Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 37 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Seite 4. ' Frankfurter AfraMWeS FavMEbckt. uns führst. — And sicherlich ist cs doch dir Hand des Herrn, der Euch grade in diesen Tagen hierher geleitet hat; — wer weiß, ob nicht durch Euch das Heil der Christenheit ans's neue erblühen soll." Der Rabbi blickte ihn verständnislos an. „Verzeihung, Eminenz — aber ich verstehe nicht." „Das könnt Ihr auch nicht verstehen, denn im Volk ist es'noch nicht bekannt, daß das Oberhaupt der Christenheit, daß der Heilige Vater nahezu hoffnungslos danieder liegt. Das heißt, an und für sich würde die Krankheit vielleicht nicht alle Hoffnung -rauben. Vor einigen Wochen hat Seine Heiligkeit einen ähnlichen Anfall Überständern und war inzwischen wieder wohlauf und munter. Damals haben die Aerzte einen Aderlaß vorgenommcn und daraufhin hat die Heftigkeit des Nebels sofort nachgelassen, sic waren deshalb schon gestern übereingekommen, das sich damals bewährte Mittel abermals anzuwenden. Aber der Heilige Vater. läßt es nicht zu, um keinen Preis — und die Aerzte erklären einstimmig, cs wäre unumgänglich notwendig, sie wüßten kein anderes Mittel. — Es ist gradezu schrecklich. — Aber — das ist mir eben jetzt eingefallen — 'wenn- Ihr nntkommen wollet zu dem Patienten, so würde ich Euch dem Heiligen Vater vorstellen und würde ihm Mtteilen, was Pater Ansclmo mir von Euch erzählt hat, vielleicht würde es Euch gelingen, ihn von der Notwendigkeit der Blutcntziehung zu überzeugen. — Also wäret Ihr bereit?" „Ich bin selbstverständlich jederzeit bereit, jedem Kranken, der meine Hilfe begehrt, nach bestem Wissen und Gewissen zu raten. Ob ich jedoch dem Patienten zuredcn könnte, sich einem Aderlaß zu unterziehen, das kann ich, ohne denselben untersucht zu haben, nicht versprechen." Der Kardinal hatte inzwischen eine auf dem Tische stehende Handglocke in Bewegung gesetzt und befahl dem gleich darauf eintretendcn Bedienten, anspannen zu lassen. Dann wandte er sich abermals an Rabbi Jizchak, nachdem er dem jungen Mädchen freundlich zugenickt hatte. „Beruhigt doch die' Kleine, sie scheint verstanden zu Haben, daß Ihr Euch entfernen wollt, deshalb schaut sie so ängstlich zu Euch! hinüber. Saget ihr, daß Ihr morgen und alle Tage zu ihr kommen 'werdet und daß mein ganzes Haus und alle meine Leute zu ihrer Verfügung stehen und daß ich die erste Etage des rechten Flügels für sie habe einrichten lassen, wo eine muntere Zofe und eine jvürdige Düenna sic erwarten. Ich hoffe mit Zuversicht, daß ihr alles gefallen wird, aber wo sie Aenderungen wünschen sollte, und überhaupt alle ihre Wünsche soll sie Euch nur Mitteilen, damit alle schleunigst erfüllt werden." Rabbi Jizchak entsprach der ihm gewordenen Aufforderung, dann wandte er sich an den Kardinal: „Ich muß mir erlauben, Ew. Eminenz auf noch einen Umstand auftnerksam zu machen, es dürfte Ew. Eminenz bekannt sein, daß ich Jude bin." Der Prälat preßte einen Augenblick die Lippen aufeinander, dann versetzte er kurz: „Das ist mir bekannt." „Ich darf daher wohl gleichfalls als bekannt voraussetzen, daß Tirza als Jüdin erzogen worden ist." „Als Jüdin erzogen!" wiederholte der Kardinal erbleichend, „nein, bei Gott! darauf war ich nicht gefaßt." — Rabbi Jizchak zog ein Schriftstück aus der Tasche und reichte es entfaltet dem andern. „Wir sind getäuscht worden, Ew. Eminenz — wollet Euch überzeugen, nach diesem Schreiben mußten wir das Kind als Stammesgenossin betrachten. —" „Das sehe ich ein Euch trifft keine Schuld, aber — aber —" „Im Interesse Ew. Emjnenz und dem des jungen Mädchens möchte ich sehr bitten, diesen Punkt im Augenblick nicht weiter erörtern zu wollen." „Ihr vergesset, daß Ihr selbst davon angefangen habt." Fortsetzung folgt.) Das Saugerl von Jacob Diamant, Frankfurt a. M. Hinter dem baufälligen Gotteshause haucht der Erew - Jaumhakippurim seine Seele aus. Der feurige Sonnenball senkt sich langsam tiefer und tiefer. Die ioundersame, heute ganz besonders Sehnsucht erweckende Musik lichter Farben am westlichen Horizonte wird inimer stiller, immer schweigsamer. . . Noch einen Moment streift die scheidende Sonne das alte Heiligtum. Noch ein glühender Abschiebskuß. Noch ein Liebäugeln zu den hohen Fensterscheiben, — und sie ist verschwunden. Im trämuenden Bethause flammen jetzt zitternd zahllose lange, Kerzen auf, eine nach der anderen, bis >ein flutendes Lichtmecr sich ergießt. Das verklärte Heiligtum erwacht. Allmählich. Ein stilles Erwachen . . . Mt schweigendem Munde, aber überquellendem Herzen versammelt sich die in blendendes Weiß gehüllte Schar, die kleine Gemeinde. Lautlos, ehrfurchtsvoll schreitet ein jeder zu seinem Sitze. Schon sind sic alle da. Alt und Jung, Frauen und Kinder. . . Doch feierliches Schweigen hält alles umfangen. Eine heilige Stille, die sich immer mehr, immer tiefer verbreitet. Und ei» seltsames, von allerlei Gefühlen zusammengesetztes Etlvas durchzieht den Raum, leise, ganz leise. . . Da — horch! eine warme, silberhelle Stimme! Halb singend, halb weinend schwebt sic durch den Raum, dringt in jedes Ohr, in jedes Herz. . . bittet und fleht, so weich, so freundlich . . . ruft und ermahnet, so dringend, so fordernd und befehlend! Nichts von Gebrechlichkeit, von Altersschwäche eiupfindet jetzt der greise Rebb Motenka, der alte Vorbcter, genannt „Das Sängerl". — Und seltsam! seine Stimme verjüngt sich, — und wie vor sünfundvicrzig Jahren tönt sic, so laut, so klar und so warm. . . Man fühlt, wie etwas Großes, Gewaltiges, Unwiderstehliches sein Selbst dnrchglüht. Und die Gemeinde lauscht voller Andacht und Seligkeit. Gleich süßem, duftigem Balsam ergießt sich der Töne Zauberkraft in ihr Inneres. Heilend, labend . . . Und befriedigt und voll Dankbarkeit ruht manch eines Beters Blick auf dem frommen Vorbeter . . . O, sie kennen ihn, ihr Sängerl. Schon fünfnndvierzig Jahre hören sie seine Stimme, — aber doch ist es ihnen, als hörten sie sie zum ersten Male. . . * Damals war auch Kol-nidrci. Am Bctpult stand der Vorbeter Rebb Welwenke, ein kleines, schwaches Männchen. Eben erheb es seine heißere Stimme, „Kol-nidrei" beginnend, — da erklang plötzlich, un- .verhofft, eine zweite Stimme aus jugendlicher Kehle. Wie Sphärenmusik ans der Höhe übcrtönte sie Rebb Welwenkes Gesang und verbannte ihn . . . Viele Angenpaare schlugen fragend ans, suchten, spähten ans nach dem göttlichen Sänger. — Auf einer,dcr Stufen, die zur heiligen Lade hinaufsühren, sah .er. Ein Jüngling war es - in ärmlicher Kleidung, aber aus dem blühend prangenden Antlitz strömte ein Helles Licht, die Schatten der Armut verscheuchend. L Auf den Stufe» saß der Jüngling — und sang — und sang . . . Und als dann das Gebet zu Ende ivar, da kamen sie von allen Seiten des Bethauses herbei. Ei» stürmisches Fragen begann: „Woher?" „Wohin?" Und er antwortete schüchtern. Seine Geschichte war knrz: Der Vater längst tot, die Mutter erst vor wenigen Wochen gestorben und er eine verlassene, alleinstehende Waise .... Schweigend, vom Mitleid erfüllt, hatten sie seinen Worte» gelauscht; jetzt, da er geendet, folgte eine Pause tiefer Stille, — dann aber scholl wie aus einem Munde die Bereitwilligkeit der Hülfe. Doch der reiche, kinderlose 3!ebb Sender legte, die andern abwehrend, seinen Arm nm die Schultern des Jünglings und .sagte: „Mein Haus steht Dir offen, lieber Bocher. Du sollst mir ein Kind und der Gemeinde einst ein Vorbeter sein." — — Rebb Sender hielt Wort. Wie sein Kind, wie sein Einziges, von Liebe und Zärtlichkeit umgeben, lebte das „Sängerl", wie man den Jüngling allgeinein nannte, - in seinem Hanse. Auch das Städtchen tat sein Bestes für ihn. Und die Hoffnung grünte, er werde dereinst mit den Lorbeeren seines Ruhmes die Gemeinde schmücken.- Da, plötzlich — in einer finsteren, mond- und stcrncnlosen Nacht verschwand er, tvie er gekommen. Man suchte, forschte, — doch vergebens . . . * Und in der große» Stadt W. atmete das Sängerl ein neues Lebe». In vollen Zügen schlürfte er das umstrickende Süße der freien Ungebundenheit. Und gar schnell waren das kleine Städtchen und das große Judentum vergessen. Und er studierte. Er besuchte das Konservatorium. Die Mittel dazu verschaffte ihm seine gottgesegnete Stimme, die ihn: die Türen zu den Kunstmäzenen öffnete. — — Und Tage und Wochen und Monde glitten lautlos in das graue Tal der Vergangenheit. Und auch der mürrische Geselle, der Winter, starb. An seinem Grabe blühte der Frühling auf. Daun kam der Mai. Er sprang und sang auf Flur und Wies', auf Hügel und im Tal. Und wo er sein Wesen trieb, da blühte und prangte es, jubelte es und lachte aus vollem Halse. — Und er tanzte auch vor dem Sängerl und mit ihm... Es war ein Leben! — — Endlich, — und das grandiose 'Naturkonzert war zu Ende. . . Des Lenzes Geige schwieg . . Und auch der Somnicr verwelkte, verdorrte und verwehte. . . Der Herbst kam! Wütend, rachesüchtig — peitschten seine Vorboten, die feuchten, mißgelaunten Winde . . . Aber das Sängerl empfand nichts von dem Frösteln des Herbstes. In ihm tobten noch Frühling und Somnier . . . Allein, eines Abends im Freien durchzog es ihn plötzlich kalt. — War es ein Streich des tückischen Herbstes? . . . Stein! Sticht das allein. Stoch etlvas. Er ftihltc es ... Es regte sich. Sachte, sachte. . . Und cs kroch mühsam hervor. . . Noch ettvas verschleiert. . . Eine Erinnerung! . . . Aus dem vergangenen Jahre . . . Aus dem kleinen Städtchen, aus dem Bethause... Er unterdrückt, be-. kämpft heroisch. Wie schon oftmals . . . Doch, jetzt, — unmöglich! ... Es bricht-sich gewaltsam Bahn. . Es schießt unaufhaltsam empor. Und es siegt. . . -. Gebetsragmente aus dem Jaumhakippur-Machsor gleiten von seinen Lippen. Bon selbst. Ganz von selbst. . . Vor einigen Tagen war ihm das Gleiche. Mer, — damals gelang cs ihm noch, es niedcrzukämpsc». Warum also nicht auch" heute? .... Warum? ... Er grübelt . . . Und eisig rieselt es über seinen Stücken. Immer eisiger . . . Und plötzlich verwandelte sich die ganze Schwere seiner Stimmung in einen glühenden, wilden Wunsch: Er muß singen! . . Das „Kadisch," das „Kol-nidrei," „Unthaneh-taukef!" Und laut, ganz laut! Wie einst.-. . Und unbewußt, von Windesschnelle getragen, sieht er sich jäh in seiner Wohnung. Und kaum hat er die Schwelle betreten ... Da — ein mächtiger Gesang durchschmettert den Raum. Er singt und fühlt. . . Und immer weicher wird sein Ton. Und immer weicher sein Herz. Und feucht Iverden die Augen. Immer feuchter, naß! . . . Und in ihm werden lebendig flammende Gestalten. Stcbb Sender und all die bekannten Gestalten des Städtchens erscheinen, vorwurfsvoll ihn anschanend . . . Und cs klopft ihm das Herz. — Wird Gott, die kleine Gemeinde, der gute Rebb Sender, werden sie ihm verzeihen?! . . . Und aus der. Ferne kam Antwort: „Wajaumar haschem, solachti kidworcjchoh." — — Er sprang auf: Wer ist diese Stimme?! . . .' Aesft ihn jemand? ... Er riß das Fenster auf und . lauschte. . Nein! nein! . . Es ist kein Aeffen. Es ist die Stimme eines Borbeters! . . Und Plötzlich durchzuckt es ihn wie ein elektrischer Blitz: Was ist denn heute?! . . Was?! Ist nicht . . . Jaum - hakippnrim?! — — — Er stürzt hinaus! Hastigen Schrittes rennt er dahin, jener.Stimme — folgend. . . Und endlich— siehe: die große Synagoge. . . * Drei Tage nach dieser Begebenheit. Ein hcllleuchtcnder Morgens Im kleinen Städtchen reges, ja geräuschvolles Leben. Bon allen Enden dröhnte heftiger Hammcrschlag und tolles, silberhelles Kindergcschrei . . . Die Juden des Städte chens schlugen ihre Sukkoth auf. Die Jugend feierte ihre .Herbstferien .und war nun auch am Platze, helfend und störend, tosend und lärmend . . Ein Knabe kam eben im atemlosem Galopp herbeigesaust. Keuchend rief er seinen Kameraden ganz laut etwas zu.- Im Nu folgte ihm ein ungeheurer Kinderschwarm, im Saus und Braus, der Brücke zu... Und wie ein Zauber umfing es bas Städtchen. Der Hammer senkte sich. Der Lärm legte sich. Ein Staunen! Eine atemlose Spannung! Wie das Wörtchen jenes galoppierenden Knirpsen wirkte! Was das nur enthalten mochte?! Welche frohe Botschaft? . . . Aber da kehrt ja schon der Kinderschwarm zurück, jauchzend, jubelnd um einen blassen Jüngling niit rotgeweinten Augen. ... Und nun strömen Männer, Frauen, Alt und Jung herbei. Und das Städtchen bebt vor dem gewaltigen Freudenruf: „Das Sängerl! Das Sängerl! Unser Sängerl ist da!" ... . Und wie im vergangenen Jahre — drängte sich alles an ihn mit Fragen. Doch diesmal antwortete nur seine zuckende Seele, sein laut schlagendes Herz, seine überströmenden Augen. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach s. M. - Gegen Gicht und Khenmatismiu bewährt. di\/in Welt-Mundwasser Der Menschheil Wohltäter. Retorte-Flasche Mk.1.25 Überall erhältlich! Wochem-Kalertder. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Iaum - Kippur. Festes-Beginn in Frankfurt, Freitag Mend 6,15 Uhr. Anstatt durch Essen und Trinken ehrt man Jaumkippur durch Licht und Kleidung. Daher die Jaumkippur - Kerze. Nicht wieder anzünden lassen, wenn ausgegangen. Man „benscht" die Kinder vor Synagogenbeginn. Die Hausfrau zündet Lichter an mit Brocho „lehadlik neir schel Jaum hakippurim" und Schehechijonu. Samstag Morgen beginnt der Gottesdienst in den meisten Gemeinden bereits um 6 Uhr. Den ganzen Tag zeige man heiligen Ernst, würdevolle Andacht. Genußenthaltung von Essen, Trinken. Waschen, Salben, Anziehen lederner Schuhe, Eheleben. In allen Schmono-Esrei die . „Widdui" einschalten. Das Mussaf behandelt genauer den