Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 38 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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iettttfle M Nr. 38 feitanfefntfet UmeliMm fftmitteiiMes. Die Jugendzeit — eine Hnttenzeit. Pädagog. Betrachtung zum Laubhüttenfest. Von Lehrer M. Ucko, Bad Ems. „Wenn man auf den Ursprung der Nationen zurückgeht, so muh man aimehinen, daß die Vorfahren aller derselben einst in Hütten gewohnt haben. Die Urmenschen haben wohl lange in Höhlen ihre Existenz gefristet oder unter Bäumen Schutz gesucht, bis sie anfingen, zu bauen. Der erste Bau aber war gewiß kein Palast, sondern war eine Hütte". (Urgeschichte der Menschheit von Prof. Dr. Hoernes.). Jeder Mensch hat eine Hüttenzeit, eine Anzahl Jahre, die' entscheidend sind für sein ganzes Leben: die Jahre der Kindheit; denn diese sind sür seine übrigen Jahre die Wurzel seines sittlichen Levens, der Halt seines Charakters. In der Kindheit wird der Grund gelegt zur Wahrhaftigkeit, zum Fleiß, zur Sparsamkeit, zur Bescheidenheit, zur Barmherzigkeit, zu wahrer Frömmigkeit — aber auch zum Gegenteil. Doch wir bezeichnen die Jahre der Kindheit nicht bloß deshalb mit Hüttenzeit, weil diese auch bei den Völkern deren Kindheit bezeichnet, sondern weil sie, die Kindheit, wenn sie zum Segen fürs weitere Leben wirken soll, einfach und karg sein muß, wie ein Hüttenleben Menschen-Kindcr, die weichlich und üppig erzogen, die keine Anstrengung und Entbehrung kennen, nicht wissen, was Einschränken heißt, kommen in sittliche Gefahr, wenn sie ins ernste Leben eintreten. Man kann sich denken, wie schwer es zärklich liebenden Eltern sein inuß, ihren Lieblingen einen Wunsch' zu versagen. Aber, wie sagt doch Professor Dr. H Steinthal in: „lieber Juden und Judentum" so schön und bedeutungsvoll: „Du liebst dein Kind? Du liebst es sehr? Fürchtest du nicht, daß gerade diese deine Liebe dich hindert, deine Schuldigkeit gegen das Kind zu tun? , Denn zu dieser Schuldigkeit gehört auch Strenge. Fürchtest du nicht, daß deine Liebe, die dem Kinde alles Erlaubte gewähren und verschaffen möchte, dein Kind verderben könne? zum Genüßling machen könne? lind wie weit hat denn ein Mensch von da zu jeder Verworfenheit?" Die tüchtigsten Menschen, wie die tüchtigsten Völker sind auf mager gehaltenem Boden gewachsen. Was wäre z. B. aus dein Volke Israel getvorden, wenn es unmittelbar aus Egypten in die Fülle des gelobten Landes eiugezogen wäre. Jedenfalls hätte Mose sie dort nicht mehr vor einem Gesetzgebungsberg zusammengebracht. Die 40 entbehrungsreichen Jahre seines Hüttenlcbeus, das tvar Israels Heil. — Das Hütteuleben war uns eine Schule, eine strenge Schule, streng wie jede Schule sein muß; eine Schule, unter deren Zucht der Schüler seufzt, so lange er Schüler ist, die er aber segnet, wenn er Meister getvorden ist. Ob auch Israels heutige Jugend einst ein Hüttensest dankbarer Erinnerung einer männlichstrengen Erziehung feiern wird? Es hat leider den Anschein, als ob eine Vertveichlichende, verzärtelte Erziehung ihr Los ist. Mögen die Eltern solcher Erziehungsmethoden des Spruches eingedenk sein „Goldne Jugend gibt keine eisernen Männer". Sicher trifft ein: Den Kindern strenger Zucht und Einschränkung gehört einst die Zukunft, die Verzärtelten und Bertveichlichten dagegen sie finden im späteren Leben einen schweren Stand in sich selbst, in ihrer Häuslichkeit und in der Gesellschaft. Eine vernünftige Erziehung wird dafür sorgen, daß selbst Prinzen und Prinzessinnen kein Palastlebcn führen, sondern in .mäßigen Schranken eines Hüttenlebens gehalten werden. „Damit eure Nachkoinmen es erkennen, daß ich in Hütten habe wohnen lassen Israel", sagt das Gotteswort. Will Israel, wie bisher, in seinen Nachkomme» unzerstörbar sortleben, so muß cs auch heute dafür Sorge tragen, daß man an seinen Nachkommen erkenne, daß sie nicht in Ueppigkeit. Ungebundenhcit und im Wohlleben ihre Kindheit verlebt haben, sondern eine Hüttenzeit hatten, eine Zeit vernünftiger Einschränkung und lleberwachung mäßiger Genüsse, ernster Führung und Leitung. Frau Solymosi gestorben. Nachklängc zum Tisza - Eszlärer Nitualmordprozeß. Aus den Erinnerungen Karl Oetvös. > lSchluß). Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtete ich bei der Agnosziernng der Leiche die Gesichtszüge der alten Solymosi; ich wollte mir keine Regung ihrer Seele, die sich in ihrer augenblicklichen Ergriffenheit vom Gesichte abspiegeltc, entgehen lassen. Ich spreche nicht von der ersten Agnvszicrung der beim Leichenfund am User der Tisza vor sich ging. Dort konnte ich nicht zugegen sein. Und dort tväre meine Beobachtung sicherlich wichtiger und interessanter getvesen. Ich denke an den Vorgang, dessen Zeuge ich bei der in Verwesung übergangenen sezierten Leiche gewesen tvar, der sich in Tisza Eszlür gegen Ende 1882 zugetragen hat. Durch amtliche Akten und-Privatmitteilnngcn wußte ich bereits,, daß die Mutter in der Dadäer Leiche nicht ihr Kind erkennen wollte und lebhaft dagegen protestterte, daß man ihr diese Totenfetzen als die sterblichen Reste ihrer Ester aufdispntierte... Es steht fest, daß die Mutterliebe, der elementarste Natttrinstinkt und jener fanatische Aberglaube, der die ungebildeten Massen beherrscht, sie hatte zwingen müssen, das Kind als das von ihr gezeugte anzuerkennen und dies auch offen einzugestehen. Das Volk hält cs für das gewaltigste Verbrechen, sieht darin ein Syinptom abgrundtiefer Vertvorfcnheit, wenn die Mutter ihr Kind noch im Tode verleugnet. Sie mußte es demnach anerkennen. Umso eher, da doch objektive Symptome die Identität zweifellos fcstlegten. Solcher Synrptome waren hier in nicht geringer Zahl vorhanden — und dazu höchst bedeutungsvolle! Beim oberen Lauf der,Tisza war das Mädchen verschwunden, und tveit drunten hat der Fluß die Leiche ans Ufer getrieben. Dieser Umstand ist ein ganz natürliches Ereignis, an dessen Realität man ohne ztvingenden Grund weder zweifeln kann noch darf. Die Anklage hatte aber mit diesem Umstand leichtes Spiel: Ein fremder Kadaver kann ebenso gut stromabwärts getrieben werden. Die gefundene Leiche kann demnach nicht nur eine andere, sondern gar eine verwechselte sein. Schlechte Menschen haben, durch die Angeklagten verleitet, eine andre Leiche hierher geschmuggelt und diese dann zur Irreführung des Gerichts stromabwärts schwiminen lassen. So wurde es auch in Wirklichkeit von den Untersuchungsrichtern ansgcfaßt; so wurde es durch die Presse verbreitet;, das glaubte in Wirklichkeit das aufgehetzte Volk. Nun waren aber außerdem, noch andre objektive Momente. Die Leiche hatte in jedem Fetzen — sowohl der Farbe, dem Stoff unddenr Maß nach — das Kleid an, in dem das gesuchte Mädchen verschwunden war. Aber auch damit wurde die leichtsinnige Anklage fertig. Sie behauptete: Es tvar ein Leichtes, dem ermordeten Mädchen das Gewand vom Leibe zu schneiden und es dem Wechselbalg, deni Schmuggeltoten anzuziehcn. Und merkwürdig: Die Mutter agnoszierte einen jeden Faden der Vorgefundenen Kleider und glaubte felsenfest an das Doppelspiel einer verruchten Ritnalinordbandc. . . Die durch, die Leichensektion festgestellten intimeren objektiven Symptome versteht das Volk nicht. Auch die Anklage' hat diese nicht begriffen. Mit diesen hat man sich eine Zeitlang nicht befaßt; die Mutter am allerwenigsten. Ich fand darin nichts. 'Auffallendes. Nun hastete aber der Leiche ein außerordentlick individuelles Symptom an. Sie hätte eine von einem Fußtritt verursachte verharschte Wundnarbe auf dem Fnßballcn. Die gleiche Narbe war auf dem Fußballen der.Ester auch bei Lebzeiten zu sehen. Dies hat ganz unzweideutig cingestandcn und den Aerzten gezeigt ein vollständig eimvandfrcier Zeuge. Die Aerzte und die vorgehcnden Amtspersonen haben dies gesehen. Aber die Anklage machte es auch damit leicht. Sie hat das Zeichen und die Zeugenaussage einfach — unterschlagen. . . . Aber was sprach die Mutter zu alldem? Ich kann mich nicht entsinne», daß irgendwo — in den Untersnchungsakten, bei der öffentlichen Gerichtsverhandlung oder im Privatgespräch — sich eilte Spur darüber vorfindet, wie sich die Mnttcr über die verharschte Wundnarbe ihrer Tochter, über diesen Unfall und dessen Heilungsprozeß geäußert hätte. In den Gerichtsäkten der ersten Agnosziernng ist darüber kein Sterbenswörtchen verzeichnet. Trotzdem es doch klar ist, daß die alte Mutter fzugegen war und jene Narbe beobachtete, denn diese war Gegenstand eittcr erschöpfenden Verhandlung der Amtspersonen und war Anlaß eines peinlichen Wortwechsels zwischen dem Staatsanwalt und dem Zeugen, der die Anwesenden auf dieses auffallende, frappierende Syinptom lenkte. Trotz alledem hatte die Mutter — wenigstens dem Scheine nach — kein Auge und Ohr für diese Sache. Und doch mußte sie vom Unfall ihrer Tochter Kenntnis gehabt haben. Vergessen konnte es bei ihr noch nicht sein, den» es geschah ja erst toor einigen Monaten. Und war nicht einmal bedeutungslos. Hatte doch die Kuh den Fuß ihres Kindes bis auf den Knochen verletzt und an jener Stelle Haut und Muskel blutig geschunden, so daß es länger als einen Monat mit verbundenem Fuße vor ihren Augen hinken mußte. Und gerade von diesem wichtigsten Symptom spricht sie kein Sterbenswort. Wenn nun das Gericht nicht ganz gewisscnslos dies verschwiegen, diesen Umstand vielmehr seiner schreienden Wichtigkeit nach herausgegriffen und beleuchtet hätte, das Ritualmordmärchen wäre zerflattert, das Ge- Sint Keime erstickt und vielen unschuldigen . Hen wäre der Kerker und die physische und psychische Tortur und der Todeskampf erspart geblieben. Trotzdem ist die arme Mutter nicht zu verdammen. Sie war geistig und moralisch minderwertig. Sie hat ein kapitales Verbrechen durch ihr Schweigen begangen, aber ihre Entschuldigung ist nicht minder groß. - Der Dunstkreis des Ritualmordmärchens hat das ganze Milien umfangen. Mit wein sie zusammenkam: Richter, Laie, Gesunde, Krüppel, Verwandte, Fremde, alle tuschelten und flüsterten von' Blutspuren, von der zerstückelten, verstümmelten Leiche der Ester. Das Gericht, die Presse, der Landtag, die Regiertmg waren von der Ritualmordmanie besessen. Ist es dann nicht mehr als natürlich, daß es der armen Mutter auch zu schlvindeln begann und daß sie sich geistig und moralisch nicht über die sie umgehende Welt erheben konnte. Und, bei Gott, sie ist nicht urplötzlich und leichterdiugs zusammcngebrochcn. Ihre Seelenstärke, die später zusammcnknickte, widerstand lange genug der Versuchung. . . . Ich habe darüber, als ich mein Buch über diesen Prozeß schrieb, lange nachgedacht und nur aus literarischen Rücksichten dieses Kapitel nicht ausführlich behandelt. Entgangen ist mir dies nicht. Bei meiner individuellen Beschaffenheit konnte es ntir nicht entgehen, ^chon in meiner Eigenschaft als Richter, Beamter, Staatsanwalt, Volksvertreter und Kämpfer sür Bolkswohl hatte ich das Bestreben, die Psyche jener Personen zu ergründen, mit denen mich das Leben in Berührung brachte. Die psychologischen Triebfedern der Zeugenschaft der alten Solymosi konnten demnach meiner Aufmerksamkeit nicht entgehen. In persönlich vertraulicher Berührung konnte ich zur alten Frau nicht komnten, sie war so stark von den Hetzapostelir und Ritnalmordagenten umkreist und vor mir so fest verrammelt, daß es mir — mit Ausnahme des amtlichen Verkehrs — unmöglich war, ihr zu nahen. Sie hatte eine Mordssurcht vor mir. Sie sah in mir ein Ungeheuer, einen Dämon, eine übermenschliche böse Gewalt und war fest überzeugt, daß ich ihrem Rechte im Wege bin. Sie hatte manchesmal Visionen, daß ihr Kind auserstehen, das Christentum aber jedenfalls das Judentum niederringen ntüßtc, wenn ich nicht die ganze Arbeit des Gerichts vereiteln würde. Ich fand keinen, den ich zu ihr schicken konnte. Weder Christ noch Jud. Keiner war genug geeignet, genug verständig und zugleich mitteilsam. Nur später verhalf mir der Zufall zu einer solchen Person. Das war der arme Bauer, der zufällig bei allen wichtigsten Amtshandlungen zugegen und Zeuge der zweimaligen Leichenagnoszierungcn und sämtlicher Vorgänge war. Er verfolgte und beobachtete alles mit gespanntester Aufmerksamkeit. Er hieß Janos Szücs und war eine ganz besondere Individualität. Ungeschult; ein ganz einfacher, bedeutungsloser Taglöhner so ungefähr in den Fünfzigern. Ein logischer Kopf mit scharfem Blick und klarer Beobachtung für alle Dinge um ihn. Matt 'findet wenig seinesgleichett. Ohne ihn und den jungen Siszalöker Apotheker würde ich sehr schwer, aber sicherlich erst ganz spät, die Lösung dieses Mysteriums uitd die Entwirrttug in dieser mutwillig angestisteten Verwicklung gefunden haben. Er wurde später Kronzeuge der Verteidigung. Durch besondere Schicksalsfügung hatte dieser Mensch eine gewisse praktische Erfahrung mit Leichen, die nn Wasser tiiugekommen sind. Er hätte mehrere Leichen aus der Tisza herausgeschifft, n. a. auch die seines eigenen Kindes. Diese pflegte er immer her und hin zu wenden, zit betasten, zu prüfen, zu untersuchen und genait zu beobachten. So machte er es auch da. Er hat mehr gesehen und wußte den Tatbestand besser mitzuteilcn und fachgemäßer zu schildern als die dort anivesendeit vier Bczirksärzte. So war z. B. die Körpersornt der geftmdenen Leiche wie die eines Mädchens in der Pubertätszeit. Die ärztlichen Sachverstäitdigen haben von der besonderen Entwicklung der Organe falsche Schlüsse auf das Vorleben und Alter der Toten gezogen. Dieser nüchterne Bauer hat auf Grund meiner Kreuzfragen all ihre Konsequenzen über den Haitfen geworfen und damit den Glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Expertise vollständig erschüttert. Er erklärte cs, wie die organischen Formationen des weiblichen Körperbaues durch das langanhaltendc Bespülen der lauwarm schlammigen Tiszaflut zersetzt und vollständig nmgestaltet werden. Die ernsten sachverständigen der Hochschule habe» seine klaren Ausführungen samt und sonders bestätigt. . . Die Blutprozcßagenteu hörten, das; dieser Szücs die Dinge ganz aitders lveiß, als sie in deit Untersuchuttgsakten geschildert waren, daß er demnach alle künstlich emporgetriebenen Resultate erschüttern könnte, sie hatten darum das Bestreben, ihn umznstimmen oder, wenn nicht anders, zunt Schweigen zu veranlassen. Mit Einschüchterttngen und Verlockungen untkreiste matt seine Verwandten, seine Freunde uitd hetzte sie ihm auf den Leib. Mer es half nichts. Dieser einfache: Feldarbeiter blieb gerade und unerschüttert wie der Fels in-