Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 39 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SK. 39. Simchastaüro brachte den Einzug unserer „Idee" in die Pester Synagoge. 2000 jüdische Kinder zogen unter 2000 flatternden, blauweißen Fahnen beim Klange der „Od-lo-owdo"-Hymue in die Budapester Bethäuser ein. Zioni. Aus den Geschehnissen des Tages. Die Minierarbeit der jüdischen Totengräber Theodor Ritter von Gomperz, Herrenhausmitglieds, Universitätsprofessors und Vaters dreier getaufter Kinder, Hofrats Kurända, deutschen Abgeordneten jüd. Konfession, und Dr. Löwensteiu, polnischen Albgeordneten jüdischer Konfession, und ihres Organes, der „Neuen Freien Presse", scheint geglückt zu sein. Während aus Bosnien die freudige Nachricht kommt, daß für den dortigen Landtag die jüdische Kurie bewilligt ist, trifft aus Wien die betrübende Nachricht ein, daß der Minister des Innern sich einer Deputation des Jüd. Nationalvereins in Oesterreich gegenüber gegen die jüdische Wahlkurie in der Bukowina ausgesprochen hat. Es hält bei dieser Nachricht schwer, die Ruhe zu bewahren und nicht jene harten Worte zu gebrauchen, die am Platze wären. Wer abgesehen von der Niederträchtigkeit ist die Handlungsweise auch eine Dummheit, für die nur blind machender Assimilierungsfanatismus eine Entschuldigung bieten kann. Denn so lange die Juden sich an dem Nationalitätenkampf der österreichischen Völker beteiligen, schwächt der Antisemitismus nicht ab. Hat das doch selbst die „Neue Freie Presse" in einem Augenblick der Vergeßlichkeit bezüglich Bosniens anerkannt, indem sie schrieb: „Die Gemeinderatswahlen in Sarajewo haben die eigentümliche Situation ergeben, daß die Juden das Zünglein an der Wage bildeten. Die Partei, für welche die Juden stimmten, siegte. Diese Situation empfanden die Sarajewoer Juden als eine sehr peinliche, weil sie sich mit jener Partei verfeindeten , gegen welche sie stimmten. Um einer ähnlichen Situation bei den Wahlen für den Landtag zu entgehen, stellten sie die Forderung auf, für den Landtag einen eigenen Landtagswahlbezirk zu erhalten, und das Landesstatut trägt diesem Wunsche Rechnung." Man sollte doch meinen, daß eine Wahrheit, die in Bosnien gilt, auch in den anderen Kronlänbern Oesterreichs ihre Geltung habe! * » » > :•!' Die veränderte Lage in der Türkei mußte notgedrungen eine Aenderung in der zionistischen Politik nach sich ziehen. Die diplomatische Arbeit der Leitung ist beim gegenwärtigen konstitutionellen Regime weniger aktuell geworden. Dagegen ist jetzt die intellektuelle Arbeit innerhalb der türkischen Judenheit an erste Stelle getreten, denn die Juden iwr Türkei bedürfen der nationalen Aufklärung, es muß an ihnen gut gemacht werden, was die Alliance mit ihrer assimilatorischen Arbeit verdorben hat. Freilich ist eine solche Arbeit nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen: doch je eher sie begonnen wird, desto besser für die zionistische Sache. Wer noch eine zweite dringende Arbeit harrte der Erledigung seitens der Zionisten, und zwar die Aufklärung dertürki sch enOeffenrlichkeit. damit keine falsche Vorstellung vom Zionismus und dessen Bestrebungen Platz greife. Es ist daher sehr erfreulich, baß die zionistische Leitung in Einsicht der richtigen Sachlage diese aufklärende. Arbeit nach beiden Richtungen hin intensiv betreibt. Seit Monaten weslt Herr Sokolow in Konflantinopcl und betreibt mit seiner gewohnten Energie und Klugheit diese Arbeit. So hat er eine Reihe von Artikeln betreffs des Zionismus in den angesehensten Zeitungen der Türkei veröffentlicht,». a. in den angesehenen täglichen Zeitungen „Courrier ö'Orient" in Konstantinopel, „Courrier de Salonique", der wöchentlichen spaniolischen Zeitung „El Judio" und „Aurore". Gleichzeitig erscheint jetzt von Sokolow in der spaniolischen Sprache ein Werk, das von der Notwendigkeit der hebräischen Sprache handelt. Die Tätigkeit des Hilfsvereius der deutsche» Jude» i» Palästina. Der jüngsten Sitzung des geschäftsführendeu Auschussses des Hilssvereins der Deutschen Juden lag ein . Antrag auf. Bewilligung von Mitteln für Kinder gär tu eri.nneu kur se in Jerusalem vor: Der als Gast anwesende Direktor Fränkfurker JfraÄBfches FamMenblatt, Ephraim Cohn aus Jerusalem machte hierzu folgende Ausführungen. „Es ist schwer, geeignete Kindergärtnerinnen aus Europa, die den Bedürfnissen des Orients, insbesondere in Bezug auf ausreichende Kenntnisse in der, hebräischen Sprache, entsprechen, zu gewinnen.' In den Kindergärten in Palästina kann aus praktischen und pädagogischen Gründen einzig und allein das Hebräische in Betracht kommen. Wegen der Vielsprachigkeit der Juden, in Palä«. stina, die aus aller Herren Länder stainmen, ist eine Einhcitssprache nötig, und diese kann nach den gegebenen Verhältnissen nur hebräisch sein. Auch andere Organisationen erkennen dies vollkommen an. So ist beispielsweise in sämtlichen jüdischen Kolonieen Palästinas, die bekanntlich zum großen Teile der Administration der Jka unterstehen, Unterrichts¬ und Umgangssprache in den Kindergärten ausschließlich hebräisch. Schon jetzt sind in Palästina die meisten Kindergärtnerinnen Palästinenserinnen. Es besteht aber noch ein dringendes Bedürfnis nach Vermehrung der heimischen Kräfte. Zur Teilnahme an den Kindergärtneriirnenkurscn werden außer den bereits in Kindergärten tätigen Hilfskräften namentlich die Absolventinnen aus der Mädchenschule des Hilfsvereins herangezogen iverden. Der Kursus wird, zunächst auf etwa 20 Schülerinnen zu rechnen haben." Direktor Cohn gab alsdann noch einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung des Schul- und Erziehungswerks des Hilfsvereins in Palästina, aus dem folgendes angeführt sei: „Der Hilfsverein unterhält und unterstützt in Palästina an 20 Institute mit nahezu 2000 Zöglingen. Die Leistungen des Hilfsvereius iverden von allen Seiten anerkannt; auch die Alliancekommission hat in spontaner Weise gelegentlich ihrer Anwesenheit in Jerusalem ihre lebhafte Anerkennung über die dortigen Anstalten des Hilssvereins zum Ausdruck gebracht. Etwa 20 Lehrer sind bisher aus dem Seminar, das ini Jahre 1004 begründet wurde, hervorgegangen. Auch in den Kolonien beginnt sich die Tätigkeit des Hilfsvereins bereits segensreich bemerkbar zu machen. Die Kolonieschule in Rechowoth, die früher infolge von.Streitigkeiten in der Gemeinde nicht gedeihen konnte, befindet sich in bester Blüte, seitdem drei Lehrer des Hilssvereins an derselben tätig sind. Die mit dem Lehrerseminar in Jerusalem teilweise kombinierte Handelsrealschule wird im nächsten Frühjahr die ersten Abiturienten entlassen können. In Jerusalem selbst werden die vom Hilfsvercin subventionierten oder ganz unterhaltenen Anstalten von etwa 1000 Zöglingen besucht. Es sind drei Kindergärten vorhanden, eine Mädchen-Schule, ein Mädchenheim und die Lämelschule, die mit dem Werke des Hilfsvereins eng verbunden ist. Die Mädchenschule hat eine besonders schnelle und erfreuliche Entwickelung genommen. Sie hat beinahe schon die Besuchszisfer der Lämelschule erreicht, zu der sie eine Art Parallelinstitut ist." Der geschäftsführende Ausschuß nahm mit Genugtuung von diesen Ausführungen Kenntnis; insbesondere gelangte die Befriedigung darüber zum Ausdruck, daß sich die prinzipiellen Grundlagen, die der Hilfsverein seinem Schulwerk in Palästina in Bezug auf den Sprachunterricht durch die Berücksichtigung des Hebräischen und der Landessprachen von Anfang an gegeben hat, bewährt haben. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der Jüdische Frauenbund (Vorsitzende: Fräulein Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M.), der die Bekämpfung des Mädchenhandels zu einer seiner wichtigsten Aufgaben zählt, hat durch seine Ortsgruppe Frankfurt a. M. — ähnlich wie es die christlichen Bahnhofsmissionen bereits getan haben — in den Bahnhöfen, den Eisenbahnabteilen und an sonst viel besuchten Orten der Stadt Schutzplakate für allein reisende Frauen und Mädchen anbringcn lassen. Sie sollen sie auf Gefahren aufmerksam machen und ihnen in allen größeren Städten Deutschlands Adressen nennen, darunter auch einige Auswandererbüros, an die sie sich um Rat und Hülfe wenden können. Das Plakat wurde nach dem durch das Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels Berlin, bekannt gemachten Bilde hergestellt und zeigt ein junges Mädchen, das auf einem Reisekoffer sitzend trostlos den Kopf in die Hände stützt. Am unteren Rande des Bildes stehen die Worte: „Bekämpfung des Mädchenhandels." — Auch vertreibt die Ortsgruppe im Einverständnis mit dem Deutschen Nationalkomitee (Vorsitzender: Herr Gesandter von Dirksen) Siegelmarken, die das Bild und die Unterschrift in verkleinertem Maßstabe tragen und bezwecken, in weiten Kreisen das Interesse für die brennende Frage des Mädchen- Seite 3handels zu fördern. Allen Frankfurter Frauen-Vereinen sind Siegelmarken zugesandt worden, sie sind für Interessenten erhältlich bei Frau Gumpf» Kettenhosweg 97 und in verschiedenen größeren Geschäften aller Branchen. . Sozial denkende Menschen werden diese Aufforderung zur Mitarbeit aus einem noch viel zu wenig beachteten Gebiete mit Freuden begrüßen und zum friedlichen Neben- und Miteinander-Wirken aller Konfessionen und aller Parteien ihren ■ Teil beitragen, um dem Mädchenhandel zu steuern, der mit Recht die Schmach unseres Jahrhunderts genannt wird. Hanau. Der Tierschutzverein unterbieitete kürzlich dem Magistrat das Gesuch, die S ch ä ch tun g e n auf die Zahl beschränken zu wollen, welche dem Bedarf nach koscherem Fleische entspricht. Die Zahl der geschlichteten Ochsen und Kühe beträgt 38°/o der Gesamtschiächtung von Großvieh, während die Juden Hanaus 1,81«/» der Gesamtbevölkerung zählen. Der M mg i st r a t ist der Eingabe nähergetreten und hat eine entsprechende Vorlage ausgearbeitet. — Das fortwährende Arbeiten der Tierschutzvereine gegen eine . so einwandfreie Schlachtmethode wie das Schächten, kann nur als Antisemitismus aufgefaßt werden. Warum wenden diese Vereine ihre Agitation nicht gegen die Jagd? Hamburg, 13 Okt. In der Frage der Oberrabbiner-Wahl ist eine Einigung der beiden Komitees erzielt worden. Für die morgen stattfindende Wahl der Vertrauensleute, die bei der Wahl mitzuwirken haben, wurden die Herren H. Bacharach,M. David, E. Helft, S. H i l s h e i m, D. Isaak u. H. Philipp nominiert. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden bewilligte u. a. folgende Subventionen: der H a n d w e r k c r s ch u l e „C i o c a n u l" in Bukarest 3000 Fr., der Gesellschaft „Hilfe durch Arbeit" in Wilna 2000 Jfe, der Gesellschaft Trud in Odessa 3000 JL und Schülern in Saratow, die in den Schulen des Ansiedlungsrayons keine Aufnahme fanden, 2000 außerdem sandte er gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt 4500 JL an die von schweren Brandschäden betroffenen jüdischen Gemeinden in Rußland. Er erneuerte eine Reihe von Subventionen, u. a.: für die vom Hilssverein entsandten deutschen Lehrer an der Schule der israelitischen Kultusgemeinde in Philip popel, für den Kindergarten in Kolomea, für den Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien als Zuschuß für die von ihm unternommene Aktion zur Unterbringung und Ausbildung galizischer Knaben bei Handwerkern in W e st ö st e r r e i ch , für die Schule „Reschith D a a t h" und die Anstalten des Schulvereins „C u ltura" in Bukarest, für die Kunstgewerbeschule „Bezalcl", für das Jnformationsbureau für Auswanderer in Basel" und für die K i n d c r st u b e in M a n n h e i m. Breslau. Wie wir dem Berichte der Israelit. Krankenverpflegungsanstalt (Fränkel'sches Hojpital) entnehmen, wurden 1908 in dieser Anstalt behandelt: 801 Juden und 123 Nichtjuden auf der inneren Abteilung, 472 Juden und 98 Nichtjudeu aus der chirurgischen Wteilung, 140 Patienten auf der gynäkologischen Station und 85 ' Patienten auf der Station für Augenkranke. Außerdem wurden behandelt: 1177 Fälle und 200 kleinere Operationen in der chirurgischen Poliklinik, 197 Fälle in der Poliklinik der gynäkologischen Station, 432 Fälle in der Poliklinik der Station für Äugenkranke und 153 Fälle auf der Unfallstation. Breslau. Der jüngst verstorbene Schachmeister Arnold Schottländer hat große Legate hinterlassen. An' der Spitze der Vermächtnisse steht eine Zuwendung von 300 000 JL an die Stadt Breslau, deren Zweck noch, bestimmt werden soll. Das. Bestimmungsrecht soll der Bruder Hermann des Testators haben, wenn er die Stiftung auf 500 000 Mark aus eigenen Mitteln erhöht, welchem Wunsche derselbe, wie verlautet, Nachkommen wird. Bon weiteren Vermächtnissen erhält das Museum für schlesische Altertümer 10000 JL, von deren Zinsen jährlich Ankäufe gemacht werden sollen. 15 000 JL sollen in Legaten von je 1000 M an hiesige gemeinnützige Institute, wie Taubstummen-, Dlindenusw. Anstalten und an den Schachverein Anderssen verteilt werden. Oesterreich-Ungarn. Ezernowitz. Der Entschluß der Regiemng. aus der Wahlreform den jüdische nWahlkata st er auszuschalten, hat die jüdische Bevölkerung Bukowinas auss höchste empört. Wohl ist es bekannt, daß diese Stellungnahme auf die Umtriebe, einigerassimilatorischen Geschäftspolitiker zurückzuführen ist, die um ihre Mandate zittern, allein man staunt: allgemein, wie wenig politische Voraussicht die Regierung hat, wenn' sie nicht einsieht, daß durch