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Neue jüdische Presse · 1909-10-15 · Heft 39 (15.10.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 39 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. die Ausschaltung des jüdischen Wahlkatafters die Reibflächen Lcibehalten werden, die nun bezüglich der anderen Nationen entfallen. Während die Juden in einer eigenen Kurie nur mitcrcinander den Wahlkampf ausziisechtcn hätten, werden sie gezwungen, mit den Deutschen zu kämpfen, wodurch der antisemitischen Hetze neuer Nährstoff zugeführt ivird. Behufs Stellungnahme gegen diese Entscheidung der Regierung haben in den größeren Städten und Ortschaften der Bukowina einschließlich Czeruowitz, etwa zwanzig große, massenhaft besuchte jüdische Volksversammlungen stattgefunden, in denen über die Landtagswahlreform verhandelt worden ist. Alle Versammlungen sprachen sich einmütig mii größter Energie für die Schaffung einer Wahlreform auf nationaler Grundlage und die Einführung des jüdischen Katasters aus. „Neue National-Ztg." Großbritannien. London. Die spaniolisch-portugiestsche Gemeinde will König Manuel von Portugal anläßlich seines Besuches am englischen Hofe im November durch eine Abordnung begrüßen uno ihm eine Adresse überreichen. Dieser Beschluß erweckt allgemein das größte Befremden. Haben die Herren schon vergessen, welchen Empfang ihre Abordnung beim Besuche - des spanischen Königs Alfonso in London hatte, der nicht einmal ein Wort der Höflichkeit für sic fand? Rußland. Kiew. Der Kaufmann S. I. Libermann spendete 80000 Rubel für die Errichtung einer T a l m u d - T h o r a - S ch u l e. Außerdem hat er derselben eine jährliche Subvention von 3000 Rubel für zehn Jahre zugesichert. Türkei. Äonstantinopel. Der „Aurore" zufolge wird das Untcrrichtsnlinisterium eine Verordnung erlassen, daß die Abiturienten jüdischer Schulen, sobald ihr Zeugnis vom Chachambaschi bestätigt ist, ohne Prüfung zu den jeweilig höheren türkischen Staatsschulen zugelassen werden sollen. Diese Verordnung würde das Ansehen der jüdischen Schulen sehr heben. Amerika. New-Aork. Der angesehene rumänische jüdische Schriftsteller I. I a n o w i tz hat sich hier niedergelassen. In einem I n t e r v i e w ü b c r d i e I u b e n r n R ü m ä n i e n, das ein Vertreter des „Tageblatt" mit ihm hatte, sagte er, daß den Juden Rumäniens nur die Auswanderung bleibe. König Karl sei ein ausgesprochener Antisemit, und wer von den Beamten vorwärts kommen wolle, wisse, daß er dies am leichtesten durch Betätigung einer antisemitischen Gesinnung erreiche. Das rumänische Volk selbst sei nicht judenseindlich, der Haß werde von oben geschürt. New-Aork. Die organisierte amerikanische Arbeiterschaft verlangt,Verschärfung der Jmmigrationsgc setze und stellt dabei folgende Forderungen: 1. Es sollen in Amerika nur solche Emigranten Einlaß finden, deren heimatliche Lcbensbedingungcn den amerikanischen entsprechen. 2. Jeder Neuankommende soll 10 Dollar — statt der jetzt vorgeschriebenen 4 Dollar — entrichten. 3. Jeder Immigrant, der nicht zur Kategorie der politisch Verfolgten gehört, muß 25 Dollar und eine Fahrkarte bis zunr Reiseziel besitzen. 4. Jeder Einwanderer über 14 Jahre muß die amerikanische Konstitution in englischer oder seiner Heimatssprache lesen können. Es sei hcrvorgehoben, daß die Unzufriedenheil der amerikanischen Arbeiter mit dem wachsenden Jmmigrationsstrom hauptsächlich durch jene Einwandererkategoricn hcrvorgerusen loorden ist, in der die Juden verhältnismäßig wenig vertreten sind, und die besonders viel Polen, Italiener, Magyaren und Slovaken umfaßt. Es ist jedoch klar, daß eine Erfüllung der angeführten Arbeiterfordernnge» auch den jüdischen Emigranten die Einwanderung in Amerika so gut wie unmöglich machen würde. „N. I.-K." . Marokko. Tanger. Am Abend vor dem Roschhaschana-Fest benötigte man im kaiserlichen Palaste einige Matratzenmacher. Es wurde ins Judcnvicrtcl geschickt und einige Handwerker zu Hose beordert. Die Inden wendeten ein, daß das Nenjahrsscst begonnen habe, und daß ihre religiösen Vorschriften ihnen die Arbeit am Festtage verböten. Das rührte den Kämmerer wenig. Er ließ die Juden in Ketten legen t a Frankfurker Israelitisches Familienblatt. und so die Nacht hindurch ihre Arbeit verrichten. Einer von ihnen, der sich aufsässig zeigte, wurde in grausamer Weise mit Stöcken geprügelt. Der Großwesir, der als rechtlich denkender Mann bekannt ist, versprach auf Ansuchen der Bcschwerdeührer beim Sultan vorstellig zu werden, machte aber wenig Hoffnung, das; es ihm gelingen werde, gegen den mächtigen Einfluß, den der Kämnicrcr bei Hofe genieße, aufzukommen. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Talmud^Thora-Verein. Am dieswöchentlichen Freitag sofort nach dem Abenbgottesdienst wird im Hörsaal der Synagoge am Börneplatz mit den W i n t e r v o r t r ä g e n begonnen. Frankfurt a. M. Die Bereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit 1905, die gegenwärtig ihr Winterprogramm versendet, ersucht uns um Ausnahme folgender Zeilen: Unsere Bereinigung versammelt allwöchentlich unter der bewährten Leitung ihres Dozenten, des Herrn Prof. Adolf Wehl, jüdische junge Leute, die sich in die Schätze der deutschen Literatur zu vertiefen suchen. Für die positiv jüdische Ausbildung der Jugend ist in Franksurt in verschiedenen Vereinen Sorge getragen. Die Vereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit aber bildet dazu eine wertvolle Ergänzung im Kreise der auf dem Standpunkt des überlieferten Judentunis stehenden Vereine. Wir glauben uns nicht zu übcrheben, wenn wir hier ölfcntlich konstatieren, daß der Verein in seinem 5jährigen Bestehen vielen junge Leuten als Beigabe zu ihrer positiv jüdischen Ausbildung einen Schatz allgemeiner Bildung übermittelt hat. Das beweisen die Sympathien, deren sich der Verein in allen beteiligten Kreisen erfreut, sowie die stets im Wachsen begriffene Mitgliedcrzahl. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, die Eltern insbesondere der schulentlassenen Jugend zu veranlassen, ihre Söhne unserem Vereine zuzusühren. Die jungen Leute — insbesondere die von auswärts kommenden, in hiesigen Geschäften tätigen — dürften den Anschluß an unseren Verein nicht zu bereuen haben. Sie werden neben den Vorteilen einer gründlichen literarischen Ausbildung auch noch die Wohltaten einer angeiiehmeu Geselligkeit dankbar empfinde». Anfragen sind zu richten an den Vorsitzenden, Herrn Gabr. Plaut, Schützenstraße oder an den stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Karl Isaak, Hölderlinstraßc 5. Frankfurt a. M. Das Winterprogramm des „M o n t e f i o r c" - V c r c i n s zeigt wieder die Fülle von Ausgaben, die dieser Verein sich gesetzt hat. Neben den Mitiwvch-Abcnd-Vortrügcn werden wieder französische und englische Anfangs- und Fortbildungskurse, Stenographie- und Tnrnkurse und literarische Lese-Abende abgehaltcn werden; Anmeldungen hierzu haben ehestens im Vcrcinslokalc Seilerstr. 22 (Bürostunden: Dienstag und Donnerstag Abend 8—10 Uhr) zu geschehen. Bei den Mittwoch-Abcnd-Vorlrägcn sind ganz besondere Themata jüdischen Inhalts berücksichtigt ivorden. Zur Förderung ihres jüdischen Wissens stehen den Mitgliedern außerdem die Vorträge des Talmnd-Thora-Vereins und des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur offen; auch wird der Verein wieder einen Schiur unter Leitung des Herrn Dr. B. May veranstalten. Der Geselligkeit dienen die Freitag-Abende. Die Zahl der im Lesezimmer aufliegendcn Zeitschriften ist wiederum vermehrt worden; ganz besonders hat aber der Büchcrstand der Bibliothek eine große Vermehrung erfahren. Frankfurt a. M. Die „P e k i d i m u. A m a r - kalim der Gemeinden des heiligen Landes zu Amsterda m" und die „P a l ä st ina- K o m m i s s i o ii der Freien Vereinig u'n g für die Interessen des orthodoxen I n d e n t u m s" hatten auf Dienstag Abend zu einem Vortrage des Rabbiners I. Horovicz- Jerusalem, des Leiters des Jerusalemer Büros der deutsch - holländischen Chalukaverwaltung, über das Thema „Aufgaben der g c s e tz e s t r e a e tt Indenhcit im heiligen Landc" eingeladen. Redner beschäftigte sich in seinen Ausführungen zuerst mit den jüdischen Zuständen in Jerusalem. Armut, Wohltätigkeitsanstaltcu und Thorasludium sind die Charakteristiken der Jerusalemer Jndenheit. 70»/« der etwa 50 000 Juden Jerusalems sind blutarm; sie würden zum größten Teile sich gern aus eigener Kraft ernähren, aber die Erwerbsnröglichkeiten sind bisher sehr geringe, und alle Versuche der europäischen Philanthropen, die wirtschaftliche Lage zu heben, sind trotz der darauf verwendeten Unsuinnien aus dem Studium der Versuche nicht herausgckouimen. So sind denn die Leute auf die sogeiiaunte Chaluka angewiesen. Leider sind die Mittel der verschiedenen Chalukaverwaltungen zu gering. Während die christlichen Hilssgcsellschaften gut fundiert sind, können die Chalukaverwaltiuigen zum Teil nur 80—100 Frcs. pro Familie und Jahr aufwenden. Die Wohltätigkeitsanstalten sind in Jerusalem so zahlreich, wie sonst in keiner zweiten Stadt der Welt. Man kann hier praktische Humanität sin- Nr. 39. dieren. Aus einem Nichts werden die 'Anstalten ins Dasein gerufen und erhalten; - die meisten sind in ihren gesamten laufenden Ausgaben auf eingehende Spenden angewiesen und geben im Vertrauen auf den Einlans der Spenden Wechsel aus, deren Umsatz so groß ist, daß dafür eine Börse existiert und von dem Handel damit Dutzende von Familien leben. Die Wohltätigkeitsanstalten beherrschen das gesamte wirtschaftliche Leben Jerusalcms und eine Krise derselben würde eine Krise für ganz Jerusalem bedeuten. Nirgends wird auch sp viel im jüdischen Schrifttum gelernt, als in Jerusalem. Und nirgends dürfte cs wohl auch eine so große Anzahl von Männern geben, bei denen jeder Atemzug und jeder Gedanke dem Studium ves Judentums gehören. Zahlreiche der Tälmudbeflissenen Jernsalcms habe» auch profanes Wissen. Redner geht nun zu der Tätigkeit der deutschholländischen Chalnia über. Sic ist die einzige Chalukninstitution, die bei ihren Unterstützungen nicht nach der Herkunft der Petenten fragt, während die anderen nur Landsleute unterstützen. In den letzten Jahren hat sich die deutsch-holländische Chaluka mit der Freien Vereinigung zu, geincinsaincni Wirken vereinigt, und man ist bemüht, auf die kulturelle und wirtschaftliche Hebung der Inden Palästinas Einfluß zu gewinnen. So stehen jetzt Schulen in Haifa und in den Kolonien Pesach Tikwah und Rischou-le-Zion unter dem Banner der Freien Vereinigung, und so ist vor einigen Monaten eine Arbeiter- und Handwcrkerschnle „Darchci Chajim" ins Leben gerufen worden. Der Aufgaben find gar viele, doch bedarf es großer Mittel, um sic zu erfüllen. Im Namen der Freien Vereinigung sprach sodann Herr Jacob N o s c n h c i in. Die Freie Vereinigung wolle kulturell und sozial in Palästina arbeiten, sie wende daher besonders ihre Aufmcrksamkeit dem Schulwesen, der Industrie und der Landwirtschast zu. Sie habe daher auch in die Ehalukainstitntion verbessernd cingegrifseii und verlange z. B., daß Kinder über 13 Jahren keine Chalnka mehr erhalten. Was sie erstrebe, sei kein Frankfurter Judentum, das häufig ein waschechtes Umherazestnm ist, sondern wirkliches jüdisches Wissen vereint mit praktischen Kenntnissen. Frankfurt a. M. Die Eröffnungsfeier des „M o n t e f i o r e"-Be re i n s sah wie jedes Jahr einen überfüllten Saal und ein edlen Kunstgenuß bietendes Programm. Herr Felix M eher gab zu Anfang einen Ucberblick über die maiinigsaltigen Einrichtungen und Veranstaltungen-für die Wintcrsaisoii. Herr Rabbiner Dr. I. Horovitz hielt dann die Eröffnungsrede, in der er auf die innige Verbindung von Judentum und Menschentum hinwies — ein guter Jude ist ein guter Mensch — und die Mitglieder aufsorderte, sich mit derjüdischen Literatur und Geschichte zu beschäftigen, um so mit der fortschreitenden Erkenntnis des Judentums immer bessere Inden zu werden. Es folgte nunmehr das miijikalische-deklamntorischc Programm. Die Leistungen der Damen M a j a Schlesinger und A n n i c R o s e ii t h a l und der Herren Julius Spier und Fritz Ster n boten durchaus Vollendetes und ernteten lebhaften Beifall. Berlin. Für den Verein.Jüdische Blindenanstalt für Deutschland" wurden in der ersten Vorstandssitzung vom 4. Oktober, gewählt zum 1 Vorsitzenden: Augenarzt Dr. Wilh. Feilcheufcld, Charlottenburg, Berlincrstr. 154; 2. Vorsitzenden: Fabrikbesitzer William Neumann, Elisabcthstraßc 28/29. 1. Schriftsührcr: Justizrat Louis Cohn, Joachimstalerstr. 33/34; 2. Schriftführer: Geh. Kommiss.-Rat Potsdammer, Victoria Louiseplatz 5; 1. Schatzmeister: Bankier Fritz Wallach, Französische Straße 33; 2. Schatzmeister: Kommerz.-Rat Gerson Simon, Knrfiirstenstr. 126. Die Geschäftsstelle besindet sich jetzt in Berlin, Roscnstr. 2, im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde. In nächster Zeit wird das Heim für die Erziehung blinder jüdischer Kinder eröffnet werden,- und sind diesbezügliche Aufnahmcgesuche an die Geschäftsstelle zu richten. Beitrittserklärungen nehmen die Herren vom Vorstand und die Geschäftsstelle entgegen. Bad Ems. Das hiesige Israel. Zentral- Waisen- und M ä d ch e n h e i m beklagt in seinem soeben erschienenen Jahresberichte, daß die Einnahmen im letzten Jahre erheblich abgeiiommen haben. Es ist das eine Erscheinung, die. nian in den letzten Jahren bei den meisten jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen konstatieren muß; teils dürfte der wirtschaftliche Niedergang schuld daran tragen, teils der Rückgang jüdischen Interesses, der ja in den zahlreichen Mischehen und Taufen deutlich zum Ausdruck kommt. Die Einser Anstalt beherbergte am Schluß des Berichtsjahres 32 Zöglinge. Von ihren Ausgaben seien hier angeführt: Beköstigung 6696 M. und Bekleidung 1695 JL Emde». Der hiesige Montefiore-Verein eröffnete am Sonntag, 10. Oktober, sein diesjähriges Winterprogramm mit einem Vortrage des Herrn Rabbiners Dr. L. A. Ro s en th a l-Berlin; Der Redner sprach in gewandter.Weise über das „alt-

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