Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 37 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692651--04937-2699803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 37. dem letzten Jahre verdient ferner die Jaffacr Schule orthodoxer Observanz,,T a ch k e m o n i" gcnanni zu werden, — eine Schöpfung des westeuropäischen „Misrachi". Im Gegensatz zum Hilfsverein läßt sich leider von der ältesten großen jüdischen Organisation, von der Alliance Jsraelite Universelle nicht sagen, daß ihre Tätigkeit im abgclausencn Jahre von gesunden national-politischen Prinzipien getragen worden wäre. Die unter dem Drucke der öffentlichen Meinung, speziell infolge der Polemik mit Prof. Philippsoll, nach dem Orient entsandte Schulinspektions- Kommisfion hat bei der ausgesprochenen rückständigen, assimilatorischen Gcsinimng der Kommissionsmitglieder keine anderen Resultate bringen können, als die völlige Gutheißung des alten Schlendrian-Systems. — Anläßlich der taktlosen öffentlichen Auslassungen des Präsidenten der deutschen Konserenzgemeinschaft der Alliance gegen den Hilfsverem und die zionistische Organisation, die einer förmlichen Dcnunzierung dieser Organisationen glcichkamen und in der weiten jüdischen Oeffentlichkeit Empörung hervorriefen, drängte sich einem der traurig-schmerzliche Gedanke aus, daß es vielleicht besser sein würde, wenn diese senil gewordene Organisation von der Oberfläche verschwinden und das Feld der jüngeren, aufstrebenden Organisation räumen würde. Auf jüdisch-kulturellem Gebiete machten sich im abgelausenen 'Jahre vielfach ernste Bestrebungen geltend, die in der Gründung zahlreicher Vereine für hebräische Sprache, für jüdische Literatur und Kunst und — last but not least — neuerdings in den Vorarbeiten für die Einberufung eines allgemeinen Kultur-Kongresses zum Ausdruck kamen. Die hebräische Literatur wurde im abgelaufenen Jahre um einige beachtenswerte Werke bereichert. Besondere Erwähnung verdienen hier die weiteren zwei 'Bände des glänzenden, großangelegten Agada-Werkes von Rawnitzky und Bjalik, das ich bereits im vorjährigen Berichte anläßlich des Erscheinens der ersten zwei Bände zu erwähnen Gelegenheit hatte, ferner der erste Band sämtlicher hebräischer Schriften Mcndclc Mocher-Sforims und eine originale israelitische Geschichte von Dr. I. Klausner. Neben der älteren ernsten Monatsschrift „Haschiloah" brachte dieses Jahr die Sammclschriften „Haomer", „Rcbibim" und „Rcschafim". — Auch im Jargon find eine Reihe beachtenswerter Schriften erschienen. Alles in Allem genommen zeigte uns das abgelausene Jahr ein sonderbares, bisweilen undurchdringliches Gemisch von Licht und Schatten, von Aufschwung und Niedergang, jedoch mit der unverkennbaren Tendenz zur Wiederbelebung und Entfaltung unserer national-politischen und kulturellen Volkskräfte. Odessa, Ellul 5669. Konservatives und liberales Judentum. Ueber das Thema „Konservatives und liberales Judentum" sprach letzten Montag Herr Dr. I. H einem an n im „Zcntralvcrcin isracl. Gemeindemitglicder" vor dicht besetztem Saale. Wir entnehmen dem uns vom Redner zur Verfügung gestellten Bericht folgendes: . Wir hätten keinen Anlaß, uns mit der liberalen. Vereinigung zu befassen, wenn diese sich, wie es z. B. von dem Vorsitzenden des Frankfurter und des Münchner Freis. Vereins als ihre Aufgabe bezeichnet wurde, auf die Gewinnung indifferenter Kreise beschränkt hätte. So aber erfordert die Polemik zahlreicher Liberaler gegen das konservative Judentum Worte der Wwehr. Man behauptet, das Judentum habe sich fortlaufend entwickelt und meint damit, daß fortwährend wichtige Gesetze je mach der Zeitanschauung abgeändert oder abgeschafst worden seien. Aber der Nachweis, daß sich führende Geister des Judentums vor der Reformbewegung mit dem Thoragesetz bewußt in Widerspruch gesetzt haben, ist in keiner Weise gelungen. Umgehungen beweisen es nicht; wer das Gesetz nicht anerkennt, bedarf um es zu übertreten, keiner Umgehung. Wenn die Propheten Gerechtigkeit und Güte fordern, befinden sie sich völlig, auf dem Boden der Thora; den Opferdienst haben sie nicht mißbilligt, vielmehr die Opfergäben reiner Menschen ausdrücklich als Gott wohlgefällig bezeichnet. Die Lehrer der Mischna haben die Opferidee nie verworfen, vielmehr in den Gebeten durch die beständige Bitte um Wiederherstellung des Opferkultus ihre Wertschätzung der Opfer bekundet. Und wenn die neueren konservativen Rabbiner im Gegensatz zu' ihren Vorgängern die Predigt billigen, so tehen sie durchaus auf dem Standpunkte des Schulchan-Aruch, so gut wie ein Jurist, der nach bestem Wissen etwa einen bestimmten Betrieb im Gegensatz zu manchen Kollegen nicht für steuerpflichtig hält, darum noch kein Steuerdefraudant ist. - Die Entwickelungsfähigkeit des Judentums, wir der Liberalismus sie ansfaßt, kann daher auch der Religionsunterricht nicht anerkennen.' Auch die Forderung, daß dieser Unterricht sich mit dem Profanunterricht nicht in Widerspruch setzen dürfe, ist falsch: wie häusig ward etwa inr deutschen Unterricht betont, daß eine Humanität wie diejenige Nathans aus jüdischem Boden nicht möglich sei! Der Widerspruch sei höflich in der Form und stets ausreichend begründet. Wenn der Lehrer sich auch nicht auf lange naturwissenschaftliche Debatten einlassen soll, ist es doch seine Pflicht, aus den problematischen Charakter neuerer, der Bibel widersprechender Hypothesen ausmcrksam zu machen. Auch der Bibelkritik gegenüber, - die nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Wahrhaftigkeit biblischer Berichte bestreitet, darf der Unterricht nicht neutral bleiben, muß vielmehr an ein paar Beispielen auf die Schwierigkeiten Hinweisen, in welche die Kritik sich verwickelt: zu diesem Zweck fordern wir nicht „B e r ü ck s i ch t i g u n g", sondern gründlich Verwertung der wissenschaftlichen, namentlich der epigraphischcn Forschung. (Uebrigens steht die Praxis der meisten liberalen Juden, welche dem Neujahrs¬ und Versöhnungstag den Vorzug vor Sabbat- und Wallfahrtsseflen geben, mit der kritischen Theorie, nach welcher die erstgenannten Feste sehr spät entstanden sein sollen, erst recht nicht im Einklang; auf die Bibelkritik dürfte sich also der Liberalismus nicht berufen.) Auch dem Konflikt mit dem Elternhaus kann der Religionsunterricht nicht aus dem Wege gehen. Die berechtigte Forderung, daß man die Autorität der Eltern soweit als möglich respektieren solle, ist von liberaler Seite neuerdings in Karlsruhe aufs gröblichste verletzt worden. Daß der Lehrer es aber nicht umgehen könne, den Ansichten der Eltern zu widersprechen, und in jedem Falle „Das Gebet und die Beobachtung der Ruhe- und Fasttage auch in ritueller Hinsicht energisch und unablässig verlangen" müsse, wird auch von liberaler Seite (Lib. Jud. I. S. 19) im Widerspruch zu der ausdrücklichen Forderung des Programmes der liberalen Vereinigung zugestanden. Zu welchen Gefahren das Zurückdrängen des spezifisch Jüdischen im liberalen Religionsunterricht führt, zeigt der Vorschlag eines liberalen Rabbiners (Lib. Jud. I. S. 203 fg.), das Judentum in liberaler Auffassung, das Christentum dagegen nach dem Apostolikum darzustellen und den liberalen Protestantismus totzuschweigen. Die Unbilligkeit eines solchen „Messens, mit zweierlei Maß" liegt ebenso auf der Hand wie die Nutzlosigkeit und Bedenklichkeit eines Verfahrens, das jeder Schüler, der mit liberalen Protestanten verkehrt, durchschauen muß. Wir konservativen Juden weisen den Schüler auf den Wert so mancher jüdischen Einrichtungen hin, die das Christentum nicht besitzt und die stets die Bewunderung unbefangener Christen gefunden haben, und wecken seine Liebe zum eigenen Glauben, ohne gegen den fremden ungerecht zu werden. Wenn liberale Juden in den indifferenten Massen wenigstens das Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum zu wecken und dem Materialismus entgegenzuarbciten suchen, so begrüßen wir dies, durchaus; wir stehen auf dem Standpunkt Elias, dem der Gottesaltar mit nichtlegalein Kultus weit höher stand, als der Altar des Baal. Aber man verlange nicht von uns den logischen Widerspruch, unseren Kindern den hohen Wert des Sabbat zu künden und ein Judentum ohne Sabbat als gleichwertig mit dem unseren anzucrkcnnen. Vielmehr ist cs unsere Ausgabe, den Wert des eigentümlich Jüdischen zu betonen und „in die neue Zeit die alte Treue zu tragen." Jüdische Institutionell in freundschaftlichem Verkehr mit der christlichen Mission. In der Prager „Selbstwehr" lesen wir: ■ „Wenn man den.Bericht der großen Missionsgesellschaft, die sich „Britische und ausländische Bibelgesellschaft/" nennt, zur Hand nimmt, wird, man eine ganz merkwürdige Entdeckung machen. Unter den von der Missionsgesellschaft Beschenkten figurieren auch zwei große jüdische Institutionen,' die „I e w i s h R e l i g i o n s E d u - catiou Board in London" und — die „Alliance Jsraelite Universelle in M a r o k k o." Die crstere Institution tvird als Empfängerin in dem Verzeichnis zugleich mit nachstehenden „Institutionen"" genannt: der „Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden"" und der „Britischen Vereinigung zur Verkündung des Evangeliums unter den Juden."" Wahrlich, weit hat es die Assimilation, die Entjudung, gebracht. Eines normalen Menschen Ehrgefühl scheint auf dem Gipfelpunkte der Assimilation ein überwundener Standpunktzu sein. - Aber - sind wir Juden denn 'wirklich schon so bankerott, daß wir — daH Volk der Bibel — uns ein paar Bibelexemplarc schenken lassen müssen von einer — Missionsgesellschaft? Wird denn nicht bedacht, daß eine solche Gabe ein wahres Danaergeschenk ist und der im Verzeichnis der- Missionsgesellschaft figurierende Name jüdischer Institutionen^ nur ein willkommenes Agitationsmittel zur Betörung und Umgarnnng der jüdischen Bevölkerung bildet? Nun, auch ein Dankschreiben finden wir in dem Berichte. Aber dieses Dankschreiben stammt nicht aus Dahomey oder Rußland, nein, es ist vom Sekretariat (gemeint dürfte hier wohl das Generalsekretariat der Alliance in Paris sein. Die Redakt.) der Alliance Jsraelite Universelle, und diese selbstbewußte, stolze und unfehlbare Patentvertretung jüdischer Interessen teilt der Missionsgesellschast mit, daß die von derselben beschenkten jüdischen Schüler veranlaßt wurden, die Gesellschaft (die Missionsgesellschaft) zu segnen, „da sie so viel znr Verbreitung des Wortes Gottes und der Würdigung des auserwählten Volkes tut.'" Natürlich ist auch dieses Dankschreiben Wasser auf die Mühlen der Missionäre, die von keiner Drehfusiade, Hilsneriadc wissen, denen Väterchen Zar unbekannt ist und die nur die Inden in ihre Kirchen locken wollen." Wir sind begierig, zu hören, wie die verantwortlichen Leiter der beiden beschuldigten jü-' bischen Organisationen sich rechtfertigen werden. Ans aller Welt. Deutsches Reich. .Berlin. Das soeben erschienene, 152 Seiten starke Heft der „M i t t e i l u n g e n" des D e u t s ch - I f r a e l. Gemeindcbuiides übertrifft an Umfang alle seine Vorgänger. Auch an Bedeutung des Inhalts dürfte es keinem von ihnen nachstehen. Enthält cs doch das stenographische Protokoll des XI. D e u t s ch - I s r a e l i t. Gemeindetages, auf dem die zweite Lesung des Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens verhandelt wurde. Die Fertigstellung des Entwurfes war leider seitens der Nedaktionskommission so spät erfolgt, daß der Publikation die von den Gemeindeabgeordneten mit Recht schmerzlich vermißten Motive nicht mehr beigegeben werden konnten. Von welchen Gesichtspunkten die gemischte Kommission ausgegangen, ist aus dem General-Referat des geschäftsführendeil Vorsitzenden und den fünf Einzelreferatcn über die Hauptteile des Entwurfs hier zum ersten Male deutlich zu erkennen. Die große Versammlung selbst war viel zu lebhaft, um das reiche Material, das vorgetrageu wurde, auszunehmen, und das stenographische Protokoll der Debatte zeigt, wie viele, übrigens begreifliche Mißverständnisse untergelauscn Pud, deren Berichtigung viel von der kostbaren Zeit in Anspruch genommen .hat. Andererseits ist aber auch das von den Rednern .gebotene Material reich an Gesichtspunkten und Anregungen in Gestalt von Anträgen und wird der gemischten Kommission ein wertvolles Material für die dritte Lesung bieten. Friedlicher waren die Verhandlungen des III., Deutsch-Jsraelitischen Berbandstages/ Drei wichtige Fragen lagen den Vertretern der dem Gemeindebunde angeschlosfenen Provinzial-Gemcindeverbänden vor. Die erste war die „Wanderbettelei,"" für die.eine Zusammenfassung aller an dem Gegenstände interessierten Körperschaften, also neben den Provinzial-Gemeinde- und Armen-Verbänden auch der Hilfsverein der deutschen Jude», die Alliance Jsraelite Universelle und die Großlogen Bnei-Briß, deren Vertreter sich mit beratender Stimme an den Verhandlungen beteiligten, geplant ist. Besonders das einleitende Referat des General - Sekretärs Dr. Kahn bietet ieine klare und umfassende Orientierung über den Stand dieser schwierigen Frage. Der Deutsch-Israelitische Genceindebund hat von den.Verhandlungen über die Wanderbettelfrage, die zu dem Beschlüsse führten, daß innerhalb von 6 Monaten eine neue Versammlung stattfinden solle, Separatabzüge ansertigen lassen, die durch das Büro zu beziehen sind. ' Von praktischer Bedeutung sind auch die Verhandlungen über die -beiden anderen Gegenstände: „Die Nutzbarmachung der durch das preußische. Schnluntcrhaltungsgcsetz vom 28. Juli 1906 den jüdischen Gemeinden zustehenden Ansprüche auf kommunale und staatliche Beihilfen zu den Kosten des Religionsunterrichts" und „Inspektion des Religionsunterrichts." Einen unerfreulichen Kommentar zu erster Frage bietet der in derselben Nummer 74 abgedruckte Bescheid des Herrn Kultusministers auf die . Petition des' Gemeindebundes betreffend den Resolutionsfonds. Am Schluß des Heftes sind die beiden Preisausschreiben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, dasjenige der „Lehrabteilung" über die „Methodik des jüdischen Religionsunterrichts" und