Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 38 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I gfritttE fitxttt frnrlitifdirs fanilirnblitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, i sonstige Länder M. 2.— Kedaktt-K Md Geschäftsstelle: SrsMfurl a. M.» vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Uelefo« 10507. Kerartsgever: Sals Gei^. . Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg- Die Reklamezeile. um .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Berbtndlichkeit Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 7. Jahrgang. Mittwoch, den 14. Tischri 5670 (20. September 1909). Rr. 38. »M- Des Suckausfestes wegen erscheint dir nächste Nummer am Irertag den 15. Skiober. Inhalt »es Hauptblattes. Artikel: Hofrat Kuranda protestiert. — Ich klage an .... — AuS aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochenkalender. — Familiennachrichten. Hoftat Kuranda protestiert. Eigentlich hätten wir protestieren sollen. Das Judentum ist seinem Wesen nach — laut Tauroh, Newiim und Kesuwim, laut Talmud, Rischaunim und Achraunim — 'stark national. So ist der Gott Israels trotz seiner Universalität durch und durch national und in erster Linie als der eigentli ch e S ch utzherr seines Volkes gedacht, mit dem er durch ein ewiges Bündnis, — durch die noch bis auf den heutigen Tag geübte Beschneidung — untrennbar eng verbunden. Und ebenso ist Israel sein Volk von Abraham bis auf Esra, von Esra bis auf Rabbi Akiba, von Rabbi 'Akiba bis auf Rambam und von Rambam bis auf Rabbi Samuel Mohilewer stets durch und durch national gewesen; in gleichem Maße waren sie um das Los ihrer Nachkommen bedacht und in gleicher Weise konnten sie sich deren Bestand und deren Zukunft nicht anders als wie im Lande Kanaan denken. So seine eigentlichen Väter und Erzieher von einst und heute; so seine Lehrer und Weisen; — nicht zu sprechen von seinen Dichtern, von Jeremia (und sogar der Universalist und Stütze der Assimilation Arnos) bis Jehuda Halevi, von Jehuda Halevi bis auf M. Ch. Luzzato, und von Bi. Ch. Luzzato bis auf Bialyk! Kurzum, dieses Faktum muß als etwas unbestreitbar Feststehendes gelten, und nur Ignoranten oder Lügner können es fertig bringen, diese Tatsache in Frage zu stellen. Und nun fragen wir: Wäre es da nicht am Platze, angesichts des fortwährenden Gefasels, daß das Judentum nur eine Konfession sei, laut'und kräftig zu protestieren? Erst in unserer Zeit haben wir es erleben müssen, wie das Judentum, das von unzähligen sachverständigen, wirklichen Größen in tausenden und abermals tausenden von Werken in der klarsten, unzweideutigsten Weise niedergelegt ist, vqn Männern, die keinen blassen Dunst von ihm haben, ganz neue, ihm schnurstracks zuwiderlauferche Auslegungen erhält; ja fast möchte man sagen, daß die Judentümer wie die Pilze aus der Erde hervorschießen. Und nun — gebührt nicht schon einem solchen Treiben der schärfste Protest? Und siehe! da gibt es eine jüdische Organisation, deren Leitung in den Händen der frömmsten Männer der Diaspora liegt, z. B. der Herren S. Reinach und Jacques Bigart, die die religiöse Erziehung der jüdischen Jugend an sich gerissen haben, — und um nun die Jugend zu echt ftommen Juden zu erziehen, haben sie es sich zur Richtschnur gemacht, ihr jeglichen Patriotismus für das eigene Volk, jeden nationalen Anflug auszutreiben. Ein Beispiel: Die Schulleitung und Schulinspektoren haben es schon längst erkannt, daß die beste, sicherste und schnellste Methode zum Erlernen des Hebräischen ist und bleibt: „Jwris beiwris" (Hebräisch im Hebräisch); — trotzdem sind sie weit davon entfernt, diese Methode in allen ihren Schulen einzuführen, weil zum Unglück die Lehrer, die Meister dieser Methode sind, nur unter den Jüdisch-Nationalen gefunden werden können. Verdient nicht auch' dieses Gebühren den lautesten Protest? Da werden Rabbiner in Amt und Würden gesetzt unter der ausdrücklichen Vereinbarung, den jüdischen Nationalismus totzuschweigen, widrigenfalls ihnen Anitsentsetzung drohe; — das heißt also, von Gemeindewegen dem Verrat die Krone aufzusetzen! . . . Wo sind die Ausdrücke des Protestes für eine solche schmachvolle Selbstentmannung?! Oder es wird von jüdischen Geldmännern einer Pogromregierung Geld' gegeben, damit sie ihre jüdischen Brüder weiter in der barbarischsten Weise knebeln kann. Selbst in den Tagen der großen Massakres haben Juden dem russischen Staat aus seinen Geldnöten geholfen. So sind auch augenblicklich wieder Verhandlungen wegen einer großen Anleihe im Gange, und auch diesmal werden sich unsere großen Juden nicht von einer Beteiligung zurückhalten. Sollte da nicht das ganze jüdische Volk in einen Entrüstungsschrei ausbrechen? Doch genug! — Die Widerwärtigkeiten und Verkehrtheiten im jüdischen Leben, die des schärfsten Protestes bedürfen, sind gar unzählige! Wir aber gehen mit Stillschweigen an ihnen vorbei und protestieren nicht, — und da wir nicht protestieren, so schöpfen unsere Widersacher immer mehr neuen Mut, sodaß schließlich sie es sind, die — protestieren. . . . Ter Jude' Kuranda ist der Held des Tages. Ter Sachverhalt ist folgender: Die Juden Bukowinas sollen als gleichberechtigte jüdische Nationalität von der Regierung anerkannt werden. Ter Permanenzausschuß für den Landtag der Bukowina hat bereits einen Wahlreform-Entwurf ausgearbeitet, welcher besondere Wahlkörper ruthenischer, deutscher, polnischer und — wie schrecklich! — auch jüdischer Nationalität vorsieht, darob das Entsetzen der Assimilation, darob der Protest des Mgeordneten Kuranda, der als verbissener Verräter die Polizei um Hilfe anruft und bei der Regierung Schritte unternommen hat, dem Entwürfe die Genehmigung zu versagen. Man vergegenwärtige sich, was das armenische Volk dazu sagen würde, wenn sich die türkische Regierung anschickte, den Armeniern Konzessionen zu machen und ein armenischer Wgeordneter sich erkühnte, dagegen zu protestieren, — wäre er da nicht von seinen Volksgenossen gelyncht worden? Gewiß ist keine Nation von Verrätern ftei; doch anderswo treiben diese ihr Werk im Geheimen, und bei uns? Hat es nicht den Anschein, als ob die Prostitution offen zum Protest gegen die euschheit vorgeht . . .?!!! —n. Ich klage an .... . An einem kalten, regnerischen Mittwoch führte mich mein Weg nach Whitechapel, einem Stadtteil des englischen Babylons, in dem hunderttausende von ihren Heimatländern ausgespiene Juden ohne Licht und ohne Lust int Elend leben. Ich durchquerte einige Gäßchcn und Passagen, die ausschließlich von diesen armen Juden bewohnt sind. Ich konnte, da viele Fenster ohne Vorhänge sind, einen Einblick in das Innere der Räume nehmen. Ein paar alte, dreisüßige Stühle, ein langer Tisch, auf dem alles im bunten Wirrwarr liegt: Brot, Bücher, Kleider, ein Glas, Handtücher, ein Kamm, kurzum Whitechapel. . . . Der Boden aus Stein, die Wände feucht und untapeziert und ein Gestank bis zum Himmel — Whitechapel. Ich passierte mehr als zehn lange Gassen - und Gäßchen, aber immer dasselbe Elend, immer dieselbe Armut, immer derselbe Schmutz. . . Als ich den Weg zur Hauptstraße, Whitechapel Road, nehmen wollte, stieß ich auf ein großes Eckhaus, das vorteilhaft von den andern Häusern abstach. Aber kaum siel mir der merkliche Unterschied auf, als ein gut gekleideter, kräftiger Mann, wie aus dem Abgrund aufgetaucht, vor mir stand und mich im polnischen Jargon also anredete: „Kommt herein, junger Mann, es fehlt ein Mensch zum Minjen!" — In diesem Moment erspäht mein Blick ein Schild, auf dem in jüdischen und englischen Lettern zu lesen war: Jüdische Mission. Ich bebte unwillkürlich zurück. Es war, als hätte mich eine Kugel ins Herz getroffen. Ich lief davon und gewann bald Whitechapel Road. Kaum war ich auf der verkehrsreichen Straßenecke, als mich wieder ein junger Mann anhielt: „Kommt herein, kommt herein — jetzt ist Zeit!" . . . Ich wandte mich rasch um, — und wieder stand ich vor einem Missionshaus. Ich beachtete die „Einladung" nicht und ging voll innerer Unruhe — und Wut .. . meines Weges. Nach einviertelstündigem Marsch stieß ich auf ein kleines Haus, das ein Schild mit folgender Aufschrift in beiden Sprachen führt: Indische Mission — Poliklinik, Sprechstunden von 9—12 und von 2—6.