedeputation des Magistrats Berlin gerichtet worden. In einzelnen anderen Großstädten sind auch bereits Ortsstatute, welche die Interessen des erwähnten streng rituell lebenden Teiles der deutschen Juden berücksichtigen, erlassen worden. — Der Kampf, den der Verband gegen die Zurücksetzung jüdischer Staatsbürger führt, ist nach den verschiedensten Richtungen fortgesetzt worden, so bezüglich der Mitteilung der Behörden an russische Konsuln betreffend das Bekenntnis der um Pässe nachsnchenden Personen, ferner bezüglich der Zurücksetzungen in der Justiznnd der Heeresverwaltung usw., auch bezüglich des in Vorbereitung begriffenen Gesetzes über den Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit sind Schritte angebahnt worden, um die unterschiedliche Behandluirg jüdischer und christlicher Staatsbürger zu verhüten. Nach dem Geschäftsbericht nahm Rabbiner Dr. G u t t m a n n das Wort zu seinem Vortrag „2 i e Idee der Versöhnung im Judentum". Er führte aus: Der Versöhnungsgcdanke des Judentums, wie er sich .vor allem in der Feier des Versöhnungstages offenbart, gründet sich auf den Glauben an die Liebe Gottes. Weil Gott ein Gott der Liebe ist, darum hat er den Menschen in seinen! Ebenbild erschaffen, hat er ihn mit der Anlage und Fähigkeit ausgestattct, sich fortschreitend immer mehr und mehr zu einem Gleichnis Gottes heranzubilden, sich zu immer höherer sittlicher Vollkommenheit durchzuringen. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist nach der Lehre des Judentums gleichsam ein oharasttor indelebilis, ein unauslöschliches Merkmal seiner menschlichen Natur, in jedem einzelnen Menschen sich erneuernd und ihm als eine Gnadcngabe Gottes mit auf den Lebensweg gegeben. — Das Judentum kennt keine Gebundenheit des Willens, wie sie sich mit unentrinnbarer Konsequenz aus der Lehre von der Erbsünde ergibt, die, von Augustin begründet, für die gesamte Entwicklung der christlichen Dogmatik maßgebend geworden ist. Wir treten in das Leben ein in der völligen Reinheit und Ursprünglichkeit unseres gottentsprungenen Wesens, als ob wir das erste Menschengcbilde wären, das aus Gottes Schöpferhand .hervorgegangen ist. Wir sind frei und können uns auch, wenn wir gesündigt haben, durch unsere eigene Kraft wieder zu ewiger Vollkommenheit emporringen, weil wir ein Gleichnis Gottes und in seinem Ebenbilde geschaffen sind.. Der Bersöhnungsgedanke des Judentums, in dem Glauben an die sittliche Bestimmung des Mensche» als Ebenbild Gottes begründet, vollzieht sich in uns durch die Erneuerung des sittlichen Ideals, das dieser menjchlichen Bestimmung entspricht. „Heilig sollt ihr sein, wie ich der Ewige, Euer Gott, heilig bin." Weil Gott heilig ist, darum soll der Mensch danach trachten, heilig zu werden, damit das Ebenbild Gottes in ihm zu immer vollkommener Verwirklichung gelange. Natur und Sittlichkeit zu einer idealen Einheit zusammenfassend, hat das Judentum niemals die Abtötung des Fleisches, die feindliche Abkehr von der Welt, den Verzicht auf jeden Genuß des Lebens gefordert. Stellt die Heiligkeit das sittliche Ideal dar, das wir als Menschen zu vertreten haben, so kann sie von uns nicht eine Vergewaltigung der menschlichen Natur fordern, zu der nun einmal auch die sinnliche Seite unseres Wesens gehört. Jeder Kraft des Körpers und der Seele soll, wie Jehuda Halevi sagt, das ihr gebührende Maß zukommen; die gleichmäßige "Ausbildung des ganzen Menschen ist der Lehre Ziel. Die Wiederherstellung des inneren Friedens, der Haruionie und Einheit in seinem Seelenleben führt den Menschen zum Frieden mit Gott; die Versöhnung des Menschen mit sich selbst ist die Vorbedingung seiner Versöhnung mit Gott. — Jeder Mensch muß und kann nach der Lehre des Judentums sein eigener Erlöser sein; wir bedürfen keines Mittlers, keines irdischen und keines überirdischen, um zur Versöhnung mit unserem Gotte zu gelangen. Nicht der Messias erlöst die Menschheit von der Sünde, sondern, wenn die Menschheit durch ihr eigenes Ringen von der Sünde sich befreit hat und zu sittlicher Vollkommenheit herangereift ist, dann ist der Messias für sie gekommen. Während des Vortrages war der Obervräsidcnt von Schlesien, Graf Zedlitz-Trüt'schler, erschienen. Der Vorsitzende begrüßte ihn, und der Oberpräsident nahm hierauf zu einer kurzen Ansprache das Wort. Er erklärte, daß ihn als Beamten besonders die über die Ostmark in Aussicht gestellten Vorträge interessieren müßten; als Mensch und Christ müsse er gegenüber

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