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Neue jüdische Presse · 1909-10-15 · Heft 39 (15.10.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 39 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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w Seite 2 Frankfurter FsraeWM>es FaNnüenblatt. - bürg, Westpr. Dr. Rau, Rabbiner in Pleß. Dr. M. Rawicz, Bezirksrabbiner in Osienburg. Dr. Rosenberg, Rabbiner in Thorn. Dr. F. Rosenthal, Rabbiner in Breslau. Dr. Ludwig Nosenthal, Rabbiner in Köln a. Rhein. Dr. Salzberger, Rabbiner in Erfurt. Dr. Sander, Großh. Provinzial-Rabbiner in Gießen. Dr. Silber st ein, Rabbiner in Elbing. Dr. Stein, Rabbiner in Worms. Dr. Stier, Rabbiner in Berlin. Tr. Theodor, Rabbiner in Bojanowo. Dr. T r e i t e l, Bezirkrabbiner in Laupheim. Dr. Ungerleider, Rabbiner in Berlin. Dr. Walther, Herzogs Anhaltischcr Landesrabbiner in Dessau. Dr. Weiße, Rabbiner in Berlin. Dr. Werner, Rabbiner in München. Dr. Wolfs, Rabbiner in Bischheim i. Elf. Tr. Z i m e l s, Rabbiner in Karlsruhe i. B. Dr. M. S. Znckermandel,^ Rabbiner des Mora Leipzigerschen Beth-Hamidrasch in Breslau." Der Aufruf sagt nichts darüber, auf welche Weise die neue Organisation ihre Aufgaben erfüllen wlll. Und gerade auf ein klar präzisiertes Programm kommt es an! Ein Programm, das in ehrlichen, offenen Worten den Mißständen, unter denen die deutsche Judenheit leidet, an den Leib rückt, würde allgemein Sympathien erwerben und überall dort aufkeimendes Leben erwecken, wo noch das Interesse für die Zukunft des Judentums nicht erstorben ist. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, auf die neue Organisation des Näheren einzugehen. Londoner Chronik. Vor der Krise. Die englischen Liberalen drohen offen mit Antisemitismus. Die allgemeine Kopflosigkeit. Im Kreuzfeuer. Schlechte Vorzeichen. Die innere Lage. Die neue Neformbewcgung. Der drohende Zerfall. Die religiöse Heuchelei der liberalen Reformer. Die Machtlosigkeit der Konservativen. Tie englische Judenheit steht jetzt vor einer Krise, die jeder vernünftige Mensch hrranbrechen sieht. Tic Stellung des offiziellen Führers der englischen Judenheit, Lord Nataniel Rothschild, zum Budget, das die feudalen Lords und Herzoge etwas hart mitnimmt, hat in der liberalen Presse einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Tie liberale Presse, die das Budgei verteidigt, hält den englischen Juden vor, daß sie, die englischen Juden, lediglich den Bemühungen der Liberalen ihre Emanzipation verdanken und daher eine Undankbarkeit zeigen, die ein schlechtes Licht auf ihren Charakter wirst, wenn sie jetzt gegen das liberale Budget Sturm laufen. Die liberalen Zeitungen drucken, nachdem Lord Rothschild von neuem seinen Kampf gegen das Budget ausgenommen, die bekannte antisemitische Rede des Finanzministers Lloyd George nach und drohen offen mit der Inauguration einer antisemitischen Kampagne. fSSjti weit sich die Liberalen bereits verrannt haben, beweisen folgende zwei Fakta: Ein liberaler. Abgeordneter wendete sich an den jüdischen Minister Samuel -mst den Worten: „Herr Samuel, Sie haben sehr viel Geld, Sie haben viel Geld in der City gesammelt. Sie haben sich mit genügend Geld versorgt, bevor Sie sich zum Minister wählen ließen" — ■ und der Speaker (Präsident) rief den Abgeordneten nicht zur Ordnung, was in solchen „Fällen" sonst immer zu geschehen pflegt. Ebenso duldete es der Speaker, daß ein anderer Abgeordneter den cnglich-südafrikanischen Feldzug als den „jüdischen Krieg" bezcichnete. Tic englischen Juden — ohne Unterschied der politischen und religiösen Ueberzeugung — ahnen, daß jetzt eine.. Krise . kommt,, denn im Falle, daß die Liberalen im Kampfe gegen die Lords Sieger bleiben, werden sie „den Juden" (in der Tat ist es nur Rothschild) die Gegnerschaft, die sie als schnöde Undankbarkeit auffassen, nicht vergessen und gemäß den „liberalen" Traditionen ihre Drohungen verwirklichen. Unterliegen aber die Liberalen, dann wälzen sie die Schuld für die Mederlage auf die jüdischen Grvßkapitalisten ab und Hetzen das arbeitende Volk, dem das Budget zugute kommen sollte, auf die „fremden Juden" und wir bleiben der Sündenbock. Das Regierungsorgan „Daily News" erklärte ani Z. September, daß das englische Volk sich veranlaßt sehen wird, gegen diese Fremden Maßregeln zu ergreifen, wie manche Länder des Kontinents. Das ist deutlich genüg. In Wahrheit sind die englischen Juden nicht gegen das Budget, denn sie sind selbst zum größten Teil Liberale. Nur die Großfinanziers machen der Regierung das Leben sauer. Lord Rothschilds Einfluß auf der Börse und in Finanzkreiscn ist sehr groß und er gebraucht seinen Einfluß im Kampfe gegen die Regierung. Er hat eine große Gruppe jüdischer und christlicher Finanziers um sich gesammelt und sie zum Kampfe gegen die Regierung organisiert. Aber Lord Rothschild und die anderen jüdischen Finanziers, die der Regierung die Verwirllichung ihres sozialpolitischen Programms erschweren, sind nicht nur nicht die englischen Juden, sondern sie stellen nicht l inmal eine Minorität der englischen Juden dar. Lord Rothschild und seine Mitkämpfer sind der Oeffentlichkeit hier als bie Führer der englischen Juden bekannt, obwohl sie es weder dem Sinne noch dem Buchstaben nach sind, und weil diese Geldsäcke aus Angst, etwas mehr Steuern zahlen zu müssen, das sozialpolitische Budget der Regierung bekämpfen, wälzen die Liberalen die Schuld auf die ganze englische Judenheit. In England "'ist eben der „Leader" der Vertreter seiner Gruppe, und die Gruppe wird für die Handlungen des Chefs verantwortlich gemacht. Was hätten aber die englischen Juden tun müssen, um die bevorstehende Krise abzuwenden? Sie hätten in der Presse erllären müssen, daß sie sich mit Lord Rothschild nicht identifizieren und daß Lord Rothschlld mindestens in dieser Frage nicht ihr Vertreter ist. Zu einer solchen Aktion gehören zwei Dinge: Einsicht und Mannhaftigkeit. Allein Lord Rothschlld weiß, daß seine „Glaubensgenossen", deren größte Ehre es ist, ihn grüßen zu dürfen, nicht wagen; werden, gegen ihn aufzutreten. Die Juden der Mittelllasse, die sowohl sozial als ökonomisch unabhängig von Rothschlld sind, entbehren einen Führer und sind ganz kopflos. Diese ihre Kopflosigkeit wird sich furchtbar rächen, denn. in der Regel pflegte noch jede christliche Regierung ihre antisemitischen Versprechungen einzuhalten. . . . Wer unter diesem Antisemitismus leiden wird, sind weniger Rothschild und seine Standesgenvssen, .als diese Mittelllasse und die jüdischen Proletarier. Augenblicklich befinden sich die englischen Juden in einem Kreuzfeuer. Die Sozialisten sprechen laut von den jüdischen Ausbeutern, und die Liberalen werfen ihnen schnöde Undankbarkeit vor und drohen mit einer allgemeinen S t ö ck e r i a d e. Tie linken Liberalen meditieren wie folgt: Die Juden sind eine unterdrückte Rasse und verlangen von uns Schutz und Verteidigung. Wäre es nicht natürlich, wenn diese überall unterdrückten Juden für andere Schicksalsgenossen eingetretcn wären? Wir wollen die Reichen besteuern, um den Arbeitern und den anderen Keinen Leuten sozialpolitisch zu helfen. Diese Keinen Leute und Arbeiter bilden einen Teil der Unterdrückten. Statt den anderen Genossen ihres Geschicks Sympathie und Tellnahme zu bekunden, streckeü die Juden ihre Hand gegen sie und vereinigen sich mit den Unterdrückern und mit den feudalen Lords. Muß es doch also wahr sein, was die Antisemiten von der Charakterlosigkeit der Juden sprechen. Kommentar überflüssig. — — — Das sind schlechte Vorzeichen, die auf eine düstere Zukunft deuten. Gute Vorzeichen sind oft trügerisch, . . . aber angesichts solcher Symptome kann man, ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, sagen: Amalek ist im Anzuge. (Schluß folgt.) fei Nr. 39. Brief aus Ungar«. Das jüdisch-konfessionelle Budapest steht im Zeichen der religiösen Liquidation. Die Papiere der Andachtsfabriken sind — um im Börsenjargon zu reden — ebenso rasch außer Kurs geraten, wie sie durch unreelle Spekulation in chwindelhaste Höhen getrieben wurden. Das Inventar von. 76. provisorischen Bethäuctti, die die gütige Vorsehung der Pester Hauptgemeinde ä 10 Kronen konzessionierte, rollt auf hem Streifwagen durch die Straße, um in der Rumpelkammer eines spekulierenden „Jömim-NauroiM"- Unternehmers das kommende Jahr zu erwarten. . Und auch die Straßenfront gewinnt allmählich die alltägliche Physiognomie. Die schreienden jüdischen „Beth-Tefila"-Plakate, sie wandeln den Weg alles Fleisches. Der. Wind trägt sie nach allen Richtungen. Tingeltangel, Zirkus, Orpheum, Saufbude und. Tanzparkett haben die heilige Tünche abgestreift, ohne an Frequenz eingebüßt zu haben. In der Arena, wo noch jüngst 6000 Beter und Büßer in wallendem Weißgewand die Widduj klopften, werden die Vorbereitungen zur Schaustellung von 160 in Freiheit dressierten Zuchtstuten getrosten; die „Blaue Katze" — wo der polnische Ritus die große Trommel wirbelte — beherbergt wieder die konzessionierte Sittenlosigkeit; der „schwarze Hund" hat bei dieser grandiosen Massenseelenwanderung den Weg zurück zur eigenen Persönlichkeit gefunden: und ist auf den Hund gekommen. Die 190000 Juden Budapests bereiten sich im großen Stil zur künftigen Widduj vor; es wird dort kolossal viel gesündigt ... Das rasend rauschende Leben ist den großen Emotionen nicht zugänglich. Selbst der Brief des. präsumptiven Herrschers, des Erzherzogs Franz Ferdinand, an seinen Beichtvater, den WeihbischofvonNagjvarad, vermochte nicht unsere betäubten Massen aus der Hypnose zu rütteln. Der hohe — man kann sagen — höchste Dank des Anwärters auf die Stephanskrone an den streitenden Seelenhirten „für die öffentliche Verdammnis der Juden und Freimaurer", wie die Zusicherung der Rangerhöhung, „die nur säumt, aber nicht ausbleiben wird", ging ganz spurlos an unseren Juden vorbei. Man legte die Morgenblätter ohne Spur von innerer Erregung aus der Hand. Die judasliberalen Ritter der Rezeptionszeit finden im alten Rezept des Allheilmittel gegen jede Judennot. Diesmal heißt der Jude Wohl A l a d a r, der mit dem Bau einer Kongregationskirche in Mikolas die Aufmerksamkeit auf seine Millionen und sein tolerantes ■ goldnes Herz lenkt. Mit vergoldeten Kirchturmspitzen will man gegen brausende Wetterstürme kämpfen, erreicht aber nur, .daß der Blitz umso sicherer in die Tiefe dringt. Es ist ein Glück, daß die Antipathie des hohen Herren mit uns zugleich die Führer der Un - abhängigkeits'partei trifft, von denen er die Zerbröckelung der Monarchie nach der Personalunion befürchtet. Die Sammlung der liberalen Elemente wird daher zur Lebensnotwendigkeit. Der Führer, Justh, läßt auch schon die Werbetrommel pauken. Trügen nicht alle Zeichen, haben wir von dieser Seite, die im Volke populär ist, für die allernächste Zeit Schutz zu erwarten. Interessant ist, daß die jüngste Wendung im Zionismus aus das offizielle Or.gan der hiesigen Neologie bestimmend eingewirkt hat. I» einer Artikelserie wird das herausgesucht, was uns eint; der Nationalfond wird der Unterstützung empfohlen, fürs Mikrobiologische Institut Propaganda gemacht, der Bezalel, das Gymnasium in den Himmel gehoben,. und die Zionisten werden nur als ideale Schwärmer behandelt. Bei einer solchen Windrichtung ist es leicht, für eine Set* gnügungsreisenach Palästina Stimmung zu machen. Ueber.sechzi'g ungarische, zumeist moderne Rabbonim erwarten mit gepackten Reisetaschen die Abfahrt nach Jeruscholojim. Die Sammlung für'den Bau eines Mausoleums für das Grab R a h e l s, die, von jener Seite angeregt, schon über 5000 Kronen einbrachte, soll bei dieser Tour abgeschlossen werden. . . Daß auch unsere Schekelzahler auf der Höhe ihrer. Aufgabe stehen, ist nur natürlich. Der. letzte,. umasaaBaMis

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