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Neue jüdische Presse · 1909-09-29 · Heft 38 (29.9.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 38 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 38. So alt dieses „Institut" ist, mir war es vollständig neu. Ich wurde neugierig, sprach mir Mut zu und trat ins Innere des Hauses. Ein älterer, bärtiger Herr empfing mich mit der bekannten diebischen Liebenswürdigkeit und führte mich in den Wartesaal, cm schmuckes, sauberes Zimmer. Ich Knute noch kaum Platz finden. Alle Stühle waren besetzt mit Juden, alten und jungen. Die Anwesenden waren alle Patienten, doch die meisten schienen mir an Hungertyphus zu leiden. Auf dem runden, breiten Tisch lagen allerlei Bücher und Broschüren: das „neue" Testament, Missionszeitungcn und dergleichen „Erbauungsschriften" mehr.' Der alte, bärtige Herr, der mich empfing, besorgte auch den Aufwartcdienst. Er gab jedem und jeder eine Lektüre und achtete darauf, daß man auch die Lcktiire las. Mte Mische Frauen mit' kranken Kindern auf denr Arm und mit Perücken bis zur Nase saßen da und lasen ihre „Erbauungsschriftcn", ebenso alle, bärtige Juden. — Dieser Anblick entsetzte mich. Ich hielt es nicht lange aus und verließ, bald den Wartesäal, — blieb. aber vor dem Hause stehen, um einige Patienten abzuwarten. In etwa fünf Minuten trat eine alte jüdische Frau mll einem Kind auf dem Arm und mll einem Paket Erbarmngsbüchcr in der zweiten Hand heraus. Ich sprach ohne Zögern die Frau an. „Was hot Ihr do gemacht?" „Wos heißt? Ich bin gewesen beim Doktor!" gab sie halbverschämt zur Antwort. Ich: „Worum gcht Ihr nit zu a andern Doktor oder ins Spllal?" Sie: „Erstens' bin ich nicht Rothschild und zwellens im Spllal. — Wos is in Spital? Doch auch bei Gojim. A Unterschied, a Goy ist a Goy. Un in Spllal ist mein Kind nur a Nummer, und in Spital liegen a sach (viele) Juden, und dort plogt man die Juden, die Schwestern lachen sie aus, as (wenn) sie wlllen dawnen oder wenn sie legen Tephllin. Un as der Doktor von Spllal will nll, sogt er gor: „Ich habe keinen Platz." Die Frau empfand augenscheinlich das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, und sie erzählte mir allerlei von ihrem Elend und von ihrem Schicksal. Zuletzt sagte sie mir, daß sie von den Missionaren nicht imr Arzt und Medikamente gratis erhall, sondern auch Bargeld und im Winter Kohlen und Brot. „Wie soll ich leben? Mein Mann ist in Amerika und schickt noch kein Geld. — Mein Kind ist augenkrank und ich bin auch krank. — A guten Sog." Sprachs und verschwand. Bald darauf verließ ein aller Jude das verfluchte Haus. Er machte den Eindruck eines Lungenkranken. Ich tvollte ihn ebenfalls ansprechen, ihn aussragen, — aber er lief davon. Ich habe noch einen jungen Mann, einen russischen Juden, ansprechen können. Ich begleitete ihn bis zu seiner „Wohnung". Ein kaltes, feuchtes Grab : . . Eine Schar Kinder saß auf dem feuchten Boden und spielte verschwiegen. Die Mutter war auf dem Markt, wo sie mit Zitronen handell. „Was soll ich tun?" klagte mir der Unglückliche. „Ich bin schwindsüchttg. Ich war 10 Wochen im Spllal, das ich in einem noch schlimmeren Zustarw verlassen, als ich cs bezogen habe. Man hat mich als „gehellt" entlassen. Ich wollte dawnen, haben mich die Schwestern ausgelacht. An meiner Selle lag ein alter Christ, ein Säufling, der oft den Besuch des Geistlichen erhielt. Ich betete und er auchaber saut. . . . . Der Geistliche, ein aufdringlicher Mensch, gab mir auch keine Ruhe. Der Arzt kümmerte sich wenig um mich, er hatte noch 50 andere Patienten in seiner Abteilung. — Und dann bin ich doch Familienvater und muß doch für meine Kinder sorgen! Wer gibt mll im Winter Kohlen? und wer Brot? Die Juden? Rothschild? Nein, der Missionar, ein guter Mensch) er gibt mll Kohlen und Brot. Ob mich der Geistliche im Spital mll seinem Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Heiland quält, ob mir mein Arzt von dem „Messias" erzählt — es kommt aufs gleiche heraus. Aber der gibt mir noch Brot und Kohlen dazu." * London, eine jüdische Gemeinde von annähernd 300,000 Köpfen, hat kein jüdisches Spital, keinen den Bedürfnissen entsprechenden Hilfsverein, obwohl es in London an jüdischen Millionären nicht fehlt . . . ' denn bald werden diese jüdischen „Führer" eine russische Anleihe finanzieren. . . . Jede Woche werden hunderte von Mischen Einwanderern zurückgeschickt, well diesem oder jenem Eimvanderer 20 Mark fehlen, jede Woche brechen Juden in Whitechapel vor Hunger und Not auf der Sllaße zusammen, und es fehlt an den elementarsten Hülfsmllteln. Nur für „Ministers" und „Religion" wird gesorgt, Rausch-haschano und Jaumkippur treibt man die Armen in Hallen und Scheunen zusammen, wo sie unentgeltlich beten dürfen — sonst geschieht nichts, absolut nichts. Und dann wird in der Presse ausposaunt, wie sich die Großen für ihre armen Glaubensgenossen aufopsern, wie sie ihnen das Leben erhalten, was sie alles für die russischen Juden tun. Gibt es eine größere Heuchelei, gibts einen größeren Bandittsmus, eine größere Verspottung des Elends? Ich klage die Londoner Gemellrdeführer an, daß sie mit dem unsäglichen physischen und psychischem Elend Hunderttausender einen Sport — einen infamen Sport treiben. Solange die arme jüdische Frau mit ihrem blinden Kind den Missionar ausiuchen muß, solange der Missionar den armen, hungernden Juden in Whitechapel Kohlen und Brot gibt, solange es in London kein jüdisches Spital gibt, wo ein schwindsüchttger Jude sein müdes Haupt ausruhcn kann, ist ihre Führerschaft moralischer Wucher, ihre von Ncligiösität triefenden Reden Heuchelei und schändlich und verdammenswert ihr ganzes Tun. Ich klage an, ich llage an. London, im September 1909. Maxime Le Ma!tre, recte Dr. S. M. Melamed, cand. jur., Laureat du Bureau international de la paix ä Berne. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Wie dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" mitgeteilt wird, gaben zu den Gerüchten über schwere Pogrom-Ausschreitungen in Kiew folgende Vorgänge Anlaß: Am 23. August 10 Uhr abends ertönten auf dem Wall der Vorstadt „Slobodka" Hilferufe. Es stellte sich heraus, daß eine Gruppe des „Kiewer Verbandes des russischen Volkes", 15 an der Zahl, mit dem berüchtigten Nicolai Pawlowzky (mit dem Beinamen Woran) an der Spitze, auf dem Wall erschienen waren und mehrere Juden aus der Slobodka zu prügeln anfingen. Unter anderen wurden David Slachmann und Moses Stcllbaum dürchgeprügelt. Indem die Hooligans sich mit Erbitterung auf das Publikum warfen, riefen sie: „Da habt ihr die Gleichberechtigung." In einer Droguenhandlung wurde drei Personen, die bei der Prügelei zu Schaden gekommen ivaren, die nöttge Hilfe erwiesen. Als, durch die Rufe der Geschlagenen herbeigelockt, die Polizei erschien, beeilten sich die Hooligans zu verschwinden. Einige der Hooligans wurden .von den Geprügelten nach einer in der „Kiewskaja Jslle" erschienenen photographischen Aufnahme als Mllglieder der Kiewer Kampforganisation erkannt. Irgend welchen nenneirswerten Umfang haben die Ausschreitungen nicht angenommen, jedoch entstand begreiflicherweise eine große Panik. Oesterreich-Ungaru. Budapest. Eine Tageszeitung bringt folgendes Geschichtchen: Ein Zeitungsverleger aus einer kleinen Provinzstadt kam vor einigen Tagen nach hier und besuchte bei dieser Gelegenheit das Cafe „Newyork", in dem sich Schriftsteller und Journalisten zu llesfen pflegen. Der Verleger war einst ein armer Jude, seit er aber zur alleinseligmachenden Kirche gehört, ist er eben nicht arm, da doch der Bischof sein Taufpate ist. Als er da ruhig seinen Kaffee trinkt, tritt ein alter Bekannter, ein angesehener Journalist ein. Sie begrüßen sich gegenseitig. Auf die Frage, wie es ihm in der Provinz gehe, erwidert der Zeitungsverleger stolz: „Gott sei Dank, ich kann mich nicht beklagen. Mit manchem hauptstädtischen Berufsgenossen möchte ich nicht tauschen. Hören Sie, alter Freund, Sie. sollen auch sehen, wie gut es mir geht. Schreiben Sie einen Leitartikel für mein Blatt, ich bezahle ihn so teuer, wie Sie es selbst wünschen!" „Hundert Kronen," sagte der Journalist. „Topp, da haben Sie das Geld! Die Herren Schriftsteller sollen wissen, daß auch wir Provinzler etwas gelten. Und noch eines. Der Artikel muß antisemitisch sein. Wissen Sie, ich freue mich stets, wenn wir der Judenbagage einen Seitenhieb geben können. . ." Der Schriftsteller winkt zustimmend und steckt die 100 Kronen in die Tasche. „Sie können ganz beruhigt sein," — sagteer, — „der Artikel wird antisemitisch, sehr antisemitisch sein . . ." Nach einigen Tagen, äls der Zeitungsverleger an die Sache kaum mehr dachte, kam der Artikel an. Der Empfänger freut sich ungemein, eilt in die Redaktion seines Blattes und liest den Artikel dem verantwortlichen Redakteur vor. „Wir können von dem mangelhaften moralischen Empfinden unserer jüdischen Mitbürger wieder beredtes Zeugnis liefern. Dieses wird unsere geehrten Leser noch inniger in ihrer Ueberzcugung — daß der Jude ein nichtswürdiges Geschöpf ist — befestigen können. Der Verleger dieses Blattes, der noch bei seinem 20. Lebensjahre Jude war, zahlt 100 Kr. Honorar für einen Artikel, in dem seine einstigen Glaubensgenossen beschimpft werden sollen. Gibt es noch 'eine größere sittlich-moralische Verderbtheit? Haben jene nicht Recht, die ebenso, wie wir es seit Jahren tun — die Korruption dieser elende» Rasse an den Pranger stellen? . . ." Der Verleger rennt ins Telegraphenamt und sendet dem Autor des Artikels ein beleidigendes Telegramm. Das Ende der Geschichte ist nun ein Prozeß. Nyitra. Folgender Fall, der allenthalben lebhaftes Aufsehen macht, ereignete sich im hiesigen Komitate: Vor einigen Jahren lernte in Tyrnau ein katholischer Bezirksnotar die Tochter eines' angesehenen und reichen jüdischen Kaufmannes kennen. Das Ende der Bekanntschaft war, daß das Mädchen, um die Gattin des Notars zu werden, zur katholischen Religion übertrat. Der Vater verweigerte anfangs die Herausgabe einer bedeutenden Mitgift; — doch schließlich gab er den Bitten der Tochter nach, ja das väterliche Haus blieb ihr auch dann noch wie vorher offen. Die jungen Gatten lebten, so lange die Mitgift herhiclt, in liebevollem Einvernehmen, doch als das Geld zur Neige ging, begann das Märtyrertum der Frau. Prügel und Schelte waren an der Tagesordnung, und nur die namhaften Geldsendungen, die von zuhause kamen, konnten auf kurze Zeit Frieden schaffen. Am 16. dss. Mts. — der jüdische Neujahrstag kümmerte doch nicht mehr die abgefallene Jüdin — reiste nun die Frau Notarin zu ihren Eltern, um ihre unglückliche Ehe wieder durch eine Geldsumme auf eine erträgliche Basis zu bringen. Sie erhielt wohl das 'Geld; — doch reiste mit ihr auch ihr Bruder, ein junger Jurist, zurück, um dem Schwager ein für allemal zu erklären, daß das Pumpsystem nicht weiter in Anwendung kommen könne, weil die Familie zugrunde gerichtet sei. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel. Der Bruder der Notarin ergriff in seiner Erbitterung einen geladenen Revolver und feuerte vier Schüsse auf den Notar, der tödlich getroffen niedersank. Sodann richtete er.gegcn sich die Waffe und blieb auf der Stelle tot. Der Notar ringt noch mit dem Tode. Der junge Advokat wurde Sonntag begraben. Frankreich. Paris. Die Alliance Jsraelite Universelle hat folgende Unter st ützungen abgesandt: für die in Krementschug von einem fürchterlichen Brand heimgesuchten Juden 5000 Fr. und für die Schulspeiseanstalten in Rumänien 5000 Francs. Rußland. Petersburg. Der hierher zurückgekehrte sibirische Dumaabgeordnete Beleussow berichtet über Massenausweisungen von Juden aus Sibirien. Kinder, Greise und Kranke iverden nicht geschont. Ein alter bettlägeriger Jude ist unterwegs gestorben. Selbst eingeborene Juden werden ohne jeden Grund ausgewiesen. Es heißt, daß dieses barbarische Vorgehen der sibirischen Adminisllation auf eine Verordnung der Petersburger Zentralregierung zurückzuführen ist. — Früher wurden und noch jetzt werden allerhand „Verbrecher" nach Sibirien verbannt — die Juden aber, die man doch sonst auch als Verbrecher behandelt, werden sogar von dort ausgewiesen . . . „N.J.K!- Homel. Als angebliche Organisatoren des Stteiks in einer hiesigen Zigarettenfabrik wurden

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