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Neue jüdische Presse · 1909-09-29 · Heft 38 (29.9.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 38 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Im Sotnmersemester wurde ein zweistündiger Gemara-Schiur, ein zweistündlger Tenach-Schiur und eine Fuchsenstunde adgehalten. Vorträge hielten Herr Rabbiner Dr, Löwenstein-Biosbach über „Gemeindeverordnungen im Mittelalter", Herr sind. jur. Flörsheim über „Das Corpus jnris und die Juden". Aeußerst anregend gestaltete sich die durch ein Referat des Herrn cand. Phil. Elias eingeleitete Debatte über den Zionismus, die die Mitglieder und zahlreichen Gäste bis zum anbrechcndcn Morgen zusammenhielt. Selbstverständlich fehlte cs im Winter nicht an gemütlichen Bereinsäbenden, während im Sommer die schöne Umgebung zu manchen Ausflügen in die nähere und fernere Umgebung Beranlassnng gab. Einem langgehegten Bedürfnis entsprechend, gelang cs der Initiative und eifrigen Förderung des Herrn sind. med. F. Gnmpertz-Hambnrg, Klosterallee 21, eine jüdisch-wissenschaftliche Bibliothek hier ins Leben zu rufen. Ordentliches Mitglied kann jeder Heidelberger jüdische Student werden. Die Leitung liegt statutenmäßig in den Händen der BIA. Etwaige Zuwendungen an Büchern und Geld nimmt sowohl Herr Gumpertz, als auch die Verwaltung gern entgegen. Zuschriften nsw. betreffend die Bibliothek oder den Verein sind zu richten an D. Rubi», sind. Phil., Heidelberg, Userstr. -18a. 0 leuiffefon. 0 Wie Malkele nach Wilna gekommen ist.... Von Maxime Le M a i t r e. Chatzkel Wattemacher, ein kleiner Jude mit einer hohen Stirn, eines der angesehensten Mitglieder der Gemeinde, galt weit und breit für sehr klug; denn er hatte nur eine Tochter, im Gegensatz zu seinen Mitbürgern, von welchen ein jeder sieben bis zehn ihr Eigen nannten. Chatzkel galt auch als ein sehr reicher Mann, denn er hatte nur die eine Tochter und konnte viele Mitgiften sparen, das heißt, wenn er sie hätte. . . Seine einzige Tochter Malki hatte er recht lieb, denn erstens war sie seine Tochter, dann hatte er nur die eine und endlich lieben überhaupt jüdische Väter ihre Kinder.' Auch glaubte er, daß Malki sein Glück bedeute. Wenn Malki einst nach Amerika geht, schickt sie ihm Geld, wie alle jüdische Töchter ihren Eltern aus Amerika Geld schicken — oder sie heiratet einen Doktor und dann geht es ihm auch besser . . . Daß seine Malki einen Doktor bekommt, daran war gar nicht zu zweifeln. Sie war schön, sehrschön und auch gebildet — sie schrieb Persekt Adressen in allen europäische» Sprachen. Sie war auch klug und geschickt und obendrein noch die Tochter, die einzige Tochter des reichen, kluge» Chatzkel. Seit dem Tage ihrer Geburt beschäftigte Chatzkel ein Gedanke: wie sichert man sich einen frommen, reichen, gebildeten und schönen Schwiegersohn — oder wie wird man Rothschild. . .? Chatzkel, oder wie er sich selbst nannte, Reb Chatzkel, hielt sich zwar selbst für sehr reich; aber klug und berechnet lote er war, sagte er sich: „Gewiß kann Gott Helsen — wird Gott Helsen . . . Wenn der liebe Gott nicht will — versteht sich . . . Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte, wäre auch Rothschild nur ein Wattemacher. Gewiß wird auch Gott mir Helsen, denn ich bin doch nicht schlechter als Rothschild. Mer ein Mensch hofft und das Glück schloft — also Mensch, sei klug." Und Reb Chatzkel war auch sehr klug. Als noch Malkele ganz jung war, erkundigte sich schon der kluge Reb Chatzkel bei den Inhabern der Chedcr nach gescheidten Knaben. Später pflegte er den alte» Synagogendiener nach fleißigen Talmudjüngern zu fragen, sich zu erkundigen, auszuforschen — wie, woher, Ivieso? Er erfuhr dicrch den Matrikelbeamten, wer Aussicht auf Befreiung vom Militärdienst hat. Kurzum er tat alles, was ein kluger, reicher jüdischer Vater für seine einzige, schöne, kluge und gebildete Tochter zu tun verpflichtet ist. Reb Chatzkel tat seine Pflicht; aber er hatte es wirklich' nicht leicht, denn er mußte nicht nur für einen Schwiegersohn sorgen, sondern er mußte doch einen „verdienenden" Schwiegersohn für seine Tochter finden. Das war nicht leicht, speziell in seiner Gemeinde, in der ariue Leute steinalt werden und reiche Leute unsterblich sind. . . Dann gab cS auch nach Reb Chatzkels Dafürhalten nur sehr wenig einträgliche Berufe. „Was ist ein Jud'? Ein Wattenracher, ein Schadchen, ein Schächter — oder er geht nach Amerika . . . Allerdings, wenn mail Geld besitzt, kann nian noch einen Laden eröffnen — aber auch mit dem Laden ist es heute nichts inehr. Gibt es noch heute einen Jud', der keinen Laden hat? Jeder Jud' hat seinen Bart und seinen Laden . . . Bleiben noch drei anständige und einträgliche Berufe — ein Doktor, ein Wattemacher oder so eirr Talmudgenie, so ein „offener Kopf". Allerdings, Rothschild hat auch einen einträglichen Beruf, aber heute sind Schätze äußerst selten. Aber auch die Wattemacherei ist nicht mehr einträglich wie dazumal — und überhaupt wünsche Frankfurker JsraelitiWes Familienblatt. ich nicht, daß mein Schwiegersohn ein Wattemacher sei. Auch mein Vater war kein Wattemacher. Ich bin es nur geworden, lveil . . . Ja, hätte ich meinem Vater gefolgt und fleißig den Talmud studiert, ich würde kein Wattemacher, sondern ein Schächter oder gar ein Rabbiner geworden sein." Und der kluge, reiche Reb Chatzkel hatte schwere Sorgen. Seine Malki, seine schöne, kluge, gebildete und einzige Malkele war bereits sechzehn Jahre und noch Ivnßte Reb Chatzkel nicht, wer der Glückliche seiner Tochter sein wird, was er sein wird. Seine einzige Hoffnung war: „Gott wird helfen." Und er war überzeugt und im Glauben felsenfest, daß Gott helfen wird. „Denn Gott ist gut und verläßt nicht seine Knechte." Außer dieser Hoffnung hatte er nichts in Barschaft, weder Geld noch Geldeswert. Jedoch das machte ihm wenig Sorgen; er sagte: „Der gestrige Tag ist vorbei, morgen kann Gott helfen. Und heute? Nun Gott sei Lob und Dank, auch heute sterben wir nicht Hungers. Ob ich nun Schwarzbrot mit Gurken esse und der Kaiser Weißbrot mit Butter — es kommt doch fast aufs Gleiche heraus, denn wenn wir gestorben sind, sind wir alle gleich . . . wir waren ja alle sündbeladcne Geschöpfe . . . und vor unserer Geburt waren wir auch alle gleich. Und wenn auch der Kaiser Weißbrot mit Butter ißt, kann er doch nicht aus dem Winter Sommer und aus dem Sommer Winter machen. . . Wenn mir Gott, einen reichen, frommen, gebildeten Schwiegersohn für meine Tochter schickt, ist mir geholfen. Mehr verlange ich auch nicht. Was kann ein Jud' vom Leben mehr haben? Gott gedient, mit der Welt in Frieden gelebt, die Tochter verheiratet — darf man da noch das Schicksal anklagen?" „Mer wie — wie bekommt man so einen Doktor oder ein Talmudgenie oder mindestens einen Schächter?" „In unserer Zeit," meinte Reb Chatzkel, „ist es überhaupt schwer, einen passenden Schwiegersohn zu bekommen. Wenn die Menschen zwanzig Jahre alt werden, reisen sie nach Amerika, oder sie werden Soldaten — und die paar Doktoren und zukunftsreiche Talmudjünger bleiben weg, sie kommen gar nicht in unsere Stadt. . . Was soll auch so ein Doktor bei uns machen? Wenn einer einmal Kopfweh hat, dann trinkt er ein paar Glas heißen Tee und er ist wieder gesund. Auch hat unsereiner weder Geld noch Zeit krank zu sein. Krankheit ist überhaupt nur so ein Artikel für Reiche — ein Luxus . . . Und dann will ein Doktor sehr viel Geld, so zehntausend Rubel in bar — ja zehntausend Rubel . . . Im letzten Grunde war es Reb Chatzkel ein Rätsel, warum man einem Schwiegersohn Geld geben müsse. Er bekonnnt doch eine Frau, eine Aussteuer für seine Frau mit, die Frau arbeitet doch im Haushalte, bringt Kinder zur Welt, muß die Kinder erziehen, hat oft Sorgen und Schmerzen — also warum eigentlich? . . . Aber Reb Chatzkel hatte immer sein Sprichwort bei der Hand: „Was die Welt tut, ist gut. . . Und ich habe doch auch 70 Rubel Mitgift bekommen!" Die schöne, gebildete Malkele wurde immer älter und Reb Chatzkel immer grauer, denn die Frage, wie bekommt mau einen geeigneten Schwiegersohn, beschäftigte ihn Tag und Nacht. Er wäre sicherlich unter der Last der Sorgen zusammengebrochen, hätte er nicht so viel Gottvertraue» besessen. Er machte jeden Tag neue Pläne, dachte an alle ihm bekannten jungen Leute — und wenn er nach alldem keinen Ausiveg gefunden, dann pflegte er in ruhigem, sichernc Tone zu sagen: „Gott wird helfen, Mensch sei klug." Die schöne, kluge Malki ist mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt geworden und war noch immer feine Braut. Reb Chatzkel, sehr gealtert, konnte kaum noch seine Watte machen. Er hatte schon doppelte Sorgen — einen Bräutigam für seine Tochter und das tägliche Brot für sein Haus. „Wenn ich keine Watte inehr machen kann, — wie sollen wir dann leben? Brot kostet Geld; auch Hering und Gurken bekommt man nicht umsonst." Dem klugen Reb Chatzkel ward es schrecklich zu Mut bei dem Gedanken, daß er für seine einzige Malkele keinen Bräutigam fände und seine Tochter, seine einzige Tochter, nicht mehr ernähren könne. „Was soll aus meiner Malkele werden?" Sie kann doch nicht als Dienstmagd gehen! Weder ihre Mutter noch ihre Großmutter waren Dienstmägde ... Und überhaupt — was heißt es, bei anderen dienen, sich nrit Leib und Seele für Geld verkaufen? Ist nicht meine Tochter ebenso schön, klug und gebildet, wie diese oder jene reiche Madame? Meine Tochter soll sich verkaufen, weil sie weniger Geld hat als eine andere — „m eine Tochter, meine Tochter?" Reb Chatzkel ward es ganz schwindlig beim Gedanken, daß seine Tochter noch vielleicht als Dienstmagd sich werde verdingen müsse». Und Reb Chatzkel sah schlechten Tagen entgegen. Er war alt und schwach getvorden, er tonnte nicht mehr viel Watte machen und nur noch wenig verdienen. Auch seine Malkele ist nicht jünger geworden. Reb Chatzkel hatte noch selbst dann seine Hoffnung nicht verloren, aber er meinte: „Heute geschehen doch keine Wunder mehr." In seinen , einsamen Stunden dachte er oft an seine eigene Jugend, an die gute alte Zeit, Seite 11. in der man leicht seine Tochter verheiraten konnte — mit siebzig Rubel Mitgift und einem halben Dutzend Handtücher. Oft sagte er zu sich: „Wenn ich einen Sohn statt einer Tochter hätte, wie wäre es doch viel besser. Erstens einen Kadosch und daim keine Sorgen wegen Verheiraten. — Aber einen Sohn — den hätten sie wahrscheinlich zu den -Soldaten genommen und er müßte dann trefe essen! Gott sei Lob und Dank, in unserer ganzen Familie war keiner Soldat. . . Und Töchter — machen einem eine Sorge: Heiraten; aber sie kommen doch nie in die Verlegenheit, trefe essen zu müssen." — — Gott verläßt nicht seine Knechte. An einem, schönen Morgen kam Reb Chatzkel aus der Synagoge „mit dem Bräutigam in der Hand". Durch den alten Synagogendiener hatte er ihn kennen gelernt, Er war ein zugereister Talmudjünger, der in der Stadt zu bleiben gedachte. Reb Chatzkel, als kluger Man», bereitete dem Bräutigam einen überaus herzlichen Empfang. Er ließ Malkele Tee servieren, damit er seine Glückliche sofort sehe. Auch leitete er bald ein passendes Gespräch ein. Und Reb Chatzkel sprach mit überlegener Miene, klug und lvürdig: „Was nützen heute viel Geld und Güter? Ein Jud' muß man sein, ein ehrlicher Jud' und Gott muß man dienen . . . Wenn ein Jud' seine Tephilin legt, seinen Schabbcs hält und seine Mesuse an der Tür hat und mit der Welt in Frieden lebt — was braucht er da noch mehr? Einem ehrlichen Inden passiert nichts Böses. Wenn ein Jud' einen heiligen Gang macht, wird er nicht überfallen; wenn er eine koschere Mesnse an der Tür hat, wird bei ihm nicht eingebrochen; und wenn er noch so viele Millionen in seinem Hause hat — trägt er Zizis, wird er nie überfallen . . . Was helfen da Millionen, wenn er kein ehrlicher Jud' ist? In seinem Hause wird eingebrochen, er wird beraubt, überfahren und überfallen . . . Ein Jud' braucht weiter nichts, als ein ehrlicher Jud' zu sein und auf Gott vertrauen. Tephilin im Sack, , ein Zizis auf dem Leib und eine Mesnse an der Tür — und der Jud' ist seines Lebens sicher. Der „Bräutigam" hörte Reb Chatzkel verwundert an und sagte halbverschämt: „Gewiß, ein Jud' muß man sein und dann hilft Gott. Mein Schwiegervater, der Rabbiner meiner Gemeinde, hat mir noch eine Minute vor der Trauung zugerufen: „Sei ein ehrlicher Jud', und Gott wird helfen." Als Reb Chatzkel zum Abendgebet in die Synagoge kanr und der alte Synagogendiener ihm halblaut „maseltow" sagte, da meinte Reb Chatzkel: „Schade, daß er zwei Jahre zu spät kam, er hat schon selbst seine Last." Aber Reb Chatzkel fand darin Trost, daß seine Malkele trenigstens zwei Stunden Braut gewesen. Reb Chatzkel hatte oft Gelegenheit, seine Malkele zu verheiraten; aber er hat immer die Gelegenheit terpaßt . . . Einmal war der geeignete Schwiegersohn in Amerika, ein anderesmal verlangte er viel Geld, oder er war schon verheiratet. Reb Chatzkel sah ein, daß es ihm nicht gelingen werde, seine Tochter reich und glücklich zu verheiraten. Und er wurde sehr erbittert. Denn er konnte seine Tochter nicht mehr in Ehren erhalte». Er klagte sein Schicksal an, er nannte es tückisch und trachtete danach, die Bestimmungen seines Geschickcszn durchkreuzen. Er dachte an tausend Pläne, an tausend Möglichkeiten — aber immer war es das Verfluchte Geld ... Er verfluchte den Entdecker des Geldes. Manchmal frug er sich ernstlich, ob man -überhaupt das Geld nicht abschaffen könne? Er seinerseits war dazu bereit — aber die andern? „Allein, wenn ich kein Geld habe, kan» ich meine Tochter nie verheiraten und kann sie auch nicht nach Amerika schicken. . . Ohne Geld sind wir überhaupt verloren. Ein Jud' ohne Geld ist wie ein Jud' ohne Tephilin." In seiner Verzweiflung fuhr ihm wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: „Malkele kann doch nach Anierika gehen! Amerika ist ein großes Land, in Amerika wird man bald reich. Wenn meine Malkele reich ist, schickt sie mir Geld, wie alle jüdischen Töchter auch. Aber wie kommt Malkele nach Amerika? Die Reise kostet Geld. Wenn ich Geld habe," meinte Reb Chatzkel, „verheirate ich sie lieber hier . . . Und doch müßte Malkele nach Amerika; alle ihre Freundinnen sind in Amerika, weil sie auch kein Geld hatten." Reb Chdtzkel dachte nur noch daran, wie seine Tochter nach Amerika zu bringen sei und seine Sorge» singen vom neuen an. „Ein Mann," meinte er, „kann wandern, aber ein Weib?" Und Reb Chatzkel war wieder verzweifelt, wie zuvor, er hatte dieselben Sorgen — und er durchlebte bittere Tage. ,Mas soll aus nieincr Malkele werden? — sie kann doch nicht sitzen bleiben? sie ist doch eine jüdische Tochter? meine einzige Tochter!" „Aber Gott verläßt nicht seine Knechte." In seiner Traurigkeit und Niedergeschlagenheit kam er auf eine gute Idee. Was ist Amerika? Was machen die Menschen in Amerika? Auch in Amerika liegt nicht das Geld aus der Straße, auch in Amerika müssen die Menschen schwer arbeiten. Amerika ist noch obendrein ein trefenes Land. Also warum

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