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Neue jüdische Presse · 1909-09-24 · Heft 37 (24.9.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 37 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zsraitkfitrker Jfrnrlilifilirö fnmilirublott. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Ml. 2.— Redaktion «nd H»ekchäftsjtelle: ZranKfun 2. m.. vildelerstraße 4,6> Ecke Bleichstraße ‘geZefon 10507. Herausgeber: Aalg ^>ei.K. . -“1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Wg. Die Reklamezelle. 100 .. Platz- und Dalen-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ■ Freitag, -en 9. H8eüri 5679 (24. September 1999). 7. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: UnsereJahresbilanz.— Konservatives und liberales Judentum. — Jüdische Institutionen in freundschaftlichem Verkehr mit der christlichen Mission. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. —DasSängerl. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Unsere Jahresbilanz. Rückblickauf das Jahr 5669. Von P e l i. II. Die nationalpolitischen und kulturellen Strömungen innerhalb des Judentums. Seit dem Beginne der neuen, aktiven Aera in der Geschichte unseres Volkes — seit der Entstehung der jüdischen Renaissance-Bewegung — haben wir uns daran gewöhnt, im allgemeinen Bilde unseres Volkslebens neben dem trostlosen Grau sozialen mrd ökonomischen Elends auch die heiteren Farben eines nationalpolitischen und kulturellen Auf- und Vorwärtsstrebens wahrzunehmen. Tatsächlich war auch das üppige Keimen der jungjüdischen Volkskraft geeignet, uns über das traurige Geschick gesellschaftlicher Parias, das dem weitaus größten Teile unseres Volkes zuteil geworden, hinwegzutrösten. Leider muß es aber gesagt werden, daß die Entfaltung der neuerwachten selbsttätigen Volkskräfte lange nicht den Grad der Intensität aufzuweisen hat, der der steigernden sozialen Not eigentümlich ist. Man kann wohl sagen, daß die jüdisch-nationale Bewegung nur in arithmetischer, während die Judennot in geometrischer Progression wächst. Das abgelaufene Jahr trug die deutlichen Merkmale einer verworrenen, unabgegärten Upbergangsepochc an der Stirn. Noch ist es schwer, ja geradezu unmöglich, Sinn und Zweck des chaotischen Kainpfes zweier Zeitalter, zweier Welten: des hinfälligen Golusjudentums und des aufstrebenden freien, nach dem Vollbesitze aller Entwicklungsbedingungcn der natürlichen Kräfte ringenden neuen Judentums, klar zu erfassen. Und doch haben wir das sichere Bewußtsein, daß wir in diesem gewaltigen Ringen die nvtwendigen „Messias-Wehen", die „Geburtswehen" einer neuen Epoche vor uns haben; daß wir durch Nacht und Finsternis der Morgenröte der Zukunft entgegengehen. Es darf uns daher nicht sonderlich pessimistisch stimmen, wenn das abgelaufene Jahr den Anschein erwecken mochte, daß wir nach einem mehrjährigen mutigen Auflehnen wiederum der herkömmlichen duldenden Haltung unseres Stammes verfallen sind. Die starre Resignation, die in letzter Zeit sich mancher Volkskreise, namentlich in Rußland, bemächtigt hat, ist nichts als die natürliche, jedoch vorübergehende Wirkung der nach einer Zeit erhöhter, angespannter Aktivität erfolgten gewaltsamen Lahmlegung aller Volkskräfte. Es konnte nicht fehlen, daß die zur Zeit allmächtige russische Reaktion mit ihrer rücksichtslosen Unterdrückung aller gesellschaftlichen Regungen innerhalb des Judentums bei unseren sensiblen, degenerierten Volksmassen die bitterste Enttäuschung hervorrief. In einer Atmosphäre des täglichen Drangsals des Leibes und der Seele, des fieberhaften Ringens um jeden folgenden Tag, des qualvollen Ringens um die Erhaltung des nackten Lebens — ist kein Raum vorhanden für einen zielsichcrn, unentwegten und ununterbrochenen Kampf um des Lebens h ö ch st e Güter. Unter diesen Umständen darf es uns nicht wundernehmen, wenn ein gewisser Teil der russisch-jüdischen Jugend, der mit dem positiven Judentum viel zu wenig zusammenhängt, um seine Sehnsucht und seine Hoffnungen zu teilen und tiesinnerlich zu erleben, den so schweren Versuchungen nicht Stand zu bieten vermag und sich dazu entschließt, der Judcnnot durch die Flucht aus dem Judentum zu entrinnen. Es ist dies die traurigste, schmerzlichste Erscheinung des modernen russisch-jüdischen Wirrwarrs, daß viele jüdische Jünglinge in ihrem Heißhunger nach Bildung, nach fteier Betätigung und Entwicklung ihrer natürlichen Kräfte vor den äußeren, unerbittlichen Hiirdernissen kapitulieren, an sich selbst, an ihrem Volke, an den elementarsten Pflicht- und Siltlichkeitsgebotcn irre werden und fahnenflüchtig werden, um im Lager der Stärkeren, der Unterdrücker, Zuflucht und Ruhe zu finden. Die Ehrlichkeit erfordert festzustellen — und nur lächerliche und schädliche Vogel-Strauß-Politik kann sich über diese Tatsache hinwegsetzen —, daß zur Zeit in Rußland in den Kreisen der bildungssehnsüchttgen Jugend und der Besitzer akademischer Titel eine förmliche Taufseuche herrscht. Man muß geradezu auf die Zeiten der Hochflut der Reformbewegung in Deutschland zurückgreifen, um historische Parallelen zu finden. Das tragischste Moment in dieser Erscheinung ist aber, daß wir wohl kaum in jedem einzelnen Falle die moralische Minderwertigkeit des Renegaten als Selbstberuhigungsmittcl geltend machen dürfen. Es wäre geradezu töricht, sich damit trösten zu wollen, daß „man nur diejenigen verliert, an denen nichts zu verlieren ist". Im Grunde genommen dürfen wir vielleicht nicht einmal jedem, der einen solchen Kompromiß mir seinem Gewissen eingcht, einen Stein nachwersen. Es ist nicht jedem gegeben, sein ganzes Leben und Weben nach den ehernen, unerbittlichen Anforderungen der Pflicht, des kategorischen Imperativs einzurichten: die große, ernste Ehrlichkeit gegen sich selbst, die tiefe, unerlöschliche Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit unter allen Umständen und Verhältnissen ist nicht jedermanns Sache. Doch wie dem auch sei, für uns bleibt die Tatsache bestehen, daß unser Volk ohne Lehrer, ohne Führer bleibt. Das ist der Sinn des flammende» „Liens ltzeksk", welches die Massentaufen russisch-jüdischer Abiturienten und Akademiker aus letzter Zeit uns mit grauenerregender Deutlichkeit an die Wand malen. Nr. 37. lind doch! „Eppur si muove!" Trotz alledem und alledem zeigen unsere Bolksmassen «ne unter den gegebenen Umständen recht erstaunliche geistige Regsamkeit, eine geradezu rührende Anhänglichkeit an unsere nationalen Ideale und unsere Regcnerationsarbeit. Die Neugestaltung der Staatsvcrhältnisse im ottomanischen Reiche, die unseren Plänen und Ausgaben in Palästina neue Perspektiven erschließen, hat in weiten Volkskreisen eine lebhafte Palästina-Bewegung hervorgerufen, die in der diesjährigen Konferenz der russischen Chowewe-Zion ihren glänzenden Ausdruck gefunden hat. Freilich hatte diese Bewegung ,bislang noch keine nennenswerten praktischen Erfolge, dies ist aber eher dem Mangel an politischer und organisatorischer Geschicklichkeit unserer offiziellen Organe, als etwa einem lauwarmen Verhalten wetterer Bolkskreise zuzuschreiben. — Diese Einsicht ist auch die vorherrschende in den Erörterungen der jüdischen Presse aus jüngster Zeit über die nötigen Reformen in Arbeitsplan und Zusammensetzung der Exekutivorgane der zionistischen Organisation. Von ftischem, gesunden! Geiste und von modernen, real-polittschen Prinzipien war die national-politische Betättgung "unserer Brüder in O e st e r r e i ch im abgelaufenen Jahre getragen. Der rüstige Kampf der national-jüdischen Kreise, die im „Nationalverein" organisiert sind, gegen die assimilatorische, volksfeindliche Politik der jüdischen Polenknechte in Galizien und gegen jüdische Deutschtümelei in Böhmen, das unermüdliche, energische Eintreten der Mitglieder des jüdischen Klubs im Reichsraie für die verletzten Interessen ihres Volkes, das zwar selten einen unmittelbaren praktischen Erfolg hatte, dafür aber immer von enormer erzieherischer Bedeutung für die jüdischen Volksmassen war, sind Ruhmesblätter in der Geschichte des öffentlichen Lebens der österreichischen Judenheü. Mn glänzender Erfolg dieser zielbewußten national-politischen Tätigkeit ist die offizielle Anerkennung der jüdischen Nation in der Bukowina und die Ausscheidung der Juden in eine selbständige Wahlkurie für den Landtag mit eigener Vertretung im Landcsausschuß. — Dieser Akt ist die erste wichtige Siegesetappe der österreichischen Judenheit in ihrem Kampfe um die Nationalität und dürfte mit der Zeit auch für unseren nationalen Kamps in außerösterreichischen Ländern prinzipielle Bedeutung erlangen. In unsere nationale Aktiva des abgelaufenen Jahres, wenigstens auf rein kulturellem Gebiete, fällt die Tätigkeit des Hilfsvereines der Deutschen Juden in diesem Zeiträume, speziell seine Tätigkeit auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina. Die bedeutendste Leistung auf diesem Gebiete waren-die Vorarbeiten für das demnächst zu eröffnende Technikum in Haifah, das sicherlich sehr viel zur Hebung der ökonomischen und kulturellen Lage der Juden Palästinas beitragen wird. — Als Neuschöpfung, bezw. Umschöpfung auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina aus

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