Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 38 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 10. FraickfuKr JsrüEslches FaMienblatt. Nr. 38 mitten der Brandung. Er hatte weder Angst, noch gab er nach, noch wurde sein Urteil getrübt. Mir kam dies zu Ohren. Er begegnete Mir bei der zweiten Agnoszierung. der Leiche, ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Die Mutter war schon dazumal eine fanatische Vertreterin des Ritualmordgedankens. Auf meine Anfragen erzählte er mir höchst interessante, wichtige Einzelheiten. Unter andern auch etwas, das in die Psyche der armen Frau blitzartig heineindämmert. Auch sie war bei dem ersten Agnoszierungsprozeß zugegen. Sechs Verwandte und Bekannte des ertrunkenen Mädchens wurden zur Feststellung des Identität herbeigezogen. Alle haben mit mehr oder minderer Gewißheit in der Leiche die Ester erkannt. Damals konnte oder wagte die Mutter nicht zu behaupten, daß das nicht ihr verlorenes Kind sei. Spät Abends war die Prozedur zu Ende. Dort übernachten, ein Flußufer, konnte man nicht. Allcs zerstob; suchte Obdach. Auch Szücs fuhr nach Hause und brachte auf seiner Pritsche die alte Solymosi mit sich Die arrge Witwe hätte keine Unterkunft und . blieb daher unter seinem Dache über Nacht. Die ganze Nacht verbrachte sie sitzend im Lehnstuhl und weinte, seufzte und rang die Hände. Ich finde das alles nur natürlich. Die Vorgänge bei der Agnoszierung mit samt den Einzelheiten mußten von großer Wirkung auf ihre Seele sein und ihre-Nerven ganz erschüttern. Sie konnte nicht zur Ruhe kommen. Vor sich sah sie ihr verlorenes Kind in den gewöhnlichen Kleidern. Aber dieses Kind war tot; der siebzigtägige Auflösungsprozeß im Wasser hat es erbarmungslos entstellt. Offen, mit Bestimmtheit konnte sie nicht leugnen, daß das chr Kind sei; war doch das Gewand zweifellos das ihrer Tochter, die Narbe auf dem Fuße schrie es laut; die Verwandten stellten es ohne Ausnahme fest, und ist sie doch schließlich die Mutter, die ihr eignes Kind im Tode nicht verleugnen darf. . . . Und doch dürste sie — so kalkulierte sie — offen und entschieden diese Leiche nicht anerkennen. Hatte doch der Hals keine Schnittwunde und zeigte doch der ganze Leib keine Spur -eines Schnittes, Stiches oder einer andern von ruchloser Hand herrührenden Verletzung. Es hätten demnach die Juden ihr Kind nicht umgebracht, sein Blut nicht abgezapft, und es wäre sonach nicht das unglückselige Opfer einer ruchlosen Tat! Das durfte sic nicht zugcbenlDies eingestehen,hieße zugcben. daß das Ritualmorden eitler Bauernfang wäre, und ließedie „Herrschaften" auf falscherFährte ertappen,die ganze Judenheit wäre errettet und die Christenwelt gäbe ihr die Schuld für diesen Krach; die „Herrschaften" entzögen ihr jede Unterstützung, würden sie verfolgen. Was sollte sie, die arme, mittellose Witwe mit ihren lebenden Kindern anfangen. Szücs tröstete die arme Seele, sprach ihr Mut zu, verwies sie auf die Gerechtigkeit mit schlichten, edlen Worten. Es war vergebens! Die arme Frau war nicht verdorben. Sonst würde sie die ganze Nacht nicht geweint und geklagt haben.» Sie war nur schwach uird konnte den Hetzern, den Bluttnordsageuten, der Großmacht der Presse, den Einflüsterungen ihrer Umgebung und der Voreingenommenheit der tobenden Masse nicht widerstehen. Der Prozeß wurde in ihrem Namen geführt. Das war aber wieder einmal das Ergebnis des Jntrigucnspiels der Kniffmeister der Paragraphen: der Advokaten, Richter, Rechtsverdreher und ihrer Helfershelfer. Dies alte, schwache, willenlose Dorfweib hätte keine Ahnung davon, daß sie nur ein blindes 'Wertzeug einer dämonischen höheren Macht sei. Es hat sich bei ihr schließlich zur fixen Idee verdichtet, daß sie fatü der Agnoszierung der Leiche ein Verbrechen gegen das Christentum begehe. Sie durste sich demnach nicht auf Seite der Judentümler stellen, sonst gefährdet sie das Christentuin, ihr weiteres Fortkommen, macht sich die Herrschaften" zu Totfeinden, das ganze Dorf verfolgt sie und kommt schließlich aufs Bettelbrot. Als einzige Illustration für ihre Voreingenommenheit will ich anführen: Die Leiche war im Besitze von auffallend schönen, regelmäßig gegliederten gesunden Zähnen.. Nur waren in der unteren Kicferreihe die mittleren zwei Vorderzähne etwas zu nahe aneinandergerückt. Es schien, als ob sie aus Raummangel aufciuanderwachsen wollten. Diese Unregelmäßigkeit war so unbedeutend, so winzig, daß sie außer mir., keinem aufgefallen >var. Mich besttmmtc sie aber trotzdem, gelegentlich des Verhörs der Schwester der Ertrunkenen im Gemeindehaus, diese zu beobachten,' und zu meiner nicht geringen Frappierung waren die unteren Zähne der Sophie Solymosi mit minutiöser Genauigkeit so gebildet wie die ihrer Schwester. Auch bei ihr entdeckte ich dasselbe Aufeinanderdrücken der zwei vorderen MUtelzähne, die keinen Raum _ in der unteren Kieferreihe zu finden schienen. Sonach die identische Unregelmäßigkeit. Ich zog - daraus meinen Schluß: Es ist nicht unmöglich, daß diese auffallende, Regelwidrigkett bei den Geschwistern von der Mutter ererbt sein könne, und es nicht ausgeschlossen, daß dies Muttermal auch bei den übrigen Geschwistern vorhanden sei. Ist dies der Fall, dann ist es mehr als wahrscheinlich, daß man dieses Zeichen bei der Mutter auch vorfinden würde. Nach den Darwinischcn Gesetzen wäre es dann über allen Zweifel evident, daß die vorhandene Leiche die der Ester und die, Geschichte mit dem Leichenschmuggel nichts als "ruchlose Erfindung eines bestialischen Hirns sein müsse. Die übereinstimmende Entwicklung der Zähne sämtlicher Glieder einer Familie ln Form und Maß, die frappierende Aehnlichkeit der „Unregelmäßigkeit" mußte der objektivste Beweis für die Personalidcntität der Ester sein. Ich machte meine mündliche Eingabe beim Untersuchungsrichter, daß man Mutter und Geschwister daraufhinuntersuchen, vom Tatbefund protokollarische und photographische Aufnahmen machen, und alles den Asten beilegen möge. . . Man hat es nicht getan. Mutter und Kinder sträubten sich dagegen. Die Herren von der Universität, die wissenschaftlichen Kapazitäten, fanden dies nicht für wichtig. Man wies mein Anliegen zurück. Ich -versteifte mich auch nicht darauf. Der Frau haben es aber die Ritualmordagenten hinterbracht. Sic wußte, was ich wollte. Von da angefangen, sprach sic zu mir kein Wort, sie verschloß den Mund. Mußte sie aber auf die Fragen der Richter antworten, und ich war zugegen, dann legte sie die Hand vor den Mund. Sie hatte Angst davor, daß ich von ihren Zähnen die Falschheit des Ritualmordgehcimnisses hcrablesen werde. .... Sie hat ein Matronenalter erreicht. Und überlebte den Prozeß um sechsundzwanzig Jahre. Von den Wechselfällcn ihres weitere» Lebens ist mir nichts bekannt. Es ist dies auch völlig überflüssig. Wer wird den Blätterspuren nachjagcn, die ber sausende Herbststurm vom Stamme reißt und ins Nichts treibt? . . . Personalien. Berlin. Geh. Kommerzienrat Goldberger erhielt dasKomturkreuzdesösterr. Franz Josef-Ordens mit dem Stern. Berlin. Auf dem jüdischen Friedhöfe wurden vorige Woche u. a. beigesetzt: Professor Alexander Strakosch, der bekannte Vortragsmeister des Deutschen Theaters, Sally Liebling, Hofpianist und HohenzollerNscher Kammervirtuos, und Ohrenarzt Professor Dr. Louis K a tz, Dozent an der Berliner Universität. Wien. Nach langem Leiden verschied Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Albert Wagner, der im Hause seines Großvaters, des Rabbiners von Suczawa, eine hervorragende jüdische Bildung erhielt und bis zu seinem Lebensende die gesamte moderne Literatur der Bibelwissenschaft aufs eifrigste verfolgte, so daß er die letztere besser beherrschte als viele Berufstheologen. In seiner Jugend war er Erzieher im Hause des bekannten Staatsrats Poljakow in Moskau. — Zu O b e r l a n d e s g e r i ch t s r ä t e n^ wurden ernannt: Dr^ Julius Gerstmann-Wien, David Höfner -Kvrneuburg, Bernhard Günzburg-Olmütz, David Kornitzcr-Ungar. Hradisch, Dr. Sal. Merz-Tarnow und Dr. Severin B e r f o n - Lemberg. Wien. Theodor Ritter von Goldschmidt, Gcmeinderat, Synagogenvorsteher usw., ist gestorben. Auf dem Friedhofe würdigte Bürgermeister Lueger seine Verdienste um die Stadt Wien. Budapest. Wie aus Satntar berichtet wird, wurde das Haus des Batiser Kaufmanns Samuel Borek des Nachts von Zigeunern überfallen, bei welcher Gelegenheit der Hausherr niedergeschlagen, das Hausgesinde gefesselt und halbtot geprügelt und alles Mitnehmbarc geplündert wurde. — Der hiesige 30jährige Getreide-Agent Lasar Klein hatte sein beträchtliches elterliches Erbteil verspekuliert und außerdem schon öfters einen reichen Onkel in der Provinz in Anspruch genommen. Jüngst schrieb er seinem Onkel, daß, wenn er ihm nicht bis zu einem bestimmten Termine, eine, bestimmte Summe sende, er, da dann seine Ehre verloren sei; sich das Leben nehmen müsse. Als am Morgen des fraglichen Tages bas Geld nicht einlief, erschoß sich Klein, während zur gleichen Zeit sein hier wohnender Bruder die Summe zur Auslieferung an ihn von dem Onkel erhielt. London. Im Alter von 75 Jahren verschied James Heckscher, der während 4 Jahrzehnten das Rentersche Büro im Unterhause vertrat. Warschau. Der 75 jährige Altnreister der jüd. Ltteratur, S. I. Abramowitz (Mendele mocher Sforim) befindet sich jetzt auf, einer Vortragstournee durch die Zentren'des jüdischen Wohngebietes. Er weilte in Wilna, Warschau, Bjalystok, Brisk und anderen großen Städten. Ueberall wurde er mit beispielloser Begeisterung empfangen. Tausende zogen ihm in festlicher Kleidung entgegen und geleiteten ihn im Paradezng vom Bahnhof. Die gesmnte jüdische Presse bringt spaltenlange Berichte über den ihm allerorten bereiteten Mnpfang und feiert Abramowitz, der auf eine fünfzigjährige literarische Tätigkeit zurückblickt, als den tiefsten Erfasser der ostjüdischen Seelcnkonflikte und den bedeutendsten Schildercr des Ghettolebens, Aus der Lehrerwett. Berlin. Am 6. November feiert die hiesige Jüd. Lehrerbildungsanstalt ihr 50jährtges Bestehen. Der Gemeindevorstand wird aus diesenr Anlaß einen Festakt veranstalten; Direktor Holzmann, der Leiter des Seminars, ist mit der Abfassung der Geschichte des Instituts betraut worden; nnd außerdem hat sich ein Komitee aus früheren Zöglingen der Anstalt gebildet, das eine Unterstützungs- und Darlehenskasse für ohne Verschulden in Not geratene frühere Zöglinge in die Wege leiten will. Höchberg. Die hiesige Israel. Präparandenschule (Lazarus Ottcnsoser-Stiftung) schloß ihr Schuljahr mit einem Bestand von 32 Schülern. Auf Anordnung der Regierung hat mit dem Brauch, auch solche Schüler aufzunehmen, die noch nicht 13 Jahre alt nnd noch werktagschulpflichtig sind, gebrochen werden müssen; es bedeutet das eine Einschränkung der Frequenz der Schule. Das Lehrerkollegium besteht ans den Herren Ehrenreich (Hauptlehrer), Eldod, Dr. Eschwegc, Steinhäuser und Volpert. Die Pcnsionskasse der Anstalt hat ein Vermögen von 16 666 JL Kassel. Als Nachfolger des in den Ruhestand getretenen . Herrn S ch e y e trat Herr L. H c i l - Brunn, bisher Lehrer am Waisenhausc in Paderborn, sein Amt als Inspektor des hiesigen israclit. Waisenhauses an. Prag. . Seitens des Kultus mini st eriums ist am Ende des abgelaufenen Schuljahres eine für die jüdisch enReligionsle hrerundSchüler der Mittelschulen gleich wichtige Entscheidung getroffen worden. Bisher bestand an den österreichischen Mittelschulen die Praxis, daß an solchen Anstalten, die nicht mindestens 20 jüdische - Schüler besuchen,- der jüdische Religionsunterricht in jeder Beziehung als Privatunterricht betrachtet wurde, der Religionslehrer einen rein privaten Charakter hatte nnd an den Konferenzen nnd namentlich an der Maturitätsprüfung nicht teilnehmen durfte. Manche Direktoren wollten nicht einmal gestatten, diesen rein privaten Unterricht ohne weiteres in den Räumen der ihnen unterstehenden Anstalten abhaltcn zu lassen und machten dies von einem diesbezüglichen Gesuche seitens der betreffenden Kultusgemeinde abhängig. Ebenso hatte die Note in Religion nur privaten Charatter; sie wurde nicht als voll angesehen und konnte dem jüdischen Schüler weder zum „Vorzug" verhelfen, noch ihm irgendwie schaden. Der „private" jüdische Rcligionslchrer durfte nicht einmal eigenhändig die Note cintragen und das Schulzeugnis unterschreiben! Nun soll cs mit Beginn des neuen Schuljahres anders und auch besser werden. Laut Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht fällt fortan selbst an solchen Mittelschulen, die nicht von zwanzig jüdischen Schülern besucht werden, der private Charakter fort. Der Religionsunterricht ist auch in diesem Falle öffentlich, die Note ist als vollgültig anzusehen, der betreffende Religionslehrer ist jeder Konferenz und auch zur Maturitätsprüfung zuzuziehen. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein zur Verköstigung jüdischer Soldaten (Vorsitzender: Moritz Lewin, Uhlandstr. 58) klagt ui seinem Berichte darüber, daß nur in seltenen Fällen die Hinterbliebenen langjähriger Mitglieder den Jahresbeitrag desselben für sich übernehmen und daß häufig die Quittungen über zugesagte Jahresbeiträge retourniert werden. Der Verein hat in den drei Jahren 1906—08 i. Sa. 15 873 Portionen verabreicht nnd dafür 13805 JL verausgabt. Heidelberg. Der «Verein Jüd. Akademiker" Heidelberg .im „Bunde Jiidischer Akademiker"' kann auf ein gedeihliches Jmjr steter Entwicklung zurückblicken. Im Winter fand ein zweistündiger Gemara-Schiur, sowie ein Chajc-Odom-Schiur statt. Besonders anregend lvar die Lektüre und Besprechung der „Neunzehn Briefe" von S. R. Hirsch. — Es bereitete der Bereinigung große Freude, bei ihren Veranstaltungen Gäste aus den Nachbarstädten begrüßen zu können. Mehrere Freunde des Vereins stellten sich in zuvorkommender Weise zu Vorträgen zur Verfügung. Herr Lehrer Goldberg sprach-über „Modernes Judentum", Herr Rabbiner Dr. Schiffer- Karlsruhe über „Mündliche und schriftliche Lehre", Herr Lehrer Meyer-Karlsruhe über das Thema „Gab es Reformen im alten Judentum", Herr Rabbiner Unna-Mannheim über „Die Verwertung der mittelalterlichen Rcsponzen für die jüdische Geschichtsforschung", Herr stud. med. Weil über „Mendelssohn als jüdischen Rcligionsphilosophen". Es sei auch erwähnt, daß Mitglieder und eine stattliche Anzahl von Freunden als Gäste des Herrn Dr. Simon eine Chanutkaseier veranstalteten, die einen fröhlichen Verlauf nahm. a