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Neue jüdische Presse · 1909-09-24 · Heft 37 (24.9.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 37 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3, Nr. 37. Frärckfurker Israelitisches FamilienblaÜ. der „Montefiore-Stiftung" über „Prämiierung jüdischer Lehrer für Handfertigkeit und Gartenbau" abgedruckt. Die Beiverbungsfrist für diese Zluslobungen läuft am 1. Oktober ds. Js. ab. Nürnberg. Die Eröffnung des neuen. Israel. Friedhofs ist fiir nächstes Frühjahr in Aussicht genommen. Bonn. Die hiesige Synagogengemeinde beabsichtigt, auf ihrem Grundstück an der Tempelstraße neben der Synagoge ein neues Gemeindehaus zu erbauen. Es handelt sich um einen stattlichen Neubau, der an der Tempelstraße eine Frontlänge von etwa 16 Meter haben wird. Im Erdgeschoß ist ein Sitzungssaal mit etwa 75 Quadratmeter Flächenraum vorgesehen, außerdem Vorstands- und Armenrat-Sitzungsziiumcr. Die gesamte Gcbäudegruppe der Synagogengemeiude hat nach Fertig- - stelluug dieses Neubaues eine Frontlänge von etwa 60 Meter. Schweiz. Zürich. Die Generalversammlung des Verein zur Förderung des gesetzestreuen Indentums in der S ch w eiz wurde mit einem Vortrage des Herrn Dr. M. Ascher- Neuchätel über das Thema „Vers u ch einer wissenschaftlichen Begründung des Judentum s" eingeleitet. Zu allen Zeiten — so führte Redner aus — haben die jüdischen Philosophen sich bemüht, einen Ausgleich zwischen Judcntunr und Wissenschaft herbcizuführen, ein zweckloses Beginnen, da die Wissenschaft im beständigen Fluß ist und das Judentum seine ewigen, unabänderlichen Gesetze hat. - Das Judentum aber steht mit der Wissenschaft nicht im Kampfe, denn es hat nur sittliche Ziele. Der Ungläubigkeit soll durch die Vernunft entgegengearbeitet werden, und allen Strömungen der heutigen Zeit, wie Sensualismus, Materialismus und Rationalismus, kann und soll das. Judentum durch seine Wahrheiten entgegentreten. Alles Wissen ist vom Glauben abhängig; die letzten Ziele und Zwecke, die großen Rätsel des Lebens und des Todes, . kann die Wissenschaft überhaupt nicht lösen, sondern nur der religiöse Glaube. Das Judentum verlangt unbedingtes Wissen und Nachdenken über seine Gesetze. Auch die Wissenschaft rückt dem Gottesgedanken näher, wenn sie cs auch nicht gestehen will. So kommt selbst der große Naturphilosoph Herbert Spencer zu der Frage, wer die Urkraft gebildet und geschaffen, — also zu Gott. Der Redner teilte im Verlaufe seiner Ausführungen mit, daß er das Thenra in einem größeren Werke eingehend behandeln werde. — Nach ihm hielt Herr Rabbiner Dr. H o f f m a n n - Randegg eine Ansprache, in der er den Wunsch aussprach, daß sich alle jüdischen Kreise zu Zwecken der Philanthropie und der Abwehr bei Angriffen vereinigen möchten. — Sodann erstattete Herr Rabbiner Dr. Cohn-Basel den Bericht. Der Verein zählt etwa 400 Mitglieder. Rußland. Shitomir. Verschiedenes. In Bojaska, - wo die Hilden die Erlaubnis erhielten, ihre Sommerwohnungen aufzuschlagen, sind jetzt Plakate des Inhalts angebracht, daß sie bis zum 1. Septem- J ber russischen Datums diesen Ort verlassen haben müssen. — In Kiew hatten sich zahlreiche jüd. Abiturienten taufen lassen, um auf der Universität ausgenommen zu werden. Das hat vielen aber nichts genützt, denn eine Bekanntmachnng des Rektorats teilt mit, daß nur Täuflinge, die bis zum 20. August ihr Ausnahmcgesuch einreichien, Berücksichtigung finden. Vorige Woche war ich in W a r s ch a u. Neben großem Luxus sah ich da sehr viel Elend. Hunderte jüdischer Familien kampieren in den Gassen und haben weder Wohnung noch Nahrung. I. I. Braun. Türkei. Kvnstantinopel. Die letzte Ministersitzung befaßte sich mit der Palästinensischen Einwänderungs» frage und kam, wie verlautet, zu dein Beschlüsse, alle bestehenden Beschränkungen aufzuheben. Salonique. Wie .La Nation" berichtet, besteht in gewissen Kreisen der türkischen Inden die Absicht, einen jüdischen Kongreß nach Konstantinopel eiuzuberusen, der sich mit der Organisierung der jüd. Gemeinden usw. befassen soll. Palästina. Jerusalem. Die Nachricht, daß die Juden zum Militärdienst - genommen werden, hat unter den Jerusalemer Juden eine große Aufregung hervorgerusen, weil die meisten militärpflichtigen Juden bereits verheiratet sind. Die Juden in Jaffa und in den Kolonien dagegen haben die Nachricht mit Jubel ausgenommen. Amerika. New-Nork. „The Jewish Gazette" schreibt: Viele Inden werden überrascht sein, wenn sie hören, daß die Hunderte und Hunderte Synagogen und Betsäle von Newyork und Brooklyn letzte Samstag-Nacht mit vielen Tausenden von Juden besetzt Ivaren, die gekommen waren, um die zweite Hälfte der Nacht Selichaus zu sagen. Man hat die Meinung aufgebracht, daß in Amerika kein Judentum mehr sei, — das Gegenteil ist der Fall. Wenn tausende Juden — und darunter zahlreiche junge Leute — des Nachts beim Selichaussageu sitzen, wenn die jüdische Stimme mit der alten historischen Sclichausmelodie die stille Nacht durchdringt von einer Ecke Newvorks bis zur andern, dann ist das ein Beweis, daß d er Z aub er d es alten jüd is ch en G efüh ls noch vorhanden und im Chaos der neuen Welt die jüdische Stimme, die uns zn der Quelle ruft, von der wir die Kräfte unseres geistigen Lebens schöpfen, noch nicht erstickt ist. Die Tochter ües Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lFortsetzung). Punlt zehn Uhr trat die Wirtin in das Zim-! mer und berichtete, daß die Sänfte vor dem Hause auf die Kontessa warte. Tirza blickte ängstlich, wie Hilfe suchend, aus den Rabbi. Dieser erhob sich. „Komm', liebes Kind, cs ist Zeit, wir dürfen seine Eminenz nicht warten lassen." „Mer — aber — könnte ich nicht mit Dir gehen?" „Ich weiß nicht, ob das seiner Eminenz recht wäre — also." — Er ergriff ihre Hand und geleitete die Zagende aus dem Zimmer. „Konini' liebes Kind!" „Ich weiß aber gar nicht, was ich in der Sänfte machen soll," flüsterte sie, dem Weinen nahe. „Komm' Herzchen, sei vernünftig, ich gehe doch mit. Kannst den Vorhang an der einen Seite ein wenig heben, dann wirst Du mich stets sehen." Auch die Wirtin, die sie zögern sah, wollte ihr Mut zusprcchen, das Ivirkte am meisten; rasch stieg sie ein, und die Träger setzten sich mit ihrer leichten Last in Bewegung. Ihr war angst, das Herz schlug ihr bis hochhinaus zum Hals. Sie zitterte, sie wußte selbst nicht vor was. In ihrer Herzensangst flüsterte sie die Worte des Gebetes, das sie allabendlich vor dem Einschlafen zu sprechen pflegte, halblaut vor sich hin. Da ward es auf einmal still und sanft in ihrem Herzen, tief aufatmend blickte sie, über sich selbst lächelnd, vor sich hin. Was fürchtete sie? — und was hatte sie zu fürchten? — Jetzt lüftete sie den Vorhang an der einen Seite und begegnete dem Blicke Desjenigen, den sie in ihrem Innern noch immer Vater nannte. Er winkte ihr ermutigend, sie lächelte ihm dankend zu, er sollte es nicht gewahren, daß sie eben noch so unvernünftig gewesen war. Endlich hatten sie deu Palast erreicht. Ein Diener öffnete die Tür der Sänfte und wollte ihr beim Anssteigen behilflich sein, aber sie griff hastig nach der Hand Rabbi Jizchaks, und indeni sie feinen Arm umklammerte, schritt sie — nun doch wieder bebend — an seiner Seite die breite Marmorstiege aufwärts, aus der der Diener ihnen voraueilte. Daun geleitete er sie über einen langen Korridor in das Arbeitszimmer des Kardinals. Kardinal U. war ein hochgewachsener Herr, noch größer als Rabbi Jizchak und breitschultrig, aber vollständig wie vertrocknet. Sein von zahllosen Falten durchfurchtes Angesicht entbehrte trotzdem nicht eines sympathischen Ausdruckes, was wohl zumeist den großen dunkeln, lebhaften Augen zu danken war. Er saß in einem gepolsterten Lehnsessel, ein Brevier in der Hand. Als der Diener die Angekommenen gemeldet hatte, war er hastig aufgesprungen, dann aber sich mäßigend, war er ihnen gemessenen Schrittes entgegengegangen: „Sei mir willkommen im Namen des Herrn, meine teure heißersehnte Nichte!" Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie, neigte sich und berührte mit seinen bebenden Lippen ihre klare Stirn. Sie hatte seine Bewegungen nicht verstanden, und zog' unwillkürlich seine Hand an ihre Lippen. Wonnig durchschauerte es ihn, als zum ersten Mal die weichen Lippen seines Kindes seine knochigen Finger berührten. Einen Moment rang er sichtlich nach Fassung, dann den Arm um die zarte Gestalt des jungen Mädchens legend, führte er sie zur Ottomane. „Setze Dich, mein teures Kind, und auch Ihr Signor lasset Euch nieder und habet Dank, daß Ihr das holde Kind mir zugeführt habt. Verstehst Du italienisch Kleine? hast Du verstanden, was ich gesagt habe?" „Biel Italienisch verstehe ich nicht," erwiderte Tirza mit ihrem liebreizenden Lächeln, „aber was Ihr bisher gesagt habt, glaube ich verstanden zu haben. Aber der Vater kann sehr gut italienisch sprechen," fügte sie mit einem gewissen Stolz hinzu. „Der Vater —" wiederholte der Kardinal lächelnd, indem er zu Rabbi Jizchak hinüberblickte, „ich glaube. Du hast Deinen Freund, den Du Vater nennst, sehr lieb." „Wen sollte ich lieb haben, wenn nicht meinen Vater," versetzte Tirza innig. Eine Blutwclle überflutete fiir einen Moment das saltenreiche Antlitz des Kardinals. „Ich gäbe viel darum, wenn Du mich auch lieb haben wolltest. — Siche, ich bin ei» alter Mann, bin reich und mächtig. Hunderte eilen, meine Befehle zu vollziehen oder meine Wünsche, daß aber auch nur Einer mich so lieb hätte, ivie Du Deinen Freund und Erzieher —" er schüttelte schinerzlich seufzend den Kops, „das glaube ich nicht." Tirza hatte ihn nicht verstanden, fragend blickte sie ans Rabbi Jizchak, der ihr die Worte des Prälaten übersetzte. Mitleidig wandte sie sich zu dem armen reichen Mann, in dessen Angesicht sie erst jetzt einen leidenden Zug entdeckte. Einem augenblicklichen Impuls folgend, ergriff sie seine beiden Hände und drückte sie an ihre Brust. „Ich will Euch lieb haben, Oheim, ganz gewiß, ich will Euch sehr lieb haben." „Dann würdest Du mich glücklich machen, mein teures Kind." Es entspann sich eine ziemlich lebhafte Unterhaltung, wobei der- Rabbi deu Vermittler machte. I Tirza tat zwar ihr Möglichstes, sich in der Landessprache auszndrücken, aber ihr Wortschatz war allzukleiu: fehlten ihr, bei dem, was sie sagen wollte, nur einzelne Worte, so sagte Rabbi Jizchak ihr dieselben italienisch und sie wiederholte sie: galt es jedoch, dem Kardinal ganze Sätze zu übermitteln, so übertrug er dieselben in's Lateinische, das er korrekt und fließend sprach. „Du mußt die Sprache unseres Landes erlernen, liebes Kind, damit wir uns auch ohne Hilfe eines Dritten mit einander verständigen können. Wenn es Dir recht ist, könnte Euer Reisebegleiter, der Pater Anselmo Dich täglich unterrichten." Das junge Mädchen wiegte überlegend das liebliche Köpfchen. „Ich möchte wohl die schöne Sprache dieses Landes erlernen, man kommt sich so dumm vor, wenn man die Leute nicht versteht und von denselben nicht verstanden wird. Ob aber Pater Anselmo grade der richtige Lehrer dazu wäre? — Der Pater Anselm» war zwar sehr aufmerksam und sehr gefällig gegen mich, aber cs kommt mir vor, als ob er das Italienische nicht gut spräche — wenn Ihr sprecht, Oheim, das klingt wie Musik — so möchte ich auch sprechen können — aber wenn der Pater spricht, das klingt ganz anders." Der Kardinal war entzückt von dem raschen und sichern Urteil des jungen Mädchens. „Recht hast Du, liebes Kind, das Italienisch des Pater Anselmo ist keineswegs mustergiltig, aber er versteht und weiß sich verständlich zu machen, das ist ja doch die Hauptsache; darum wäre es meiner Ansicht nach "vorläufig richtig. Dich von ihm unter-- richten zu lassen, weil er doch auch Deutsch versteht. — Ein Vollblutitaliener würde gegenwärtig schwer mit Dir fertig werden können. Meinst Du nicht auch?" „Nein," erwiderte sie, abermals den Kopf schüttelnd. „Ihr werdet doch auch mit mir fertig." „Doch nur durch Vermittelung Deines Freundes." „Älber wenn der Vater immer dabei sein würde, wenn ich im Italienischen unterrichtet würde, dann brauchte doch der Betreffende nicht Deutsch sprechen zu können." „Da hast Du recht, das wäre sicherlich das Beste, es käme nur darauf an, ob Dein Freund — würdet Ihr die Gefälligkeit haben, Signor, den Wunsch meiner Kleinen zu erflillen?" „Vorläufig, so lange ich keine andern Verpflichtungen übernommen habe, wäre ich mit Vergnügen dazu bereit. Doch erlaube ich mir darauf aufmerksani zu machen, daß ich selbst das Italienische nicht vollständig beherrsche; es wäre daher wünschenswert, daß der betreffende Lehrer auch Latein spräche." „Das ist keine Schwierigkeit, jeder katholische Geistliche versteht Latein. Aber ich staune schon die ganze Zeit über Euer elegantes Latein, und Ihr seid doch kein Geistlicher. Was ist Euer Beruf?" „Ich bin Arzt," erwiderte Rabbi Jizchak. „Arzt seid Ihr. — Ja, ja, ganz recht," er fuhr sich mit der Hand über die Sttrn, „der Pater Anselmo hat es mir doch schon gesagt, daß Ihr ein sehr geschickter Arzt seid, daß Ihr den Bischof von O. geheilt habt und viele, viele andere." „Das möchte ich doch nicht behaupten. Gott heilt die Kranken, der Arzt ist nur Werkzeug in seiner Hand." „Nun ganz gewiß, selbstverständlich, er lenkt doch all unser Tun. Aber — da fällt mtt etwas ein! — Herrgott im Himmel! alles hängt doch davon ab, daß wir den Weg wandeln, den Du

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